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Der französische Revolutionskalender – Scheitern einer neuen Zeitrechnung

Title: Der französische Revolutionskalender – Scheitern einer neuen Zeitrechnung

Term Paper , 2011 , 15 Pages

Autor:in: Anonym (Author)

History of Europe - Modern Times, Absolutism, Industrialization
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Zeit als solche ist weder fassbar noch begreifbar, sie ist einfach da und wird als selbstverständlich wahrgenommen. Und wenn man heute an Zeit denkt, dann steht sinnbildlich dafür die Uhr, die unser tägliches Leben einteilt und strukturiert in Stunden, Minuten und Sekunden. Sie ist ein unentbehrliches Hilfsmittel und unverzichtbar für eine hochgradig arbeitsteilig und ausdifferenzierte Gesellschaft. Zeitmessung-und einteilung ist unverzichtbar für Gesellschaften, um das Zusammenwirken und Zusammenspiel komplexer und größer werdender Gesellschaften zu synchronisieren. Doch wie steht es da eigentlich um den Kalender, der das älteste und zugleich traditionellste Mittel der Zeiteinteilung darstellt? Der Kalender als solches ist im Gegensatz zur Uhr eine sehr viel gröbere Einteilung der Zeit, die weniger unmittelbar und weit weniger unbedingter unser Leben strukturiert. Doch was noch viel entscheidender ist: Der Kalender ist im Gegensatz zur Uhr keine reine technische Erfindung, sondern ein reines menschengeschaffenes Zeichensystem, das nur dann funktionieren kann, wenn wir seine Zeichen mit Bedeutung füllen. Der Kalender entstand aus dem Ritual und an seinem Anfang standen landwirtschaftliche Aktivitäten, die in einem natürlichen Rhythmus ausgerichtet wurden. Im Zuge sich ausdifferenzierender sozialer Ordnungen und der Erfinden literaler Merksystem entstand dann nach und nach der Kalender mit dem Zweck der Synchronisation menschlicher Tätigkeiten.(1) Solange es Kalender gibt ist es eine Grundfrage, woran sie bemessen werden sollen. Vor allem die Revolutionen in Frankreich und Russland zeigten, dass es Versuche gab, den Kalender neu zu berechnen. Wird die Zeit im christlichen Abendland zwar in Anlehnung an Christi Geburt bemessen, so existieren und existierten auch völlig andere Zeitrechnung. Und auch die heutige Zeitrechnung hat sich erst im 6.Jahrhundert nach Christus durchgesetzt. Als menschengeschaffenes Zeichensystem ist der Kalender nicht etwas absoulut unabänderliches und es gab in der Geschichte zahlreiche Versuche, die Zeitrechnung zugunsten einer anderen Zeitrechnung anzufechten und abzuschaffen. Der Kalender als ein kulturelles Konstrukt bot immer schon genug Konfliktstoff und die Kalendergeschichte ist reich an Konflikten.
[...]
_______
(1)Vgl. Schmidt, S.7-17

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kollektives, kulturelles und soziales Gedächtnis

3. Die Einführung des Revolutionskalenders

4. Der Bruch mit der alten Zeit und ein neues Zeitalter

5. Der Revolutionskalender als Ausdruck eines neuen politischen Selbstverständnisses

6. Erziehung für die Republik

7. Abschaffung des Revolutionskalenders

8. Fazit

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht die Einführung, die politische Intention und das letztendliche Scheitern des französischen Revolutionskalenders im Kontext der Französischen Revolution. Dabei liegt der Fokus darauf, wie der neue Kalender als Mittel zur sozialen und moralischen Erziehung der Bevölkerung sowie zur Unterbrechung des historischen Kontinuums eingesetzt wurde, um eine neue, republikanische Identität zu stiften.

  • Intentionen und politische Hintergründe der Kalenderreform
  • Kollektives Gedächtnis und die Rolle von Jahrestagen
  • Konflikt zwischen revolutionärer Rationalität und traditionellen Lebensgewohnheiten
  • Versuche zur moralischen Erziehung und Entchristianisierung
  • Gründe für die mangelnde Akzeptanz in der Bevölkerung und die spätere Abschaffung

Auszug aus dem Buch

3. Die Einführung des Revolutionskalenders

Nach dem revolutionären Umsturz und den Umwälzungen, die der Sturz der Monarchie mit sich brachte, wurde durch eine Kalenderreform dieser Wandel auch im Kalender manifestiert. Der neue Kalender galt als „Teil des kulturellen und mentalen Bewusstseinsumschwungs, der die Zäsurwirkung der Französischen Revolution am deutlichsten belegt“. Er sollte die Zäsur der Revolution als Tatsache darstellen und als täglich neue Erfahrung erfahrbar machen und verkörperte auf diese Weise den Anspruch der Revolution, nicht nur eine Epoche der Weltgeschichte einzuleiten, sondern die Weltgeschichte gleichzeitig – von einem Nullpunkt her – neu beginnen zu können. Der „Kalender der Republik“ zielte darauf ab, dass mit dem revolutionären Umsturz auch etwas Neues, noch nie Dagewesenes geschaffen wurde, eine Revolution als komplette Umwälzung und Durchbrechung aller Grenzen. Der Bruch mit der alten Zeit, mit den zurückliegen Herrschaftsformen und politischen System, den Königtümern und den Kirchen konnte am wirkungsvollsten dadurch vollzogen werden, dass der epochale Zeitenwandel, der hier stattgefunden hatte, durch eine neue Zeitrechnung zementiert wurde.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Bedeutung des Kalenders als menschengeschaffenes Zeichensystem ein und formuliert die Fragestellung nach der Intention und dem Scheitern der revolutionären Kalenderreform.

2. Kollektives, kulturelles und soziales Gedächtnis: In diesem Kapitel werden theoretische Grundlagen nach Halbwachs und Assmann zum kollektiven Gedächtnis erläutert, um die Funktion von Jahrestagen und Riten für die Identitätsstiftung zu verdeutlichen.

3. Die Einführung des Revolutionskalenders: Es wird dargelegt, wie der neue Kalender als Zäsur der Revolution fungieren sollte, um einen symbolischen Neuanfang zu markieren und das christliche Zeitverständnis zu verdrängen.

4. Der Bruch mit der alten Zeit und ein neues Zeitalter: Dieses Kapitel vertieft die Bedeutung der neuen Zeitrechnung als Manifest des Neuanfangs und deren Verknüpfung mit astronomischen Ereignissen zur Legitimation der Republik.

5. Der Revolutionskalender als Ausdruck eines neuen politischen Selbstverständnisses: Hier wird thematisiert, wie der Kalender als Identifikationselement der neuen politischen Eliten diente, obwohl seine praktische Durchsetzung bei der breiten Bevölkerung auf Schwierigkeiten stieß.

6. Erziehung für die Republik: Das Kapitel untersucht die Nutzung von Festtagen und die Einführung der Zehn-Tage-Woche (Dekaden) als Instrumente zur moralischen Erziehung und Dechristianisierung der Gesellschaft.

7. Abschaffung des Revolutionskalenders: Dieser Abschnitt beschreibt den schleichenden Prozess der Rückkehr zum Gregorianischen Kalender, bedingt durch den Widerstand der Bevölkerung und politisches Kalkül unter Napoleon.

8. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass das Scheitern des Kalenders vor allem an der Unvereinbarkeit mit tief verwurzelten gesellschaftlichen Traditionen und der Unpraktikabilität der dezimalen Struktur lag.

Schlüsselwörter

Französische Revolution, Revolutionskalender, Kalenderreform, Kollektives Gedächtnis, Zeitrechnung, Dechristianisierung, Republik, Dezimalsystem, Moralische Erziehung, Festkultur, Gregorianischer Kalender, Zeitgeschichte, Identitätsstiftung, Dekade, Historisches Bewusstsein

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Hausarbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert den französischen Revolutionskalender als Versuch, das gesellschaftliche Bewusstsein durch eine neue Zeitrechnung grundlegend zu verändern.

Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?

Zentral sind die theoretischen Grundlagen des kollektiven Gedächtnisses, die Symbolik der revolutionären Zeitrechnung sowie der Konflikt zwischen staatlich verordneter Ordnung und religiös geprägten Alltagstraditionen.

Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?

Das Ziel ist es, die politischen Intentionen hinter der Kalenderreform zu beleuchten und zu erklären, warum diese Reform trotz der rationalistischen Ideale der Revolution in der Praxis scheiterte.

Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?

Die Arbeit basiert auf einer kulturwissenschaftlichen Analyse, die den Kalender als kulturelles Konstrukt und Instrument der Herrschaftsrepräsentation betrachtet.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil befasst sich mit der theoretischen Einordnung des Gedächtnisses, der symbolischen Bedeutung des Kalender-Bruchs, der Rolle der Festkultur für die republikanische Erziehung und dem Prozess der schrittweisen Abschaffung.

Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Untersuchung?

Wichtige Begriffe sind unter anderem kollektives Gedächtnis, Zäsur, Rationalisierung, Dechristianisierung, Dekadenrhythmus und das Scheitern als Resultat sozio-kultureller Widerstände.

Warum scheiterte die Einführung der Zehn-Tage-Woche konkret?

Sie scheiterte primär daran, dass sie an grundlegenden biologischen und gesellschaftlichen Bedürfnissen vorbeiging, insbesondere da der traditionelle Sonntag als Ruhetag für die arbeitende Bevölkerung unverzichtbar war.

Welche Rolle spielte Napoleon bei der Abschaffung des Kalenders?

Napoleon erkannte die mangelnde Durchsetzungskraft des Kalenders und dessen Konfliktpotenzial, insbesondere da der revolutionäre Jahrestag nicht mit dem Selbstverständnis seines neuen Kaiserreichs vereinbar war, was 1806 zur Rückkehr zum Gregorianischen Kalender führte.

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Details

Title
Der französische Revolutionskalender – Scheitern einer neuen Zeitrechnung
College
Humboldt-University of Berlin
Course
Wochen und Tage – eine Kulturgeschichte
Author
Anonym (Author)
Publication Year
2011
Pages
15
Catalog Number
V165558
ISBN (eBook)
9783640812080
ISBN (Book)
9783640812288
Language
German
Tags
revolutionskalender scheitern zeitrechnung
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Anonym (Author), 2011, Der französische Revolutionskalender – Scheitern einer neuen Zeitrechnung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165558
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