Integration: zwischen Tradition und Fortschritt - Erarbeitet am Beispiel der Eltern Nadias ("Les Raisins de la galère")

Eine Unterrichtsstunde in der Sek II


Unterrichtsentwurf, 2008
13 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

1. Thematik

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2. Lernziele

Stundenziel: Die Schülerinnen und Schüler sollen kontroverse Einstellungen von Immigranten im Hinblick auf Kultur, Religion und Tradition gegenüberstellen, indem sie diese am Beispiel der Eltern Nadias arbeitsteilig erarbeiten, sich in die Rolle der Figuren versetzen und deren Verhalten diskutieren.

Weitere Teilziele: Die Schülerinnen und Schüler sollen ...

a.) Sprache

1. … ihre mündliche Ausdrucksfähigkeit schulen, indem sie die in der Einstiegsphase präsentierten Zitate kommentieren und ihrem Partner die Ergebnisse der Erarbeitungsphase im mündlichen Austausch vorstellen.
2. ... lernen, auf Gesagtes zureagieren, indem sie im „heißen Stuhl“ spontane Äußerungen vornehmen.

b.) interkulturelles Lernen, soziokulturelle Themen und Inhalte

1. …Verständnis für Menschen und Gesellschaft unter kulturell-gesellschaftlichen Aspekten aufbringen, indem sie deren Einstellungen und Haltungen im Hinblick auf Kultur, Religion und Tradition analysieren und kritisch reflektieren.

c.) Umgang mit Texten und Medien

1. … den Umgang mit literarischen Texten schulen, indem sie dem Text gezielt Informationen zur Erstellung eines Portraits entnehmen und diese verarbeiten.

d.) Methoden und Formen des selbstständigen Arbeitens

1. ... ihre Sozialkompetenz schulen, indem sie sich in der Austauschphase gegenseitig die arbeitsteilig erarbeiteten Ergebnisse präsentieren.
2. … ihre Argumentationsfähigkeit erweitern, indem sie im „heißen Stuhl“ mögliche Gründe für die Haltungen von Nadias Eltern anführen und gegebenenfalls diskutieren.
3. … eigene Kompetenzen selbstständig einschätzen, indem sie sich für/gegen bestimmte Hilfekarten entscheiden.
4. ... die Fähigkeit der Methodenreflexion schulen, indem sie kriteriengeleitet Vorteile und eventuelle Probleme von Think-Pair-Share sowie mögliche Alternativen anführen.

3. Bedingungsanalyse

Der Grundkurs Französisch setzt sich aus 19 Schülerinnen und Schülern[1]zusammen, von denen 16 mit Französisch in der Klasse 7 und zwei in der Klasse 9 begonnen haben. Da die Lerngruppe außerdem zu Beginn des Schuljahres aus zwei Kursen neu zusammengesetzt wurde, sind das Leistungsniveau und die Lernvoraussetzungen als noch heterogen zu bezeichnen. Die Unterrichtsverteilung auf mittwochs 5./6. Stunde und donnerstags 8. Stunde ist sicherlich nicht als günstig für die Lehr-/ Lernvoraussetzungen und Hausaufgabenverteilung zu bezeichnen, dennoch ist ein Großteil der Lerngruppe motiviert und die Lernatmosphäre generell freundlich.

4. Methodisch-didaktischer Kommentar

Das Thema der UnterrichtsreihePoints chauds de la société française – immigration et intégrationwird durch dieVorgaben zum Zentralabitur 2010in NRW legitimiert. Innerhalb dieser Reihe sollen Sachtexte und die LektüreLes Raisins de la galèrevon Tahar Ben Jelloun behandelt werden.[2]Aus der Sicht der Protagonistin Nadia, Tochter eines im Jahre 1961 eingewanderten Algeriers, werden in diesem „récit“ die Erlebnisse, Beobachtungen und Reflexionen eines jungen Mädchens geschildert, das in einem für Immigranten typischen Milieu aufwächst, der „Banlieue“ (die „Banlieue parisienne“ wurde bereits thematisiert). Nadias Umgebung ist geprägt von einer traditionalistischen und fundamentalistischen Männerwelt einerseits, dem modernen, westlichen Frankreich andererseits.

Die Lektüre stellt vor allem an Schüler des Grundkurses hohe Anforderungen auf sprachlicher und inhaltlicher Ebene. Häufige Registerwechsel und inhaltliche Komplexität sowie der eher beschreibende Charakter des „récits“ stellen die Lerner bei der Erstbegegnung mit einer Ganzschrift vor eine große Herausforderung.[3]Aus diesem Grund ist an vielen Stellen der Lektüre einedidaktische Reduktionsinnvoll. Als Schwerpunkt wird die Lebenswelt der „génération beur“ behandelt. Textpassagen, die hier von sekundärem Interesse sind, werden zur kursorischen Lektüre aufgegeben oder durch Schülerreferate zusammengefasst. Die Lektüre wird sukzessive gelesen und besprochen. Als Orientierung für die Erarbeitung dient das Unterrichtsmodell von Schöningh aus der Reihe Einfach Französisch.

Zur Einbettung der heutigen Stunde in den thematischen Kontext soll die folgende Synopse einen Überblick über die bereits erarbeiteten Aspekte und den weiteren Verlauf der Unterrichtsreihe geben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Problematik der Immigration und Integration, die inLes raisins de la galèrethematisiert wird, ist in der ländlichen Umgebung, in der die meisten Schüler unserer Schule leben, wenig ausgeprägt. Daher soll die Einstiegsphase entsprechend derdidaktischen Analysezur Bewusstmachung derGegenwarts- und Zukunftsbedeutungdes Themas dienen.[4]Als Einbettung in den Situationszusammenhang werden der Lerngruppe Zitate türkischstämmiger Jugendlicher präsentiert, die in Deutschland leben. Anhand dieser Beispiele soll den Schülern die Problematik der Identitätsfindung von Immigranten verdeutlicht werden. Außerdem soll ihnen bewusst werden, dass das Thema Immigration auch in Deutschland, unweit ihrer eigenen Lebenswelt, eine bedeutende Rolle spielt und auch in Zukunft spielen wird.

Im folgenden Teil der Stunde, der durch das Grundprinzip kooperativer Lernformen, Think-Pair-Share, und einen heißen Stuhl gestaltet wird, stehen die mündliche Sprachproduktion und die Schulung methodischer Fertigkeiten (Textarbeit, Methodenreflexion) im Vordergrund. Kooperative Lernformen tragenkonstruktivistischen AnsätzenRechnung, da sie schülerorientiert die individuelle Auseinandersetzung des Einzelnen mit den Inhalten ermöglichen. Außerdem erweitern die Schüler ihre sozialen Lernkompetenzen, indem sie selbst Aufgaben und Verantwortung übernehmen und so aktiv am Lernprozess teilnehmen. Der Lehrer tritt in weiten Teilen der Stunde zurück und fungiert als Moderator.[5]

In der Erarbeitungsphase wird gerade den schwächeren Schülern durch eine erste Einzelarbeit Sicherheit gegeben. Jeder Schüler kann seinemindividuellen Lerntempoentsprechend arbeiten, bevor er sein Ergebnis einem Mitschüler präsentiert.[6]Arbeitsteilig soll die Hälfte des Kurses das Portrait der Mutter, die andere Hälfte das des Vaters anfertigen. Da die Aufgabenstellungen vom Anspruch her ähnlich sind, erfolgt die Verteilung per Zufallsprinzip. Sollten die Lerner in dieser Phase Schwierigkeiten bei der Erstellung eines Portraits haben, können sie im Sinne einerBinnendifferenzierungHilfekarten bekommen. Da das Portrait allerdings bereits thematisiert wurde, werden keine großen Schwierigkeiten erwartet. Außerdem haben alle Lerner die Möglichkeit mit einem zweisprachigen Wörterbuch zu arbeiten, was vor allem als Vorbereitung auf schriftliche Arbeiten regelmäßig geübt werden soll.[7]Dieexemplarischausgewählten Eltern Nadias sind zur Kontrastierung verschiedener Einstellungen und Haltungen von Immigranten besonders geeignet, da die Mutter traditionsgebunden und religiös ist und als Mutter von acht Kindern die traditionelle Rolle einer algerischen Frau einnimmt. Nadias Vater hingegen orientiert sich an der westlichen Welt. Er ist durch seinen Beruf in die französische Gesellschaft integriert, begrüßt den Wunsch seiner Tochter, Ärztin zu werden, und verabscheut die dominante Rolle des typischen algerischen Mannes als Familienoberhaupt.

In der Austauschphase üben die Schüler „Arbeitsergebnisse zusammenfassend und geordnet vorzutragen“[8]. Außerdem folgt der Austausch in Partnerarbeit der Forderung des GER nachHandlungsorientierungzur Schulung der kommunikativen Sprachkompetenzen.[9]So wird der im Fremdsprachenunterricht häufig auftretenden Schwierigkeit der geringen Sprechbereitschaft von Seiten der Schüler entgegengewirkt. Diese Form des Austausches hat den Vorteil, dass durch Interaktion von Rezeptions- und Produktionsstrategien gleichzeitig die beiden Fertigkeiten Sprechen und Hören geschult werden.[10]Der Austausch erfolgt zunächst mündlich, da das gleichzeitige Zuhören, Sprechen und Schreiben für viele Schüler des Grundkurses Französisch noch eine hohe Anforderung darstellt. Leistungsstarke Lerner können binnendifferenzierend ihr Arbeitsblatt direkt ausfüllen. Zwei Schüler werden gebeten, ihre Ergebnisse auf Folie zu notieren, die ihnen im Anschluss an die Stunde kopiert wird, sodass ihnen kein Nachteil entsteht. Die Folien werden in der anschließendenSicherungsphaseals Diskussionsgrundlage verwendet, hierbei können die Ergebnisse gegebenenfalls durch die Lerngruppe erweitert werden. Die Schüler, die ihr Arbeitsblatt noch nicht vervollständigt haben, sollen dies in der Sicherungsphase tun. In dieser Phase soll der Kontrast zwischen der traditionellen und religiösen Einstellung der Mutter und dem eher modernen und liberalen Vater Nadias herausgestellt werden.

Alternativwäre für die Erarbeitungsphase auch das Placemat Verfahren denkbar. Auch hier hätten die Schüler zunächst Zeit, sich in Einzelarbeit mit der Aufgabe auseinanderzusetzen. Allerdings besteht beim Austausch in der Gruppe oft die Gefahr, dass einzelne Schüler sich besonders gut beteiligen, wohingegen andere nur wenig mitarbeiten. In Partnerarbeit ist somit die Schüleraktivierung höher und es ist dem einzelnen Schüler kaum möglich, sich der Arbeit zu entziehen. Außerdem scheuen sich viele Lerner im Anschluss an Gruppenarbeitsphasen die Präsentation der Ergebnisse zu übernehmen, was häufig auf Unsicherheit oder nicht vorhandene Transparenz zurückzuführen ist. Die Hemmschwelle beim Sprechen in Partnerarbeit, wie es bei Think-Pair-Share der Fall ist, ist hingegen oft geringer und wird daher in der heutigen Stunde bevorzugt.

Nach der Sicherungsphase wird sich eineMethodenreflexionanschließen. Die Lerner werden gebeten, Vorteile und mögliche Probleme der arbeitsteiligen Erarbeitungsphase nach dem Think-Pair-Share Prinzip anzuführen. Da die meisten Schüler wenig Erfahrung im Bereich der Methodenreflexion haben, wird eine Folie mit Kriterien alssupport materialeingesetzt. Dabei könnte zur Sprache kommen, dass jeder einzelne zunächst in seinem individuellen Tempo arbeiten konnte und außerdem einen hohen Sprechanteil in der Fremdsprache hat, da jeder seinem Partner die erarbeiteten Ergebnisse auf Französisch vorstellen musste.

Abschließend wird ein „heißer Stuhl“ durchgeführt, der den Lernenden des Grundkurses bereits bekannt ist. Die Methode „heißer Stuhl“ schafft den Schülern „Freiräume für subjektives Erleben und Erfahren“[11]. Neben Rollenflexibilität und Teamfähigkeit wird hier im Fremdsprachenunterricht auch die Sprechkompetenz geschult. Je offener die Methode gestaltet ist, desto authentischer und flüssiger wird auch die Kommunikation. Auch hier kommt erneut dasPrinzip derHandlungsorientierungzum Tragen[12]. Wie bei einem Rollenspiel agieren die Schüler einerseits „nach vorgegebenen Rollenanweisungen, andererseits haben sie so viel Freiraum, dass sie ihre Rolle eigenverantwortlich ausgestalten können“[13].

[...]


[1]Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird im Folgenden nur die männliche Form verwendet.

[2]Vgl.: www.standardsicherung.schulministerium.nrw.de/abitur-gost/fach.php?fach=5.

[3]Vgl.: Ewald, S. 9.

[4]Vgl. Klafki, S. 15 ff.

[5]Vgl. Reich, S. 45 f.

[6]Vgl. Brüning/ Saum, S. 17 f.

[7]Vgl. Krechel, S. 32 f.

[8]MSWWF, S. 17.

[9]Vgl. Europarat, S. 21-25.

[10]Vgl. Europarat, S. 78.

[11]www.akademie-rotenfels.de/inhalt_fortbild/fortbild_ergebnisse/symposium04/eigenbauer.pdf, S.1.

[12]Nieweler, S. 44.

[13]Mattes, S. 46.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Integration: zwischen Tradition und Fortschritt - Erarbeitet am Beispiel der Eltern Nadias ("Les Raisins de la galère")
Untertitel
Eine Unterrichtsstunde in der Sek II
Hochschule
Studienseminar für Lehrämter an Schulen - Vettweiß
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
13
Katalognummer
V165663
ISBN (eBook)
9783640817009
ISBN (Buch)
9783640820429
Dateigröße
684 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Unterrichtspraktische Prüfung
Schlagworte
intégration, Französisch, Les raisins de la galère, unterrichtspraktische Prüfung
Arbeit zitieren
Anja Krechel (Autor), 2008, Integration: zwischen Tradition und Fortschritt - Erarbeitet am Beispiel der Eltern Nadias ("Les Raisins de la galère"), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165663

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