Die Metaphorik aus sprachphilosophischer Sicht


Seminararbeit, 2009

7 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

„Die Metaphorik aus sprachphilosophischer Sicht“

Dieser kurze Aufsatz versucht darzulegen, weshalb die Metaphorik innerhalb der Sprachphilosophie eine so starke Gewichtung hat. Die Metaphorik gilt wohl den meisten nur als ein geeignetes Werkzeug der Poetik, um die Gedan­ken des Dichters besser zu verdeutlichen, bzw. seine abstrakten Gedanken in einem schlüssigen Bild darzustellen. Eine solche Ansicht würde die Metaphorik lediglich auf eine didaktische Funktion reduzieren. Eine Veranschaulichung dieser didaktischen Funktion kann in einer Analogie zu dem Film „Forrest Gump“ geknüpft werden. Dem modernen Simplicius Simplicissimus Forrest Gump wird auf eine fürsorgliche Art erklärt, dass das Leben wie eine Schach­tel Pralinen sei, da man nie weiß, was man bekommt. Die Erklärende war seine Mutter, die aufgrund ihrer eigenen Sprachnot und der Verständnisnot ihres Sohnes, da jener zu keiner Abstraktion fähig war, um den Zusammenhang von Erwartungen und Entlohnung im Leben zu begreifen, auf das Werkzeug der Metaphorik zurückgreifen musste. Forrest Gump gibt diesen Verhalt mit sei­nen eigenen Worten wieder, denn seine Mutter würde ihm die Dinge in der Welt immer so erklären, dass auch er sie verstehen kann.

Aus diesem kurzen Stück Filmgeschichte, wird die didaktische Funktion einer Metapher verdeutlicht. Doch darüber hinaus gibt es viel mehr über die Meta­phorik zu sagen. Wie bereits oben erwähnt, bildet sie ein schweres Gewicht innerhalb der Sprachphilosophie. Um diese Gewichtung zu verdeutlichen, stellt dieser Aufsatz drei grundlegende Fragestellungen zur Metaphorik. Zunächst wird nach dem Grund gesucht für einen Metapherneinsatz (Stichwort Sprach- not). Darauf folgend wird der Frage nachgegangen, was letztendlich passiert, wenn eine Metapher gebraucht wird (Stichwort Denk- und Sprachräume)? Und zu guter letzt stellt sich die Frage, wie Metaphern einen Eingang in unseren Sprachgebrauch finden (Stichwort: Gelingen, Akzeptanz, Durchsetzen).

Um diese Fragen beantworten zu können, bedient sich dieser Text den Gedan­ken von Donald Davidson, Nelson Goodman und Friedrich Nietzsche. Letzte­rer sah in Metaphern hauptsächlich ein Wahrheitsverständnis, denn „die Gesetz­gebung der Sprache gibt auch die ersten Gesetz der WahrheitN Und für ihn war, bezo­gen auf den Text, die Wahrheit „ein bewegliches Heer von Metaphern, [...] eine Summe von menschlichen Relationen, die, poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt[1] wurden, und die nach langem Gebrauch einem Volke fest, kanonisch und verbindlich dün­ken'"[2]. Anders ausgedrückt heißt dies, dass alle Begriffe in ihrem Ursprung auf Metaphern zurückgehen. Begriffe sind somit nichts anderes als hart und starr gewordene Metaphern, bei denen man einfach vergessen hat, dass es im Grun­de nur Metaphern sind. Nietzsche legt diese These jedoch „metaphorischer“ dar: „Die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat;, dass sie welche sind, Metaphern, die abgenutzt und sinnlich kraftlos geworden sind, Münzen, die ihr Bild verlo­ren haben und nun als Metall, nicht mehr als Münzen, in Betracht kommen“.[3]

Goodman, einer der wichtigsten analytischen Philosophen des 20. Jahrhun­derts, wird in Zusammenhang zu Nietzsche erwähnt, da seine Gedanken wie ein Katalysator beim Nachvollziehen von Nietzsches These wirkt. So sah auch Goodman in der Metaphorik einen Prozess ablaufen, der auf eine Verblassung bzw. Erstarrung ihrer hinausläuft. An diesem Punkt ist er sich einig mit Niet­zsche und seinem „Hart- und Starrwerden einer ursprünglichen in hitziger Flüssigkeit aus tiem Urvermögen menschlicher Phantasie hervorströmenden Bildermasse“[4]. Goodman jedoch beschränkt sich in seiner Analyse auf Metaphern des alltäglichen Le­bens[5]. Poetische Metaphern, die für ihn einen Spezialfall darstellen, sind zu kompliziert in ihrer Funktionsweise. Alltägliche Metaphern eignen sich für eine Analyse besser. Diese Alltagsmetaphern sind einerseits zugänglicher, durch ih­ren höheren Verbreitungsgrad und andererseits finden diese Metaphern auch Anwendung innerhalb der Wissenschaften. Zur Veranschaulichung kann die Metapher von Leonardo da Vinci „das menschliche Auge ist das Fenster der menschlichen Seele“ der poetischen Metapher von Celan „die schwarze Milch der Frühe“ gegenüber gestellt werden. Erstere Metapher beherbergt einen besseren Zugang, da jedem Menschen wohl klar sein wird, dass Fenster eher an Häusern zu finden sind, als am menschlichen Körper. Diese zwei Dinge, Fenster und das menschliche Auge, werden hier so provokativ gleichgesetzt, dass es in der Regel klar ist, dass es sich hierbei um eine Metapher handeln muss. Die zweite Metapher, Celans „schwarze Milch der Frühe“, beherbergt keine solche offensicht­liche Gleichsetzung. Zudem wird ein Zugang zu ihr dadurch erschwert, dass Celan sie in einer rhetorischen Figur, einem Oxymoron, gekleidet hat.

Im Zusammenhang mit Goodman, sei Davidson genannt, der dem Wesen ei­ner Metapher einen eklatanten wahrer bzw. eklatanten falschen Wert zuordnet[6].

Als eklatant falsch beschreibt Davidson eine Metapher, die starke Skepsis beim Zuhörer entwickelt, in Bezug auf die reine prädikativen Aussage des Satzes, in dem die Metapher steckt. Diese Skepsis, die durch solch eine klare Falschheit des Satzes dargestellt wird und zwar, dass ein Fenster dem menschlichen Auge gleichgesetzt wird, muss den Zuhörer dahingehend motivieren, hinter dieser Metapher einen Sinn zu suchen. Da diese Aussage so eklatant falsch ist, muss mit ihre eine Bedeutung assoziiert werden. Denn das menschliche Auge kann einem Fenster nicht gleichgesetzt werden, da das Auge in keiner Vorstellung eine mit Glas isolierte und somit durchsichtige Öffnung des menschlichen Körpers ist. Geschweige denn, dass ein Jemand aus dieser Öffnung heraus­schaut.

Doch was ist überhaupt der Grund für den Einsatz von Metaphern? Wie im Beispiel von Forrest Gump und der These von Nietzsche wird deutlich, das der Metapherneinsatz sich unter anderem durch eine Sprachnot bedingt. Aus diesem Grund benötigen wir die Verbildlichung, denn sie kann auf eine bei­spielhafte Weise Licht ins Dunkle bringen. Wie die Taschenlampe bei einer ne­beligen Nachtwanderung, die den Zweck hat den vorausliegenden Weg zu be­leuchten, um eine Orientierung überhaupt zu ermöglichen, hat die Metapher die Funktion einer Orientierung in unbekannten Systemen. Somit wird durch eine Metapher ein neuer Raum eröffnet, der im besten Fall in einem System, beispielsweise einer Wissenschaft, eine Organisation und Struktur schafft und paradigmatisch wirkt. Dieses dadurch entstehende Einteilungschema ist meist dann so starr und fest, dass ein neuer Denk- und Sprachraum nur durch eine andere Metapher eröffnet werden kann. In diesem Fall kann von einem Para­digmenwechsel gesprochen werden. Ein Beispiel für eine solche Organisation bietet die Musik. So wird es den meisten Menschen nicht möglich sein, mithilfe ihrer Alltagssprache Musiktöne beschreiben zu können, ohne metaphorisch zu agieren. Schließlich beschreiben wir im Alltag Musiktöne als hoch, mittel oder tief. Genau an diesem Beispiel wird deutlich, wie durch eine Metapher eine Ordnung in einem System entsteht, wo der Mensch durch seine Sprachnot vorher beschränkt wurde. Auf die Aussage, dass es sich um einen mittleren Ton handelt, würde sofort die Frage folgen, sofern lediglich eine Beschränkung auf den semantischen Inhalt vorliegen würde, wie hoch dieser Ton sei, genauer um wieviel Meter es sich handelt. Mittels der Metaphorik entsteht der besagten organisierten Raum, der einerseits Aussagen über Klassifizierungsmerkmale einzelner Töne, wenn auch nur in den genannten groben Abstufungen tief, mittel und hoch, zulässt und andererseits ein Relativverhältnis ermöglicht, dass die Möglichkeit einer Abstufung bzw. Unterscheidung einzelner Töne bereits impliziert. So handelt es sich nicht nur bei diesem einzelnen Ton um einen ho- hen Ton, sondern wir können alle für den Menschen hörbare Töne in dieses Muster, also eine Tonleiter, einarbeiten. Deshalb überträgt sich nicht nur das einzelne Wort durch die Metapher, sondern ein komplettes Einteilungsschema wird entwickelt[7]. Bei Betrachtung der Metaphorik unter diesem Licht, wird deutlich weshalb bei der Erschließung des Sinnes einer Metapher nicht auf die einzelnen Prädikationen geachtet wird. Ferner wird auch deutlich, was Niet­zsche mit seiner Erstarrung und Hartwerdung von Metaphern meinte, da heute niemand mehr die Frage stellt, wie viel Meter dieser Ton beträgt.

Ein weiteres Beispiel, wie mit der selben Metapher erneut ein Denk- und Sprachraum eröffnet wird, findet sich bei der Beschreibung von Farben. In ei­nem Beispiel von Goodman werden Temperatur-Prädikate auf Farben transfe­riert[8]. Somit wird mit einem roter Farbton Wärme assoziiert, genauso wie ein tiefer Blauton mit Kälte. Natürlich hat der rote Farbton keine eigene Tempera­tur, höchstens hat die dahinterstehende Substanz, die aus Bindemitteln, Löse­mitteln und Pigmenten besteht, eine Temperatur. Aber der Farbton ist nicht von sich aus 20°C warm. Auch in diesem Beispiel reicht die Sprache nicht aus, um einzelne Farbtöne zu beschreiben, bzw. sie in ein gegenseitiges Verhältnis zu setzen.

Wie bereits erwähnt, sind auch die Wissenschaften von Metaphern durchsetzt. Auch hier werden mit ihrer Hilfe neue Denk- und Sprachräume eröffnet, die letztendlich eine Organisation ermöglicht und insgesamt sogar paradigmatisch wirken kann. Mithilfe der Idee Lichtbewegungen als Wellenbewegungen auszu­legen, wurde ein neuer Denk- und Sprachraum innerhalb der Physik eröffnet. Dieses Beispiel verdeutlicht den Stellenwert der Metaphernbildung innerhalb der Wissenschaften. Licht ist alles andere als eine Welle und Physiker bestreiten dies auch nicht. Denn das Licht hat nichts gemein mit einer Meereswelle. Sichtbar ist jedoch die Analogie zwischen der Bewegung von Lichtpartikeln und der besagten Meereswelle, die zu der Sinn erschließenden Aussage führt, dass sich Licht in Wellen bewegt. Durch diesen Metapherneinsatz, wodurch ein Sprach- und Denkraum hergestellt wird, können bisherige Fragestellungen, wie sich beispielsweise das Licht bewegt, beantwortet werden. Die hier eingeführte Ordnung, wird jedoch von Physikern noch als eine Metaphorik wahr genom­men, da ihr nur bedingt gefolgt wird. Schließlich, wie bereits erwähnt, halten Physiker das Licht nicht für eine Welle. Darüber hinaus ist es den Physikern durchaus bewusst, dass es noch andere Interpretationen von Lichtbewegungen gibt. Sie arbeiten mit mehreren Bildern, um sich das Problemfeld der Lichtbe­wegungen klar zu machen.

[...]


[1] Nietzsche, Friedrich. Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn in Gesammelte Werke. Sechster Band. Musarion Verlag München 1922, S. 78

[2] ebd., S. 81

[3] ebd., S. 81

[4] ebd., S. 84

[5] vgl. Goodman, Nelson. Sprachen der Kunst - Ein Ansatz zu einer Symboltheorie. Suhr- kamp Verlag Frankfurt am Main 1973, S. 84

[6] vgl. Davidson, Donald. Was Metaphern meinen in Wahrheit und Interpretation. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1986, S. 361ff

[7] vgl. Goodman S. 84 und 82

[8] vgl. ebd., S. 77 und S. 84

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Die Metaphorik aus sprachphilosophischer Sicht
Hochschule
Universität Kassel
Veranstaltung
Sprachphilosophie
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
7
Katalognummer
V165681
ISBN (eBook)
9783640813667
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nietzsche, Sprachphilosophie, Paradigma, Thomas Kuhn, Nelson Goodman, Donald Davidson, Metaphorik
Arbeit zitieren
Sebastian Schneider (Autor), 2009, Die Metaphorik aus sprachphilosophischer Sicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165681

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