Verkleidungen und Masken im Mittelalter


Seminararbeit, 2010

47 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhalt

1. Karnevaleske Phänomene in den antiken Saturnalien

2. Kleiderverordnungen und Masken als Überblick

3. Verkleidungen und Masken im klerikalen BereLFK
3.1.Der Knabenbischof
3.2. Das EselsIHVW
3.3. Das Fest der Unschuldigen Kinder
3.4. Passionsspiele

4. Die Fastnacht im stadtischen Bereich
4.1.1 Der Narr und seine Attribute
4.1.2. Schellen
4.1.3.Der kahlgeschorene Narr und seine Gugel
4.1.4. Die Kleidung des Narren
4.1.5. Der Hofnarr
4.2.1. Der Hofnarr
4.3.1. Weitere Verkleidungsvarianten der Fastnacht
4.4.1. Tiermotive als Sinnbilder

5. Das Beispiel der Fastnacht anhand des romischen Karnevals

6. Der Nürnberger Schembartlauf

7. Die Mummerei und deren Urspung
7.1. Hofische Mummerei
7.2. Stadtische Mummerei

8. Verzeichnis der Verwendeten Literatur

1. Karnevaleske Phänomene in den antiken Saturnalien

Unter den antiken Festen sind die Saturnalien den karnevalesken Festen des Mittelalters amähnlichsten. Der Haupttag der Saturnalien war der 17. Dezember, wobei jene auf drei, fünf und sogar sieben Tagen ausgedehnt wurden.1 Beschränkt wurden die Saturnalien schließlich von Kaiser Augustus auf fünf Tage. Die einst auf die Stadt Rom begrenzten Saturnalien fanden ihre Verbreitung mit den Römern und ihren.2 Auskunftüber Saturn und die Saturnalienfeste liefern antike Überlieferungen wie z.B. von Macrobius. Macrobius, ein Schriftsteller aus dem 5. Jahrhundert, geht in seinem Dialog mit dem Titel Saturnalia auf die Entstehung und den Grundgedanken der Saturnalien ein. In Folge soll der einst auf einem Schiff nach Italien gekommene Saturn dort bald eine kommunistische Staatsform errichtet haben. Den Überlieferungen folgend sollte diese Zeit von Überfluss, einer klassenlosen Gesellschaft ohne Privateigentum und Frieden geprägt worden sein. Nach dem Tod Saturns allerdings wurden das Privateigentum sowie die Klassengesellschaft wieder eingeführt. Die Umbenennung Italiens zu Saturnien, welche sich scheinbar nicht durchgesetzt hat, die Erhebung Saturns zum Gott sowie der Bau des Saturn Tempels zu Ehren diesem sollte an die Herrschaft Saturns erinnern. Am 17. Dezember, dem Feiertag des Saturns wie auch der Tag des nach ihm benannten Festes ± den Saturnalien, sollte der Tempel eingeweiht werden. Unter der Herrschaft Saturns wurde das Volkseigentum (populi pecunia) zum Staatseigentum und im Tempel aufbewahrt.

In Folge Christianisierung im 5. Jahrhundert wurden keine heidnischen Feste, somit auch das Saturnalienfest, mehr geduldet. Macrobius hingegen war ein Verehrer der heidnischen Feste. Die heutige Wissenschaft stellt die Überlieferungen der antiken Schriftsteller in Frage, dreht sie sogar um. Demnach soll dieses goldene Zeitalter unter Saturn eine Folge des Saturnalienfestes sein. Durch die erst im dritten vorchristlichen Jahrhundert, zu dieser Zeit waren die Römer bereits eine Großmacht, begonnene Niederschrift zur Erklärung vonöffentlichen und privaten Lebensweisen fehlte ein enormer Teil von Wissen. Ausgeglichen wurde dieses durch Annahmen, Phantasien und mögliche Anhaltspunkte.3 Anhaltspunkte boten bestehende Einrichtungen, Götterkulte, Gesetzeslagen und so weiter. Die Wissenschaft geht heute demzufolge davon aus, dass die Römer auf die erwähnten Anhaltspunkte rückgeschlossen haben.4

Mit dem Beginn des Saturnalienfestes wurde die alte Ordnung durch eine kurzweilige Umkehrung der Hierarchie aufgelöst, mit ihrem Ende wurde diese wiederhergestellt und ein Neubeginn eingeleitet. Eröffnet wurde das Fest durch die Entfesselung der ansonsten durch das Jahr gefesselten Saturnstatue im Tempel. Im Gegensatz zu den anderen römischen Festen wurden die Schulen geschlossen, Strafverhandlungen vertagt, das Gericht geschlossen, Frieden gewahrt und nicht gearbeitet.5 Bereits im Jahr 217.v.Chr. wurde beim Tempel des Saturn ein Opfer angeordnet sowie eineöffentliche Feier und ein Lectisternium6. Die gesamte Bevolkerung Roms, ausgenommen Frauen, konnten an diesem Festschmaus, Rang und Status waren hierbei nicht von Bedeutung, teilnehmen. Zur Unterhaltung dienten den Festteilnehmern Gladiatorenspiele, wahrend denen sie Tags wie Nachts ,,io Saturnalia" grolten. Im privaten Bereich war ausnahmslos jedem das Feiern gestattet, somit auch Frauen, Dienern und Kindern. Fur uns heute wie auch damals am bedeutendsten war hierbei die Sklavenfreiheit.7 Die Ungleichheit zwischen Herr und Sklaven wurde beim Saturnalienfest aufgehoben. So war es ihnen auch erlaubt gemeinsam mit ihrem Herrn zu essen, wobei es auch vorkommen konnte, dass der Herr den Sklaven bediente. Der alte Cato empfahl jedem Sklaven eine Sonderration von drei Litern Wein zu geben. Die Umkehrung der Normen, wie etwa die kurzweilige Aufhebung der Schranken zwischen Sklaven und Herr, sollten an die Herrschaft Saturns erinnern. Diese frei von Standesunterschieden und Besitztum oft als goldenes Zeitalter titulierte Ära wurde in den Saturnalien reflektiert. Die bereits erwähnten außerordentlichen Freiheiten der Sklaven dehnten sich bis zu neckenden Reden aus in denen inhaltlich auch vor Kritik nicht zurückgeschreckt wurde. In einem der Briefe Seneca´s berichtet dieserüber die Errichtung eines Pseudostaates, der Imitierung von Ämtern sowie die Rechtsprechungüber den Herren. Es handelte sich um ein Rollenspiel in welches die gesamte Dienerschaft mit einbezogen wurde.8 Ein weiterer ansonsten nur den Herren vorbehaltener Akt war das Würfeln um Geld. Ein antikes Kalenderbild des Monats Dezember zeigt einen Sklaven in Wintertracht welcher mit seiner rechten Hand auf einen Würfelbecher und Würfel zeigt. Die Überlieferung von Lucius Verus (161 bis 169) lässt annehmen, dass auch die römischen Kaiser zur Zeit der Saturnalien ihren Sklaven Freiheiten sowie einüppiges Leben gestatteten.9 Wie bereits erwähnt wurde an den Saturnalien nicht gearbeitet, wobei die Köche und Kuchenbäcker hierbei eine Ausnahme bildeten. Ein seltenes Ereignis war die Schulbefreiung der Schüler.10 Die ansonsten alltägliche Toga wurde gegen die Synthesis, eine Art Hauskleid, eingetauscht sowie eine Filzkappe (pilleus), als Symbol für Freiheit, getragen.11

Der bei der Wahl des Trinkkönigs, rex bibendi, gekrönte Saturnalienkönig konnte Gesetze verlautbaren, so konnte er jemanden beschmieren oder singen lassen etc. Seine Hauptfunktion war die Gewährleistung von Spaß durch belustigende Anordnungen. Bei der Nachahmung von Ämtern richtete sich das gesamte Haus nach der Rangordnung, der Sklave konnte hierbei auch dem Herrn das Recht sprechen.12

Die Wahl eines Saturnalienkönigs im privaten Bereich mit dessen Erhöhung und Niedergang ist laut Bachtin der Inbegriff karnevalistischer Ambivalenz.13 Des Weiteren wurden zu den Saturnalien Verwandte, Freunde, Klienten und Patrone beschenkt. Diese durch Boten versendeten Geschenke waren mit kleinen Beischriften versehen. Die zahlreich erhaltenen Epigramme des Dichters Martial geben uns einen Hinweis auf die Geschenke, so wurden Kerzen, Tonfiguren, Briefpapier, Schreibtafeln, Lebensmittel (darunter Genussmittel), Gewürze, Weine, Haarnadeln, Brettspiele, Geldkästchen, Kandelaber, Seife, Hausanzüge, Wäsche, Gefäße wie unter anderem Becher, Bücher und Statuen verschenkt.14

Eine weitere Besonderheit der Saturnalien ist die Maskerade, bei welcher Männer sich als Frauen mit Zöpfen und Spindeln in den Händen verkleiden. Überliefert wurde dies von einem Bischof des vierten Jahrhunderts aus Kleinasien. Die Verbote gegen heidnische Feste, wie auch das Saturnalienfest eines war, untersagten jede Teilnahme. Es wird vermutet, dass einige Teile des Saturnalienbrauchs, wie etwa die Geschenke und das Kerzenlicht, beim Weihnachtsfest eingesetzt wurden.15

Da es nur schwer moglich war die Saturnalien ganzlich zu untersagen, benennte man sie in „feriae servorum", Sklavenfest um. Die ubliche Sprachregelung fur diese Bezeichnung in einem Kalender des funften Jahrhunderts war Brumalia, Wintersonnenfest.16 Den Saturnalienähneln die Matronalia, hierbei bedienten die Herrinnen die Sklavinnen, die Kalendae Ianuarie, sie ersetzen in der Spätantike die Saturnalien immer mehr, werden jedoch auch von der Kirche bekämpft. Bei den Matronalia und den Kalendae Ianuariae wurde wie bei den Saturnalien ein Rollentausch vollzogen, zusätzlich vermummte man sich bei den Kalendae Ianuariae mit Tiermasken.17 Festzuhalten ist bei den Saturnalien die kurzweilige Umkehrung der sozialen Struktur sowie der für einige Tage herrschende Ausnahmezustand.

2. Kleiderverordnungen und Masken im Überblick

Der Stand jedes Menschen war im Mittelalter auf den ersten Blick durch seine Kleidung sofort ersichtlich. Adel, Klerus, Handwerker und die einfachen Leute unterstanden einer, im 13. Jahrhundert immeröfter erlassenen, Kleiderordnung. So wurden z.B. den Dirnen die Farben rot und gelb erteilt.18 Durch die von den Stadtmagistraten ab 1350 quer durch das Land erlassenen Kleidervorschriften wurde die soziale Stellung eines jeden sofort ersichtlich. Bei Nichteinhaltung der Vorschriften drohten hohe Strafen. Den Klerikern wurde mit dem Beschluss vom 5.

Laterankonzil (1551 ± 1517), in Berufung auf die Kölner Diözesansynode vom 2. Oktober 1321, das Tragen bunter Kleidung untersagt. Trotz des vorgegebenen Farbschemas konnte der Narr alle Farben tragen, demnach entsprachen bunte Kleider nicht der Norm und wurden dem Narrentum zugeschrieben. Obwohl die Kleidung auch der Mode unterlagänderte sie sich nicht wesentlich. Einen Ausbruch aus diesem System bot die Fastnacht, hier war es möglich durch Verkleidungen bestehende Normen und Sitten zu durchbrechen. Fürsten konnten zu diesem Anlass die Kleidung der Dienerschaft tragen. Das Tragen von Frauenkleidung durch Männerüberreizte jedoch die Überschreitung, was an den Verboten seitens der Kirche ersichtlich ist. Die klerikale Obrigkeit ging davon aus, dass durch diesen Rollentausch die Geschlechterordnung Gottes in Frage gestellt wurde. Im Unterschied zu der Alltagskleidung der verschiedenen Schichten trägt der Narr ein buntes Gewand.19 Im Gegensatz zu den zahlreichüberlieferten Kleiderverordnungen sind Hinweise auf Masken vor dem 14. Jahrhundert sehr selten. Im 15. und 16. Jahrhundert hingegen häufen sich die Quellen vor allem in Form von Verboten. Unter den zahlreichen verschiedenen Maskeraden gibt es zahlreiche Belege für zwei bestimmte Typen, jenen des Bauern und jenen des Teufels. Während die Verkleidung des Bauern sehr leicht selbst angefertigt werden konnte, wurde die des Teufels meist von der Kirche entliehen. Schriftliche Quellen vielerorts berichten darüber, dass Teufelsmasken für Prozessionen und Festspiele angefertigt wurden und dann auch zur Fastnacht getragen wurden, wie auch umgekehrt. Somit bieten die kirchlichen Requisitenkammern einen reichen Schatz an Maskeraden. Gleichzeitig mit der Steigerung der Beliebtheit von Maskeraden in dämonischer Gestalt, im 14. und 15. Jahrhundert, kam es zu einer Diabolisierung seitens der Kirche durch moralsatirische Literatur. Diabolisiert wurde durch Erbauungsbüchlein wie z.B. jenes einer bayrischen Nonne, die den Gläubigen zum Beginn des 15. Jahrhunderts riet am Sonntag Esomihi nach Christus ihr allerliebstes Fastnachtsgespenst anzurufen. In der zweiten Auflage seines Narrenschiffes führt Sebastian Brant den Ursprung des fastnächtlichen Treibens auf den Teufel zurück. Als die Fastnacht in der Kirche als Teufelswerk gepredigt wurde kam ein neuer Typus, neben Bauer und Teufel, hervor ± der Narr.20

3. Verkleidungen und Masken im klerikalen Bereich

Kostüme und Verkleidungen finden wir auch bei Festen im klerikalen Bereich. Zu dieser Zeit sind die Kathedralen durch Feste wie etwa den Tag der Geburt des Herrn (24. Dezember), den Tag des heiligen Johannes (27. Dezember), den Tag der Beschneidung des Herrn (1. Januar) sowie den Tag der Unschuldigen Kinder am 28. Dezember gefüllt. Eingeleitet werden die Winterfeste durch den 6. Dezember, dem Tag des heiligen Nikolaus, ihren Abschluss finden sie am zweiten Sonntag nach Epiphanie, Heiligen Drei Könige am 6. Jänner, mit dem Mysterienspiel. In der Zwischenzeit werden Aufgrund der zeitlichen Nähe zur Wintersonnenwende Ende Dezember bis Anfang Januar spricht man bei den Winterfesten auch von den Kalenden des Dezembers. Dadurch ergibt sich auf den ersten Blick eine Verbindung zu den römischen Saturnalien, wobei hierbei anzumerken ist, dass zwischen dem heidnisch geweihten Fest zu Ehren des Gottes Saturns und den späteren christlichen Festen nur eine kurze Unterbrechung stattfand. Obwohl das Fest der Unschuldigen, der Kinder, des Esels, der Diakone nichts mit der Erhöhung der Narrheit zu tun hatte, verkommen sie gelegentlich zu merkwürdigen Maskeraden.21 Fortgesetzt wurden die Kalenden des Dezembers von den Kalenden des Januars. Dies sind die Feste der Unschuldigen Kinder, an jenen Tagen ließ man sie spielen und erlaubte ihnen die Herrschaftüber den Chor, die Kirche sowie den Kreuzgang zuübernehmen. Es war ihnen erlaubt Gottesdienste nachzuahmen sowie sich unsittlichen Vergnügungen hinzugeben. Diese Feste, welche ursprünglich in den Kirchen stattfanden, setzten sich in der Stadt mit Umzügen, grotesken Tänzen und Maskeraden fort.22

3.1. Der Knabenbischof

Am Weihnachtsabend begannen die Narrenfeste bei den Kanonikern. Bei den Spielen der Diakone kommt es zu einem Rollentausch, bei welchem die Kinder den Platz der Bischöfe und Priester in den Kanzeln einnehmen. Synodalprotokolle, Missalien und bischöfliche Verdammungsurteile berichten darüber, dass Chorknaben die Würdenträger vertreiben, sich mit Chorröcken bekleiden und die Messe lesen. Dieser Akt wurde während des Magnifikats in der Vesper wenn der Kantor den Satz: Deposuit potentes de sede ..." (,,Er stoftet die Gewaltigen vom Thron und erhebt die23 vollzogen.24

Eine Überlieferung aus Reims berichtetüber das Ritual des Knabenbischofs, welches später in allen Kirchenüblich war. Ein kleiner Junge wurde in Bischofstracht, welche einen Chorrock, eine Mitra, die Handschuhe und weiteres Zubehör der Bischofausstattung beinhaltet, in den Chor geführt um der Gemeinde den Segen zu erteilen. Unter den Chorknaben wurde ein Bischof gewählt, welchem dieselbe Ehre zuteilwurde wie dem eines echten. Während die Kanoniker die Aufgaben der Kinderübernahmen, nahm der Knabenbischof den Sitz des Bischofes ein. Unter Glockengeläute wurde dieser in einem Festzug nach draußen geleitet.

Es wird angenommen, dass die Kinder ihre Rolle als Kleriker und Knabenbischof in einigen Städten auch unter dem Jahr bei Festen gespielt haben. In Le Mans ging der Knabenbischof am ersten oder zweiten Mai, zum Fest der Dienerschaft, an der Spitze des Festzuges. Mit dem Läuten der Frühmette versammelte sich die Gesellschaft in der Kathedrale, bewaffnet mit Knüppeln, um die Kanoniker aus ihren Häusern zu zerren und ihren Kopf in den Brunnen Saint-Julien zu stecken. Dieses so genannte Faulenzerbad war der Auftakt für sämtliche Spiele und Prozessionen. Der Bischof von Paris und der König versuchten diese Spiele zu verbieten oder sie zumindest einzugrenzen. 1479 beschloss das Kathedralkapitel in Reims die Kosten des Festes nur noch unter der Voraussetzung zu decken, dass die Feste ohne instrumentalen Lärm, ohne Straßenumzüge wie auch das Tragen des bischöflichen

Gewandes unterlassen wird. Jedoch waren diese Vergnügungen schon längst auf alle Kalenden des Januarsübertragen.25

3.2. Das Eselsfest

Das Eselsfest ehrt die Kinder, die Schwachen und Armen. Den Klerikern ist der Aufbau des Festes in der Kirche durch Ordinarien, Missalien und Breviaren genau festgeschrieben, jedes Lied und jedes Wort wurde festgehalten, Dem gegenüber steht das Fest auf der Straße mit Exzessen und Belustigungen aller Art. Bei dem Eselsfest geht den Esel welcher Maria und Josef nach Jerusalem brachte und bei Jesus an der Krippe wachte.

Seinen Platz im Festkalender hat das Eselsfest am Tag der Beschneidung des Herrn, dem 1. Januar. Der 1222 verstorbene Erzbischof von Sens schildert den genauen Vorgang des Festes in einem Missale aus Besancon mit dem Transkript eines Officiums. Nach diesem wurde eingangs ein Freudenlied gesungen, dem der Conductus ad tabulam folgt. Ein Esel wird von zwei Kanonikern zum Chorpult geführt, worauf die Messe vom Vorsänger angesagt wurde, ferner alle Namen der Festteilnehmer vorgelesen wurden sowie der Esel mit einem Umhang bedeckt.26 Nicht zwingend ist die Teilnahme eines Mädchens, verkleidet als Maria, welche mit einem Kind in ihren Armen auf dem Rücken des Esels reitet. Die Esel-Prosa, ein Gesang, welcher um ein Gemisch aus Jubelrufen und der Nachahmung von Eselsgeschrei erweitert wurde.

Angefangen mit Lobpreisungenüber seine Tapferkeit sowie seine Trägertätigkeit bei den Heiligen Drei Königen endet der Gesang in Form von Späßenüber seinen Einsatz bei der Landwirtschaft. Den Schluss findet der Gesang mit der Wiederholung des Wortes é voh é, ein Aufruf zur Fröhlichkeit, in Bezug auf die antike Kultur. Nach einem Gebet wurde eine dreifache Mette zelebriert, worauf der Esel, die Sänger und Messdiener etwas zu trinken bekommen. Einem Tanz um den Esel und der Imitation seines Geschreie folgte der Auszug des Esels. Am Kirchhof wurde den Vorsängern Wasserüber den Kopf geschüttet und das städtische Eselsfest, mitsamt seinen Trinkgelagen, begann. Der Hintergrund dieses Spektakels stellt den Wunsch dar den Ärmsten und Schwächsten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.27

3.3. Das Fest der Unschuldigen Kinder

Überlieferungen zufolge hat sich das Klerikerfest der Dezember-Januar Kalenden jahrhundertelang erhalten. Das Narrenfest scheint vor allem in Nordfrankreich, England und in den deutschen Ländern charakteristisch zu sein. In Italien wurden die Feste gesitteter in Form von Schauspielen in einem festen Rahmen gefeiert. Es ist anzunehmen, dass die Feste in allen Kathedralenüblich waren, jedoch in einigen Orten nicht im Brennpunkt der Öffentlichkeit standen.

Die Festtermine sind von Stadt zu Stadt unterschiedlich. Fallen sie mit dem Tag der Unschuldigen Kinder zusammen, benutzen die Chronisten verschiedene Titulierungen für die Rechenschaftsbezeichnungen. Die meisten Überlieferungenüber das Narrenfest erhalten wir durch Zensoren und Sittenreformern, denn Maskeraden und Spiele sind in den heiligen Stätten verboten. Das Narrenfest wie auch jenes der Kinder bestand aus zwei Teilen, wobei das erste in der Kirche von Parodie begleitet wurde, dem ein ausschweifendes Fest auf der Straße folgte. Das kirchliche Fest verlief nach genau festgehaltenen Ritualen. Der 1222 verstorbene Erzbischof von Sense, Pierre de Corbeil, verfasste Predigten und war der Autor eines danach mehrfach kopierten Officiums zum Narrenfest. Der Ritus des Narrenfestes wie auch jener des Festes der Subdiakone hat festgelegte Zeiten für Gebete und Prozessionen welche ohne Ausschweifungen und Abweichungen vollzogen werden. Hymnen auf Maria und Jesus finden wir beim Eselsfest im Officium wie auch beim Narrenfest. Am Tag der Unschuldigen Kinder, dem 28. Dezember, wie am Narrentag wählen die Chorknaben und Ministranten einen von ihnen zum Kinderbischof, ferner einen Narrenbischof, -erzbischof, hin und wieder auch einen Narrenpapst. Durch die Umkehrung der Hierarchie liegt das gesamte Spektakel in den Händen der Chorknaben und Ministranten. Der gewählte Narrenbischof erteilt den Segen in der Tracht des Bischofes, mit Mitra, Krummstab und dem Bischofskreuz in den Händen.

Der Narren- oder Knabenbischof erhält in Le Mans am 13. Dezember Geld und 40 Pinten Wein um seine Gesellschaft zu verköstigen. Unter dem Genuss von reichlich Wein und Gejaule gehorcht das Volk dem gewählten Narrenbischof, -erzbischof oder Narrenpapst für die Dauer seiner Herrschaft. Von der Schwierigkeit wieder einen geordneten Zustand herzustellen erzählen uns Sittenpredigten und Schriften bis ins 18. Jahrhundert.28

Unter der Androhung von schweren Strafen wurde auf dem Konzil von Toledo 1566 die Wahl des Knabenbischofs verboten. Als Ursache galt die Beleidigung der Bischofswürde und die Förderung zahlreicher Missbräuche. Die erste Verordnung, welche sich gegen Maskeraden und Parodien in der Kirche richtete, stammt aus dem Jahr 1198. Laut jener verkleideten sich Kleriker als Frauen, trugen fratzenartige Masken oder traten in der Kleidung des einfachen Mannes auf. Ferner lasen sie in weltlicher Kleidung die Messe, tanzten im Kirchenschiff, trugen eine rote Mütze, einen Lorbeerkranz und possierten in einer merkwürdigen Art und Weise.29 In Tournai war es Sitte den Narrenbischof auf einer Schaubühne vor der Kirche zu wählen, währenddessen das Volk sichüber die Kanoniker belustigt.. Auf dem Konzil von Toledo 1566 und auf dem Kölner Konzil 1536 wurde die Maskierung von Klerikern als Könige und Herzoge angeprangert, ebenso die Maskierung und Aufführung von Theaterspielen sowie das paarweise Tanzen von Frauen und Männer, ferner dessen Zurschaustellung. Auch hören wir für 1577 in Lyon nochüber Maskierungen wie auch groteske Schauspiele in den Kirchen.

Der zweite Part des Narrenfestes fand auf den umliegenden Straßen und am Kirchhof statt. Auf einem Wagen oder einer beweglichen Bühne ließ sich der Narrenbischof in unsittlichen Posen und unchristlichen Reden kutschieren. Den auf seinem Karren mitgeführten Unrat warf der Narrenbischof der Masse entgegen. Vor der Kirchentür erhielt er zum Feste ein eher lächerlich wirkendes Mahl von den Klerikern zubereitet. Hinter diesem Spektakel stand seitens der Kleriker die Einbringung von Spenden in Form von Naturalien und Geld wie auch die Würdigung und die Vorrangstellung des Kollegiatklerus gegenüber derübrigen Geistlichkeit. Der Weg des Narrenpapstes, begleitet in einem Zug von Chorknaben, Klerikern und Diakonen wie auch Kanonikern, ist in einem Manuskript des 13. Jahrhunderts beschrieben. Die Route führt von der Kathedrale Saint-Etienne durch Besançon.

Neben der Spende von Nahrungsmitteln für das Abendmahl waren die Bewohner des Hügels30 nach alter Tradition verpflichtet dem Narrenpapst Brot und Wein zu geben.31 Bekleidet mit seinen Insignien ritt der Narrenpapst zu den vier Kollegien Saint-Paul, Jusan-Moutier, Battant, Saint-Vincent und in das Dorf Brégille. In den ersten beiden erhielt er Wein, in den letzteren Brot. In den vier Kollegien wurden eigene Zeremonienmeister gewählt, welche vor dem Narrenpapst niederknien müssen und seinen Segen erhielten. Aufgeführt wurde dieser Zug von den Chorknaben und Ministranten. Trotz zahlreicher Verdammungsurteile erhielten sich dieses Spiel bis ins 15. und 16. Jahrhundert. Erst dann gelang es Professoren und Provinzialkonzilien mit der Unterstützung durch Bischöfe und Kanonikern das Fest aus der Kirche zu verdrängen.32

3.4. Passionsspiele

Wahrscheinlich bereits vor dem 11. Jahrhundert wurde von Priestern in ihren Kirchen der Gang der drei Marien, das so genannte Officium Sepulchri33,gefeiert. Bei diesem Ereignis verkleideten sich drei Kleriker, sie trugen weifte Gewander und eine Kopfbedeckung, gingen um den Altar, hielten am Altartisch inne und fragten: ,,lhr suchet Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten, er ist nicht hier." Der Ursprung des Mysterienspieles fuhrt auf eine Abtissin in Barking bei London zuruck. Diese richtete aufgrund der fehlenden Teilnahme des Volkes an den Gottesdiensten, im Einvernehmen mit ihren Ordensschwestern, ein Mysterienspiel ein.

Jenes sollte zur Feier des Ostersonntags und während derösterlichen Morgenmessen aufgeführt werden. Auf spannende und bezaubernde Art sollte es belehren und die Mysterien der Religion darstellen. Ihren Ursprung haben die Mysterienspiele in Gottesdiensten oder feierlichen Prozessionen. Der Priester wollte das Leben Christi nicht nur durch Abbildungen darstellen, sondern auch durch lebende Bilder.

[...]


1 Vgl.: Siegmar Döpp: Saturnalien und lateinische Literatur in: Siegmar Döpp (Hg.): Karnevaleske Phänomene in antiken und nachantiken Kulturen und Literaturen, Stätten und Formen der Kommunikation im Altertum I, Band 13, Trier 1993, S. 146.

2 Vgl.: Manfred Fuhrmann: Fasnacht als Utopie: Vom Saturnalienfest im alten Rom. In: Hermann Bausinger (Hg.): Narrenfreiheit; Beiträge zur Fastnachtsforschung. (51. Band) Tübingen (Tübinger Verein zur Volkskunde 1980, S. 36.

3 Vgl.: Manfred Fuhrmann: Fasnacht als Utopie, S. 30f.

4 Vgl.: Ebd.: S. 32.

5 Vgl.: Siegmar Döpp: Saturnalien und lateinische Literatur, S.146.

6 Lectisternium ist eine religiöse Feier der alten Römer, bei welcher den Götter Statuen Speisen als Opfer

dargebracht wurden. Nach: http://www.retrobibliothek.de/retrobib/seite.html?id=110245 (Stand, 30.08.2010)

7 Kenner Hedwig: Das Phänomen der verkehrten Welt in der griechischen ʹ römischen Antike, Klagenfurt 1970,

S. 88.

8 Vgl.: Siegmar Döpp: Saturnalien und lateinische Literatur, S.147.

9 Vgl.: Kenner Hedwig: Das Phänomen der verkehrten Welt, S. 89.

10 Vgl.: Manfred Fuhrmann: Fasnacht als Utopie, S. 35.

11 Vgl.: Siegmar Döpp: Saturnalien und lateinische Literatur, S.146.

12 Vgl.: Manfred Fuhrmann: Fasnacht als Utopie, S. 35.

13 Vgl.: Siegmar Döpp: Saturnalien und lateinische Literatur, S.146.

14 Vgl.: Manfred Fuhrmann: Fasnacht als Utopie, S. 35f.

15 Vgl.: Manfred Fuhrmann: Fasnacht als Utopie, S. 36 sowie Kenner Hedwig: Das Phänomen der verkehrten Welt, S. 107.

16 Vgl.: Manfred Fuhrmann: Fasnacht als Utopie, S. 37.

17 Vgl.: Siegmar Döpp: Saturnalien und lateinische Literatur, S.148.

18 Vgl.: Werner Metzger: Bemerkungen zum mittelalterlichen Narrentum In: Hermann Bausinger (Hg.): Narrenfreiheit; Beiträge zur Fastnachtsforschung. (51. Band) Tübingen (Tübinger Verein zur Volkskunde 1980, S. 51.

19 Vgl.: Dietz-Rudiger Moser: Fastnacht, Fasching, Karneval: das Fest der „Verkehrten Welt", Graz/Wien/Koln 1986, S. 111f.

20 Vgl.: Werner Mezger: Antike Motive und Elemente in der Fastnacht des Spätmittelalters? Zu Kontinuität und Diskontinuität der Tradition des klassischen Altertums in: Siegmar Döpp (Hg.): Karnevaleske Phänomene in antiken und nachantiken Kulturen und Literaturen, Stätten und Formen der Kommunikation im Altertum I, Band 13, Trier 1993, S. 247f.

21 Vgl.: Jacques Heeres: Vom Mummenschanz zum Machttheater, Europäische Festkultur im Mittelalter, Paris 1983, S. 123 ʹ 126.

22 Vgl.: Ebd.: S. 153f.

23 Zitiert nach: Jacques Heeres: Vom Mummenschanz zum Machttheater, S. 194.

24 Vgl.: Ebd.: S. 194.

25 Vgl.: Jacques Heeres: Vom Mummenschanz zum Machttheater, S. 195f.

26 Vgl.: Ebd.: S. 156f.

27 Vgl.: Jacques Heeres: Vom Mummenschanz zum Machttheater, S. 160 - 165.

28 Vgl.: Jacques Heeres: Vom Mummenschanz zum Machttheater, S. 202 ʹ 205.

29 Vgl.: Ebd. S. 206f.

30 aus dem Viertel der Zitadelle

31 Vgl.: Jacques Heeres: Vom Mummenschanz zum Machttheater, S. 208ff.

32 Vgl.: Ebd.: S. 211 - 215.

33 Sépulchres: Bezeichnung für verschiedene Osterspiele. Vgl: Jacques Heers: Vom Mummenschanz zum Machttheater, S. 68.

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Details

Titel
Verkleidungen und Masken im Mittelalter
Hochschule
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt  (Geschichte)
Note
2
Autor
Jahr
2010
Seiten
47
Katalognummer
V165795
ISBN (eBook)
9783640816415
ISBN (Buch)
9783640815760
Dateigröße
598 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verkleidung, Mittelalter, Mummerei, Masken, Knabenbischof, Schembart, Passionsspiele, Narr, Fastnacht, Schembartlauf
Arbeit zitieren
Jenny Dunst (Autor), 2010, Verkleidungen und Masken im Mittelalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165795

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