Mit „Kraft durch Freude“ auf Reisen

Ideologie und Propaganda des nationalsozialistischen Tourismus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

37 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

EINLEITUNG

1. EINFÜHRENDE ASPEKTE
1.1. REISEN VOR 1933
1.2. NS-URLAUBSPOLITIK

2. ARBEIT UND FREIZEIT IM „DRITTEN REICH“ - DIE INSTITUTIONEN
2.1. DIE „DEUTSCHE ARBEITSFRONT“
2.2. DAS AMT „KRAFT DURCH FREUDE“
2.3. DAS AMT „REISEN, WANDERN, URLAUB“

3. IDEOLOGISCHE ASPEKTE
3.1. „VOLKSGEMEINSCHAFT“ STATT KLASSENKAMPF
3.2. DIE ILLUSION DER GLEICHHEIT: TOURISMUS ALS „SOZIALISMUS DER TAT“

4. SEEREISEN ALS MEISTERSTÜCKE DER NS-PROPAGANDA
4.1. KLASSENLOSIGKEIT UND LUXUS FÜR ALLE
4.2. HÖHEPUNKTE DER PROPAGANDA - ZEREMONIEN UND MEDIEN
4.3. AGITATION AN BORD? SELEKTION, ÜBERWACHUNG UND ERZIEHUNG
4.4. „FLOTTE DES FRIEDENS“ AUSLANDSFAHRTEN ZWISCHEN DIPLOMATIE UND KRIEGSPLÄNEN

5. GRENZEN DER „VOLKSGEMEINSCHAFT“ UND DAS ENDE VON KDF

SCHLUSS

QUELLENVERZEICHNIS

LITERATURVERZEICHNIS

ANHANG: TABELLE

Einleitung

„Im neuen Deutschland ist jetzt Reisen nicht mehr eine Angelegenheit einer bevorzugten Klasse, sondern auch dem wirtschaftlich schwachen Volksgenossen ist heute die Mög- lichkeit gegeben, den Urlaub in einer Form zu verbringen, die ihm das Bewusstsein gibt, kein Knecht mehr der Gesellschaft zu sein, sondern gleichwertiges Mitglied einer großen Volksgemeinschaft.“1

Diese von einem zeitgenössischen NSDAP-Anhänger verfassten enthusiastischem Zeilen verdeutlichen, dass hinter dem harmlos wirkenden Titel „Mit ‚Kraft durch Freude’ auf Reisen“ ein hochpolitisches, gewichtiges Thema steckt, das die Grenzen der Freizeitforschung sprengt. Es geht hier um nichts weniger als die vermeintliche Integration der Arbeiterschaft in die rassistische „Volksgemeinschaft“ und letztlich um die mit der Aufrüstung verbundenen Vorbereitungen auf einen Feldzug zur Schaffung eines „Tausendjährigen Reichs“.

Diese Arbeit setzt sich mit den staatlich organisierten Urlaubsreisen in den Jahren 1934 bis 1939 auseinander. Unter dem bombastisch wirkenden Namen „NS-Gemeinschaft ‚Kraft durch Freu- de’“ organisierten die Nationalsozialisten im Amt „Reisen, Wandern, Urlaub“ Fahrten und Rei- sen, die dem Regime enorme Popularität verschafften. Dabei soll es um Fragen der hinter dem nationalsozialistischen Tourismus stehender Ideologie der Schaffung einer „Volks- und Lei- stungsgesellschaft“ gehen. Ein zweiter Teil soll die propagandistische Dimension der Hochsee- fahrten erfassen, da diese das Aushängeschild des Nationalsozialismus waren und anhand dieser wiederum die Grenzen der „Volksgemeinschaft“ deutlich werden. Die Propaganda zielte insbe- sondere auf die Arbeiter ab, denen durch die Teilnahme an einer Reise der soziale Aufstieg vor- getäuscht werden sollte. Frühere Arbeiten haben nichts desto trotz aufgezeigt, dass der Arbeiter- anteil an den prestigevollen Reisen gering war. Deswegen soll in dieser Seminararbeit deutlich werden, warum sich Tourismus für die Nationalsozialisten als Mittel anbot, die Illusion der Teil- habe an bürgerlichen Privilegien zu kreieren, und mit welchen Methoden sie diese Illusion auf- recht erhielten.

Die Forschung setzte sich erst spät mit dem Thema KdF-Tourismus auseinander. Dies mag darin begründet liegen, dass es vergleichsweise trivial erscheint und zunächst gewichtigere Lücken in der NS-Forschung zu schließen waren. Dass die Akten der KdF-Reichsleitung im Zweiten Weltkrieg und somit ein Großteil der Primärquellen vernichtet wurden, mag ebenfalls zu dem verspäteten wissenschaftlichen Interesse geführt haben.

Die erste Dissertation2 der Nachkriegszeit zum Thema erschien erst 1976. Der Historiker und Tourismusforscher Hasso Spode lieferte 1982eine umfangreiche Darstellung,3 die als Standard- werk zum Thema NS-Tourismus bezeichnet werden darf. Spode behandelt insbesondere die Fra- ge, inwieweit bei KdF-Reisen von „Arbeiterurlaub“ die Rede sein kann. Lesenswert ist auch das Kapitel „Tourismus in der Zeit des Nationalsozialismus“ in Rüdiger Hachtmanns „Tourismus- Geschichte“4. Über „Kraft durch Freude“ gibt es nur eine Monographie der US-Amerikanerin Shelley Baranowski.5 Ansonsten finden sich einzelne Aufsätze in Sammelbänden zur NS- Sozialpolitik, Freizeitgeschichte (Spode) oder Alltagskultur in „Dritten Reich“ (Badinger)6. Nur ein Beitrag (Mário Matos)7 beleuchtet die Perspektive eines der Reiseziele von KdF, in dem por- tugiesische Quellen einbezogen werden. Die meisten Autoren gehen politikgeschichtlich vor und untersuchen Tourismus innerhalb der gängigen politisch-historischen Zäsuren, indem sie ihre Untersuchungen hauptsächlich auf 1933 bis Kriegsbeginn 1939 beschränken. Das haben sowohl Peter Brenner8 als auch Christine Keitz9 kritisiert, da es Kontinuitäten des Reisens in der Zwi- schenkriegszeit ausblendet. Trotz dieser Kritik habe auch ich mich entschieden, keine privat or- ganisierten Reisen außerhalb des KdF-Spektrums zu beleuchten, da es mir weniger um eine Tou- rismusgeschichte im Nationalsozialismus als vielmehr um Reisen als Teil des Herrschaftssy- stems geht. Diese Hausarbeit stützt sich auf hauptsächlich auf die genannte Forschung sowie eigene Recherchen im Archiv der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg.

Im ersten Kapitel soll dargestellt werden, welche konkreten Veränderungen das nationalsoziali- stische Regime im Tourismus erreicht hat. Nach einem kurzen Abriss über das Reisen vor Hitlers „Machtergreifung“ wird die Urlaubspolitik der NSDAP skizziert. Im anschließenden zweiten Kapitel werden die Funktionen der dafür zuständigen Institutionen dargestellt: Die Deutsche Arbeitsfront (DAF) sollte einen Ersatz für die zerschlagenen Gewerkschaften darstellen. In ihr waren alle Arbeitnehmer erfasst. Die Unterorganisation „Kraft durch Freude“ organisierte in dem Amt „Reisen, Wandern, Urlaub (RWU)“ die Urlaubs-Fahrten. Dessen Tätigkeiten und das Spektrum der unter nationalsozialistischer Flagge initiierten Reisen sollen in Form eines knappen Überblicks dargestellt werden.

Diese Hintergrundinformationen dienen als Grundlage für den nächsten Abschnitt dieser Haus- arbeit (Kapitel 3), in dem die ideologischen Aspekte des NS-Tourismus herausgearbeitet werden. Vordergründig ist hier die Bedeutung der „Volksgemeinschaft“ als Leistungsgesellschaft. Die NS-Führung betonte einerseits den wichtigen regenerativen Aspekts des Urlaubs, unterstrich allerdings andererseits den Wert der Arbeit und propagierte einen neuen Arbeitsethos. Zentral hierfür waren die Aufwertung der Faust- gegenüber der Stirnarbeit. Eine Freizeitgesellschaft galt es zu vermeiden, insbesondere im Hinblick auf die Rüstungs- und Kriegspläne. Die Integration der Arbeiterschaft in die „Volksgemeinschaft“ mit dem Instrument des staatlichen Tourismus soll diskutiert werden.

Im vierten Kapitel steht das Prachtstück des Amtes „Kraft durch Freude“ im Mittelpunkt: Die Hochseefahrten. Anhand dieser Schiffsreisen werden der Propaganda-Aufwand, die Agitation an Bord, soziale Zusammensetzung, politische Selektion und Überwachung sowie der außenpolitische und militärische Aspekt der Auslandsfahrten untersucht.

In einem letzten kurzen Kapitel erfolgt eine kurze kritische Bewertung. Dabei werden die Grenzen der „Volksgemeinschaft“ anhand der Tourismuspolitik aufgezeigt. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im September 1939 war das Ende der KdF-Reisen besiegelt. Die hochtrabenden Zukunftspläne der DAF-Führung konnten nicht mehr realisiert werden. Abschließend wird die zeitgenössische Wahrnehmung der KdF-Touristik erwähnt, bevor im Schlusskapitel neben einer Zusammenfassung auch die Frage beantwortet werden soll, inwiefern die „Demokratisierung des Reisens“ durch die Nationalsozialisten geglückt ist.

1. Einführende Aspekte

1.1. Reisen vor 1933

Zu den zahlreichen Mythen des Nationalsozialismus zählen neben dem Autobahnbau, der gerin- gen Arbeitslosigkeit und dem Muttertag auch die vom Amt „Kraft durch Freude“ organisierten Reisen. Laut der Zeitung Die Welt glaubt jeder vierte Deutsche noch 60 Jahre nach dem Zusam menbruch des Hitler-Regimes, dass das „Dritte Reich“ auch positive Seiten hatte.10 Die enorme Popularität des staatlichen Tourismus in Verbindung mit einem gewaltigen propagandistischen Aufwand mögen zu dem Bild beigetragen haben, dass unter nationalsozialistischer Herrschaft jedermann eine luxuriöse Reise habe antreten können. Selbst in der Wissenschaft vergingen Jahrzehnte, bis die Sicht, dass die Nationalsozialisten das Reisen demokratisiert hätten, revidiert wurde. In einem Versuch, die Absichten der Urlaubspolitik und der von KdF veranstalteten Fahr- ten zu hinterfragen, soll an dieser Stelle zunächst ein kurzer Abriss über das Reisen und Urlaubs- ansprüche vor der „Machtübergreifung“ Hitlers 1933 einen Überblick verschaffen.

Der Historiker Rüdiger Hachtmann stellt fest: „Der Tourismus ist ein Kind der bürgerlichen Ge- sellschaft.“11 Einhergehend mit der Industrialisierung auf wirtschaftlicher sowie der Emanzipati- on auf politisch-gesellschaftlicher Ebene entstanden im 19. Jahrhundert Strukturen, die das Rei- sen einem wachsenden Personenkreis ermöglichten. Bürgerliche Kreise verschlug es in die Al- pen, sie gründeten Wandervereine, reisten zum Meer. Vorreiter dieser Entwicklung war England. Thomas Cook gründete bereits 1845 das erste Reisebüro. Das Bürgertum kopierte adliges Frei- zeitverhalten, profitierte vom Ausbau des Zugverkehrs und dem Bau von Hotels. Bildungsreisen waren ebenso en vogue wie der Besuch von Heil- und Seebädern. Auffällig ist, dass bürgerlicher Tourismus bis Mitte des 20. Jahrhunderts vorwiegend ein Privileg der Männer war.

Im Gegensatz zum Bürgertum war eine Urlaubsreise in Arbeiterkreisen eine äußerst seltene Form der Freizeitgestaltung. Weil die Grundvoraussetzungen für das Reisen ausreichend Zeit und Geld sind, kamen Arbeiter kaum in den Genuss einer Reise. Der Urlaubsanspruch musste erst erkämpft und vor allem durchgesetzt werden. Für die Mehrheit der Arbeitnehmer im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts blieb Urlaub ein unerfüllter Wunsch. Bis zu Beginn des Ersten Weltkriegs fanden sich in den wenigsten Tarifverträgen Urlaubsbestimmungen. In der Weimarer Republik bestanden tarifliche Ansprüche auf wenige Urlaubstage.12 Die Dauer der freien Zeit war zu kurz und das Verlassen des Wohnorts zu teuer um zu verreisen. Denn selbst in der „stabi- len Phase“ der Weimarer Republik nach der Währungsstabilisierung 1924 waren die effektiven Löhne der Arbeiter so niedrig, dass selbst höher gestellte Arbeiter keine Reisen im Sinne mehr- tägiger Fahrten machen konnten. Oftmals wurde der Urlaubsanspruch abgegolten, da es bei Wei terarbeit während der Urlaubszeit den doppelten Lohn gab.13 Hachtmann kommt zu dem Schluss, das Tourismus als „praktiziertes Recht auf Urlaub letztlich ein Privileg des Bürgertums und des Mittelstandes“ blieb.14

Dennoch weist er darauf hin, dass - zwar quantitativ geringe - autonome proletarische Touris- mustraditionen existierten.15 Hierzu zählt das Wandern. Diese Bewegung erfuhr seit den 1920er Jahren starken Zulauf und war insbesondere bei der Jugend beliebt. Vielerorts gründeten Men- schen Wandervereine. Der bekannteste, die „Naturfreunde“, wuchs auf 65.000 Mitglieder im Jahr 1925 an. Von Anfang an waren die Naturfreunde sehr eng mit der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung verbunden.16 Die Ausflüge waren häufig auf einen Tag - meist Sonntag - beschränkt. Nur wenige Wanderungen umfassten das gesamte Wochenende. Im Zuge der Wirt- schaftskrise und der erhöhten Arbeitslosigkeit ab 1929 konnten zunehmend weniger Menschen den Mitgliedsbeitrag aufbringen.

Im Gegensatz zu Großbritannien gab es im Deutschen Reich nur zögerliche und späte Ansätze sozialtouristischer Aktivitäten. Ab 1929 baute der ADGB einige Reisebüros auf, die aber „vor dem Hintergrund rasch wachsender Erwerbslosenzahlen und sinkender Arbeitnehmereinkommen über erste Anfänge nicht hinauskamen.“17 Das dort geschaffene Angebot überstieg die finanziellen Möglichkeiten fast aller Arbeiter. So rechnet Hasso Spode, dass ein unverheirateter, kinderloser Arbeiter für eine der vom ADGB angebotenen Auslandsreisen im Schnitt 10 bis 20 Jahre hätte sparen müssen. Somit kommt er zu dem Schluss, dass alle Ansätze zu einer „Demokratisierung“ des Reisens vor 1933 die Arbeiterschaft nur indirekt berührt hätten.18

1.2. NS-Urlaubspolitik

Bald nachdem die Nationalsozialisten die Macht im Staat übernommen hatten, erkannten sie die Themen Urlaubsanspruch und arbeitsfreie Zeit als relevant an und kündigten Verbesserungen an. Adolf Hitler selbst betonte in einer Rede vor der Deutschen Arbeitsfront die Wichtigkeit von Urlaub und Erholung für die Arbeiterschaft. Gleichzeitig wird in dem folgenden Zitat der psychologische Stellenwert der nationalsozialistischen Urlaubspolitik deutlich:

„Ich will, dass dem deutschen Arbeiter ein ausreichender Urlaub gewährt wird und dass alles geschieht, um ihm diesen Urlaub, sowie seine übrige Freizeit zu einer wah ren Erholung werden zu lassen, denn nur allein mit einem Volk, das seine Nerven behält, kann man wahrhaft große Politik machen.“19

Die Veränderungen der Urlaubsregelung standen ganz im Zeichen der geplanten Aufrüstung. Hitlers Forderung nach einem nervenstarken und physisch erholtem Volk war eine Grundvoraus- setzung für dessen Pläne, eine starke Armee und eine eiserne „Volksgemeinschaft“ aufzubauen. Der Leiter der Deutschen Arbeitsfront, Robert Ley, verkündete bereits 1933 Pläne einer drei- bis vierwöchigen Jahresfreizeit.20 Im Wissen um die zukünftigen Anstrengungen, die von der arbei- tenden Bevölkerung abverlangt würden,21 forderte Ley zum einen Arbeitszeitverkürzungen, um den physischen und psychischen Ruin der Arbeiterschaft zu verhindern. Zum anderen sollte mehr Ausgleich zum strapaziösen Arbeitsalltag geschaffen werden. Der regenerative Wert der Freizeit sei auch von finanziellen Nutzen für den Arbeitgeber, denn ein erholter Arbeiter könne noch besser arbeiten: „Es ist dem Arbeitgeber nicht von Nutzen, wenn ein müder und abgespann- ter Mensch dort schafft. Ist ein Mensch aber frisch, dann holt er leicht das ein, was der bezahlte Urlaub ausmacht.“22

Damit war der Reichsorganisationsleiter auf der Höhe zeitgenössischer arbeitswissenschaftlicher Forschung. Diese unterstrich den Zusammenhang von Arbeitethik und Arbeitsfreude und betonte die Notwendigkeit, insbesondere Arbeiter besser in die Gesellschaft zu integrieren. Die Nationalsozialisten machten sich diese Erkenntnisse zu Eigen und fügten sie in ihre Rhetorik einer „Volks- und Leistungsgesellschaft“ ein.23

Der Nationalsozialismus stieß in eine Lücke, welche die Gewerkschaften in der Weimarer Repu- blik nicht ausgefüllt hatten. Bei der Machtübernahme bestanden keine einheitlichen Urlaubsrege- lungen. Insbesondere bei der Urlaubsdauer gab es erhebliche Unterschiede. Als Bemessungs- grundlage sollte fortan zunehmend die Dauer der Betriebszugehörigkeit vorrangig sein, weniger entscheidend waren Region, Qualifikation und Branche.24 Es wurden Richtlinien verfasst, die empfehlenden Charakter hatten. Ley drang nach einer gesetzlichen Regelung des Urlaubs. Dazu kam es im „Dritten Reich“ jedoch nicht mehr. Es wurden lediglich für Jugendliche und das Bau- gewerbe gesetzliche Bestimmungen erlassen. Dennoch habe es ab 1936/1937 eine „deutliche Vereinheitlichung im Sinne der ‚Richtlinien’“ gegeben.25 Die Jahresfreizeit betrug sechs bis zwölf Tage, womit die NSDAP-Führung zwar weit entfernt von den angekündigten drei bis vier Wochen lag, dennoch weit über dem Niveau von vor 1933.

Insbesondere bei jungen Arbeitnehmern bestand dringender Reformbedarf der Arbeitsbedingun- gen und Freizeitregelungen. Das Jugendamt stellte fest, dass fast jeder dritte Jugendliche nicht voll leistungsfähig sei. Die NS-Führung forderte daher ausreichenden Urlaub für junge Arbeit- nehmer, schließlich könne sie sich keine gesundheitlich geschädigte Jugend leisten. Darüber hin- aus hätten ohne entsprechenden Urlaub die Jugendlichen nicht an HJ-Lagern teilnehmen können. So wurde 1938 ein Jugendgesetz verabschiedet, dass für unter 16-jährige mindestens 15 Tage, für 16- bis 18-jährige zwölf Tage arbeitsfreie Zeit verordnete. Der Urlaub sollte zusammenhän- gend genommen werden und zeitlich so gewählt sein, dass die Teilnahme an einem HJ-Lager gewährleistet war.26 Der Zusammenhang zwischen Urlaub und politischer Indoktrination im Sin- ne der nationalsozialistischen Ideologie wird hier überdeutlich. Eine mit Hilfe des Urlaubs rege- nerierte Jugend war die Grundvoraussetzung, langfristig eine tüchtige Armee aufzubauen.

Ganz im Sinne der Ideologie, eine „Volksgemeinschaft“ zu schaffen,27 sollten die Instrumente der NS-Urlaubspolitik - Ausdehnung des Urlaubsanspruchs auf alle unselbständig Beschäftigten sowie Verlängerung des Urlaubsdauer - wirken. Die auf Nivellierung der sozialen Unterschiede innerhalb der arbeitenden Bevölkerung abzielende Urlaubspolitik28 sollte einen Kontrast zur Weimarer Republik darstellen, in der die Klassengegensätze Identifikation stiftend waren. Selbst die sich im Exil befindenden Sozialdemokraten (SoPaDe) räumten in ihren „Deutschland- Berichten“ den „psychologischen Wert“ und die „propagandistische Wirkung“ dieser Maßnah- men ein.29 Zusätzlich dienten die quantitative Erhöhung des Urlaubs und seine juristische Neu- bestimmung auch der Hebung des Lebensstandards. Auch dieser Effekt kam dem Ziel, die Arbei- ter stärker in die Gemeinschaft zu integrieren, zugute. Tatsächlich dienten die Veränderungen als indirekte Lohnerhöhungen - direkte Hebungen des Lohnniveaus wünschte das Regime nicht.

Hasso Spode kommt zu dem Schluss, dass die Urlaubsregelungen im ‚Dritten Reich’ „bedeutend günstiger waren als jemals zuvor oder in irgendeinem anderen Land.“ Die konkreten Verbesse- rungen bezogen sich auf die Urlaubsdauer, die tatsächliche Inanspruchnahme des Urlaubs, die Erweiterung der Anspruchsberechtigten und die weitgehende Angleichung der zuvor stark vari ierenden Bestimmungen.

Die Jahresfreizeit sollte nicht nur erweitert werden, sondern auch nach NS-Maßstäben „sinnvoll“ genutzt werden. Es dürfe keine Langeweile in der Freizeit entstehen, weil daraus Ley zufolge verbrecherische Gedanken resultieren könnten.30 Der Urlaub sollte zweckmäßig der Regeneration dienen, um die erwähnte Nervenstärke und körperliche Belastbarkeit zu garantieren. Um diese Zweckmäßigkeit garantieren zu können, war die Schaffung einer Organisation als einheitlichen Ort für die Verbreitung nationalsozialistischen Gedankenguts und körperlicher Erholung unter staatlicher Kontrolle ein folgerichtiger Schritt.

2. Arbeit und Freizeit im „Dritten Reich“ - die Institutionen

2.1. Die „Deutsche Arbeitsfront“

Nach der Zerschlagung der Gewerkschaften wurde am 10. Mai 1933 die Deutsche Arbeitsfront (DAF) als Einheitsverband der arbeitenden Bevölkerung gegründet. Sie war ein zentrales Organ zur Kontrolle und Indoktrination ihrer Mitglieder. Im Gegensatz zu den freien Gewerkschaften der Weimarer Republik kam der DAF weniger die Rolle der Interessenvertretung der Arbeit- nehmer als vielmehr derer politischer Erziehung zu. Denn aus materiellen Fragen wie Lohnver- handlungen hatte sich die DAF rauszuhalten. Lohnerhöhungen waren ausgeschlossen, weil die gesamte Volkswirtschaft zur Kriegsvorbereitung umgestellt wurde. Der britische Historiker Ti- mothy Mason spricht von einer „Rüstungskonjunktur, zu deren Gunsten alle anderen Ansprüche an die volkswirtschaftlichen Reserven zurückgedämmt wurden.“31 Die wirtschaftspolitischen Grundsatzentscheidungen der Reichsregierung seien einfach gewesen und hätten zugleich voll- kommen den Interessen der Träger dieser Konjunktur, d.h. der Produktionsgüterindustrie ent- sprochen. Mason argumentiert, dass beide Seiten den Lohn- und Preisstand vom Januar 1933 unbedingt festhalten wollten. Voraussetzung dafür sei vor allem die Zerschlagung der Gewerk- schaften gewesen, da somit Lohnforderungen weitgehend ausgeschaltet wurden, „mit dem Er- gebnis, dass der für Investitionen bereitstehende Gewinn in der Wirtschaft maximiert und zu- gleich einer der wichtigsten Kostenfaktoren relativ stabil gehalten werden konnte.“32 Für die DAF ergab sich das Dilemma, dass sie Arbeiter für das Regime begeistern sollte, ohne eine Ver- tretung mit sozialpolitischer Macht zu sein, die sich wahrhaftig für die Interessen ihrer Mitglie- der einsetzen könnte. Daher erschien es sinnvoll, sich auf den Bereich der Freizeit zu konzentrie- ren.

[...]


1 H. Krapfenbauer: Die sozialpolitische Bedeutung der NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“, Diss. Nürnberg

1937, S.22, zitiert nach: Hasso Spode: „Der deutsche Arbeiter reist“. Massentourismus im Dritten Reich, in: Gerhard Huck (Hg.): Sozialgeschichte der Freizeit, Wuppertal 21982, S. 281-306, hier S. 294.

2 Wolfhard Buchholz: Die nationalsozialistische Gemeinschaft „Kraft durch Freude“. Freizeitgestaltung und Arbeiterschaft im Dritten Reich, München 1976. Eine weitere Dissertation, die sich überwiegend auf Buchholz’ und Spodes Text- und Argumentations-Strukturen stützt, schrieb Bruno Frommann: Reisen im Dienste politischer Zielsetzungen. Arbeiter-Reisen und „Kraft durch Freude“-Fahrten, Stuttgart 1992.

3 Hasso Spode: Arbeiterurlaub im Dritten Reich, in: Carola Sachse, Tilla Siegel et al. (Hg.): Angst, Belohnung,

Zucht und Ordnung. Herrschaftsmechanismen im Nationalsozialismus, (Schriften des Zentralinstituts für sozialwissenschaftliche Forschung der Freien Universität Berlin, Bd. 41), Opladen 1982, S. 275-328.

4 Rüdiger Hachtmann: Tourismus-Geschichte, Göttingen 2007. Zusätzlich veröffentlichte Hachtmann eine ausführ- lichere Version als online-pdf: Derselbe: Tourismus in der Zeit des Nationalsozialismus, [www.utb- stuttgart.de/2866_NS-Tourismus.pdf ], Göttingen 2007.

5 Shelley Baranowski: Strength Through Joy. Consumerism and Mass Tourism in the Third Reich, Cambridge und New York 2004.

6 Anton Badinger: Lust auf Lebensraum. Massentourismus im Nationalsozialismus, in: Hubert Christian Ehalt (Hg.): Inszenierung der Gewalt. Kunst und Alltagskultur im Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 1996, S. 101-134.

7 Mário Matos: Tourismus und „Totale Mobilmachung“ oder Kraft durch Freude-Auslandsreisen als interkulturelle Inszenierung, in: Karl-Siegbert Rehberg, Walter Schmitz u.a. (Hg.): Mobilität - Raum - Kultur. Erfahrungswandel vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Dresden 2005, S. 247-265.

8 Peter J. Brenner (Hg.): Reisekultur in Deutschland. Von der Weimarer Republik zum ‚Dritten Reich’, Tübingen 1997.

9 Christine Keitz: Reisen als Leitbild. Die Entstehung des modernen Massentourismus in Deutschland, München 1997. 3

10 Wolfgang Benz: NS-Mythen, an die Deutsche immer noch glauben, in: Die Welt vom 21. Oktober 2007, online abgerufen am 20.07.2009 unter

[http://www.welt.de/kultur/article1282653/NS_Mythen_an_die_Deutsche_immer_noch_glauben.html].

11 Hachtmann: Tourismus-Geschichte, S. 15.

12 So hatten laut Hachtmann 1931 knapp zwei Drittel der Arbeitnehmer, denen nach Tarifverträgen Urlaub zustand, lediglich einen Anspruch auf maximal drei Tage. Siehe Hachtmann: Tourismus-Geschichte, S. 101.

13 Spode: Arbeiterurlaub, S. 279.

14 Hachtmann: Tourismus-Geschichte, S. 101.

15 Ebenda, S. 99ff.

16 Ebenda, S. 102.

17 Ebenda, S. 106.

18 Spode: Massentourismus, S. 289. Zu nennen wäre in diesem Zusammenhang noch die Jugendherbergsbewegung, die auszuführen an dieser Stelle zu weit führen würde.

19 Adolf Hitler: Rede während der DAF Entscheidungssammlung Jg. 1937, Sonderheft „Das Recht des Urlaubs“, 6. Folge, S. 123. Zitiert nach Badinger, S. 104.

20 Robert Ley: Durchbruch der sozialen Ehre. Reden und Gedanken für das schaffende Deutschland, hrsg. v. Hans Dauer, Berlin 1937, S. 41.

21 Ley selbst kündigte bereits 1933 an, dass „das Arbeitstempo, die Arbeitsmethoden, die Mechanisierung und Rationalisierung bestimmter Industrien bei weitem erhöht werden“ müssten. Zitiert nach Badinger, S. 103.

22 Zitiert nach Buchholz, S. 103.

23 Spode: Arbeiterurlaub, S. 293.

24 Ebenda, S. 280.

25 Ebenda.

26 Ebenda, S. 283.

27 Siehe Kapitel 3.1.

28 Die Kluft zwischen „Arbeitern der Stirn“ und „Arbeitern der Faust“ sollte verringert und die Handarbeit aufgewertet werden. Diese Nivellierung war ein zentrales Theorem der NS-Propaganda. Siehe Kapitel 3.

29 Sopade, 6 (1939) 1, S.52, zitiert nach Spode: Arbeiterurlaub, S. 286.

30 Spode: Arbeiterurlaub, S. 291.

31 Timothy W. Mason: Sozialpolitik im Dritten Reich. Arbeiterklasse und Volksgemeinschaft, Opladen 21978, S. 147.

32 Ebenda.

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Mit „Kraft durch Freude“ auf Reisen
Untertitel
Ideologie und Propaganda des nationalsozialistischen Tourismus
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
37
Katalognummer
V165873
ISBN (eBook)
9783640816774
ISBN (Buch)
9783640820320
Dateigröße
637 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tourismus, Kraft durch Freude, Freizeit, Nationalsozialismus, Hochseefahrten, Propaganda
Arbeit zitieren
Sarah Gottschalk (Autor), 2007, Mit „Kraft durch Freude“ auf Reisen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165873

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