Wolframs von Eschenbach „Titurel“ ist ein einzigartiges Werk, das bis heute seine Faszination auf die Leser nicht eingebüßt hat. Wolframs unvollendete Dichtung ist ein „Unicum“ : Der „Titurel“ besteht aus zwei inhaltlich nicht zusammenhängenden Fragmenten, einem längeren (125 Strophen) und einem kürzeren (39 Strophen) Fragment. Es ist das erste höfische Epos in strophischer Form. Strophisches Erzählen war zunächst ein Kennzeichen der Heldenepik. Daher nahm Wolfram auch seine Anregungen und verfasste seinen „Titurel“, in Anlehnung an das Nibelungenlied, auch in Strophen.
Die Form des „Titurel“, die Erzählerrolle, die Sprache und Bildlichkeit, alles erscheint neuartig und rätselhaft. Genau diese ungewöhnliche und zugleich faszinierende Poetik soll im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit stehen. Ich werde versuchen, der stilistischen Eigenart von Wolframs schwierigem Alterswerk näher zu kommen.
Dabei soll zunächst auf den Vorgeschichtencharakter des „Titurel“ eingegangen werden und das Verhältnis zum „Parzival“ geklärt werden. Danach wird der Fragmentcharakter des Werkes beleuchtet und die Überlieferung des „Titurel“ vorgestellt. Der „Titurel“ ist in drei Handschriften überliefert, die jedoch sehr stark voneinander abweichen. Hier soll auch der Frage nachgegangen werden, warum Wolfram seinen „Titurel“ nicht zu Ende gedichtet hat. Im Hauptteil dieser Arbeit soll die besondere sprachliche Form des „Titurel“ untersucht werden. Welches Strophenschema liegt dem „Titurel“ zu Grunde? Wurde der „Titurel“ singend nach einer ganz bestimmten Melodie vorgetragen? In welche Gattung lässt sich das Werk einordnen? Diese und andere Fragen sollen in dem Kapitel zur sprachlichen Form beantwortet werden.
Um ein Verständnis für Interpretationen älterer Werke zu entwickeln, ist es zweckmäßig, die Situation des Dichters in seiner Zeit zu betrachten. Daher soll kurz auf die Autorschaft des Mittelalters eingegangen werden, um dann das Verhältnis von Erzähler und Autor des „Titurel“ abzuleiten und eine mögliche Verschmelzung aufzudecken. Hier werde ich auch die unterschiedlichen Erzählerrollen des „Titurel“ gegenüber stellen. Zum Abschluss dieser Arbeit soll noch die außergewöhnliche Sprache des „Titurel“ in ihrer Besonderheit erfasst werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung und Zielsetzung der Arbeit
2 Das Verhältnis zum „Parzival“ - Vorgeschichtencharakter
3 Zum Fragmentcharakter
3.1 Überlieferung
3.2 Problem der Abgeschlossenheit
4 Sprachliche Form - Abkehr vom höfischen Roman
4.1 Sprachliche Form und sprachliche Auswirkung des Strophenschemas
4.2 Melodie
4.3 Versuch einer Gattungsbestimmung
5 Verhältnis von Autor und Erzähler
5.1 Autorschaft im Mittelalter
5.2 Erzähler und Autor
5.3 Erzählerrollen
5.3.1 Zur Polyfunktionalität der Erzählerrede im Parzival
5.3.2 Gegensätzliche Ausformungen der Erzählerrolle
6 Der Erzählstil des „Titurel“
7 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die einzigartige Poetik und die stilistischen Besonderheiten von Wolframs von Eschenbach „Titurel“. Das primäre Ziel besteht darin, die komplexe sprachliche Form, die Funktion der Erzählerrollen sowie den bewussten Umgang mit dem Fragmentcharakter dieses Alterswerks zu analysieren und literaturhistorisch einzuordnen.
- Analyse des „Titurel“ als Vorgeschichte zum „Parzival“
- Untersuchung der Überlieferungssituation und des Fragmentcharakters
- Erforschung der sprachlichen Form und des Strophenschemas
- Diskussion der Rolle des Erzählers und seiner verschiedenen Ausprägungen
- Charakterisierung des Erzählstils durch rhetorische Mittel und sprachliche Verrätselung
Auszug aus dem Buch
3.2 Problem der Abgeschlossenheit
Doch warum hat Wolfram seinen „Titurel“ nicht zu Ende gedichtet? Bezüglich des Fragmentcharakters und der Abgeschlossenheit des „Titurel“ gehen die Forschungsmeinungen auseinander. Besonders die ältere Forschung nahm an, dass beide Fragmente des „Titurel“ als Teile eines größer geplanten Werks zu verstehen sind und nur durch äußere Umstände nicht zu Ende geschrieben wurden. Als äußerer Anlass käme Wolframs Tod in Frage, oder, so Albrecht Classen, auch die Möglichkeit, dass die Manuskripte, die tatsächlich den Abschluss den Werkes boten, später verloren gegangen sind oder verstümmelt wurden. Es sei auch möglich, dass Wolfram den Stil bzw. sein „Experiment“ nicht durchhalten konnte und so das Schreiben abbrach.
Die neuere Forschung geht nun davon aus, dass der „Titurel“ nicht aufgrund eines Zufalls oder durch den Tod Wolframs nur in Bruchstücken überliefert ist, sondern bewusst als fragmentarisches Werk konzipiert worden ist. Als innerer Anlass ließe sich vermuten, dass Wolfram von vornherein die Absicht hatte, seinen „Titurel“ als fragmentarische Anlage zu schaffen, auch wenn dies, so nimmt Wehrli an, zunächst unbewusst geschah. Dass Wolfram bewusst nur ein Fragment beabsichtigt hätte, scheint Wehrli nicht mittelalterlich genug gedacht. Hier unterscheiden sich die Meinungen der Autoren. Während für Wehrli fest steht, dass Wolfram seinen „Titurel“ unbewusst als Fragment geplant hat, versucht Classen hingegen nachzuweisen, dass der poetische Gehalt fragmentarischer Strukturen bereits im Mittelalter erkannt wurde. So bestätigen Wolframs von Eschenbachs Titurel-Fragmente in beeindruckender Weise, dass das Konzept vom Fragment eine wichtige poetologische Größe in seinem Denken darstellte.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung und Zielsetzung der Arbeit: Vorstellung des „Titurel“ als unvollendetes Werk und Definition der Forschungsfragen zur Poetik und Stilistik.
2 Das Verhältnis zum „Parzival“ - Vorgeschichtencharakter: Erläuterung der Titurel-Dichtung als nachträgliche Vorgeschichte zur Liebesgeschichte von Sigune und Schionatulander.
3 Zum Fragmentcharakter: Analyse der handschriftlichen Überlieferung und Diskussion, ob die Fragmentierung beabsichtigt oder zufällig ist.
4 Sprachliche Form - Abkehr vom höfischen Roman: Untersuchung des Strophenschemas, der ungeklärten Melodiefrage und des Versuchs einer gattungsmäßigen Einordnung.
5 Verhältnis von Autor und Erzähler: Betrachtung der mittelalterlichen Autorschaft sowie Differenzierung der expliziten Erzählerrollen im Werk.
6 Der Erzählstil des „Titurel“: Analyse der komplexen Erzählmittel, die zu einer bewussten Verrätselung und Zerrüttung der Erzählung führen.
7 Zusammenfassung: Rekapitulation der wesentlichen Erkenntnisse über die außergewöhnliche Poetik Wolframs.
Schlüsselwörter
Wolfram von Eschenbach, Titurel, Parzival, Mittelalter, Fragmentcharakter, Erzählerrolle, Strophenschema, Poetik, Literaturwissenschaft, Sigune, Schionatulander, Erzählstil, Überlieferung, höfische Dichtung, literarische Analyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert Wolframs von Eschenbach „Titurel“ als ein hochkomplexes, fragmentarisches Werk der mittelalterlichen Literatur und untersucht dessen stilistische sowie poetische Eigenheiten.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Fokus stehen der Vorgeschichtencharakter zum „Parzival“, der fragmentarische Charakter des Werkes, die sprachliche Formgebung sowie die Rolle und Funktionen des Erzählers.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, der stilistischen Eigenart des schwierigen Alterswerks von Wolfram näher zu kommen und die besondere Poetik zu beschreiben, die den Text so rätselhaft macht.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Die Arbeit nutzt die literaturhistorische Analyse, vergleicht kritische Ausgaben, zieht die aktuelle Forschungsmeinung heran und untersucht narrative sowie formale Strukturen des Textes.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Verhältnisses zum „Parzival“, die Analyse der Überlieferung, die sprachliche Form, die Analyse des Autors und Erzählers sowie die Erläuterung des Erzählstils.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich das Werk charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Fragmentierung, Verrätselung, Autorschaft, strophische Erzählform und die Verknüpfung von Mündlichkeit und Schriftlichkeit definieren.
Warum wird der „Titurel“ als bewusst fragmentarisches Werk bezeichnet?
Die neuere Forschung, wie sie in der Arbeit dargestellt wird, argumentiert, dass die Fragmentierung ein poetologisches Experiment darstellt, um die menschliche Existenz widerzuspiegeln, anstatt ein reines Produkt von Zufällen zu sein.
Welche Rolle spielt der Erzähler in diesem speziellen Text?
Der Erzähler tritt explizit hervor, lenkt die Aufmerksamkeit der Rezipienten und wechselt dabei zwischen der Rolle eines „Verwalters“ des Stoffes (Wir-Form) und einem personalen Erzähler (Ich-Form).
- Citar trabajo
- Angelina Schulz (Autor), 2009, Wolframs von Eschenbach „Titurel“: Formale, strukturelle und sprachliche Besonderheiten, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165925