Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Frage nach dem Einfluss von Klimaveränderungen auf Heirat und Geburten im Bezirk Kitzbühel von 1700 bis 1914. Ausgehend von der malthusianischen These von der Nahrung als Hemmnis für das Bevölkerungswachstum wird in dieser Arbeit die Frage gestellt, ob klimatisch schlechte Jahre, in denen die Ernte verdirbt, Menschen dazu bringen, Heirat und Geburten zu verschieben. Der Bogen spannt sich dabei von der Klimageschichte, der Sozialgeschichte, der Wirtschaftsgeschichte bis zur Bevölkerungsgeschichte. In Bezug auf die Witterung ist die Wahrnehmung klimatischer Bedingungen durch die Bevölkerung der wesentliche Indikator. Diese Wetterwahrnehmung resultiert aus Berichten von Zeitzeugen und Aufzeichnungen. In weiterer Folge wird der Zusammenhang von Witterungsbedingungen mit materiellen, kulturell-intellektuellen und politischen Aspekten diskutiert. Die verwendeten Daten kommen aus dem Stadtarchiv Kitzbühel (vor allem hinsichtlich der wirtschaftlichen Grundlagen) und aus den Matrikeln der Pfarren (für die Bevölkerungsbewegung, das heißt Geburten, Trauungen und Sterbefälle). Mittels Zeitreihenanalyse wurde ein allfälliger Zusammenhang zwischen der Wahrnehmung des Wetters durch die Bevölkerung einerseits und Heirats- und Geburtenraten andererseits analysiert. Die Ergebnisse legen nahe, dass es zwischen der Wahrnehmung klimatischer Bedingungen und demographischen Prozessen keinen Zusammenhang gab.
Inhaltsverzeichnis
- 1. Einleitung
- 2. Stand der Forschung
- 2.1. Forschungsfrage
- 2.2. Untersuchungsregion
- 2.2.1. Aurach
- 2.2.2. Brixen im Thale
- 2.2.3. Fieberbrunn
- 2.2.4. Going am Wilden Kaiser
- 2.2.5. Hochfilzen
- 2.2.6. Hopfgarten im Brixental
- 2.2.7. Itter
- 2.2.8. Jochberg
- 2.2.9. Kirchberg in Tirol
- 2.2.10. Kirchdorf in Tirol
- 2.2.11. Die Stadt Kitzbühel
- 2.2.12. Kössen
- 2.2.13. Oberndorf in Tirol
- 2.2.14. Reith bei Kitzbühel
- 2.2.15. St. Jakob in Haus
- 2.2.16. St. Johann in Tirol
- 2.2.17. St. Ulrich am Pillersee
- 2.2.18. Schwendt
- 2.2.19. Waidring
- 2.2.20. Westendorf
- 3. Wetter, Wetterextreme, Klima
- 3.1. Klimazonen Tirols
- 3.2. Klimaveränderungen in der Zeit von 1700 bis 1914
- 3.3. Witterungsbedingungen von 1700 bis 1914
- 3.4. Die Wahrnehmung des Klimas in der Bevölkerung und die Landwirtschaft
- 4. Aspekte der Klimaveränderungen
- 4.1. Materieller Aspekt
- 4.2. Der kulturell – intellektuelle Aspekt
- 4.3. Der politische Aspekt
- 4.4. Fazit
- 5. Bevölkerungsentwicklung
- 5.1. Trauungen
- 5.2. Geburten
- 5.3. Todesfälle
- 6. Zusammenhang der Bevölkerungsentwicklung mit der Wetterwahrnehmung
- 6.1. Zusammenhang der Heiratsraten mit der Wetterwahrnehmung
- 6.2. Zusammenhang der Geburtenrate mit der Wetterwahrnehmung
- 7. Fazit
- 8. Anhang
- 8.1. Quellen
- 8.2. Methoden
- 8.3. Wetterwahrnehmung
- 8.4. Münzwesen in Tirol
- 8.5. Gewichtsäquivalente
- 8.6. Lohn- und Preistabellen
- Daten: Stadtarchiv Kitzbühel
- 8.7. Bevölkerungsstatistik
- 9. Literatur
- 9.1. Internetquellen
- 9.2. Archivquellen
- 2. Stand der Forschung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Dissertation befasst sich mit der Frage nach dem Einfluss von Klimaveränderungen auf Heirat und Geburten im Bezirk Kitzbühel zwischen 1700 und 1914. Sie untersucht, ob klimatisch schlechte Jahre, in denen die Ernte ausfiel, Menschen dazu veranlassten, Heiraten und Geburten zu verschieben, und wie die Bevölkerung in der Vergangenheit auf klimatische Herausforderungen reagierte. Die zentrale Forschungsfrage lautet: Beeinflusste eine verminderte landwirtschaftliche Produktion aufgrund von schlechter Witterung die Bevölkerungsentwicklung in Bezirk Kitzbühel im Zeitraum von 1700 bis 1914?
- Einfluss von Klimaveränderungen auf Heirat und Geburten
- Analyse der malthusianischen These bezüglich Nahrung und Bevölkerungswachstum
- Rekonstruktion von Witterungsbedingungen und Naturkatastrophen
- Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Wetterwahrnehmung und demographischen Prozessen
- Betrachtung materieller, kulturell-intellektueller und politischer Aspekte im Kontext von Klimaveränderungen
- Analyse der Bevölkerungsentwicklung im Bezirk Kitzbühel von 1700 bis 1914
Auszug aus dem Buch
3. Wetter, Wetterextreme, Klima
Zunächst die grundlegende Unterscheidung zwischen Wetter, Wetterextremen und Klima: Als Wetter bezeichnet man den augenblicklichen Zustand der Atmosphäre an einem bestimmten Ort, wie Sonnenschein, Niederschlag, Temperatur, Luftdruck, Wind. Diese Phänomene ändern sich kurzfristig, manchmal sogar stündlich. Der Begriff Klima impliziert Aussagen über typische, durchschnittliche meteorologische Verhältnisse von Orten oder Regionen. Aus der Wettervielfalt werden mittels statistischen Berechnungen Kerngrößen ermittelt, beispielsweise durchschnittliche Temperatur- und Niederschlagswerte, Standardabweichungen, Maxima und Minima.111
Wetterextremereignisse weichen von meteorologischen Durchschnittsparametern stark ab und sind meist mit dem Durchzug von Tiefdruckgebieten verbunden, die zu starken Niederschlägen und orkanartigen bodennahen Stürmen führen. Doch auch extreme Kälte, Hitze und Trockenperioden zählen zu Wetterextremen. Hauptverantwortlich für Temperaturanomalien sind entweder ein polwärts oder ein äquatorwärts gerichteter Transport von Luftmassen, verbunden mit stationären Hoch- und rasch vorbeiziehenden Tiefdruckgebieten. Direkte Aufheizung oder Abkühlung durch Strahlung kann solche Extreme verstärken oder abschwächen. Ein Beispiel für tiefe Temperaturen und Regen im Sommer, wie es in der kleinen Eiszeit vermutlich oft der Fall war, ist ein Tiefdruckgebiet im baltischen Raum, das zum Transport von kühlen nordatlantischen Luftmassen nach Zentraleuropa führt.112
Trocken- und Hitzeperioden entstehen wiederum, wenn ein ausgedehntes stationäres Hochdruckgebiet über Zentraleuropa liegt. Dieses Hoch blockiert Tiefdruckgebiete, die aus westlicher Richtung nach Europa ziehen, und lenkt sie nach Skandinavien oder Südeuropa um. Eine solche Wetterlage führt im Winter zu Trockenheit und im Sommer durch die vermehrte Sonneneinstrahlung zu Hitzewellen und Dürre.113
Eine klassische Definition des Klimas lautet: „Unter Klima verstehen wir die Gesamtheit der meteorologischen Erscheinungen, die den mittleren Zustand der Atmosphäre an irgendeiner Stelle der Erdoberfläche kennzeichnen.“114
Vereinfacht kann Klima als das durchschnittliche Wetter definiert werden. Klimaveränderungen können dabei so fein sein, dass sie anhand des täglichen, monatlichen oder jahreszeitlichen Wetters nicht spürbar sind, oder so extrem vorkommen, dass sie über der statistischen Schwankungsbreite liegen. Im Vergleich zur mittelalterlichen Warmzeit gab es in der Kleinen Eiszeit (1560 bis 1850) eine Zunahme von monatlichen oder jahreszeitlichen Kaltanomalien. Andererseits wurden in der Kleinen Eiszeit ebenso außergewöhnlich warme Sommer und Winter festgestellt.115
Ein gleichmäßiges Klima stellt sich ein, wenn die Randbedingungen wie Einstrahlungsintensität, die Rückstrahlung von der Erdoberfläche, die Treibhausgaskonzentration und der strahlenwirksame Aerosolgehalt der Atmosphäre über lange Zeiträume konstant bleiben. Obwohl die oben genannten Wetterextreme immer wieder auftreten können, liegen sie meist in der natürlichen Wettervariabilität. Denn erst wenn Änderungen der Randbedingungen so ausgeprägt sind, dass der dreißigjährige Mittelwert von Temperatur und Niederschlägen markant von der Norm abweicht, spricht man von Klimaveränderung. Der wichtigste Parameter des Klimas ist die Konstellation zwischen Erde und Sonne. Sie regelt die Verteilung der Sonnenenergie auf der Erdoberfläche und die Strahlungsaktivität der Sonne. Weitere Faktoren sind die Konzentration der Treibhausgase und Vulkaneruptionen, die die Atmosphäre trüben.116
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik der Auswirkungen von Klimaveränderungen auf die Bevölkerungsentwicklung im Bezirk Kitzbühel von 1700 bis 1914 ein und skizziert den Forschungsrahmen von Klimageschichte bis hin zur Bevölkerungsgeschichte.
2. Stand der Forschung: Hier wird der aktuelle Forschungsstand zur historischen Klimaforschung im Alpenraum dargestellt und die Forschungsfrage, die den Einfluss der Landwirtschaftsproduktion auf die Bevölkerungsentwicklung untersucht, präzisiert. Zudem wird die Untersuchungsregion Kitzbühel und ihre Gemeinden vorgestellt.
3. Wetter, Wetterextreme, Klima: Dieses Kapitel erläutert die grundlegenden Konzepte von Wetter, Wetterextremen und Klima, analysiert die Klimazonen Tirols und rekonstruiert Klimaveränderungen und Witterungsbedingungen im Untersuchungszeitraum. Es beleuchtet auch, wie die Bevölkerung das Klima wahrnahm und welche Auswirkungen dies auf die Landwirtschaft hatte.
4. Aspekte der Klimaveränderungen: Der Einfluss von Klimaveränderungen wird hier anhand materieller, kulturell-intellektueller und politischer Aspekte diskutiert, wobei die Wechselwirkungen zwischen Wetterwahrnehmung, Preisen, Löhnen, gesellschaftlichen Reaktionen und politischen Maßnahmen analysiert werden.
5. Bevölkerungsentwicklung: In diesem Kapitel wird die Entwicklung der Bevölkerungszahlen im Bezirk Kitzbühel beleuchtet, insbesondere Heirats-, Geburten- und Sterberaten, und deren Zusammenhang mit wirtschaftlichen, sozialen und klimatischen Faktoren.
6. Zusammenhang der Bevölkerungsentwicklung mit der Wetterwahrnehmung: Dieses Kapitel untersucht mittels Zeitreihenanalyse, ob und inwiefern die Wetterwahrnehmung Einfluss auf Heirats- und Geburtenraten hatte. Die Ergebnisse zeigen, dass der Heiratswille und der Kinderwunsch nicht von klimatischen Bedingungen oder Weizenpreisen beeinflusst wurden.
7. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Klimaschwankungen zwar Ernten und die finanzielle Lage stark beeinflussten, aber Heirats- und Geburtenentscheidungen in Kitzbühel im 18. und 19. Jahrhundert nicht direkt durch Klima oder Lebensmittelpreise bestimmt wurden.
8. Anhang: Der Anhang enthält detaillierte Informationen zu den verwendeten Quellen, Methoden zur Datenauswertung (z.B. Wetterwahrnehmung-Codierung), sowie Übersichten zum Münzwesen, Gewichtsäquivalenten, Lohn- und Preistabellen und Bevölkerungsstatistik.
9. Literatur: Dieses Kapitel listet alle in der Dissertation verwendeten Literatur- und Quellenangaben auf, unterteilt in gedruckte Werke, Internet- und Archivquellen.
Schlüsselwörter
Klimaveränderungen, Bevölkerungsentwicklung, Kitzbühel, Tirol, Heiratsraten, Geburtenraten, Sterberaten, Wetterwahrnehmung, Landwirtschaft, Ernteausfälle, Preise, Löhne, Malthusianische These, Kleine Eiszeit, Zeitreihenanalyse, 1700-1914, Sozioökonomische Faktoren.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Einfluss von Klimaveränderungen auf die Bevölkerungsentwicklung, insbesondere auf Heirats- und Geburtenraten, im Bezirk Kitzbühel zwischen 1700 und 1914.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder umfassen Klimageschichte, Sozialgeschichte, Wirtschaftsgeschichte und Bevölkerungsgeschichte, wobei der Fokus auf der Wechselwirkung zwischen Klima und gesellschaftlichen Prozessen liegt.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist die Beantwortung der Forschungsfrage: Beeinflusste eine verminderte landwirtschaftliche Produktion aufgrund von schlechter Witterung die Bevölkerungsentwicklung in Bezirk Kitzbühel im Zeitraum von 1700 bis 1914?
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Zur Auswertung der gesammelten Daten, insbesondere für den Zusammenhang der Bevölkerungsentwicklung mit der Wetterwahrnehmung, wird das statistische Verfahren der Zeitreihenanalyse, das ARIMA-Modell, angewendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Definition von Wetter, Wetterextremen und Klima, die historischen Klimazonen Tirols, die Klimaveränderungen von 1700 bis 1914, sowie die materiellen, kulturell-intellektuellen und politischen Aspekte der Klimawahrnehmung und die Bevölkerungsentwicklung in Bezug auf Trauungen, Geburten und Todesfälle.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird charakterisiert durch Schlüsselwörter wie Klimaveränderungen, Bevölkerungsentwicklung, Kitzbühel, Heiratsraten, Geburtenraten, Wetterwahrnehmung und Landwirtschaft.
Wie wurde die Wetterwahrnehmung der Bevölkerung erfasst und codiert?
Die Wetterwahrnehmungen basieren auf subjektiven Berichten von Zeitzeugen aus verschiedenen Quellen und wurden für die statistische Analyse mittels eines angepassten Pfister-Index in numerische Werte (z.B. 0 für "normal", 1 für "mild", -1 für "kühl") codiert.
Welche Rolle spielte der Bergbau im Bezirk Kitzbühel?
Der Bergbau, insbesondere der Kupfer- und Silberbergbau, trug bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts zu einem beachtlichen Wohlstand im Bezirk Kitzbühel bei, erlebte jedoch später einen Rückgang, der zu Abwanderungen und einem Strukturwandel führte.
Was war der "Ehekonsens" und wie beeinflusste er Heiraten in Tirol?
Der "Ehekonsens" war ein politisches Heiratshemmnis, das Paaren, die nicht über ausreichendes Einkommen zur Familienernährung verfügten, die Heirat untersagen konnte, um eine Verarmung der Bevölkerung zu vermeiden. Dieser wurde 1868 aufgehoben.
Was war das Hauptergebnis bezüglich des Zusammenhangs von Wetter und demografischen Entscheidungen?
Das Hauptergebnis der Untersuchung ist, dass der Heiratswille und der Kinderwunsch der Menschen im Bezirk Kitzbühel vermutlich nicht von den klimatischen Gegebenheiten oder den Preisen des Weizens geleitet wurden.
- Citation du texte
- Birgit Obwaller (Auteur), 2025, Die Auswirkungen von Klimaveränderungen auf die Bevölkerungsentwicklung im Bezirk Kitzbühel von 1700 bis 1914, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1659291