Im Rahmen des Proseminars "Einführung in die Kirchengeschichte" wurde unter anderem das Thema des "Kirchenkampfs" in Deutschland zur Zeit des Nationalsozialismus angesprochen. Der Zeitabschnitt von 1933 bis 1945 wird heute noch regelmäßig in den Medien vorgestellt und aufgearbeitet, besonders die Methoden zur Machtergreifung und -erhaltung der Nationalsozialisten. In diesem Zusammenhang frage ich mich, inwieweit sich dies auch in der Betrachtung der vorliegenden Abschrift im Rahmen meiner Quellenanalyse zeigen kann. Hat Pfarrer Bleek Straftaten begannen, die auch nach unserem heutigen demokratischen Rechtsverständnis verurteilt werden würden, oder zeigt der Haftbefehl exemplarisch den verbrecherischen Umgang der nationalsozialistischen Justiz, welcher in der Nachkriegszeit in Prozessen zur systematischen Entnazifizierung zutage gefördert wurden?
Inhaltsverzeichnis
- 1. Einleitung
- 1.1. Authentizität des Textes
- 1.2. Lesbarkeit des Textes
- 2. Quellenkritik
- 2.1. Äußere Kritik
- 2.2. Innere Kritik
- 2.2.1. Formale Gliederung/ Inhaltsangabe
- 2.2.2. Syntaktische und semantische Auffälligkeiten
- 2.2.3. Sachliche Begriffserklärungen
- 2.2.4. Erläuterung der Personennamen und -bezeichnungen
- 2.3. Historisches und geistiges Umfeld
- 2.3.1. Entwicklungen in Deutschland - Deutsche Christen und Bekennende Kirche
- 2.3.2. Kirchenkampf an der Saar
- 3. Interpretation
- 3.1. Betrachtung der zur Last gelegten Geschehnisse im Haftbefehl
- 3.2. Vorgeschichte des Haftbefehls - Kontakt zum Sondergericht
- 3.3. Kritische Betrachtung - Blick auf mögliche Zusammenhänge
- 4. Fazit
- 5. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Quellenanalyse untersucht eine Abschrift eines Haftbefehls gegen den evangelischen Pfarrer Phillip Bleek im Kontext des "Kirchenkampfs" während des Nationalsozialismus. Das primäre Ziel ist es, zu ergründen, ob Bleeks Handlungen Straftaten nach heutigem demokratischen Rechtsverständnis darstellten oder ob der Haftbefehl exemplarisch den verbrecherischen Umgang der nationalsozialistischen Justiz mit Regimegegnern aufzeigt und somit die systematische Entnazifizierung nach dem Krieg bekräftigt.
- Der Kirchenkampf in Deutschland zur Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945).
- Quellenanalyse einer Abschrift eines Haftbefehls.
- Die Rolle und Verfolgung evangelischer Pfarrer (exemplarisch Phillip Bleek) durch die nationalsozialistische Justiz.
- Die Methoden der Machtergreifung und -erhaltung der Nationalsozialisten.
- Rechtsverständnis und Rechtsbeugung unter dem NS-Regime, insbesondere durch Sondergerichte.
Auszug aus dem Buch
Formale Gliederung/ Inhaltsangabe
Im oberen Abschnitt befindet sich die Bezeichnung des Schriftstücks als "Abschrift" sowie die Nennung des Adressaten, den Vorsitzenden des Sondergerichts und das Aktenzeichen 2 SKMs. 63/37. Dann erfolgt die Auflistung personenspezifischer Daten wie Geburts- und Wohnort des zu Verhaftenden. Bleek wird in drei Hauptpunkten beschuldigt, sich gemäß geltenden Rechts folgender Straftaten dringend verdächtig gemacht zu haben:
1. gemeinschaftliche selbständig handelnde Verhinderung eines Gottesdienstes von Pfarrer Blanke mit den mitangeklagten evangelischen Pfarrern Otto Wehr und Anton Eissens am 13.09.1936 in Fechingen,
2. gemeinschaftliche selbständig handelnde Durchführung unangemeldeter Versammlungen unter freiem Himmel am 16., 17. und 18.09.1936 in Fechingen, wodurch es zu einer Gefährdung der öffentlichen Ordnung gekommen ist,
3. drei weitere selbständige Handlungen in Saarbrücken:
a) am 19.01.1937 vor den Eheleuten Laue und
b) am 27.01.1937 im Konfirmandenunterricht gehässige und ketzerische Äußerungen über den Führer, Reichskanzler und über den Reichsleiter der NSDAP Rosenberg, sowie über deren Anordnungen und die von ihnen geschaffenen Einrichtungen gemacht zu haben,
c) am 27.01.1937 den Schüler vorsätzlich durch mehrere Ohrfeigen misshandelt zu haben.
Anschließend wird die Gesetzeslage dargelegt. Die Vorkommnisse seien Vergehen gegen §§ 47, 74, 167, 223 STGB, nach dem § 1 und 16. Abs.1 Nr.2 der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze des Deutschen Volkes vom 04.02.1933 und nach §2 Abs.1 und 2 des Gesetzes gegen heimtückische Angriffe auf Staat und Partei und zum Schutze der Parteiuniformen vom 20.12.1934.
Es wird anschließend der Verdacht geäußert, dass Bleek die Freiheit zu neuen Strafhandlungen missbrauchen werde. Grund dafür sei der Inhalt der Akten 2 Js.239/37 der Staatsanwaltschaft Saarbrücken, nach denen sich Bleek am 25.06.1937 eines Vergehenes gegen § 2 Abs.1 des Heimtückegesetzes in Tateinheit mit § 130a Abs.2 StGB schuldig gemacht habe. Wegen dieser strafbaren Handlungen sei Bleek seit dem 27.06.1937 in Untersuchungshaft. Während dieser Zeit habe er zu erkennen gegeben, dass er den Strafvorschriften nicht zu folgen gewillt sei, da diese in Widerspruch zu seiner religiösen Überzeugung stünden. Abschließend erfolgt der Hinweis zur Zulässigkeit der Beschwerde gegen den Haftbefehl.
Es existieren sechs Rechtschreibfehler, beispielweise in Zeile 45 "diese" statt "diesen" oder in Zeile 50 "gelagten" statt "gelegten". Es fällt auf, dass für die Umlaute sowohl Grapheme als auch Digraphe verwendet werden, beispielsweise in Zeile 17 das Wort "öffentlichen" und in Zeile 27 das Wort "Oeffentlichkeit". Monatsangaben werden sowohl als Wort (Zeile 43) als auch als Zahl (Zeile 35) dargestellt. Auf der Abschrift befindet sich oben rechts die Nummer "00083", eingefügt in einer dem Text fremden Schriftart. Es handelt sich dabei um eine Stemplung und stellt die Seitenangabe des Originals des Textes innerhalb der Aktensammlung "AEKR Düsseldorf Best 017B Kirchenkreis Saarbrücken; Nachtrag Sammlung Wehr 06-7-3,2" dar.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik des "Kirchenkampfs" unter dem Nationalsozialismus ein und formuliert die zentrale Forschungsfrage, ob die Vorwürfe gegen Pfarrer Bleek objektiv waren oder Ausdruck der nationalsozialistischen Willkürjustiz.
2. Quellenkritik: Hier erfolgt eine detaillierte Analyse der Abschrift des Haftbefehls hinsichtlich ihrer Authentizität, Lesbarkeit, formalen Gliederung und Auffälligkeiten. Zudem werden die darin genannten Personen sowie das historische und geistige Umfeld des Kirchenkampfes beleuchtet.
3. Interpretation: In diesem Abschnitt werden die einzelnen Anklagepunkte des Haftbefehls gegen Bleek eingehend untersucht, die Vorgeschichte des Haftbefehls und der Kontakt zum Sondergericht analysiert sowie kritische Zusammenhänge der Geschehnisse aufgezeigt.
4. Fazit: Das Fazit stellt dar, dass der Haftbefehl exemplarisch die repressive Vorgehensweise des nationalsozialistischen Regimes gegen unliebsame Personen aufzeigt, indem juristische Vorwände genutzt wurden, um Pfarrer Bleek ohne fairen Prozess zu inhaftieren.
Schlüsselwörter
Kirchenkampf, Nationalsozialismus, Haftbefehl, Phillip Bleek, Quellenanalyse, Sondergericht, Deutsche Christen, Bekennende Kirche, Saargebiet, Heimtückegesetz, Justiz, Widerstand, Entnazifizierung, Evangelische Theologie, NS-Regime
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert eine Abschrift eines Haftbefehls gegen den evangelischen Pfarrer Phillip Bleek aus dem Jahr 1937 und untersucht, inwieweit die Vorwürfe gegen ihn im Kontext des nationalsozialistischen "Kirchenkampfs" die Methoden der NS-Justiz widerspiegeln.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder sind der Kirchenkampf im Nationalsozialismus, die Quellenanalyse historischer Dokumente, die Rolle der Sondergerichte, der Widerstand evangelischer Pfarrer und die juristische Verfolgung von Regimegegnern.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, zu klären, ob Pfarrer Bleek Straftaten nach demokratischem Rechtsverständnis beging oder ob der Haftbefehl exemplarisch den verbrecherischen Umgang der nationalsozialistischen Justiz mit Systemkritikern aufzeigt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine detaillierte Quellenanalyse, insbesondere eine innere und äußere Kritik der Abschrift des Haftbefehls, ergänzt durch die Betrachtung des historischen und geistigen Umfelds.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die detaillierte Quellenkritik des Haftbefehls, die Analyse der zur Last gelegten Geschehnisse, die Vorgeschichte des Haftbefehls, den Kontakt zum Sondergericht und eine kritische Betrachtung möglicher Zusammenhänge der Ereignisse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird charakterisiert durch Schlüsselwörter wie Kirchenkampf, Nationalsozialismus, Haftbefehl, Phillip Bleek, Quellenanalyse, Sondergericht, Deutsche Christen, Bekennende Kirche, Saargebiet, Heimtückegesetz, Justiz, Widerstand, Entnazifizierung und NS-Regime.
Wer war Pfarrer Phillip Bleek im Kontext des Kirchenkampfes?
Phillip Bleek war ein evangelischer Pfarrer in Malstatt/Saarbrücken und Gründungsmitglied der von Otto Wehr initiierten Pfarrerbruderschaft, die sich kritisch gegen die "Deutschen Christen" und das NS-Regime positionierte, was zu seiner Verfolgung führte.
Welche spezifischen Vorwürfe wurden Bleek im Haftbefehl gemacht?
Ihm wurden unter anderem die Verhinderung eines Gottesdienstes, die Durchführung unangemeldeter Versammlungen unter freiem Himmel, "gehässige und ketzerische Äußerungen" über führende Persönlichkeiten des Staates und der NSDAP sowie die Misshandlung eines Schülers vorgeworfen.
Wie unterschied sich der Kirchenkampf im Saargebiet von dem im restlichen Deutschland?
Aufgrund des Versailler Vertrages und der Zuteilung zum Völkerbund war das Saargebiet nicht an Weisungen der Reichsregierung gebunden, weshalb die "Gleichschaltung" dort zunächst nicht stattfand und die DC den Kirchenkampf mit der Frage der Rückgliederung an das Deutsche Reich verknüpften.
Welche Rolle spielten die Sondergerichte im Umgang mit Fällen wie dem von Bleek?
Sondergerichte wurden ab 1933 eingerichtet und waren für Vergehen gegen Gesetze wie das Heimtückegesetz zuständig. Sie dienten als Instrumente der nationalsozialistischen Justiz, um Regimegegner juristisch zu verfolgen und ihre Inhaftierung unter dem Deckmantel der Rechtsmäßigkeit zu ermöglichen.
- Citar trabajo
- Alexander Herkner (Autor), 2012, Abschrift eines Haftbefehls gegen Pfarrer Bleek. Quellenanalyse, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1659478