Narrativität und Realität im Dokumentarfilm


Seminararbeit, 2004

16 Seiten, Note: 1


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

I. Wesentliche Stationen in der Entwicklung des Dokumentarfilms

II. Was ist der Dokumentarfilm?
1. Ein Definitionsversuch
2. Typen und Funktionen des Dokumentarfilms
3. Fiction oder Non-Fiction?
4. Dramaturgie und Narrativität

III. Dokumentarfilm und Wirklichkeit
1. Wahrheitsfähigkeit von Filmen
2. Realität im Film
3. Authentizität
4. Konstruktion und Manipulation

IV. Resümee

V. Bibliographie

EINLEITUNG

Wenn man in Lexika unter Dokumentarfilm nachschlägt, findet man Definitionen, die in etwa folgendes aussagen: Der Dokumentarfilm ist ein Filmtyp, der auf Realität beruht sowie ohne Berufsschauspieler und Handlung auskommt. Sein primärer Zweck ist es zu informieren und zu belehren. Aus derartigen Definitionen lassen sich folgende zentrale Aspekte herauslesen: die Realität, die Fiktionalität und die Narrativität. Diesen Gesichtspunkten soll sich auch die Arbeit widmen.

Dabei stellen sich vor allem folgende Fragen: Darf ein Dokumentarfilm Geschichten erzählen? Ist der Einsatz von dramaturgischen Gestaltungsmitteln zulässig? Kann der Dokumentarfilm Realität abbilden? Und wenn ja, wie?

Bevor genauer auf diese Fragen eingegangen wird, möchte ich einen kurzen historischen Überblick zu wesentlichen Entwicklungsstationen geben, der auch Aspekte zur Produktion und Rezeption inkludiert. Dann folgen der Versuch einer Definition des Dokumentarfilmbegriffs sowie eine Auseinandersetzung mit der Fiktionalität und der Narrativität dokumentarischer Filme. Den Schwerpunkt meiner Arbeit bildet allerdings der Zusammenhang zwischen Dokumentarfilm und Wirklichkeit.

I. WESENTLICHE STATIONEN IN DER ENTWICKLUNG DES DOKUMENTARFILMS

Der Begriff „Dokumentarfilm“ geht auf den Filmemacher John Grierson in den 30er Jahren zurück, wobei zu erwähnen ist, dass es auch schon lange davor dokumentarische Filme gab. John Grierson sah den Dokumentarfilm als ‚kreativen Umgang mit der Realität’ an, eine Definition, die zu sehr breiter Auslegung einlädt. Seitdem gilt Dokumentarfilm als Bezeichnung für eine bestimmte Filmgattung.

In seinen ersten Jahren begnügte sich der Dokumentarfilm mit viel bescheideneren künstlerischen und technischen Mitteln als der Spielfilm und man hatte vor allem Interesse an der Abbildung des Alltags der Menschen. Doch bald dehnte sich der Begriff im Allgemeinen für wirklichkeitsbezogene Filme aus.

Besonders Krisenzeiten sind „Treibhäuser des Dokumentarfilms“1, da sich Filmemacher vorwiegend dieses Mediums bedienten, um die Krise wirklichkeitsnah aus ihrer Sicht darzustellen. Der Dokumentarfilm erlangte vor allem während des ersten und zweiten Weltkrieges außerordentliche Bedeutung, und zwar als Propagandainstrument. Es ging eindeutig nicht mehr um Alltagsdarstellungen.

Ein wesentlicher Entwicklungsschritt in der Nachkriegszeit sind die Dokumentarfilmbewegungen der 50er Jahre „Cinema Verité“ in Frankreich und „Cinema Direct“ in den USA. Der Fortschritt in der Filmtechnik und die Entwicklung der tragbaren Kameras mit synchron betriebenem Tonaufnahmegerät ließen neue Produktionsweisen zu. Die Dokumentarfilmer waren nun in der Lage, mit billigerem Material zu drehen und vor allem sich freier zu bewegen. Man arbeitete auch mit kleineren Teams, „um der Wirklichkeit mit der Kamera ‚aufzulauern’“2. Der Rezipient sollte so zum Augenzeugen werden. Die Bewegungen „Cinema Verité“ und „Cinema Direct“ erhoben einen neuen Anspruch auf Wahrheit und Wirklichkeitsbezug.

Im Laufe seiner Geschichte machte der Dokumentarfilm viele Entwicklungen durch. Die Filmemacher näherten sich immer wieder den Ausdrucksformen des Spielfilms an, um sich bald darauf wieder davon zu distanzieren.

Doch nicht nur Technik und Ausdrucksformen haben sich mit der Zeit verändert, sondern auch seine Rezeption. In den Anfangsjahren war das Kino der einzige Ort zur Filmrezeption. Mit der fortlaufenden Entwicklung und Verbreitung des Fernsehens verschwand der Dokumentarfilm zunehmend aus den Kinosälen, weil er sich gegen die anderen Genres, wie dem Spielfilm, nicht durchsetzen konnte. Die Besucherzahlen im Kino bei Dokumentarfilm waren rückläufig, da er nicht so unterhaltsam war wie seine Konkurrenz. Das Fernsehen wurde im Laufe der Jahre zum wichtigsten Produzenten und Käufer von Dokumentarfilmen. Noch heute ist der Dokumentarfilm als Kinoereignis eher eine Seltenheit, mit Ausnahme von Filmfestivals. Die meisten Dokumentarfilme sind Fernsehproduktionen.

II. WAS IST DER DOKUMENTARFILM?

1. Ein Definitionsversuch

Im Allgemeinen ist Dokumentarfilm die Bezeichnung für ein Filmgenre, innerhalb dessen es unterschiedliche Ausdrucksformen gibt. Und wie bei jedem Genre muss es Gemeinsames geben, das die Genrezugehörigkeit rechtfertigt. Ist wirklich alles dokumentarisch, was als solches bezeichnet wird?

Man müsste Zuordnungskriterien finden. Allerdings lässt sich im Spiegel der Forschungsliteratur diesbezüglich keine klare Linie feststellen. Es werden oft sogar widersprüchliche Kriterien aufgestellt. Ein Aspekt, den jedoch alle Berücksichtigen, ist der Bezug des Dokumentarfilms zur Wirklichkeit. Daraus lässt sich folgern, dass es beim Dokumentarfilm durchaus auf den Realitätsbezug ankommt.

Wenn man sich nun in diesem Sinne den Begriff Dokumentarfilm an sich betrachtet, so wird man mit zwei Worthälften konfrontiert, und zwar mit dem Wort Dokument und dem Wort Film. Dokument geht zurück auf das lateinische Verb „docere“, das soviel heißt wie „zeigen, beweisen, belegen“. Also schon von seinem sprachlichen Ursprung her erhebt ein Dokument den Anspruch darauf, etwas zu beweisen, die Wahrheit zu zeigen. In Bezug auf den Dokumentarfilm bedeutet dies nun, dass die Darstellung von etwas Wahrheitsgemäßen das Ziel dokumentarischer Filmarbeit sein sollte. Der zweite Begriffsbestandteil „Film“ kann zweierlei heißen: zum einen das belichtete Material und zum anderen die gezeigten bewegten Bilder. Im Zusammenhang mit dem Begriff Dokumentarfilm ist eher die zweite Bedeutung des Wortes Film relevant. Das heißt gemäß dieser Begriffsanalyse ist der Dokumentarfilm ein Medium, das mittels bewegter Bilder etwas Wahrheitsgemäßes zeigt.

Ein weiterer für eine mögliche Definition zu berücksichtigender Aspekt ist die Voraussetzung, dass sich der Dokumentarfilm von Formen wie z.B. dem Spielfilm distanziert und als eigenständige Form wahrgenommen wird. Was unterscheidet den Dokumentarfilm nun genau vom Spielfilm? Eva Hohenberger differenziert dabei vier Ebenen:

Die institutionelle Ebene: Der Dokumentarfilm habe eine andere Ökonomie als der Spielfilm.

Er werde weniger kapitalintensiv produziert, habe andere Vertriebswege und eine andere Öffentlichkeit.

Die soziale Ebene: Im Gegensatz zum Spielfilm erhebe der Dokumentarfilm den Anspruch auf Wissen und Aufklärung über die real existierende Welt.

Die Produktebene: Die Aufnahmen des Dokumentarfilms sollten nicht-fiktional sein und die Anordnung des Materials sollte von den Ereignisverläufen abhängig sein. Die pragmatische Ebene: Dokumentarfilme sollten vom Rezipienten als Filme über die reale Welt erkannt werden.

Obwohl alles sehr einleuchtend klingt, ist auch diese Differenzierung nur mit Vorbehalt zu betrachten, da von Theoretikern und Praktikern die unterschiedlichsten Ansätze vertreten werden. Der Gegenstand des Dokumentarfilms ist bis heute nicht klar definiert.3

Da stellt sich die Frage, ob es überhaupt eine allgemeingültige Definition geben kann und muss? Die fehlende klare Begriffsbestimmung bietet den Filmemachern nämlich mehr Freiheit, um Experimente bis an die Grenzen des Vertretbaren im Dokumentarfilm durchzuführen. Gerade weil diese Grenzen nicht klar festgelegt sind, kann sich ein breites Spektrum von dokumentarischen Filmen entfalten. Würde man nun genaue Kriterien und Grenzen konstituieren, dann würden zwangsläufig viele Filme vom dokumentarischen Genre ausgeschlossen. Schon allein aufgrund dessen ist eine sehr offene und weit auslegbare Definition zu bevorzugen, wie z.B. folgende: Im Dokumentarfilm wird behauptet, dass das Gezeigte auch in Wirklichkeit so stattgefunden habe, wovon man die Rezipienten zu überzeugen versucht.4 Diese Definition inkludiert den bereits angesprochenen Realitätsbezug und zugleich den Beweischarakter eines Dokuments, ohne weitere Spezifika auszuschließen, die vorhanden sein können, aber nicht müssen.

2. Typen und Funktionen des Dokumentarfilms

Im Allgemeinen umfasst das Dokumentarfilmgenre journalistische Formen, wie Nachrichten, Reportagen, Features und Magazine, aber auch Portraitfilme, Chroniken, Naturfilme Tierfilme, Reisefilme, Zielgruppenfilme (die sich explizit an bestimmte Gesellschaftsschichten und -gruppen wenden, um sie aufzuklären und sie zu einer aktiven Veränderung anzuregen), Kulturfilme, Unterrichtsfilme, politische, sozialkritische, ethnographische Filme und viele andere. Darüber hinaus gibt es auch zahlreiche Mischformen zwischen Dokumentar- und Spielfilm, aber auch Experimentalfilme.

Dass sich so zahlreiche und vielfältige Ausdrucksmöglichkeiten entwickeln konnten, liegt vor allem daran, dass die Definitionen immer sehr breit auslegbar waren und der Begriff dokumentarisch relativ unpräzise gebraucht wurde.

Der Dokumentarfilm diente und dient eigentlich immer noch unter anderem dem Zweck, den Menschen Bilder und Eindrücke nahe zu bringen, z.B. von fernen Ländern oder von Ereignissen, denen sie nicht selbst beiwohnen können. Vergnügen und Unterhaltung spielen eher eine untergeordnete oder sogar keine Rolle. Denn dokumentarischen Filmen spricht man vor allem folgende Funktionen zu: sie sollen informieren, belehren, aufklären und die Menschen zum Handeln oder zumindest zum Nachdenken anregen.

3. Fiction oder Non-Fiction?

Theoretiker und Praktiker sprechen den Dokumentarfilm dem non-fiction-Typ zu, was nahezu durchwegs mit nichtfiktional übersetzt wird. Klaus Arriens weist allerdings darauf hin, dass man beim Begriff Fiktion zwei Gebrauchsweisen unterscheiden muss: entweder meint man etwas Fiktives oder etwas Fiktionales.

Etwas Fiktives ist gemäß Sprachgebrauch etwas Erfundenes. Für den Film bedeutet dies, dass z.B. eine fiktive Handlung nicht der Wirklichkeit entnommen, sondern ausgedacht wurde. Fiktionalität hingegen bezieht sich im Film laut Klaus Arriens auf die Verwendung bestimmter gestalterischer Merkmale. Zu solchen gestalterischen Mitteln zählt er auch Kamerapositionierung, Wahl der Perspektive und der Lichtverhältnisse und ähnliches. Dies sind Elemente, die auch beim Dokumentarfilm durchaus Anwendung finden und zum Teil auch nicht vermieden werden können.

Infolge dessen wäre es falsch, den Dokumentarfilm als nichtfiktional zu bezeichnen, wie es allerdings großteils geschieht. Der Unterschied besteht vielmehr in der Fiktivität, aufgrund derer der Dokumentarfilm keinen Realitätsbezug mehr hätte. Somit kann der Dokumentarfilm als nichtfiktiver und zugleich als fiktionaler Filmtyp bezeichnet werden.5

4. Dramaturgie und Narrativität

Dramaturgie und Narrativität sind in Bezug auf den Dokumentarfilm beides vieldiskutierte Aspekte. Einige Theoretiker und Praktiker teilen die Ansicht, dass man auch beim Dokumentarfilm nicht umhin kommt, ihn in gewisser Weise aufzubauen, um Spannung und Interesse zu erzeugen.

[...]


1 Hohenberger, 1998, S. 8

2 Arriens, 1999, S. 15

3 vgl. Seidl, 2003, S. 10

4 vgl. Seidl, 2003, S. 16

5 vgl. Arriens, 1999, S. 36ff

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Narrativität und Realität im Dokumentarfilm
Hochschule
Universität Wien  (Pädagogik)
Veranstaltung
Seminar: Ästhetik und Dramaturgie für Didaktik der audiovisuellen Medien Teil 2
Note
1
Autor
Jahr
2004
Seiten
16
Katalognummer
V166113
ISBN (eBook)
9783640823802
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dokumentarfilm, Realität, Fiktionalität, Narrativität, Wahrheitsfähigkeit, Authentizität, Konstruktion, Manipulation
Arbeit zitieren
Mag. Sandra Jenko (Autor), 2004, Narrativität und Realität im Dokumentarfilm, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/166113

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