Spielbergs „Der weiße Hai“ - Versöhnung der amerikanischen Gesellschaft nach Nixon?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

44 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die amerikanische Gesellschaft nach Nixon
2.1. Zur politischen Kultur der Vereinigten Staaten
2.2. Die Vertrauenskrise der amerikanischen Politik

3. Der amerikanische Film Anfang der 70er Jahre
3.1. Die „Vietnamisierung“
3.2. Der Katastrophenfilm

4. Der Film „Der weiße Hai“
4.1. Inhaltsangabe und Szenenprotokoll
4.2. Der Regisseur
4.3. Produktion und Filmtechnik
4.4. Darsteller
4.5. Werbekampagne und Filmkritik

5. Filmanalyse
5.1. Gesellschaftsbilder in „Jaws“
5.2. Gewaltdarstellung
5.3. Spielbergs „Zuhause-Modelle“

6. Ergebnis

7. Anhang
7.1. Quellen- und Literaturangaben
7.2. Zeitschriften
7.3. Internetadressen
7.4. Filmographie

1. Einleitung

Als Steven Spielbergs dritter für das Kino produzierter Film „Jaws – Der weiße Hai“ über die amerikanischen Leinwände seinen Zugang zum Publikum fand, war es genau sechs Wochen her, seitdem Saigon, die Hauptstadt des von den Amerikanern unterstützten Südvietnams gefallen und der Vietnamkrieg damit definitiv verloren war[1]. Auch der in der Geschichte der USA bisher einmalige Rücktritt von Präsident Richard M. Nixon, um einem Impeachement-Verfahren zuvorzukommen[2], war den meisten Amerikanern noch in schmerzhafter Erinnerung. Dieser enge zeitliche Zusammenhang mit den beiden schwersten innen- und außenpolitischen Krisen der Vereinigten Staaten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wird umso deutlicher, je mehr man Steven Spielbergs Werk in die Reihe der Katastrophenfilme der 70er Jahre einordnet.

Filme dieser Art waren nach der Öl- und Wirtschaftskrise in der zweiten Amtszeit Nixons und noch mehr nach seinem Rücktritt im August 1974 zum beliebten Genre geworden. So folgte nach den unzähligen Hochhäusern, die in Flammen aufgingen[3], den untergehenden Schiffen und abstürzenden Flugzeugen nun ein Weißer Hai, der an einem Badestrand der amerikanischen Ostküste Jagd auf Touristen machte. Alle diese Katastrophen wurden durch das Versagen und Verschwinden der Verantwortlichen ausgelöst. War „Der weiße Hai“ also nur der vorläufige, sowohl kommerzielle als auch produktionstechnische Höhepunkt dieser Epoche des amerikanischen Hollywoodkinos? Oder führt sein Werk darüber hinaus in die Überwindung der Krise und zur Rekonstruktion des US-amerikanischen Selbstbewusstseins in den 80er Jahren?

Die Zeit vor „Jaws“ war von der sogenannten „Vietnamisierung“ des amerikanischen Kinos geprägt[4]. Darunter versteht man jedoch nicht nur die Vietnamfilme, deren typische Vertreter wie „Apocalypse Now“[5] erst später erscheinen sollten. Vielmehr wurde diese Epoche durch Werke beeinflusst, die mit Gewalt auf die Erfahrungen der Gewalt reagierten und die in der amerikanischen Gründungsmythologie keine Hoffnung und daher auch keine Verpflichtung für die gegenwärtige Situation mehr erkennen konnten. Als Beispiel seien hier nur die Westernfilme um 1970 genannt[6], deren „Helden“ gebrochen waren und die eher den Zorn oder das Mitleid des Publikums auf sich zogen.

In genau dieser Zeit versuchte Steven Spielberg als einer der berühmtesten Vertreter des „New Hollywood“ diesen endlosen Kreislauf von Gewalt und Hoffnungslosigkeit zu durchbrechen. Georg Seesslen schreibt in seinem Werk „Steven Spielberg und seine Filme“, dass „Der weiße Hai“ „zugleich ein Meisterwerk dieses amerikanischen Gewaltkinos und seine Überwindung war. Die Bedrohung wurde ins Abstrakte und Mythische gespiegelt, kein Krieg, kein Ghetto, keine soziale Ungerechtigkeit, nur die besinnungslose Grausamkeit der Natur.“[7] Weiter stellt Seesslen fest, dass Spielberg in diesem Film bereits seine „family values“ entfaltete, „wenn auch vorsichtig und nicht ohne Misstrauen.“[8] Zugespitzt formuliert, versucht der Regisseur, in seinem Film ein neues Amerika entstehen zu lassen, dass die bedrohliche Gegenwart überwindet und wieder in sein Gleichgewicht zurückfindet.

Diese interessante These, von Seesslen allerdings nur in einem relativ knappen Rahmen dargestellt, wird in der vorliegenden Hauptseminarsarbeit anhand des Filmes und seines politisch-gesellschaftlichen Umfeldes genauer untersucht und überprüft. Da „Der weiße Hai“ und sein realer Kontext zeitlich in die zweite Amtszeit der Nixon-Administration fallen, kann die Arbeit in das letzte Drittel des Hauptseminars „Die Präsidentschaft Richard M. Nixon 1969-1974“ eingeordnet werden, in welchem eine historische Beurteilung der Präsidentschaft und eine Einordnung dieser in die amerikanische Geschichte der Nachkriegzeit versucht wird.

Um Seesslens Aussage zu überprüfen, ist ein kurzer Einblick in die amerikanische Gesellschaft während und nach der Amtszeit Richard M. Nixons unbedingt erforderlich. Dies geschieht zu Beginn der Arbeit, um die spätere Analyse des Films im zeitgeschichtlichen Kontext besser einordnen zu können. Dabei stützt sich die Untersuchung auf einige Handbücher und Standardwerke zur Politik und Gesellschaft der Vereinigten Staaten[9].

Danach wird der bereits oben kurz erwähnte amerikanische Film der frühen 70er Jahre betrachtet, der unter der Fragestellung untersucht wird, inwieweit „Jaws – Der weiße Hai“ in der Kontinuität seiner Entwicklung steht, oder mit dieser bricht. Der Mittelteil der Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Werk selbst, wobei nicht nur der Inhalt, sondern auch die an seiner Entstehung beteiligten Personen, die Produktion und auch die sogenannte Post-Produktion wie Werbekampagne und Vermarktung miteinbezogen werden. Untersuchungsgrundlage bildet dabei der Film selber[10], wie auch mehrere Werke über den Regisseur Steven Spielberg[11] sowie einige filmtheoretische Untersuchungen zum „Weißen Hai“[12]. Die darauf folgende Filmanalyse bildet den Hauptteil der Arbeit und versucht, die festgestellten Gesellschaftsbilder, Gewaltdarstellungen und Identifikationsmöglichkeiten des Films mit der Aussage von Seesslen zu vergleichen und Übereinstimmungen sowie Unterschiede festzustellen. Der Autor hofft, mit seiner Arbeit, die von Seesslen angeregte, interessante Interpretation des zu betrachtenden Werkes auf eine breitere Basis stellen zu können, falls diese einer genaueren Überprüfung standhält.

2. Die amerikanische Gesellschaft nach Nixon

2.1. Zur politischen Kultur der Vereinigten Staaten

Die politische Kultur der USA zeichnet sich auf den ersten Blick durch eine ungebrochene Kontinuität aus, was sowohl ihre Theorie und auch die praktische Umsetzung betrifft. Dies überrascht, da eine solche Feststellung im Gegensatz zu dem dynamischen Bild des kulturell und ethnisch vielfältigen und sich ständig verändernden Landes steht. Im Unterschied zum gesellschaftlichen und sozialen Leben ist die politische Kultur der Vereinigten Staaten zum großen Teil von der relativ homogenen, weißen Mittelschicht geprägt worden. Diese stellt den Hauptträger der politischen Vorstellungen und den größten Teil des politischen Establishments dar. „In ihren politischen Verhaltensweisen vermischen sich die Gegensätze zwischen hoher Mobilität und kultureller Kontinuität, zwischen Fortschrittsoptimismus und altmodisch scheinenden religiösen und patriotischen Traditionen.“[13]

Dabei versucht diese homogene Mittelschicht allerdings nicht, den kulturellen Pluralismus der übrigen Bevölkerung einzuschränken. Vielmehr passen sich soziale Aufsteiger zumeist freiwillig den Normen der Mittelschicht an. Das politische System schließt also keineswegs regional und ethnisch bedingte Unterschiede aus, sondern sorgt für eine Kontinuität der Grundwerte innerhalb des ständigen sozialen und wirtschaftlichen Wandels. Trotz dieser Beständigkeit ist seit Ende der 60er Jahre eine Beeinflussung der Mittelschicht zur radikal-individualistischen Selbstentfaltung und Selbstverwirklichung feststellbar.[14]

Die amerikanische Ideologie zeigt sich bereits in der Unabhängigkeitserklärung von 1776 und der Verfassung vom 17.09.1787, welchen beinahe eine religiös-kultische Verehrung entgegengebracht wird. Zu den Prinzipien dieser Ideologie gehören nach Peter Lösche Demokratie, Freiheit, Kritik, Individualismus und ein ungebrochener Fortschrittsglaube.[15] Demokratie bedeut hier Rechtsstaatlichkeit und die politische Mitbestimmung des Einzelnen, welche sich besonders in den plebiszitären Elementen der Verfassung und auch im lokalen Bereich zeigt.

Der Begriff der Freiheit vereinigte die zwei englischen Bezeichnungen „liberty“ und „freedom“, die nach Lösche wohl am stärksten von allen zentralen Elementen der politischen Kultur der USA überhöht worden sind.[16] Darin enthalten ist die Vorstellung von unbeschränkter Mobilität und auch die Freiheit des Einzelnen gegenüber dem Staat, welche das Widerstandsrecht mit einschließt. Sich der staatlichen Kontrolle durch Widerstand oder durch Mobilität zu entziehen, begründet das Prinzip der skeptischen Kritik gegenüber jeder Art der unverhältnismäßigen Machtanhäufung.

Der amerikanische Individualismus schließt nicht nur die Selbstverwirklichung des Bürgers in seinen religiösen und geistigen Bedürfnissen, sondern auch den Lockeschen Eigentumsbegriff mit ein. „Die einzelne Persönlichkeit konstituiert sich überhaupt erst dadurch, dass zu ihr Eigentum gehört.“[17] Der Individualismus zeigt sich in den USA auch in der Personalisierung der Politik, welcher politische Programme und Parteien in den Hintergrund treten lässt. Doch die sogenannten „Leadership“-Qualitäten werden nicht nur vom Präsidenten, sondern von allen Führungspersonen (auch in der Wirtschaft) verlangt.

Als letztes gehört auch der von den heutigen Europäern zumeist als beunruhigend empfundene ungebrochene Fortschrittsglaube zu den Prinzipien der amerikanischen Ideologie, welcher zuweilen in einen Missionarismus gipfeln kann, in dem die USA zum idealen Land („god`s own country“) verklärt wird. So ist in der amerikanischen Geschichte immer wieder der Kreuzzugsgedanke aufgetaucht. Ob gegen das „Reich des Bösen“ oder für Freiheit und Demokratie, wer zu Kreuzzügen aufbricht, glaubt einen von Gott gegebenen Auftrag zu haben, der in einem historischen Prozess verwirklicht wird.

Der ungebrochene Fortschrittsglaube hat sich im 19. Jahrhundert während der sogenannten Pionierzeit mit dem Frontiermythos verbunden. Der Zug nach Westen suggeriert nicht nur uneingeschränkte geographische Mobilität, sondern auch den sozialen Aufstieg des Einzelnen. So werden auch Leistung und Wettbewerb uneingeschränkt positiv bewertet.

Um allerdings diesen „american way of life“ verwirklichen zu können, wird die Wiederherstellung von Bedingungen, unter denen ein geregelter Wettbewerb und der mögliche individuelle Erfolg gesichert sind, zur zentralen Aufgabe einer jeden Regierung. Zuviel Staatsinterventionalismus stößt in den USA jedoch auf starke Kritik, da er den Staat angeblich über den Bürger erhebt und den uneingeschränkten Wettbewerb und damit die Suche nach dem Glück des Einzelnen verzerrt.

Die beiden politischen Lager in den Vereinigten Staaten, welche sich spätestens seit dem Sezessionskrieg von 1861-1865 herausgebildet hatten, der Konservatismus und die Liberaldemokratie, sind lediglich verschiedene Auslegungen und Bewertungen dieser amerikanischen Grundwertetradition. Da diese Bewegungen grundsätzlich übereinstimmen, liegen auch in der heutigen polarisierenden Gesellschaft die ideologischen Gegensätze der beiden große Parteien im Vergleich zu anderen Demokratien nicht allzu weit auseinander[18].

Die nationale Identität der Amerikaner besteht daher nicht aus gemeinsamen Vorfahren, Kultur, Geschichte und Sprache, sondern begründet sich in den Grundwerten der Nation wie Freiheit, Gleichheit und Volkssouveränität. Da die meisten Prinzipien der amerikanischen Ideologie relativ undifferenziert und unscharf bleiben, war es ihnen in der Vergangenheit möglich, in der kulturell, gesellschaftlich und ethnisch so unhomogenen Bevölkerung einen breiten Konsens zu stiften. Daher wirkt gerade die politische Kultur der Vereinigten Staaten quasi als Integrationsideologie.

Ein Element der politischen Kultur der USA erscheint allerdings im Kontext des später zu betrachtenden Films besonders wichtig, so dass an dieser Stelle noch einmal genauer darauf eingegangen wird. Peter Lösche hat in seiner Darstellung der amerikanischen Politik und Gesellschaft ein Phänomen ausgemacht, welches typisch für die Vereinigten Staaten ist: „Tatsächlich fällt jedem aufmerksamen Amerikabesucher [...] schon bald der Provinzialismus, ja Lokalpatriotismus auf, der in den Nachbarschaften und Stadtvierteln wurzelt, als seien diese selbstständige kleine Inseln.“[19]

Deren Bewohner haben meist die gleiche ethnische Herkunft, verdienen in etwa das gleiche Einkommen, bekennen sich zur gleichen Religionsgemeinschaft und schicken ihre Kinder auf die gleichen Schulen. Lösche nennt diese Viertel „ Inseln der Gleichheit und Glückseligkeit, auf denen der amerikanische Traum geträumt werden kann [...]“[20], da dort ähnliche Werte, Einstellungen und Überzeugungen vorkommen. Obwohl innerhalb solcher Gebiete ein großer Konformitätsdruck besteht, ist zwischen den Nachbarschaften eine große Vielfalt zu konstatieren.

Die direkte Demokratie hat ihren Ursprung in diesen „Nachbarschaftsinseln“, in denen oft die freiwillig organisierte Selbsthilfe praktiziert wird, ohne das der Staat stützend eingreifen muss. So empfinden die Bürger dieser kleinen Gemeinschaften das Eingreifen des Staates sogar meist als Eindringen, gegen das es sich zur Wehr zu setzten gilt. Dieses Verhalten kann als Nachklang des Pioniergeistes des 19. Jahrhunderts verstanden werden, als die Siedler auf ihre gegenseitige Unterstützung angewiesen waren. Lösche bezeichnet diese amerikanische Besonderheit als „Lokalismus“[21].

2.2. Die Vertrauenskrise der amerikanischen Politik

Fasst man das vorhergehende Kapitel zusammen, so stellt sich die politische Kultur der USA als ein sehr stabiles Gebilde dar, das dennoch flexibel auf die verschiedensten Herausforderungen und möglichen Konflikte reagieren konnte. Betrachtet man nun die schwere Krise Mitte der 70er Jahre so wird zwangsläufig die Frage aufgeworfen, welche Entwicklungen zusammenkommen mussten, um ein so festgefügtes System in eine solch schwere (Vertrauens-)Krise stürzen zu können. Natürlich lässt sich dafür kein einzelner Grund anführen. Man muss vielmehr von einer Multikausalität ausgehen, deren einzelne Ereignisse an dieser Stelle allerdings nur in begrenztem Umfang dargestellt werden können.

Ende der 60 Jahre hatte sich das Wirtschaftswachstum weltweit und vor allem in den USA verlangsamt. Bedingt durch ein zunehmendes Dollarangebot und steigende Rohstoffkosten, begann die Inflationsrate in den Vereinigten Staaten zu steigen. Die abnehmende internationale Wettbewerbsfähigkeit, verbunden mit der erstarkten europäischen und japanischen Konkurrenz und die ansteigenden Importe in die USA führten zu sinkenden Wachstumsraten und steigenden Arbeitslosenzahlen. Im Jahr 1971 zeichnete sich zum ersten Mal seit 80 Jahren ein Handelsbilanzdefizit ab. Die 1973 einsetzende Ölkrise, welche eine weltweite Rezession erzeugte, verschlimmerte die wirtschaftliche Situation der Vereinigten Staaten zusätzlich.

Auch drang die industrielle Umweltverschmutzung und die Armut in den Ländern der „Dritten Welt“ immer mehr ins Bewusstsein der Bevölkerung. Waren es die US-Amerikaner bisher gewohnt, ihr Land international als großes Vorbild für Demokratie, Freiheit und Menschenrechte zu sehen, wurde Ende der 60er Jahre das Selbstvertrauen der amerikanischen Gesellschaft erschüttert. Weltweit machte das Wort des „hässlichen Amerikaners die Runde[22].

Der auslösende Grund für den enormen Identitätsverlust war vor allem der Krieg in Vietnam ab 1964. In der amerikanischen Bevölkerung, welche zum ersten Mal täglich das Grauen des Krieges in den neuen Medien[23] verfolgen konnte, entwickelte sich eine Anti-Kriegsbewegung, welche vor allem nach der Tet-Offensive[24] weite Kreise der Gesellschaft erfasst hatte. Im Jahr 1970 erreichte diese einen ersten Höhepunkt, nachdem bei Demonstrationen gegen die amerikanische Invasion Kambodschas auf dem Gelände der Kent State University (Ohio) vier Studenten von der Nationalgarde erschossen wurden.

„Der Mord an Frauen und Kindern durch amerikanische Soldaten in My Lai und Berichte über Drogenmissbrauch innerhalb der Armee und anderes mehr erschütterte das Selbstvertrauen der Amerikaner, die zunehmend die Richtigkeit der amerikanischen Politik bezweifelten.“[25] Die Mehrheit der Bevölkerung war entsetzt von den ständigen irreführenden Verlautbarungen und den Versuchen der Regierung, eigene Missstände und Fehlentscheidungen zu vertuschen. Die Einmischungen der USA in Vietnam, Laos und Kambodscha wurden von Anfang an unter dem beschönigenden Begriff ,,Informationskontrolle" geheimgehalten.[26]

Der Rückzug der amerikanischen Verbände aus Vietnam nach dem Vietnamabkommen vom 27.01.1973 und die zwei Jahre später folgenden totale Kapitulation Südvietnams ließen den von Nixon angestrebten „ehrenvollen Frieden“ als Verrat an einem Verbündeten und erste Niederlage der Supermachtmacht USA gegenüber einem „Entwicklungsland“ erscheinen. Das daraus hervorgehende sogenannte „Vietnam-Trauma“ belastete nicht nur die Kriegsveteranen, sondern erschütterte auch nachhaltig das amerikanische Selbstbewusstsein.

Auch in der Innenpolitik wurde das Image der sauberen und vertrauenswürdigen Regierung durch mehrere Skandale belastet. Neben den CIA-Aktivitäten in Lateinamerika ist die sogenannte Watergate-Affäre der gravierendste: Während des Wahlkampfes um die Präsidentschaft 1972 waren Anhänger des Wiederwahlkomitees Nixons unter dessen Mitwisserschaft in die Wahlkampfzentrale des demokratischen Gegenkandidaten George McGovern im Watergate-Hotel eingedrungen, um dort Abhörwanzen zu installieren.

Bei späteren Verhören kam zudem heraus, das Nixon auch im Weißen Haus Wanzen anbringen und Telefonate aufzeichnen ließ. Wegen der Vertuschung strafbarer Handlungen seiner Wahlhelfer und unter dem wachsenden Druck der Öffentlichkeit trat Nixon schließlich am 09.08.1974 von seinem Amt zurück, um so einem drohenden Impeachement-Verfahren zuvorzukommen. Durch einen Generalpardon für alle Straftaten, welche Nixon als Präsident begangen hatte, ersparte der neue Präsident Gerald Ford seinem Vorgänger die Demütigung eines Prozesses[27]. Das Misstrauen gegenüber den staatlichen Institutionen und besonders gegenüber dem Amt des Präsidenten erreichte Mitte der 70er Jahre in den USA seinen Höchststand[28].

Dennoch muss angemerkt werden, dass diese Vertrauenskrise sich im Wesentlichen auf die politischen Institutionen wie die Regierung und das Präsidentenamt und nicht primär auf die ideologischen Grundwerte bezog. So konnte der demokratische Außenseiter Jimmy Carter im Wahlkampf 1976 mit der Betonung der traditionellen amerikanischen Werte und Tugenden einen Wahlsieg erringen. Die Zeit schien reif für einen „ [...] einfachen, unprätentiösen Mann aus dem Volke, noch nicht korrumpiert von Washington und der großen Politik.“[29] So kam es, dass man im Rückgriff auf die guten alten, amerikanischen Werte wie Freiheit, Individualismus, Demokratie und Gleichheit die politische Gegenwart kritisierte, da man glaubte, dass eben diese Traditionen in der politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit keinen Bestand mehr hatten.

[...]


[1] Bedingungslose Kapitulation Südvietnams und Wiedervereinigung mit Nordvietnam zur Sozialistischen Republik Vietnam am 30.04.1975.

[2] Jürgen Heideking „Die amerikanischen Präsidenten“ S.381.

[3] „Flammendes Inferno“ („The Towering Inferno“), USA 1974 – „Die Höllenfahrt der Poseidon“ („The Poseidon Adventure“), USA 1972 – „Airport“, USA 1970.

[4] Georg Seesslen „Steven Spielberg und seine Filme“ S.29.

[5] „Apocalypse Now“, USA 1979.

[6] Z.B. „Jeremiah Johnson“, USA 1971 – „McCabe & Mrs. Miller“, USA 1971 – „Chato`s Land“, USA 1971.

[7] Zitat aus Seesslen S.29.

[8] Ebd. S.29.

[9] Z.B. Wolfgang Jaeger „Regierungssystem der USA“, Peter Lösche „Amerika in Perspektive – Politik und Gesellschaft der Vereinigten Staaten“. [10] „Der weiße Hai“ („Jaws“), USA 1974, Anmerkung: In Verlauf dieser Hausarbeit wird sowohl der amerikanische Originaltitel, wie auch der deutsche Titel gebraucht.

[11] Z.B. Andrew Yule „Steven Spielberg – Die Eroberung Hollywoods“, George Perry „ Steven Spielberg“.

[12] Z.B. Ulli Weiss „Das neue Hollywood“, Thomas Köbner „Filmklassiker“.

[13] Jaeger S. 86

[14] Jaeger S. 87.

[15] Lösche S.280 ff.

[16] Lösche S.280.

[17] Lösche S.282.

[18] Siehe auch Jaeger S. 88/89.

[19] Lösche S.46.

[20] Lösche S.47 (Hervorhebungen im Original).

[21] Lösche S.46.

[22] Bundeszentrale für politische Bildung „Die Vereinigten Staaten von Amerika“ S.21.

[23] Besonders ist hierbei die Rolle des Fernsehens hervorzuheben.

[24] Die nordvietnamesische Armee und Vietcong-Truppen unternahmen im Januar 1968 eine groß angelegte, überraschende Offensive, in deren Verlauf sie zahlreiche Städte einnahmen. Militärisch scheiterte die Aktion bereits nach kurzer Zeit, aber sie demonstrierte die weiterhin wachsende Schlagkraft Nordvietnams und war damit ein sowohl politischer als auch psychologischer Erfolg.

[25] Bundeszentrale für politische Bildung „Die Vereinigten Staaten von Amerika“ S.21.

[26] Lösche S.170.

[27] Heideking S.381.

[28] So sank von 1966 bis 1979 die Zahl der Bürger mit großem Vertrauen in den Kongress von 42 % auf 18% und deren Vertrauen in das Präsidentenamt von 41% auf 17%. Quelle: Jaeger S. 95.

[29] Heideking S.388.

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Spielbergs „Der weiße Hai“ - Versöhnung der amerikanischen Gesellschaft nach Nixon?
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Geschichts- und Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
Die Präsidentschaft Richard M. Nixon 1969-1974
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
44
Katalognummer
V166156
ISBN (eBook)
9783640823871
ISBN (Buch)
9783640824311
Dateigröße
603 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
spielbergs, hai“, versöhnung, gesellschaft, nixon
Arbeit zitieren
Markus Bach (Autor), 2003, Spielbergs „Der weiße Hai“ - Versöhnung der amerikanischen Gesellschaft nach Nixon?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/166156

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