Personenkult in der Populärkultur

Die Geschichte der Fliegerlegende Ernst Udet


Seminararbeit, 2009

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Personenkult in der Populärkultur

2. Ernst Udet & die Populärkultur

3. Udet - Der Flugbegeisterte

4. Udet - Der Kriegsheld

5. Udet - Der Kunstflieger

6. Udet - Der Playboy

7. Udet - Der Star

8. Udet - Der Schauspieler

9. Udet - Der Werbeträger

10. Udet - Der Propagandaheld

11. Udet - Die Identifikationsfigur

12. Udet - Der Unsterbliche

13. Erkenntnisse, Tendenzen, Forschungsfragen

14. Sekundärliteratur

15. Webseiten

16. Textquellen

17. Videoquellen

18. Abbildungen

1. Personenkult in der Populärkultur

Studien zeigen, dass der Erfolg von Filmen zum großen Teil vom Bekanntheitsgrad der beteiligten Schauspieler abhängt.[1] In der Filmbranche ist man sich dieses Zusammen-hangs seit den frühen 20er Jahren bewusst.[2] Mit der Zeit wurden Filme deshalb immer stärker an Personen ausgerichtet.

Ausgehend vom Film hielt der Trend der Personalisierung in anderen Sparten Einzug. Auch Kunst, Musik, Literatur und Sport setzten bald mehr und mehr auf große Namen. In der Gegenwart sind die Folgen dieser Entwicklung unverkennbar. Bestimmte Formen populärer Kultur sind so eng an Personen gebunden, dass sie sich kaum von ihnen trennen lassen. Ist Pop-Musik ohne Michael Jackson und Madonna denkbar? Kann es Fußball ohne Spieler wie Beckham, Ballack oder Podolski geben? – Fragt man das Publikum, so lautet die Antwort auf beide Fragen mit Sicherheit ‚Nein’.

Die Populäre Kultur ist heute mehr denn je von Einzelpersonen geprägt. Es sind die sogenannten Stars, die die Popularität eines Films, eines Bildes, eines Liedes, eines Buches oder einer Sportart ausmachen. Dabei sind die Personen hinter der populären Kultur längst selbst zu populären Kulturen geworden. Während Film, Literatur und Co. mehr und mehr vom Star abhängig werden, hat sich der Star emanzipiert.

Musiker sind mittlerweile mehr als Sänger, Autoren mehr als Schreiberlinge. Sie schauspielern, singen, schreiben, malen, und treten manchmal sogar bei sportlichen Wettkämpfen an. Diese Entwicklung vom Monotalent hin zum Multitalent, zum Allround-Star, erscheint uns als modernes Phänomen und wird häufig als solches untersucht. Dass aber auch die Stars der 20er, 30er und 40er Jahre nicht nur auf einen Bereich festgelegt waren, dass ihr Star-Image nicht so eintönig war, wie man heute glauben mag, ist in Vergessenheit geraten.

2. Ernst Udet & die Populärkultur

Einer der frühen Allround-Stars[3] war der deutsche Flieger Ernst Udet. Anhand seines Lebenslaufs soll im Folgenden deutlich gemacht werden, welche Wechselwirkungen zwischen einzelnen Individuen und der populären Kultur bestehen. Dabei wird festzu-stellen sein, aus welchen Elementen sich das öffentliche Bild von Ernst Udet zusammensetzte und inwiefern es von der populären Kultur, oder Drittverwertern, für eigene Zwecke genutzt oder gar instrumentalisiert wurde.

Udet stand lange Zeit im Scheinwerferlicht. Er war Held, Künstler und Propagandafigur. Auf die verschiedenen Udet-Bilder soll hier vorab nicht eingegangen werden. Die Art und Weise wie diese Bilder den Blick auf den wahren Ernst Udet verzerrt haben, muss aber aufgezeigt werden. Dazu soll im ersten Abschnitt die Darstellung von Udets früher Flugbegeisterung herangezogen werden.

3. Udet - Der Flugbegeisterte

Ernst Udet kam 1896 als Sohn des Ingenieurs Adolf Udet zur Welt.[4] Bereits 1909, im Alter von 13 Jahren, gründete Udet mit Freunden den ‚Aeroclub München’. „Jeden Mittwoch war gemeinsamer Modellbau[tag, ] jeden Sonnabend großes Flugmeeting“[5]. Etwa 1910 wechselten Udet und sein ‚Aero-Club’ von Modellflugzeugen zu Segelfliegern. Auf dem ‚Flugtag von Niederaschau’ stieg Udet zum ersten Mal in die Luft und verunglückte mit seiner Maschine.

Im NS-Propagandafilm ‚Das Wunder des Fliegens’, in dem Udet 1935 mitwirkte, wird an mehreren Stellen auf die Bedeutung von Udets Kindheit und Jugend für seine spätere Karriere verwiesen.[6] Stellvertretend für den jungen Udet steht dabei Heinz Muthesius. Laut Udet besitzt er die „unbedingt notwendige Besessenheit zur Fliegerei“. Muthesius baut Modellflugzeuge, erlernt das Segelfliegen und stürzt mit seinem Segelflieger ab. Die Parallelen zu Udet sind unverkennbar.

Durch die Geschichte des Heinz Muthesius soll ein bestimmtes Bild vom jungen Udet gezeichnet werden. Dazu wird der Ruhm des Fliegers als Kriegsheld und Star der Weimarer Republik, in die Vergangenheit zurückprojiziert. „Das mit dem Fliegen ist so eine Sache“, erklärt er „[V]iele fühlen sich berufen, doch nur ganz wenige sind aus-erwählt.“ Alle Linien laufen auf Udets spätere Karriere zu. Sie wird zu einer histori-schen Notwendigkeit. Dieses Deutungsmuster, das typische Helden- und Startopoi auf-greift, wurde auch von vielen Udet-Biografen übernommen.[7],[8] Die Literatur über Udet und seine Zeit muss daher mit äußerster Vorsicht gelesen und verwandt werden.

4. Udet – Der Kriegsheld

Mit Beginn des Ersten Weltkriegs meldete sich Udet zur Luftwaffe. Trotz einer ersten Ablehnung gab er nicht auf. Udet ließ sich auf eigene Kosten zum Piloten ausbilden und bewarb sich erneut. Man nahm ihn bei den Aufklärungsfliegern auf. Von hier aus kam er zu den Kampffliegern. 1918 wurde Manfred von Richthofen, der Rote Baron, auf Udet aufmerksam und ließ ihn in sein Jagdgeschwader versetzen.

In den Massenschlachten des Ersten Weltkriegs fanden sich kaum heroische Figuren. Die Verantwortlichen in der Reichswehr stellten daher gezielt die Luftwaffe in den Fokus der Propaganda. Trotz gegenteiliger Entwicklungen, wurde das alte Bild des Luftkampfes als Duell Mann gegen Mann, als ritterliches Kräftemessen[9], aufrechterhalten. Nach Klaus von See reaktivierte die Fliegerei im Ersten Weltkrieg „noch im Ambiente einer modernen Materialschlacht (...) individualistische Heldentypen“.[10]

Der bedeutendste Flieger auf Deutscher Seite war Manfred von Richthofen[11]. Er wurde zu einem der Angelpunkte der Kriegspropaganda. An zweiter Stelle folgte Ernst Udet. Mit Richthofens Tod war er einer der bekanntesten und damit wichtigsten, lebenden Kriegshelden.

5. Udet – Der Kunstflieger

Mit Inkrafttreten des Versailler Vertrages unterlagen die Luftfahrt und die Konstruktion von Flugzeugen starken Einschränkungen.[12] Dennoch gründete Udet 1922 den ‚Udet Flugzeugbau’. Unterstützt durch einen amerikanischen Investor wurde bis 1925 hinter verschlossenen Türen produziert. Dann verließ Udet das Unternehmen. Neben internen Spannungen hatte ihn die Lockerung des Versailler Vertrags dazu bewogen. Mit einem Flugzeug aus eigener Produktion stieg der alte Kampfflieger wieder in die Lüfte.

Wie bereits kurz nach dem Krieg trat Udet ab 1925 auf Flugschauen auf.[13] Die Manöver des Flugtalents waren halsbrecherisch und unkonventionell. Sie brachten ihm sowohl national als auch international die Bewunderung des Publikums ein. „Manchmal erzählt Angermund[14] was die Leute [während der Vorführung] sagen.“, berichtet Udet 1935 in seiner Autobiografie. „Als ich im stehenden Propeller Sturzflüge vorführe, erklärt eine Berlinerin: ‚Siehst du, jetzt kann er nicht mehr, jetzt muss er runter.’“[15]

Udet und sein Flugzeug, der Flamingo, wurden immer berühmter. Auch darauf wird im NS-Propagandafilm ‚Das Wunder des Fliegens’ Bezug genommen. Udets Ma-schine erscheint am Himmel, ein paar Jungen erkennen die Registriernummer und rufen begeistert: „Mensch, das ist Udet in seinem Flamingo“[16]

Die Flugbegeisterung zu Weimarer Zeiten war so groß wie nie zuvor. Durch die technischen Entwicklungen des Ersten Weltkriegs wurden Flugzeuge immer preiswer-ter. Erste Passagiermaschinen nahmen ihren Dienst auf. Der einfache Bürger, der von der neuen Technik fasziniert war, konnte zwar noch immer nicht selbst fliegen, er wollte aber am Abenteuer der Luftfahrt teilhaben. So zog es zehntausende von Menschen zu Flugschauen und Flugtagen. Wer Udet noch nicht aus Kriegszeiten kannte, lernte ihn hier kennen. „Dieser Mann“, berichtet Heinz Nowarra, ist „das Idol von Millionen Flugbegeisterter in Deutschland [und] im Ausland gewesen“[17].

6. Udet - Der Playboy

Damit war die Zahl von Udets Bewunderern stark gestiegen. Er bekam Briefe aus Deutschland und dem Ausland. Nicht wenige waren von Frauen. Udet war alles andere als ein Kostverächter. „Ich hab’ die Frauen nie verstanden, die sich so an ihn gekettet haben“, erinnert sich Elly Beinhorn.[18] Udet war ein Aufreißer und Angeber.[19] Keine Party, auf der er nicht gern gesehen war. Bis in die Öffentlichkeit hinein war Udet für seine kleinen Schaueinlagen bekannt. Er sang, erzählte Anekdoten oder führte kleine Zaubertricks vor. Alkohol spielte in seinem Leben eine wichtige Rolle. „[B]evor er geflogen ist (...) hat [Udet] immer einen (...) Schuß Cognak getrunken.“, weiß Leni Riefenstahl.[20],[21] Auf Flügen hatte er eine Mini-Bar dabei. Zuhause ließ er sich ein ganzes Zimmer zur Bar umbauen. Diese sogenannte ‚Fliegerbar’ war mehr oder minder so legendär wie ihr Besitzer. Kaum eine Frau und kaum ein Mann, die nicht einmal dorthin eingeladen werden wollten, um sich Udets Erinnerungsstücke aus dem Weltkrieg und seiner Zeit als Kunstflieger anzusehen. So kam auch die Wochenschau nicht umhin, sich anlässlich einer Reportage über Udet, mit der ‚Fliegerbar’ auseinanderzusetzen. Gleiches galt für ‚Das Wunder des Fliegens’. Udet selbst war längst vom Kriegshelden und Kunstflieger zu einer Art Gesamtkunstwerk geworden. Zwischen seinem öffentlichen Wirken und seinem Privatleben wurde kaum noch unterschieden. Darauf weisen auch Zeitungs- und Zeitschriftenartikel aus der damaligen Zeit hin.[22]

[...]


[1] Prof. Dr. Thorsten Henning-Turau, Dominik Dallwitz-Wegner, Zum Einfluss von Filmstars auf den ökonomischen Erfolg von Spielfilmen, Weimar 2003.

[2] Hier, wie im Folgenden: Vgl. Stephen Lowry, Star, in: Hans-Otto Hügel, Handbuch Populäre Kultur, Begriffe, Definitionen und Diskussionen, Stuttgart 2003, S. 441 – 445.

[3] Waldhausen etwa bezeichnet Udet, übertrieben pathetisch, als „Tausendkünstler“ Vgl. Hans

Waldhausen, Ernst Udet. - Vom Zauber seiner Persönlichkeit, Neckargemünd 1972, S. 25.

[4] Biografische Details zu Ernst Udet, falls nicht anderslautend, nach: Armand van Isthoven,

Udet – Des Teufels General, Bergisch Gladbach 1980.

[5] Vgl. Ernst Udet, Mein Fliegerleben, S. 86.

[6] Hier, wie im Folgenden: Vgl. Das Wunder des Fliegens, Terra Film, 1935, VHS (1992).

[7] Auch Udet selbst greift diese Topoi in seiner Autobiografie auf. Vgl. Ernst Udet, Mein Fliegerleben.

[8] Ein besonderes Talent beweist hier Waldhausen. Darauf weist schon der Titel seiner Biografie hin.

Vgl. Hans Waldhausen, Ernst Udet.

[9] Vgl. Joachim Castan, Der Rote Baron – Die ganze Geschichte des Manfred von Richthofen,

Stuttgart 2007, S. 163f.

[10] Klaus von See, Held und Kollektiv, in: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur, Ausgabe 122, 1993, S. 27.

[11] Zu Richthofen als Propagandafigur u. Held: Vgl. Joachim Castan, Der Rote Baron,

S. 176 – 205 u. S. 9 – 26, 101 – 156, 233 – 305.

[12] Hierbei handelte es sich vor allem um militärische Beschränkungen, die sich aber über Bau und Unterhalt von Flugzeugen auch auf die zivile Luftfahrt auswirkten. Vgl. Friedensvertrag von

Versailles, Teil V – Bestimmungen über Landheer, Seemacht und Luftfahrt, Abschnitt III - Bestimmungen über militärische und Seeluftfahrt, Artikel 202, Vgl. Friedensvertrag von

Versailles (gekürzte Fassung), www.dhm.de, Zugriff: 23.07.2009.

[13] Hans Herlin, Udet, S. 114f.

[14] Ein Freund Udets. Er organisierte die Flugtage.

[15] Ernst Udet, Mein Fliegerleben, S. 134.

[16] Vgl. Das Wunder des Fliegens

[17] Heinz Nowarra, Udet, S. 4.

[18] Hitlers Krieger: Udet - der Flieger, ZDF, 1998, VHS (1998).

[19] Daran erinnert sich der Amerikaner Jack O. Bennett, der Udet 1937 während eines Studienaustausches an der TU Berlin kennenlernte. Vgl. Hitlers Krieger: Udet - der Flieger.

[20] Vgl. Hitlers Krieger: Udet - der Flieger.

[21] Dies wird auch in Udets Karikaturen deutlich. Vgl. Abb. 1.

[22] Unter anderem Artikel aus der Berliner Illustrierten Zeitung, Vgl. Ausgaben vom

31.10.1929 / 10.05.1931 / 30.04.1933 / 17.10.1935.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Personenkult in der Populärkultur
Untertitel
Die Geschichte der Fliegerlegende Ernst Udet
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Friedrich Meinecke Institut)
Veranstaltung
Populäre Kultur in Weimarer Republik und NS-Zeit
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
20
Katalognummer
V166168
ISBN (eBook)
9783640819324
ISBN (Buch)
9783640822430
Dateigröße
2894 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
personenkult, populärkultur, geschichte, fliegerlegende, ernst, udet
Arbeit zitieren
Stefan Noack (Autor), 2009, Personenkult in der Populärkultur , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/166168

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