Die Beeinflussung der Einstellung gegenüber autistischen Kindern und Jugendlichen im schulischen Kontext


Studienarbeit, 2011
29 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Autismus
2.1 Definition
2.2 Ursachen
2.3 Merkmale

3 Soziale Einstellungen
3.1 Der Begriff Einstellung
3.2 Struktur und Merkmale der Einstellung
3.3 Funktionen von Einstellungen
3.4. Zusammenhang zwischen Einstellung und Verhalten
3.5 Einstellungsänderung
3.5.1 Einstellungsänderung nach dem Kommunikationsmodell
3.5.2 Theorie der kognitiven Dissonanz

4 Einstellung gegenüber Menschen mit Autismus

5. Hilfen für autistische Kinder und Jugendliche durch den Einzelfallhelfer
5.1 Funktion der negativen Einstellungen der Mitschüler
5.2 Beeinflussung durch Anwendung des Kommunikations-modells
5.3 Beeinflussung mit Hilfe des Dissonanzdrucks
5.4 Fallbeispiel: Fridolin und Max

6 Fazit

Literatur

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Die Autismus-Spektrum-Störung gilt als eine komplexe und nur unzureichend verstandene Behinderung mit einer Bandbreite von Erscheinungsformen. Abgesehen von den täglichen Herausforderungen, die mit ihrer Behinderung in Verbindung stehen, müssen sie auch mit der negativen Einstellung der Gesellschaft, einer mangelhaften Unterstützung ihrer Bedürfnisse, und in einigen Fällen mit unvorstellbarer Diskriminierung, ertragen.

Menschen mit Autismus leiden oft an zwanghaften stereotypen Bewegungsmustern oder motorische Eigenarten, durch die sie in der Gesellschaft bereits visuell auffallen. Hinzukommend sind sie im öffentlichen Leben durch ihre akustisch wahrzunehmenden Auffälligkeiten sozusagen eine Attraktion - jedoch in negativer Hinsicht. Durch ihre Symptome werden Menschen mit Autismus im Arbeits-, Wohnund Freizeitbereich trotz der im Neunten Sozialgesetzbuch festgeschriebenen Leistungen zur Teilhabe behinderter Menschen benachteiligt.

In meiner Arbeit als Einzelfallhelfer (EFH) für autistische Kinder und Jugendliche sind mit diese negativen Einstellungen seitens der Gesellschaft deutlich bewusst geworden. Meine Klienten, die unter den verschiedensten Formen der AutismusSpektrum-Störung leiden, haben Schwierigkeiten, nonverbale Verhaltensweisen zur Steuerung sozialer Interaktionen zu erkennen und zu deuten. Dies hat Folgen auf eine entwicklungsgemäßen Beziehungsaufbau zu Gleichaltrigen sowie die Fähigkeit, spontan Freude, Interessen oder Erfolge zu empfinden oder mit anderen zu teilen. Der Autor D. Zöller, der selbst vom frühkindlichen Autismus betroffen ist, schilderte dieses Problem in einem seiner Veröffentlichungen:

„Wie nehmen Menschen Beziehungen auf? Sie lächeln sich an, tauschen Blicke. Durch ihren ganzen Körper drücken sie Zuneigung aus. Was hindert autistische Menschen, Beziehungen zu gestalten? Ihr Körper drückt Gefühle nicht aus. Die Mimik bleibt starr. Die Augen schauen nicht an, was sie lieben. So bleiben Gefühle eingeschlossen, Beziehungen ungelebt“ (Zöller 2001, S. 141).

Aufgrund dieser Schwierigkeiten wurden in Deutschland gesetzliche Bestimmungen zur Schulintegration durch die Schulintegrationsverordnung und die Paragraphen 53ff des Zwölften Sozialgesetzbuches eingeführt. Doch allein durch diese gesetzlichen Regelungen kann sich die negative Einstellung gegenüber Menschen mit Autismus nicht ändern. N. Schuster schrieb in ihrer Autobiografie „Ein guter Tag ist ein Tag mit Wirsing“ über ihr Leben mit dem Asperger-Syndrom. Hierbei machte sie deutlich, dass auch sie nicht zufrieden mit der Integration in ihre Klasse ist, da ihr die Lehrer eine negative Einstellung entgegneten:

„In der Schule haben sie gesagt, dass ich keine Freunde habe. Aber das stimmt doch nicht. Kevin und ich tauschen Sammelbilder aus, er ist mein Freund. Warum sagen die Lehrer sowas?“ (Schuster 2007, S. 135)

Der EFH betrachtet es daher als seine Aufgabe, die gesetzlichen Anforderungen durchzusetzen, indem eine Einstellungsänderung der Mitmenschen, in meinem Arbeitsbereich vor allem der Mitschüler und Lehrer gegenüber dem autistischen Menschen auslöst. Doch ist dies eine relaistische Aufgabe? Kann ein EFH die Einstellung gegenüber einem Menschen ändern? Oder ein idealistisches Bild eines Sozialarbeiters als Retter der Welt, durch dessen einzigartige Leistung die Gesellschaft verändert werden kann?

In der vorliegenden Studienarbeit wird die Problematik der Einstellungsänderung mit Hilfe einer Beeinflussung der Mitschüler autistischer Kinder durch den EFH thematisiert. Hierzu werden zuerst theoretische Grundlagen zum sozialpsychologischen Begriff der Einstellung vermittelt. Anschließend wird die bestehende Einstellung gegenüber Autistischen Mitmenschen, aber auch im Speziellen autistischen Mitschülern, beleuchtet. Eine mögliche Einstellungsbeeinflussung der Mitschüler autistischer Kinder durch Eingreifen des EFH wird im Anschluss anhand von Fallbeispielen geprüft. Hierzu werden zuvor erläuterte Theorien, wie beispielsweise die der kognitiven Dissonanz von Festinger, herangezogen.

2 Autismus

Um die Problematik der negativen Einstellung gegenüber autistischen Kinder, die der EFH gegenübersteht, nachvollziehen zu können, wird im folgenden Kapitel die Autismus-Spektrum-Störung mit ihren Merkmalen erläutert.

2.1 Definition

Erstmals wurde der Begriff Autismus im Jahr 1911 von dem schweizerischen Psychiater Eugen Bleuler als Merkmal der Schizophrenie verwendet. Definiert wurde der Begriff als Rückzug von der Außenwelt in eine eigene psychische Welt. Der Kinderarzt Asperger und der Kinderpsychiater Kanner erkannten 1943/44 unabhängig voneinander zwei unterschiedliche Störbilder, welche sie selbst als autistisch bezeichneten. Daraus ergab sich die Einteilung der Autismusformen in den frühkindlichen Autismus (Kanner-Syndrom) und die autistische Persönlichkeit (Asperger-Syndrom). Infolge einer ungleich starken Ausprägung ergibt sich ein weites Spektrum des Autismus.

In der Internationalen Klassifikation der Erkrankungen (ICD-10) werden alle Formen des Autismus den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen, und nicht wie früher den Psychosen, zugeordnet. Hiermit wird unter anderem deutlich gemacht, dass sich dem genannten Rückzug keine „normale“ Entwicklung anschließt (vgl. Remschmidt 2008, S. 9ff).

Autismus kann nicht geheilt, aber behandelt werden. So finden sich in der Autismustherapie beispielsweise tiefenpsychologische und verhaltensorientierte Ansätze wieder. Weitere erfolgreiche Methoden zur therapeutischen Hilfe der Autismus-Spektrum-Störung sind das Führen nach Affolter und diverse Therapien wie Reit-, Musik-, Ergotherapie, Logopädie, etc. Im Zentrum für autistische Menschen in Chemnitz wird ein besonderes Augenmerk auf die Förderung der sozialen Fähigkeiten durch Sozialkompetenztraining gelegt. Gegebenenfalls kann eine medikamentöse Behandlung der Begleiterscheinungen wie Epilepsie oder Aggressivität erfolgen, um dem autistischen Menschen zu helfen.

2.2 Ursachen

Lange Zeit wurden die Ursachen der Autismus-Spektrum-Störung in psychologischen und psychoanalytischen Theorien gesucht. Man sprach sogar davon, dass die Mütter, die ihre Kinder nicht liebten, sogenannte „Kühlschrankmütter“, an der Störung des Kindes Schuld seien. In den letzten Jahren forschte man jedoch intensiv nach biologischen Ursachen. Dabei erschlossen die Wissenschaftler, dass die folgenden Faktoren bei der Entstehung von Autismus beteiligt sind:

- genetische Faktoren,
- Hirnschädigungen und Hirnfunktionsstörungen,
- biochemische Besonderheiten,
- die Störung kognitiver Prozesse und der Sprachentwicklung, sowie
- Umwelteinflüsse (vgl. Remschmidt 2008, S.57).

2.3 Merkmale

Die Störung wird gewöhnlich vor der Vollendung des dritten Lebensjahres sichtbar, indem sich die folgenden wesentlichsten Merkmale zeigen:

- eine qualitative Beeinträchtigung der zwischenmenschlichen Kommunikation,
- Beeinträchtigungen der sprachlichen, als auch nichtsprachlichen Kommunikation, wobei zu erwähnen ist, dass etwa die Hälfte der Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung nicht die Fähigkeit besitzen, zu sprechen,
- ein offensichtlich eingeschränkter Bestand von Interessen, Verhaltensmustern
und Aktivitäten. Autistische Menschen können ein zwanghaftes Bestehen auf die Gleicherhaltung der Umwelt zeigen, welches mit Ängsten und Panik verbunden ist.

Zahlreiche weitere Symptome, wie Probleme bei der Nahrungsaufnahme aufgrund einer Bevorzugung bestimmter Speisen, Schlaf- und Reinlichkeitsprobleme, Aggressivität in Form von selbst- und fremdverletzendem Verhalten und eine fehlende Angst vor realen Gefahren, können auftreten. Desweiteren leiden viele Menschen mit Autismus an neurologischen Auffälligkeiten wie Epilepsie und oftmals an einer Intelligenzminderung. Es muss jedoch erwähnt werden, dass die verschiedenen Symptome je nach Individuum unterschiedlich stark ausgeprägt sind.

Veränderung in der Umwelt können autistische Menschen stark erregen. Kinder mit Autismus spielen beispielsweise in einer anderen Art als andere Kinder ihres Alters. Oft benutzen sie ihr Spielzeug in zweckentfremdeter, aber immer gleicher Art und Weise. Das Kreiseln und Drehen von Rädern und Bällen, Rieseln mit Sand, Wedeln mit Fäden oder mit den Händen sind Beispiele für die Stereotypien, die sie entwickeln.

Die intellektuellen Fähigkeiten von Menschen mit Autismus variieren stark. Sie reichen von einer geistigen Behinderung bis hin zu durchschnittlicher Intelligenz. Einige von ihnen, die sogenannten Savants, weisen Inselbegabungen auf, welche zu erstaunlichen Teilleistungen im Rechnen, in technischen Fachrichtungen, in der Musik oder auf anderen Gebieten führen (vgl. Remschmidt 2008, S. 16, S. 47f; Theunissen, Paul & Stichling 2003, S. 123ff).

3 Soziale Einstellungen

In diesem Kapitel wird eine Basis zu den Begrifflichkeiten der Einstellung gelegt, sodass daraufhin eine Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten einer Einstellungsänderung erfolgen kann. Im danach folgenden Kapitel wird der Gedanke der Einstellungsänderung erneut aufgegriffen, um die Möglichkeiten und Grenzen der Intervention durch den EFH zu erörtern.

3.1 Der Begriff Einstellung

Der Begriff Einstellung stammt von dem angloamerikanischen Wort „attitude“ ab. Die Einstellung eines Menschen gegenüber einem Objekt ist nur indirekt, nämlich durch das Verhalten des Menschen sichtbar. Unter einem Einstellungsobjekt versteht man beispielsweise eine Person, eine Gruppe, eine Norm, einen Gegenstand, eine Idee o.ä. Beobachtbares Verhalten, Verhaltensabsichten, verbale Äußerungen und physiologische Reaktionen lassen Mitmenschen eine positive, ambivalente oder negative Einstellung erkennen. Einstellungen entstehen im Verlauf des Sozialisationsprozesses eines Menschen. Dabei sind Prozesse des klassischen und operaten Konditionierens sowie des Modell-Lernens entscheidend.

Forschungen zeigten, dass zwischen Einstellungen, dem Verhalten und Überzeugungen nicht keine besonders starke Beziehung besteht. Ein Einstellungsobjekt kann beispielsweise durchaus positive Gefühle auslösen, obwohl gute rationale Gründe gegen dieses vorhanden sind. Wiederum können natürlich auch negative Gefühle gegenüber einem Objekt vorhanden sein, obwohl es keinen ersichtlichen Grund dafür gibt (vgl. Hartung 2010, S. 61ff).

In diesem Kapitel wird der Frage nach der Änderung von Einstellungen nachgegangen und danach, wie eine Einstellung das Verhalten beeinflussen kann oder auch ein bestimmtes Verhalten die Einstellung zum Objekt umgestaltet oder bekräftigt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Die Beeinflussung der Einstellung gegenüber autistischen Kindern und Jugendlichen im schulischen Kontext
Hochschule
Duale Hochschule Gera-Eisenach (ehem. Berufsakademie Thürigen in Gera)
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
29
Katalognummer
V166180
ISBN (eBook)
9783640819027
ISBN (Buch)
9783640822287
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kritik des Dozenten: fehlende Zwischenzusammenfassung
Schlagworte
einstellung, kognitive dissonanz, einstellungsänderung, autismus, Kommuniktionsmodell, dissonanzdruck
Arbeit zitieren
Anne Dreyer (Autor), 2011, Die Beeinflussung der Einstellung gegenüber autistischen Kindern und Jugendlichen im schulischen Kontext, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/166180

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