Mediale Äußerungen und wissenschaftliche Analysen zum politischen Zustand der Schweiz verkünden in den letzten beiden Jahrzehnten selten Gutes: Ob aus der Feder von Journalisten, Politikwissenschaftlern, Soziologen oder Ökonomen – zumeist steht am Ende der Publikationen eines fest: Die Schweiz befindet sich in einer Krise. Innerhalb des Landes wuchs sich diese Vorstellung in den vergangenen Jahren zu einem „professionellen Negativismus“ aus, womit das Befinden der – schenkt man den Klischees Glauben – zu
Kritik und Unzufriedenheit neigenden Bevölkerung wohl bestens beschrieben ist. Besonders im Mittelpunkt steht dabei häufig die nationale Identität, die in Abhandlungen über die Schweiz als zunehmend erodiert und in Gefahr dargestellt wird. Es bestehe eine gravierende Diskrepanz zwischen Selbstbild der Schweizer auf der einen Seite und der Realität bzw. dem Fremdbild auf der anderen Seite. Zudem seien die althergebrachten Leitlinien und Identitätsmerkmale mit dem für nötig befundenen Modernisierungsprozess im politischem System und im Verhältnis zum internationalen Umfeld nicht vereinbar. Der Historiker Georg
Kreis fordert deshalb die Konstituierung einer „offenen, optimistischen und zukunftsorientierten Variante“ des schweizerischen Nationalbewusstseins. Die Feststellung einer Identitätskrise und die damit verbundene Forderung nach einer gegenwarts- und zukunftsträchtigen Neuorientierung der Identitätsfaktoren lassen oft die Tatsache vergessen,
dass das Zusammenfinden und schon über 160 Jahre währende Bestehen der Schweiz eine höchst bewundernswerte Leistung darstellt. Die Schweiz demonstriert, dass friedliches Zusammenleben in einem Staat unabhängig von gemeinsamer Sprache und Kultur sowie ohne homogene Gemeinschaft funktionieren kann. Die heterogene Struktur, welche vor allem auf ethnischer und sprachlicher Ebene sowie am Stadt-Land-Gegensatz evident ist, bedingt die Definition der Nationalidentität mit Hilfe einigender Traditionen, Werte und Mythen. Diese emotionalen Bindemittel werden ergänzt durch die politische Komponente der nationalen Identität, welche in Form von ausgeprägtem Föderalismus und starker direkter Demokratie in
das schweizerische politische System integriert ist. Doch wie ist das Phänomen nationale Identität theoretisch und abstrakt zu erklären?
Inhaltsverzeichnis
1 Problemstellung
2 Die konstruktivistische Nationalismustheorie Benedict Andersons
3 Bedeutende Faktoren der Schweizer Nationalidentität heute
3.1 Mehrsprachigkeit
3.1.1 Entstehung
3.1.2 Viersprachigkeit oder Vielsprachigkeit?
3.2 Geschichtsbewusstsein, Mythen und Symbole
3.2.1 Konstruktion einer gemeinsamen Geschichte
3.2.2 Mythen und Symbole
3.3 Kollektive Werte
3.3.1 Demokratie, Freiheit und Mehrheitsfähigkeit von Minderheiten
3.3.2 Multikulturalität
3.3.3 Sonderfallmentalität und Abgrenzung
3.3.4 Kleinstaatlichkeit
3.4 Neutralität
3.4.1 Neutralität als identitätsstiftendes Element
3.4.2 Zwischen Sendungsbewusstsein und Isolationismus
4 Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die Arbeit untersucht die maßgeblichen Faktoren der schweizerischen Nationalidentität in der Gegenwart unter Anwendung des konstruktivistischen Nationalismustheorie-Modells von Benedict Anderson. Dabei wird analysiert, wie trotz fehlender homogener kultureller oder sprachlicher Grundlagen ein stabiles nationales Zusammengehörigkeitsgefühl erzeugt und aufrechterhalten wird.
- Anwendung der Theorie der „imaginierten Gemeinschaften“ auf die Schweiz
- Bedeutung von Mehrsprachigkeit als identitätsstiftendes Element
- Rolle von Mythen, Symbolen und Geschichtsbewusstsein für den nationalen Zusammenhalt
- Analyse kollektiver Grundwerte wie Demokratie und Neutralität
- Diskussion der Sonderfallmentalität und des Einflusses der Kleinstaatlichkeit
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Entstehung
Die Mehrsprachigkeit der Schweiz hat ihre Wurzeln in den bis ins 16. Jahrhundert zurückgehenden engen Beziehungen der vorwiegend deutschsprachigen Alten Eidgenossenschaft zu französisch- und italienischsprachigen Gebieten. Außerdem galt Französisch unter den in Bern Herrschenden als Modesprache und viele Bauern aus dem eidgenössischen Kerngebiet waren aufgrund ihrer Exporte nach Mailand des Italienischen mächtig. In der Helvetischen Republik (1798-1803) wurde das Verhältnis von Nation und Sprache erstmals erörtert, doch erst durch die Bundesstaatsgründung 1848 wurde die Schweiz verfassungsrechtlich ein Staat mit offiziell drei Nationalsprachen. Dieser revolutionäre Akt wurde als Beleg für die nationale Einheit und die Gleichberechtigung sowie aus administrativen und praktischen Gründen getätigt, während ein identitätsstiftender Effekt weder beabsichtigt noch absehbar war. Ein Kommunikationsproblem entstand durch die Mehrsprachigkeit nicht, da die Eliten über weitreichende Sprachkenntnisse verfügten. Der nationalen Identität des 19. Jahrhunderts ist eine gewisse Sprachgruppenblindheit zu attestieren, da die Mehrsprachigkeit zwar wahrgenommen wurde, die gesamtschweizerischen Themen und Perspektiven aber im Vordergrund standen.
Um die sogenannte geistige Landesverteidigung gegen die faschistischen Regime in Deutschland und Italien auch sprachlich zu unterfüttern, erfolgte 1938 eine Revision des Sprachenartikels, durch die Rätoromanisch offiziell als Nationalsprache anerkannt wurde. Das Rätoromanische erhielt zwar nicht den Status einer Amtssprache, jedoch setzte die Schweiz ein Zeichen der Einheit und Stärke gegenüber den volkstumsorientierten Ambitionen der Regime nördlich und südlich ihres Landes. Die Sprachenvielfalt wurde erstmals als ein identitäres Charakteristikum der Schweiz entdeckt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Problemstellung: Das Kapitel führt in die Debatte über die vermeintliche Identitätskrise der Schweiz ein und erläutert die Diskrepanz zwischen Selbstbild, Realität und Fremdbild.
2 Die konstruktivistische Nationalismustheorie Benedict Andersons: Hier werden die theoretischen Grundlagen des Nationalismus als kulturelles System vorgestellt, das auf „imaginierten Gemeinschaften“ basiert.
3 Bedeutende Faktoren der Schweizer Nationalidentität heute: Dieser Hauptteil analysiert die zentralen Säulen, die den Zusammenhalt der Schweiz fördern, darunter Sprache, Geschichte, Werte und Neutralität.
3.1 Mehrsprachigkeit: Es wird die historische Entstehung und die moderne Bedeutung der Mehrsprachigkeit als einheitsstiftendes und identitätskritisches Element diskutiert.
3.2 Geschichtsbewusstsein, Mythen und Symbole: Dieses Kapitel untersucht, wie eine gemeinsame Geschichte konstruiert wurde und welche Rolle Mythen und Symbole für die nationale Identifikation spielen.
3.3 Kollektive Werte: Hier werden Grundwerte wie Demokratie, Freiheit, Multikulturalität und die Sonderfallmentalität als bindende Faktoren analysiert.
3.4 Neutralität: Die Neutralität wird als historisch gewachsenes Prinzip und als Instrument zur inneren Befriedung und Unabhängigkeitssicherung beleuchtet.
4 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass die schweizerische Nationalidentität trotz Herausforderungen in ihrer Grundstruktur stabil bleibt.
Schlüsselwörter
Schweizer Nationalidentität, Benedict Anderson, Imagined Communities, Mehrsprachigkeit, Direkte Demokratie, Neutralität, Nationalmythen, Sonderfallmentalität, Kleinstaatlichkeit, Föderalismus, Willensnation, Kultur, Geschichte, Identitätskonstruktion, Zusammenhalt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Untersuchung der zentralen Bestandteile, die die heutige Nationalidentität der Schweiz konstituieren und zusammenhalten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themenfelder sind die sprachliche Vielfalt, das Geschichtsbewusstsein mit seinen Mythen und Symbolen, kollektive Werte wie Demokratie und Freiheit sowie die Bedeutung der Neutralität und der Kleinstaatlichkeit für das nationale Selbstverständnis.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, auf Basis der konstruktivistischen Nationalismustheorie von Benedict Anderson zu erklären, wie die Schweiz trotz ihrer heterogenen Struktur eine erfolgreiche und widerstandsfähige nationale Identität generiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen politikwissenschaftlichen und historischen Analyseansatz, der das theoretische Konzept der „vorgestellten Gemeinschaft“ nach Anderson auf die realen Gegebenheiten der Schweiz anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Auseinandersetzung mit vier Identitätssäulen: Mehrsprachigkeit, historische Mythen/Symbole, kollektive Werte und die Rolle der Neutralität.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlagworte sind neben „Nationalidentität“ vor allem „Konstruktivismus“, „Willensnation“, „Sonderfall“ und „Kohäsion“.
Warum wird der Rütlischwur als solch wichtiges Element genannt?
Der Rütlischwur dient als Gründungsmythos, der dazu beiträgt, ein Gefühl von Zusammengehörigkeit und Selbstbehauptung gegenüber einer oft als feindlich wahrgenommenen Umwelt zu stiften.
Inwiefern beeinflusst die Kleinstaatlichkeit die Schweizer Identität?
Die Kleinstaatlichkeit fördert eine besondere Selbstdarstellung und verlangt den Bürgern ein hohes Maß an Mitwirkung ab, was wiederum die Identifikation mit dem politischen System und der Nation verstärkt.
- Arbeit zitieren
- Uli Hausner (Autor:in), 2009, Bedeutende Bestandteile der Schweizer Nationalidentität in der Gegenwart, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/166196