Rundfunk im Dritten Reich - der Volksempfänger als Sprachrohr der nationalsozialistischen Propaganda


Hausarbeit, 2010
20 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Volksempfanger VE301

3. Der RundfUnk als Instrument des Reichsministeriums fur Volksaufklarung und Propaganda
3.1 Das Rundfunkprogramm in den ersten Jahren der NS-Diktatur
3.2 „Wunschkonzert“ und „Blitzkrieg“ - die ersten Kriegsjahre 1939-1942
3.3 Der Rundfunk in den letzten Kriegsjahren 1943-1945

4. Das Abhoren auslandischer Sender und seine Konsequenzen

5. Fazit

6. Bibliographie

1. Einleitung

„Meine Volksgenossen und Volksgenossinnen! Mit den letzten Vorgangen, die sich innerhalb der Funkhauser und um den RundfUnk herum abgespielt haben, endet die demokratische Epoche des Rundfunks. Zehn Jahre Systemrundfunk haben uns zehn Jahre verkalkten Liberalismus beschert, zehn Jahre geistloser, sich aber geistig dunkender Perversitaten. ... Fur uns ist, kurz gesagt, der Rundfunk das Heiligtum unseres Volkes, und er soll das Braune Haus Deutschen Geistes werden![1]

Schon lange vor der Machtubernahme im Januar 1933 hatten die Nationalsozialisten die propagandistische Macht des jungen Mediums Rundfunk erkannt. Durch die Verstaatlichung der Sendeanstalten ab Sommer 1932 und die damit einhergehende Kontrolle des Programms durch die von der Regierung Franz von Papens eingesetzten Programmbeirate wurde bereits zu Zeiten der Weimarer Republik der Boden fur eine Umstrukturierung des Rundfunks im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie geebnet. Der oben zitierte Ausschnitt aus einer Ansprache des Reichssendeleiters Eugen Hadamovsky vom 12.08.1933 auf einer Rundfunk-Kundgebung im Berliner Sportpalast verdeutlicht die Stellung, die dem Rundfunk als Werkzeug der Massenbeeinflussung beigemessen wurde. Hadamovsky erhebt den Rundfunk, der zum Zeitpunkt seiner Ansprache noch keine zehn Jahre in Deutschland sendete, zum „Volksheiligtum“ und betont mit dieser geschickten Aneignung religiosen Vokubulars gleichzeitig die unantastbare Allwissenheit der neuen Informationsquelle des deutschen Volkes.

Von einer umfassenden Rundfunkversorgung der Bevolkerung konnte zu Beginn der NS-Diktatur allerdings noch nicht die Rede sein. Mit einer Horerschaft von rund 4,5 Mio. Rundfunkteilnehmern am 1. April 1933 und stark rucklaufigen Neuanmeldungen waren die Nationalsozialisten noch weit vom ihrem Ziel, der vollstandigen Rundfunkerfassung der gesamten Reichsbevolkerung, entfernt.[2] Dies hatte seine Ursache vor allem in den Anschaffungskosten der teuren Empfangsgerate, die fur viele Menschen nicht zuletzt aufgrund der hohen Arbeitslosenquote unerschwinglich waren. Um die Verwirklichung des ehrgeizigen Plans voranzutreiben, veranlasste Propagandaminister Joseph Goebbels die Markteinfuhrung eines preisgunstigen und somit fur alle Bevolkerungsschichten erschwinglichen Empfangsgerates - der „Volksempfanger“ sollte das Wort des Fuhrers injedes deutsche Haus tragen.

Im Mittelpunkt der folgenden Ausarbeitung steht die Darstellung der Entwicklung des deutschen Rundfunks in den Jahren 1933 bis 1945 unter Berucksichtigung seiner propagandistischen Elemente. Dabei soll der Versuch unternommen werden, die Frage nach der Rolle, die der Volksempfanger bei der Verbreitung des Rundfunks innerhalb der deutschen Bevolkerung spielte, zu beantworten. Desweiteren soll aufgezeigt werden, welche Moglichkeiten der Informationsbeschaffung der Rundfunk abseits der gleichgeschalteten Reichssender bot und wie es den Nationalsozialisten gelingen konnte, die Illusion des bevorstehen „Endsieges“ angesichts der kaum zu leugnenden Realitaten aufrechtzuerhalten.

2. Der Volksempfanger VE 301

Als der Volksempfanger VE 301 auf der vom 18.-27. August 1933 stattfindenden Berliner Funkausstellung erstmals der Offentlichkeit prasentiert wurde, geschah dies unter grofiem propagandistischem Aufwand. Auch Hitler selbst liefi es sich nicht nehmen, das Gerat, das seine Typbezeichnung vom Datum der Machtergreifung, dem 30. Januar, herleitete, wahrend dieser Vorstellung in Augenschein zu nehmen.[3]

Dennoch sind weder die Wortschopfung „Volksempfanger“, die sich problemlos in das ideologisierte Vokabular der Nationalsozialisten einfugen liefi, noch die damit verbundene Idee eines Empfangsgerates fur alle Bevolkerungsgruppen das geistige Eigentum der NS-Propagandisten, denn bereits im Jahre 1926 brachte die Berliner LOEWE-Radiofabrik unter dem Namen „Volksempfangsgerat“ einen gunstigen Rundfunkempfanger fur alle Bevolkerungsschichten auf den Markt.[4] In Anbetracht der schier unuberschaubaren Typenvielfalt auf dem damaligen Geratemarkt und der uneinheitlichen technischen Leistungsfahigkeit der verfugbaren Gerate liefi sich der Plan, den Rundfunk jedem deutschen Haushalt zuganglich zu machen, jedoch nur durch die Neuentwicklung eines sogenannten Einheitsempfangers realisieren.[5] Joseph Goebbels Anspruche an dieses Gerat umfassten neben einem gunstigen Anschaffungspreis von ungefahr 75 RM auch den einwandfreien Empfang der Bezirkssender sowie des Deutschlandsenders. Um die Umsetzung dieses Vorhabens zu beschleunigen, forderte das Propagandaministerium alle 28 Gerateproduzenten im Reichsgebiet auf, entsprechende Konstruktionsentwurfe einzureichen. Die Resonanz auf diesen Wettbewerb blieb allerdings gering und so waren es nur die Konstruktionsingenieure der Radiofabriken Telefunken, Blaupunkt und Seibt, die sich an der Auschreibung beteiligten undjeweils ein Modell vorstellten. Die Wahl fiel schliefilich auf den von Otto GrieBing, dem Chefkonstrukteur der Geratefabrik Seibt, entworfenen Empfangsapparat.[6] Bedingt durch einheitliche Bauplane und standardisierte Bauteile wurde es moglich, die Serienproduktion des VE 301 in allen deutschen Radiowerken durchzufuhren.[7]

Punktlich zur oben bereits erwahnten Berliner Funkaustellung 1933 war die erste, 100.000 Stuck umfassende, Serie bereit zur Auslieferung. Wie sehr die Nationalsozialisten mit der Idee des „Volksempfangers“ und der umfangreichen, die Produktion begleitenden Werbestrategie den Geist der Zeit trafen, belegt die Tatsache, dass alle Gerate dieser Serie bereits am ersten Tag der Funkausstellung einen Kaufer finden konnten. Zwar wurde sofort mit der Auflage einer zweiten Serie von ebenfalls 100.000 Stuck begonnen, doch auch diese konnte die enorme Nachfrage nicht annahernd decken. Bis zum Mai 1934 hatte sich die Zahl der bislang produzierten Volksempfanger sogar auf 700.000 Stuck erhoht.[8] Der Verkaufspreis des VE 301 lag mit 76 RM nur minimal uber dem durch Goebbels festgesetzten Richtwert - dennoch wurden Stimmen laut, die die Preisgestaltung als zu hoch fur einen ,,wirklichen Volksempfanger“ kritisierten.[9] Um das Gerat auch fur Angehorige der unteren Einkommensschichten erschwinglich und sofort verfugbar werden zu lassen, konnte der Volksempfanger auch in bis zu 18 Monatsraten bezahlt werden, die ublicherweise von den Elektrizitatsversorgungsunternehmen zusammen mit der Stromrechnung eingezogen wurden. Der Gesamtpreis erhohte sich durch den Ratenkauf allerdings auf insgesamt 86,45 RM und setzte sich aus einer Anzahlung von 7,25 RM sowie den monatlichen Abschlagen in Hohe von 4,40 RM zusammen.[10] Im Vergleich zu 1932 verdoppelte sich die Anzahl der jahrlichen Rundfunkneuanmeldungen nach der Markteinfuhrung des Volksempfangers im Jahr 1933. Fur 1934 kann sogar eine Verdreifachung der Neuzugange auf etwa eine Million im Vergleich zu 1932 festgestellt werden. In den Folgejahren 1935­1937 stagnierte die Zahl der neuen Gerateanmeldungen in etwa auf dem Niveau von 1934.[11] Vergleicht man nun diese Zahlen mit den Verkaufszahlen des Volksempfangers in den Rundfunkjahren 1934/35 (850.000 Stuck) und 1936/37 (350.000) Stuck, so fallt auf, dass sich der Marktanteil des VE 301 deutlich verringerte. Betrug der Marktanteil des Volksempfangers 1934/35 noch 43,7%, so schrumpfte dieser 1936/37 auf24,3%.[12]

So sehr der Volksempfanger in den ersten Jahren nach seiner Markteinfuhrung die Verbreitung des Rundfunks auch beschleunigt haben mag, belegen doch die rucklaufigen Marktanteile, dass neben ihm auch andere Rundfunkgerate Verbreitung innerhalb der Bevolkerung fanden. In der zeitgenossischen Diskussion tauchte in diesem Zusammenhang sogar das Argument auf, dass seit Ende 1932 in allen Rundfunklandern auch ohne Volksempfanger „aufierordentliche Horerzugange zu verzeichnen“ gewesen seien.[13] Und tatsachlich hinkte das Deutsche Reich Anfang 1937 bezogen auf die Rundfunkdichte im internationalen Vergleich hinterher. Mit insgesamt 8,2 Millionen Rundfunkteilnehmern hatte man zwar die bislang fuhrende europaische Rundfunknation Grofibritannien rein zahlenmafiig uberholt, stellt man diese Zahl allerdings der Anzahl der erreichten Haushalte gegenuber, so ergibt sich eine Rundfunkdichte von nur 46,9% im Vergleich zu 78,3% in den Vereinigten Staaten, 71,8% in Danemark und 66,1% in Grofibritannien.[14]

Um die Anzahl der Rundfunkteilnehmer angesichts der rucklaufigen Verkaufszahlen des VE 301 weiter zu erhohen, brachten die Nationalsozialisten punktlich zur Funkausstellung im Jahr 1938 ein weiteres Rundfunkempfangsgerat auf den Markt. Der Deutsche Kleinempfanger DKE 38 kostete gunstige 35 RM und wurde im Volksmund bald nur noch „Goebbels-Schnauze“ genannt. Obwohl er weniger Leistung bot als der Volksempfanger, hatte er entscheidenden Anteil an den steigenden Runkfunkteilnehmerzahlen, die sich bis zum 1. Januar 1943 auf 16,1 Millionen erhohten.[15]

Immer wieder findet sich in der Literatur uber den Volksempfanger die Behauptung, dass er von den Nationalsozialisten bewusst so geplant worden sei, dass der Empfang auslandischer Sender unmoglich war. Diese Vorstellung passt zwar hervorragend in die perfide Gedankenwelt des NS-Regimes, belegen lasst sie sich indes nicht. Besonders plausibel wird dieser Mythos von Wolfgang Konig entzaubert, der anfuhrt, dass eine Unterbindung des Auslandsempfangs nur durch weitgehende und von Sendegebiet zu Sendegebiet variable Frequenzsperren zu realisieren gewesen ware. Der Volksempfanger deckte jedoch den gesamten Mittel- und Langwellenbereich ab und gewahrleistete so den von Goebbels geforderten Empfang des auf Langwelle sendenden reichsweiten Deutschlandsenders. Da auch die auslandischen Sender auf Langwelle sendeten, konnte der Empfang dieser Sender, besonders in den Randgebieten des Reichs, besser sein als der des Konigs Wusterhausener Deutschlandsenders.[16]

[...]


[1] Rede von Eugen Hadamovsky, zit. n. FuB, Dieter: ,,Ein Volk! Ein Reich! Ein Rundfunk!44. Aus der Dramaturgie der Propaganda im Dritten Reich. Begleitheft zum Tonband 185 des Instituts fur Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht. Grunwald: FWU 1973, S. 75/76.

[2] Konig, Wolfgang: Mythen um den Volksempfanger: revisionistische Untersuchungen zur nationalsozialistischen Rundfunkpolitik. In: Technikgeschichte: Beitrage uber die gesellschaftliche Entwicklung der Technik in ihren wissenschaftlichen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Zusammenhangen. Hg. v. Verein Deutscher Ingenieure. Berlin: edition sigma 2003, S. 91.

[3] Konig, Mythen um den Volksempfanger: revisionistische Untersuchungen zur nationalsozialistischen Rundfunkpolitik, S. 81.

[4] Diller, Ansgar: Der Volksempfanger: Propaganda- und Wirtschaftsfaktor. In: Mitteilungen / Studienkreis Rundfunk und Geschichte. Hg. v. Studienkreis Rundfunk und Geschichte. Koln: Studienkreis, 1983, S.140.

[5] Holtschmidt, Dieter: Volksempfanger. Geschichte und Technik der Gemeinschaftsgerate. Hagen: Selbstverlag, 1981, S. 7.

[6] Diller, Der Volksempfanger: Propaganda- und Wirtschaftsfaktor, S.141-142.

[7] Holtschmidt, Volksempfanger. Geschichte und Technik der Gemeinschaftsgerate, S.8.

[8] Scheel, Klaus: Krieg uber Atherwellen. NS-Rundfunk und Monopole 1933-1945. Berlin: VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften 1970. S. 68.

[9] Diller, Der Volksempfanger: Propaganda- und Wirtschaftsfaktor, S. 145.

[10] Konig, Mythen um den Volksempfanger: revisionistische Untersuchungen zur nationalsozialistischen Rundfunkpolitik, S.82.

[11] Diller,Der Volksempfanger: Propaganda und Wirtschaftsfaktor, S.147.

[12] Konig, Mythen um den Volksempfanger: revisionistische Untersuchungen zur nationalsozialistischen Rundfunkpolitik, S. 89.

[13] Diller,Der Volksempfanger: Propaganda und Wirtschaftsfaktor, S.148.

[14] Ebd., S. 149.

[15] Sarkowicz, Hans: „Nur nicht langweilig werden ..Das Radio im Dienst der nationalsozialistischen Propaganda. In: Medien im Nationalsozialismus. Hg. v. Bernd Heidenreich, Sonke Neitzel. Paderborn: Verlag Ferdinand Schoningh 2010. S.213.

[16] Konig, Mythen um den Volksempfanger: revisionistische Untersuchungen zur nationalsozialistischen Rundfunkpolitik, S. 83/84.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Rundfunk im Dritten Reich - der Volksempfänger als Sprachrohr der nationalsozialistischen Propaganda
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
20
Katalognummer
V166312
ISBN (eBook)
9783640823659
ISBN (Buch)
9783640823291
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nationalsozialismus, Radio, Rundfunk, Mediengeschichte, Kulturwissenschaften, Literaturwissenschaft, Propaganda, Wunschkonzert, Manipulation, Hitler, Goebbels
Arbeit zitieren
Anna-Gesa Pollex (Autor), 2010, Rundfunk im Dritten Reich - der Volksempfänger als Sprachrohr der nationalsozialistischen Propaganda, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/166312

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