Die Position des Dolmetschers im Dolmetschprozess

Das dreigliedrige, zweisprachige Kommunikationssystem Dolmetschen nach Hella Kirchhoff (1976)


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
20 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung

2 Das Kirchhoff-Modell - Elemente und Akteure
2.1 Elemente des Systems und ihre Funktion
2.2 Die Interaktionspartner

3 Rollenverteilung
3.1 Verhaltensweisen innerhalb des Systems: Sender Dolmetscher - Empfänger
3.2 Die Doppel-Rolle des Dolmetschers
3.3 Verlaufsformen der Äußerungen und deren Verdolmetschung: konsekutiv vs. simultan
3.3.1 Konsekutivdolmetschen
3.3.2 Simultandolmetschen
3.3.3 Mögliche kommunikationsstörende Faktoren im dreigliedrigen System
3.4 Englisch als Konferenzsprache für Träger anderer Sprachen

4 Neuronale Prozesse beim Dolmetschen
4.1 Daniel Giles „effort model“
4.2 Redeflussunterbrechungen im Dolmetschprozess

5 Schlussfolgerung: Der Dolmetschberuf - ein Beruf wie jeder andere?

Bibliographie

1 Einleitung

In der vorliegenden Arbeit wird das Thema behandelt, welche Position der Dol- metscher im Dolmetschprozess hat. Anhand des Modells einer Dolmetschsitua- tion „Das dreigliedrige, zweisprachige Kommunikationssystem Dolmetschen“, das 1976 von Hella Kirchhoff entwickelt wurde, werden verschiedene Meinun- gen und Situationen dargestellt, die zum Teil aus Studien und ausgewählten Kapiteln oder Artikeln zur Dolmetschforschung stammen. Als Anspielung auf die häufig vorkommende Frage, ob der Dolmetscherberuf nur für „multikulturelle Sprachengenies“ (vgl. Hönig 146) bestimmt ist, wird am Schluss ein Kapitel den neuronalen Prozessen allgemein und im Dolmetschprozess gewidmet. Der Au- torin Ziel war es, das Kirchhoff-Modell so auseinander zu nehmen, wie sie es verstanden hat und auf Grund der Eindrücke erfahrener Dolmetscher zu zeigen, dass es zwar sehr vereinfacht ist, doch aber ausgesprochen realitätsnah.

Des Weiteren wird ein Kapitel dem Artikel über „stille Pausen“ gewidmet (vgl. Tissi 102f). Als erstes einige biographische Daten über Hella Kirchhoff.

Hella Kirchhoff war in einer deutschen Familie in Italien aufgewachsen. Ihren Schulabschluss machte sie in Triest, was ihr den unmittelbaren Bezug zu zwei Sprachen und Kulturen ermöglichte. In der Schule lernte sie noch Englisch und Französisch. 1938 nahm sie ihr Studium an dem Institut für Übersetzen und Dolmetschen der Universität Heidelberg auf. Schon 3 Jahre später durfte sie Unterricht in Italienisch halten. Sie lehrte mehrere Dolmetscher und Übersetzer, obwohl sie nie Karriere als Dolmetscherin machte. 1950 schrieb sie ihre Dok- torarbeit über die romanischen Sprachen. Erst 20 Jahre später begann sie sich mit Dolmetschforschung zu beschäftigen unter Einfluss der Leipziger Schule. Ihr Manuskript „Eine Didaktik des Dolmetschens“ aus dem Jahr 1974 blieb un- veröffentlicht. Ein weiterer Beitrag aus dem darauf folgenden Jahr wurde zum ersten Mal auf einer Konferenz in Germersheim präsentiert. Das Modell „Das dreigliedrige, zweisprachige Kommunikationssystem Dolmetschen“ entstand 1976 und beschreibt die Dolmetschsituation und die Akteure mit ihren kultur- spezifischen Merkmalen und Eigenschaften. 1983, nach langjähriger Tätigkeit an der Universität Heidelberg, zog sich Hella Kirchhoff in den Ruhestand zurück (The Interpreting Studies Reader).

Seitdem Otto Kade den Begriff der Translation einführte, wurden Übersetzen und Dolmetschen Teil einer gemeinsamen Wissenschaft, die sich aber auch damit beschäftigt, die Unterschiede zwischen den Teildisziplinen aufzuzeigen. Einer der wichtigsten davon, der sich später auf fast alle Dolmetschmodelle auswirkt, findet sich in den Entscheidungsprozessen. Während beim Überset- zen das Gesamtwerk vorliegt, gibt es beim Dolmetschen keine Gesamtheit --eine Tatsache, die ganz andere Denk- und Handelsstrategien erfordert. Oder mit anderen Worten gesagt: Die Abgeschlossenheit eines Textes spielt eine wesentliche Rolle bei Rezeption, Verstehen und Produktion in der Zielsprache. Genau dieser fehlende Überblick über die Kohärenzen in einem Text lässt die Frage aufkommen: Ist Dolmetschen als getreue Wiedergabe eines Textes überhaupt möglich? Wenn ja, dann was für Umformulierungs- und Verstehensprozesse spielen sich im Kopf eines Dolmetschers ab? Diese und die Frage, was für eine Rolle der Dolmetscher als Mensch und Persönlichkeit in der Kommunikationskette spielen muss oder darf, sind Ausgangspunkte für kontroverse, aber auch sehr aufschlussreiche Meinungen.

2 Das Kirchhoff-Modell - Elemente und Akteure

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Das dreigliedrige, zweisprachige Kommunikationssystem Dolmetschen nach H. Kirch- hoff (1976)

Vorab sei gesagt, dass das vorliegende Dolmetschmodell sehr übersichtlich ist, dies aber auf Kosten einiger Auslassungen und unbeachteten Elementen des Systems seitens der Autorin H. Kirchhoff geht. Ob und wie relevant sie sind, wird hier später erläutert. Ersichtlich wird, dass sich die Dolmetschsituation in zwei Teilsystemen abspielt. Teilsystem A enthält alle Elemente der Umgebung des Senders. In Teilsystem B befindet sich der Empfänger und hat - wie der Sender auch - seinen entsprechenden soziokulturellen Hintergrund, der den größten Rahmen beider Kommunikationspartner umfasst.

Auf diesem Schema sieht man, dass die Autorin deutlich zwischen soziokultu- rellem Hintergrund und Situation A und Situation B unterscheidet. Als dritte Un- terteilung kommt noch die Situation Primärpartner dazu. Im Artikel wird dies allerdings nur kurz und knapp angesprochen. Beim Versuch, ihre Gedanken nachzuvollziehen, könnte man Folgendes feststellen: Der soziokulturelle Hin- tergrund AS bezieht sich auf die allgemeinen Hintergrundkenntnisse und Erwar- tungen des Redners. Sowohl er, als auch sein Kommunikationspartner mit dem soziokulturellen Hintergrund ZS sind Teil einer anderen Gesellschaft und Kultur, was natürlich Auswirkung auf ihr passives und aktives Wissen hat. Die Situationen A und B werden demzufolge aus der konkreten Kommunikati- onssituation entnommen. Die dritte Situationsbeschreibung, die Situation Pri- märpartner, ist dann die Interaktion an sich, d.h. die Kommunikation als solche, die zwischen den beiden Interaktionspartnern stattfindet. Wir sehen die Position des Dolmetschers, der zwar sowohl in Situation A als auch in Situation B aktiv tätig, doch aber klar aus der Situation Primärpartner ausgeschlossen ist. Auf seine offensichtliche „Außenseiter“-Rolle wird später eingegangen.

2.1 Elemente des Systems und ihre Funktion

Mit dem Vorhandensein eines Senders und eines Empfängers1 wird die Situati- on erst als Kommunikation definiert. Wenn sie aber nicht über das gemeinsame Medium Sprache verfügen, wird ein Kommunikationsmittler herangezogen, der mit seiner entsprechenden Bilingualität und Bikulturalität den Vollzug der Kom- munikation ermöglicht.

Als weitere Elemente des Systems kommen noch der Kode AS und der Kode ZS, jeweils mit den entsprechenden verbalen und aktionalen Komponenten da- zu. Obwohl bei dem Schema ganz deutlich zwischen soziokulturellem Hinter- grund und Kode unterschieden wird, stehen die beiden Begriffe als gleichge- wichtige Elemente in den dazu gehörigen Erklärungen, was etwas verwirrend wirkt. Auch hier - auf eine freie Interpretation zurückgreifend - könnte man dies so verstehen: Der Kode AS mit seinen verbalen und aktionalen Elementen ist alles, was man beabsichtigt zu sagen, d.h. etwas, was als eine klare und ganze Gedankenkette dasteht, noch aber nicht zum Ausdruck gebracht worden ist. Dazu können die eigenen Gedanken des Redners2 gehören (mit seinen ur- sprünglichen Intentionen), aber auch die Widerspiegelung der Eindrücke aus dem von dem anderen Kommunikationspartner Gesagten auf Grund des eige- nen soziokulturellen Hintergrundes. Man könnte dagegen einwenden, dass beim Vorhandensein des Kodes AS bzw. ZS (s. unten) die weitere Unterschei- dung von Situation A bzw. B überflüssig wird und somit hätte man auch Recht.

Der Hauptakzent in diesem Artikel liegt auf der Position des Dolmetschers und seiner Rolle. Vermutlich benötigte diese Differenzierung zur Zeit des Entstehens des Modells keine weiteren Erklärungen zur soziokulturellen Zugehörigkeit aller Interaktionspartner.

Als letztes Element sind die Äußerungen M1 und M2 aufgezeichnet. Ähnlich wie der Kode AS und ZS machen verbale und aktionale Komponenten die beiden Äußerungen aus. Unter aktionale Elemente werden alle Elemente verstanden, die durch den auditiven Kanal erfasst werden. Das sind Körperhaltung und Ges- tik, der emotionale Gesichtsausdruck, das Meiden oder Suchen von Blickkon- takt, das allgemeine Geschehen im Raum. Die verbale Komponente machen alle Elemente aus, die aus dem auditiven Kanal kommen. Dabei wird zwischen rein sprachlichen (verbalen) und sprachunabhängigen Elementen unterschie- den. Sprachunabhängig sind Elemente wie Gähnen, Husten, Räuspern. Kenn- zeichnend für die verbalen Elemente sind die paralinguistischen Phänomene, die in drei Untergruppen unterteilt sind:

- die Stimmqualität (Stimmhöhe, -umfang, Klangfarbe); zu beachten sind Änderungen in der Stimmqualität und Lautstärke während des Kommuni- kationsverlaufs;
- Akzent und Dialekt; sie geben Auskunft über Herkunft, Bildungsniveau u.a.
- zeitabhängige Variable, wie Sprechtempo, -rhythmus und seine Varia- tionen, die sog. „non fluencies“, wie gefüllte Pausen3, Stottern, Wiederho- lungen, Auslassungen, Satzbrüche, Versprechen, die über die Wirkungs- intentionen des Senders oder nicht kontrollierte Spannungen Auskunft geben (vgl. Kirchhoff 22).

„Die Information über beide Kanäle bildet ein Ganzes, das nur als Ganzes die Intention des Senders realisieren kann“ (vgl. Kirchhoff 22).

Schließlich, aber nicht zuletzt, sei noch der Dolmetscher erwähnt, durch den das dreigliedrige Modell erst entsteht. Seine Position in diesem Modell ist sehr interessant definiert: Er befindet sich außerhalb der beiden Teilsysteme A und B, in der Mitte zwischen dem soziokulturellen Hintergrund AS und dem sozio- kulturellen Hintergrund ZS, bildet jeweils ein Teil der Situationen A und B und ist gleichzeitig bezeichnet als E2 (Zweitempfänger) und S2 (Zweitsender). Im Teil- system B ist er klar mit der Äußerung M2 und dem Empfänger E1 verbunden. Warum die Pfeile im Teilsystem A nur auf ihn zu gerichtet sind, ohne ihn dabei zu erreichen, lässt vermuten, dass er in diesem System kein „aktiver“ Interak- tant ist, d.h. er hört nur zu, verlässt jedoch seine passive Rolle erst in Teilsys- tem B, wenn er „zu sprechen kommt“.

[...]


1 In diesem Modell umfassen die Bezeichnungen Sender und Empfänger verallgemeinert alle potentiellen Redner und Zuhörer. Nicht aufgezeichnet wurden mehrere Dolmetscher, die ein Teil der Kommunikationskette, z.B. bei Relais, sind.

2 Hier und weiter in dieser Arbeit wird der Begriff Redner verwendet, um die Person(en) zu beschreiben, die im gegebenen Moment das Wort haben, d.h. dass je nach Situation auch der Zuhörer Redner genannt werden kann, z.B. bei Rückfragen etc.

3 S. Kapitel 4.2 hier.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Position des Dolmetschers im Dolmetschprozess
Untertitel
Das dreigliedrige, zweisprachige Kommunikationssystem Dolmetschen nach Hella Kirchhoff (1976)
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (IASPK)
Veranstaltung
Hauptseminar Dolmetschen als Interaktion
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
20
Katalognummer
V166371
ISBN (eBook)
9783640824083
ISBN (Buch)
9783640824298
Dateigröße
563 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hella Kirchhoff, Dolmetschen, Modelle, Daniel Gile
Arbeit zitieren
Eliza Kalderon (Autor), 2004, Die Position des Dolmetschers im Dolmetschprozess , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/166371

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