„Die Jugend der Welt zu Gast im neuen Deutschland“ – so pries die nationalsozialistische Presse die Olympischen Spiele von 1936. Hinter dem Glanz der Fackelläufe und der monumentalen Stadionarchitektur verbarg sich jedoch eine Propagandainszenierung, die den olympischen Geist für politische Zwecke vereinnahmte.
Der olympische Gedanke nach Pierre de Coubertin war ursprünglich Ausdruck einer humanistischen Vision: Sport als friedliches Band zwischen Nationen, als Symbol für Fairness, Leistung und Verständigung. Doch im Deutschland der 1930er Jahre wurde dieses Ideal zu einem machtpolitischen Werkzeug. Die Spiele entwickelten sich zur Bühne ideologischer Selbstinszenierung, die den Anspruch universeller Werte durch nationalistische Deutung ersetzte.
Die Arbeit vergleicht die Berichterstattung über die Olympischen Spiele von 1932 in Los Angeles mit jener der Berliner Spiele von 1936 und zeigt, wie sich der Diskurs in nur vier Jahren grundlegend wandelte. Als methodische Grundlage dient die Kritische Diskursanalyse nach Siegfried Jäger (2015), die es ermöglicht, sprachliche und strukturelle Muster der Gleichschaltung präzise offenzulegen.
Wo 1932 noch von sportlicher Begegnung, Fairness und Völkerverständigung die Rede war, dominierten 1936 Begriffe wie Ehre, Kampf und Disziplin. Die Sprache der Zeitung, einst Ausdruck demokratischer Öffentlichkeit in Weimarer Zeiten, wurde schrittweise in das Vokabular des Regimes überführt.
Die Untersuchung macht deutlich, dass Gleichschaltung nicht allein durch politische Kontrolle, sondern auch durch sprachliche Gewöhnung erfolgte. Über subtile Wiederholungen, Metaphern und narrative Muster konstruierte die Presse ein neues Verständnis von Sport, Nation und Identität. Damit leistet die Arbeit einen Beitrag zur Medien- und Sprachgeschichte des Nationalsozialismus und legt offen, wie Worte beginnen, Macht auszuüben – lange bevor Taten folgen.
Inhaltsverzeichnis
- Abkürzungverzeichnis
- 1. Einleitung
- 2. Coubertin und die Olympischen Spiele
- 2.1 Der Olympische Gedanke
- 2.2 Olympismus
- 3. Presse im Nationalsozialismus
- 3.1 „Gleichschaltung“ und Steuerung
- 3.2 Der Hannoversche Kurier im Kontext der „Gleichschaltung“
- 4. Die Olympischen Spiele 1936
- 4.1 Sport als nationale Aufgabe: Die Vereinnahmung des Olympismus
- 4.2 Die Medienspiele
- 5. Methodik: Kritische Diskursanalyse
- 5.1 Zielsetzung der Untersuchung
- 5.2 Untersuchungsgegenstand
- 5.3 Materialgrundlage
- 5.4 Strukturanalyse
- 5.5 Feinanalyse
- 6. Kritische Diskursanalyse
- 6.1 Hypothesen
- 6.2 Zielsetzung der Untersuchung
- 6.3 Untersuchungsgegenstand
- 6.4 Materialgrundlage
- 6.5 Strukturanalyse
- 6.6 Feinanalyse
- 6.7 Gesamtanalyse der Diskursfragmente 1932 und 1936
- 7. Fazit
- 8. Literaturverzeichnis
- Anhang
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Ambivalenz in der zeitgenössischen Berichterstattung über die Olympischen Spiele 1936. Im Fokus steht die Berichterstattung des Hannoverschen Kuriers zu den Olympischen Spielen 1932 und 1936, um den Einfluss der nationalsozialistischen "Gleichschaltung" auf den Olympischen Diskurs und dessen mögliche Veränderung über die Jahre hinweg zu analysieren. Es sollen ideologische Brüche und Kontinuitäten nachvollzogen und der Einfluss staatlicher Propaganda auf den öffentlichen olympischen Diskurs herausgearbeitet werden.
- Beleuchtung des Olympischen Gedankens Pierre de Coubertins als Basis der Analyse.
- Untersuchung der "Gleichschaltung" der Presse im Nationalsozialismus und Einordnung des Hannoverschen Kuriers.
- Analyse der Olympischen Spiele 1936 in Berlin mit Fokus auf die Rolle der Presse und die nationalsozialistische Umdeutung des Olympismus.
- Anwendung der Kritischen Diskursanalyse nach Siegfried Jäger auf die Berichterstattung der Jahre 1932 und 1936.
- Prüfung von Hypothesen bezüglich ideologischer Umdeutung und sprachlich-diskursiver Veränderungen.
Auszug aus dem Buch
3.1 „Gleichschaltung“ und Steuerung
Die Presse war während der Zeit des Nationalsozialismus neben Rundfunk und Fernsehen das entscheidende Mittel zur massenmedialen Kontrolle. Anfangs unterschied sich die Presselandschaft im Nationalsozialismus nur geringfügig von derjenigen der Weimarer Republik. Dies lag vor allem an ihrer zunächst unveränderten privatwirtschaftlichen Organisation, die sich allmählich wandeln sollte. Im Laufe der Zeit wurde „aus der Presse im Nationalsozialismus die Presse des Nationalsozialismus“. Goebbels Ziel war die Gestaltung
der Presse, die vielfältig in ihrer Erscheinungsform strukturiert, aber einheitlich ausgerichtet sein sollte. Die Vereinheitlichung nahm im Verlauf des Regimes immer mehr zu, war jedoch keineswegs direkt ersichtlich. Die Nationalsozialisten stützten sich in der Pressepolitik zunächst auf Regelungen, die in der Weimarer Republik geschaffen wurden. Dazu zählte das Reichspressegesetz von 1874. Die „Gleichschaltung" und Steuerung der Presse erfolgte systematisch auf vier Ebenen: ökonomisch, personell, inhaltlich und institutionell. Die ökonomische Steuerung konstituierte sich in Enteignungen, Übernahmen, Zwangsverkäufen und Eingliederungen in NS-Holdinggesellschaften. Bereits im Februar 1933 lieferten Notverordnungen, aufgrund ihrer vagen Bestimmungen, NS-Behörden willkürliche Möglichkeiten, um ideologische Gegner zu bekämpfen und die äußere Pressefreiheit einzuschränken. Dabei wurden gezielt Titel der politischen Opposition verboten, darunter 135 SPD- und 60 KPD-nahe Erzeugnisse, Verlags- und Druckereivermögen beschlagnahmt und, genau wie ihr Abonnentenstamm, von örtlichen NS-Blättern übernommen. Ferner wurden etliche Verleger, die nicht enteignet wurden, zu einem Verkauf unter Wert genötigt. In der ersten Welle der Entfernung unliebsamer Pressetitel waren konfessionelle und bürgerliche Blätter zunächst noch verschont geblieben. Das änderte sich mit den Amann-Verordnungen von 1935. Die zweite Anordnung ermöglichte unter dem Vorwand, ungesunde Wettbewerbsverhältnisse zu beseitigen, die Schließung von Verlagen. Wichtiger als das Schließungsrecht scheint die Befugnis zur umfassenden Prüfung der Verlagsstrukturen und wirtschaftlicher Situation der Verlage seitens staatlicher Behörden zu sein, deren Ergebnisse gezielt im Sinne der Nationalsozialisten genutzt werden konnten. Die umfangreichere dritte Anordnung verpflichtete zum einen Verleger, ihre „arische“ Abstammung bis zum Jahr 1800 nachzuweisen, zum anderen wurde die Tätigkeit des Verlegens auf natürliche Personen beschränkt. Darüber hinaus wurde explizit verboten, Zeitungen auf einen konfessionellen oder bestimmbaren Personenkreis auszurichten. Somit bildete die dritte Amann-Anordnung das Ende der katholisch orientierten Presse. Insgesamt wurden durch diese Verordnungen etwa
500-600 Blätter zur Einstellung gezwungen. Die verbliebene „bürgerliche“ und konfessionelle Presse wurde in Holdinggesellschaften eingegliedert. Ehemalige Zentrumszeitungen waren in der „Phönix GmbH“ konzentriert, während nichtkonfessionelle, politische Zeitungen in der „Herold GmbH“ zusammengefasst wurden. Die Generalanzeiger- und Massenpresse war in die „Vera Verlagsanstalt“ eingegliedert, die von Alfred Hugenberg besessen wurde. Für die parteieigene Gaupresse wurde 1934 die „Standarte GmbH“ ins Leben gerufen, die je die Hälfte eines Gauverlags besaß, während die andere Hälfte von den Gauleitern als Treuhänder der NSDAP vorbehalten war.44
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Stellt die Ambivalenz der Olympischen Spiele 1936 zwischen den Idealen Pierre de Coubertins und der nationalsozialistischen Instrumentalisierung dar und umreißt die Forschungsfrage.
2. Coubertin und die Olympischen Spiele: Beleuchtet den Olympischen Gedanken Pierre de Coubertins, die Entstehung der modernen Spiele und versucht, den Olympismus als Diskurs für die Analyse zu definieren.
3. Presse im Nationalsozialismus: Untersucht die "Gleichschaltung" der Presse im NS-Regime, ihre Steuerung auf verschiedenen Ebenen und ordnet den "Hannoverschen Kurier" in diesem Kontext ein.
4. Die Olympischen Spiele 1936: Analysiert die Vereinnahmung des Olympismus durch die Nationalsozialisten, Sport als nationale Aufgabe und die Rolle der Medien bei den Berliner Spielen 1936.
5. Methodik: Kritische Diskursanalyse: Stellt die zugrundeliegende Methodik der Kritischen Diskursanalyse nach Siegfried Jäger vor, einschließlich Zielsetzung, Untersuchungsgegenstand, Materialgrundlage, Struktur- und Feinanalyse.
6. Kritische Diskursanalyse: Prüft Hypothesen zur ideologischen Umdeutung des Olympismus und der Veränderung sprachlich-diskursiver Strategien im Hannoverschen Kurier zwischen 1932 und 1936.
7. Fazit: Fasst die Ergebnisse der Untersuchung zusammen, die auf eine ideologische Veränderung des Olympismus-Diskurses und die Rolle der "Gleichschaltung" hinweisen.
Schlüsselwörter
Olympische Spiele 1932, Olympische Spiele 1936, Nationalsozialismus, Gleichschaltung, Presseberichterstattung, Hannoverscher Kurier, Olympismus, Pierre de Coubertin, Kritische Diskursanalyse, Propaganda, Volksgemeinschaft, Führerkult, Sportgeschichte, Medienanalyse, Ideologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie sich der Olympismus-Diskurs in der Berichterstattung des "Hannoverschen Kuriers" zwischen 1932 und 1936 unter dem Einfluss der nationalsozialistischen "Gleichschaltung" verändert hat.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder sind die Geschichte der Olympischen Spiele, die Presse im Nationalsozialismus, die kritische Diskursanalyse und die spezifische Berichterstattung des "Hannoverschen Kuriers" über die Olympischen Spiele 1932 und 1936.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, herauszufinden, inwieweit sich der Olympische Diskurs über die Jahre unter Einfluss der "Gleichschaltung" verändert hat und ob sich ideologische Brüche oder Kontinuitäten in der Berichterstattung feststellen lassen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird die Methodik der Kritischen Diskursanalyse nach Siegfried Jäger angewendet, die qualitative und interpretative Analyseinstrumente bietet, um die vielschichtigen Aspekte des Diskurses zu erfassen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die historische Einordnung der Olympischen Spiele, die "Gleichschaltung" der Presse, die Vereinnahmung des Olympismus durch das NS-Regime und wendet die kritische Diskursanalyse auf die Berichterstattung des "Hannoverschen Kuriers" an, um Kontinuitäten oder Brüche in der Darstellung herauszufinden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind Olympische Spiele 1932, Olympische Spiele 1936, Nationalsozialismus, Gleichschaltung, Presseberichterstattung, Hannoverscher Kurier, Olympismus, Propaganda und Kritische Diskursanalyse.
Wie unterscheidet sich die Darstellung des Olympismus im "Hannoverschen Kurier" vor und nach der "Gleichschaltung"?
Vor der "Gleichschaltung" lag der Fokus stärker auf Werten wie Völkerverständigung und Chancengleichheit, während 1936 die Stilisierung der nationalen Überlegenheit und die Inszenierung der "Volksgemeinschaft" im Vordergrund standen.
Welche Rolle spielte der "Hannoversche Kurier" im Kontext der nationalsozialistischen Pressepolitik?
Der "Hannoversche Kurier" geriet nach 1933 in finanzielle Abhängigkeit, wurde von einer NS-nahen Verlags-GmbH übernommen und seine Berichterstattung zeichnete sich nach Regierungsantritt Hitlers zunehmend durch Wohlwollen gegenüber dem NS-Regime aus.
Wie wurden olympische Symbole und Rituale vom NS-Regime instrumentalisiert?
Das NS-Regime nutzte olympische Symbole wie die Fackel und die Spiele selbst, um historische Kontinuität, deutsche Leistungsfähigkeit, den "Führerkult" und das Ideal einer geschlossenen "Volksgemeinschaft" zu inszenieren und zu glorifizieren.
Inwiefern wurde die Sprache in der Berichterstattung von 1932 zu 1936 verändert, um die propagandistischen Ziele zu unterstützen?
Die Sprache wechselte von einer eher sachlich-sportlichen Darstellung 1932 zu einer pathetischen, überhöhenden Rhetorik 1936, die emotionale Aufladung, heroische Metaphern und sakrale Symbolik einsetzte, um das Ereignis als welthistorisch und den Führer als zentrale Figur darzustellen.
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- Philipp Witt (Autor), 2025, Der Einfluss der Gleichschaltung auf den Olympischen Diskurs, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1665382