Diese Studie untersucht Streuobstwiesen als ökologische und kulturelle Räume, in denen sich Natur, Gemeinschaft und regionale Identität verbinden. Am Beispiel des BUND Naturschutz in Bayern wird gezeigt, wie Vereine durch Bildungsarbeit, Pflanzaktionen und Feste nicht nur Biodiversität fördern, sondern auch soziale Teilhabe und kulturelle Bindungen stärken. Empirische Methoden wie Interviews und Wahrnehmungsspaziergänge verdeutlichen, dass Streuobstwiesen Orte kollektiver Identität und lokaler Resilienz sind. Der Bayerische Streuobstpakt wird dabei als politisch-kulturelles Versprechen verstanden, das durch zivilgesellschaftliches Engagement wirksam wird. Die Arbeit zeigt, wie Kulturvereine zur nachhaltigen Transformation ländlicher Räume beitragen können.
Inhaltsverzeichnis
- Inhaltsverzeichnis
- Abkürzungsverzeichnis
- 1. Einleitung
- 1.1 Problemstellung
- 1.2 Motivation und Zielsetzung
- 1.3 Relevanz
- 2. Methodik
- 2.1. Gliederung der Arbeit
- 2.2 Wahrnehmungsspaziergang
- 2.3 Interviews
- 3. Theoretischer Rahmen
- 3.1. Kollektive Identität als Kulturformation
- 3.2 Regionale Identität und Regionale Entwicklung
- 3.3. Streuobstwiesen in Bayern
- 3.3.1 Wahrnehmungsspaziergang (ÖBZ)
- 3.3.2 Interviewanalyse (BN)
- 4. Bayerischer Streuobstpakt und BN
- 5. Fazit
- Literaturverzeichnis
- Anhang
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht, wie Streuobstwiesen nicht nur als ökologische Ressourcen, sondern auch als soziokulturelle Räume fungieren. Das primäre Ziel ist es, den Beitrag von Vereinen wie dem BUND Naturschutz in Bayern (BN) zur Gestaltung kultureller Praktiken rund um Streuobstwiesen sowie deren Einfluss auf soziale Teilhabe und die Transformation ländlicher Räume zu analysieren.
- Analyse der Streuobstwiesen als kulturelle Praxis und Kulturformation.
- Erforschung der Rolle zivilgesellschaftlicher Vereine und Netzwerke in Transformationsprozessen ländlicher Räume.
- Untersuchung der Entstehung und Reproduktion kollektiver und regionaler Identität durch Streuobstwiesen.
- Empirische Datenerhebung mittels Wahrnehmungsspaziergang und Experteninterviews.
- Einordnung der Befunde in den politischen Rahmen des Bayerischen Streuobstpakts.
- Beitrag zur Förderung von Resilienz und sozialer Kohäsion in ländlichen Gebieten aus kulturwissenschaftlicher Perspektive.
Auszug aus dem Buch
3.1. Kollektive Identität als Kulturformation
Assmann beschreibt den Menschen als soziales Wesen, das nur in politischen und sozialen Ordnungen existieren kann, eine Einsicht, die bereits Aristoteles mit dem Begriff des zoon politikon formuliert hat (vgl. Assmann 1999: 139). Kollektive Identität ist für ihn ein soziales Konstrukt, „das Bild, das eine Gruppe von sich aufbaut und mit dem sich deren Mitglieder identifizieren“ (ebd.: 132). Sie entsteht nicht naturwüchsig, sondern durch symbolische Formung und bleibt nur wirksam, solange sie im Bewusstsein der Mitglieder präsent ist (vgl. ebd.: 132). Erst durch Reflexivwerdung, also durch die bewusste Thematisierung von Zugehörigkeit, kann sich personale Identität zu einer kollektiven Wir-Identität verdichten (vgl. ebd.: 134). Auch personale und individuelle Identität ist demnach nicht unmittelbare Selbsterfahrung, sondern kulturell vermittelt durch Kommunikation, Interaktion und Anerkennung (vgl. ebd.). Kulturformationen übernehmen dabei eine zentrale Rolle als „Medium, durch das eine kollektive Identität aufgebaut und über die Generationen hinweg" weitergegeben wird (ebd.: 139). Vor diesem Hintergrund lassen sich Streuobstwiesen als spezifische Kulturformation verstehen. Sie verbinden materielle Elemente wie Sortenvielfalt und Bewirtschaftungsweisen mit symbolischen Bedeutungen, die in Ritualen und gemeinschaftlichen Praktiken erfahrbar werden. Da kultureller Sinn nicht von selbst zirkuliert, sondern durch bewusste Inszenierung reproduziert werden muss (vgl. ebd.: 143), setzen hier Vereine an. Pflanzaktionen oder Erntedankfeste von Vereinen sind nicht nur Maßnahmen der Landschaftspflege, sondern rituelle Praktiken, die kollektive Erinnerung und Identität hervorbringen. Individuelle Handlungen transformieren sich in solchen gemeinschaftlichen Tätigkeiten in kollektive Erfahrungen und konstituieren eine Wir-Identität. Diese doppelte Funktion, nämlich die Stabilisierung innerer Bindungen und Repräsentation nach außen, lässt sich im Rahmen des Zivilgesellschaftskonzepts fassen. Zivilgesellschaftliche Akteure übernehmen in Transformationsprozessen Aufgaben wie die Förderung politischer Partizipation, die Artikulation von Interessen und die Schaffung öffentlicher Foren für marginalisierte Gruppen (vgl. Diamond 1997; Diamond 1999; Ekiert 2015; Keane und Merkel 2015; Merkel und Lauth 1997, 1998, zitiert nach Lettau 2020: 29). Durch ihre alltägliche Verankerung stiften sie Vertrauen und eröffnen Handlungsmöglichkeiten jenseits staatlicher Institutionen. Im Fall des BN zeigt sich dies exemplarisch in generationenübergreifender Partizipation, geteiltem Wissen und gemeinsamer Arbeit. Solche Praktiken lassen sich mit Gozzer als konkrete Formen der Solidarität deuten, in denen Gegenseitigkeit und gemeinsame Ziele soziale Kohäsion hervorbringen (vgl. Gozzer in: Beskid et al. 2021: 17f).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel hinterfragt die traditionelle Stadt-Land-Dichotomie und stellt Streuobstwiesen als ökologisch und soziokulturell bedeutsame Räume in den Fokus, deren Erhaltung stark vom zivilgesellschaftlichen Engagement abhängt.
2. Methodik: Die Methodik gliedert sich in eine umfassende Hintergrundrecherche, einen Wahrnehmungsspaziergang auf einer urbanen Streuobstwiese des ÖBZ und qualitative Experteninterviews mit dem BUND Naturschutz (BN), um die vielschichtigen Dimensionen der Streuobstwiesen zu erfassen.
3. Theoretischer Rahmen: Hier werden die Konzepte der kollektiven und regionalen Identität als Kulturformationen erläutert, die Streuobstwiesen als Räume verstehen, in denen materielle Elemente und symbolische Bedeutungen durch gemeinschaftliche Praktiken verbunden werden.
4. Bayerischer Streuobstpakt und BN: Dieses Kapitel analysiert den politischen Rahmen des Bayerischen Streuobstpakts und beleuchtet die zentrale Vermittlerrolle des BUND Naturschutz bei der Umsetzung staatlicher Programme in lokale kulturelle Praxis.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen, dass Streuobstwiesen doppelt funktionieren – als Biodiversitätshabitat und als kulturell codierte Erfahrungsräume, die soziale Teilhabe und Transformation fördern, wobei Vereine wie der BN eine entscheidende Rolle spielen.
Schlüsselwörter
Streuobstwiesen, Kulturformation, ländliche Räume, Transformation, soziale Teilhabe, kollektive Identität, regionale Identität, BUND Naturschutz (BN), zivilgesellschaftliches Engagement, ökologische Ressource, Kulturlandschaft, Bayerischer Streuobstpakt, Biodiversität, Nachhaltigkeit, Kulturwissenschaft, Partizipation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Streuobstwiesen als Räume kultureller Praxis und analysiert die Rolle von Vereinen, Netzwerken und politischen Programmen im Transformationsprozess ländlicher Räume, insbesondere in Bezug auf deren ökologische und soziokulturelle Bedeutung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder sind die kulturelle Bedeutung von Streuobstwiesen, die Rolle zivilgesellschaftlicher Akteure (wie der BUND Naturschutz), die Bildung kollektiver und regionaler Identitäten, Transformationsprozesse in ländlichen Räumen und die Verankerung politischer Programme in lokaler Praxis.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, die Forschungsfrage zu beantworten: „Wie gestalten Vereine wie der BN kulturelle Praktiken rund um Streuobstwiesen und welchen Beitrag leisten sie zur sozialen Teilhabe und Transformation ländlicher Räume?“
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Studie verwendet eine dreiteilige Methode: umfassende Hintergrundrecherche und Dokumentenanalyse, einen Wahrnehmungsspaziergang auf einer Streuobstwiese und qualitative Experteninterviews, deren Daten komplementär ausgewertet werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt den theoretischen Rahmen der kollektiven und regionalen Identität, führt in das Fallbeispiel "Streuobstwiesen in Bayern" ein und analysiert die empirischen Daten aus dem Wahrnehmungsspaziergang und den Interviews im Kontext des Bayerischen Streuobstpakts.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind Streuobstwiesen, Kulturformation, ländliche Räume, Transformation, soziale Teilhabe, kollektive Identität, regionale Identität, BUND Naturschutz (BN), zivilgesellschaftliches Engagement, ökologische Ressource, Kulturlandschaft, Bayerischer Streuobstpakt, Biodiversität, Nachhaltigkeit, Kulturwissenschaft.
Wie tragen Streuobstwiesen zur regionalen Identität bei?
Streuobstwiesen tragen zur regionalen Identität bei, indem sie materielle Elemente wie Sortenvielfalt mit symbolischen Bedeutungen in Ritualen und gemeinschaftlichen Praktiken verbinden, wodurch sie als Kulturformationen die kollektive Identität über Generationen hinweg prägen und weitergeben.
Welche Rolle spielt der BUND Naturschutz (BN) im Streuobstpakt?
Der BN erfüllt eine Doppelfunktion: Er agiert als zivilgesellschaftlicher Knotenpunkt, der lokale Akteur:innen einbindet und rituelle Praktiken etabliert, und als intermediärer Akteur, der politische Programme in lokale Handlungspraxis übersetzt und kulturelle Narrative in institutionelle Strukturen integriert.
Was sind die Herausforderungen bei der Erhaltung von Streuobstwiesen laut der Studie?
Zu den Herausforderungen gehören der Rückgang der Streuobstwiesen durch Urbanisierung und Mechanisierung, fehlende Verwertungsketten für das Obst, geringe Sichtbarkeit und Zugänglichkeit in urbanen Räumen sowie der hohe Pflegeaufwand bei begrenzten Ressourcen.
Was versteht die Arbeit unter einem "kulturellen Versprechen" im Kontext von Transformationen?
Die Arbeit bezieht sich auf die Aussage, dass Förderzusagen für Streuobstwiesen wie ein "kulturelles Versprechen" wirken, dessen Glaubwürdigkeit maßgeblich über Vertrauen und Partizipation entscheidet, ähnlich wie politische und institutionelle Versprechen Hoffnung und Orientierung in unsicheren Zeiten schaffen.
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- Hyein Jeong (Author), 2025, Streuobstwiesen als Räume kultureller Praxis, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1665902