Diese Hausarbeit im Studiengang Prävention und Gesundheitsmanagement analysiert das innovative Versorgungskonzept der „Retail Clinics“ aus den USA und bewertet dessen Übertragbarkeit auf das deutsche Gesundheitssystem. Retail Clinics sind niedrigschwellige medizinische Einrichtungen, die in Einzelhandelsgeschäften wie Supermärkten oder Drogerien angesiedelt sind und von Physician Assistants oder Krankenpflegekräften geleitet werden. Sie behandeln einfache akute Erkrankungen und bieten präventive Leistungen wie Impfungen zu transparenten, günstigen Preisen und mit flexiblen Öffnungszeiten an.
Die Arbeit gliedert sich in einen konzeptionellen und einen analytischen Teil. Zunächst werden betriebswirtschaftliche Bezugsrahmen für Gesundheitseinrichtungen – der Geschäftsmodellansatz und die Analyse nach Sachfunktionen (Leistungs-, Kunden- und Finanzmanagement) – eingeführt und auf deutsche Arztpraxen angewendet. Im Anschluss erfolgt eine tiefgehende Analyse der Retail Clinics. Diese umfasst eine Betrachtung der Strukturqualität (Humanressourcen, Infrastruktur, Finanzen), des Kundenmanagements mit seiner klar definierten Zielgruppe junger Erwachsener sowie der Wettbewerbsvorteile durch Kosten-, Zeit- und Differenzierungsstrategien.
Der zentrale Beitrag der Arbeit liegt in der kritischen Bewertung der Übertragbarkeit des Konzepts auf Deutschland. Es werden die potenziellen Chancen, wie die Entlastung überlasteter Arztpraxen und die Sicherstellung der medizinischen Grundversorgung in ländlichen Regionen, den erheblichen Herausforderungen gegenübergestellt. Dazu zählen das anders strukturierte Finanzierungssystem der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), der demografische Wandel mit einer alternden Bevölkerung und komplexere regulatorische Hürden. Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass eine direkte Übertragung des US-Modells derzeit nicht realistisch erscheint, identifiziert aber mit dem „Hamburger Gesundheitskiosk“ ein vergleichbares, beratungsorientiertes Konzept im deutschen Kontext. Abschließend werden die potenziellen Profiteure einer Implementierung, wie Ärzte, medizinisches Assistenzpersonal, Patienten und der Einzelhandel, diskutiert. Diese Analyse bietet thus eine fundierte Grundlage für die Debatte um innovative, zugängliche und wirtschaftliche Versorgungsformen in einem sich wandelnden Gesundheitswesen.
Inhaltsverzeichnis
- 1 KONZEPTIONELLER BEZUGSRAHMEN
- 1.1 Geschäftsmodellansatz
- 1.2 Die Analyse nach Sachfunktionen
- 1.2.1 Leistungsmanagement
- 1.2.2 Kundenmanagement
- 1.2.3 Finanzmanagement
- 1.2.4 Fazit Freiheitsgrade in Arztpraxen
- 2 GRUNDLEGENDE ASPEKTE VON „RETAIL CLINICS“
- 2.1 Was ist eine „retail clinic?"
- 2.2 Die Entwicklung und Marktsituation von „retail clinics"
- 3 LEISTUNGSMANAGEMENT VON „RETAIL CLINICS“
- 3.1 Strukturqualität: retail clinics und deutsche Arztpraxen
- 3.1.1 Humanressourcen
- 3.1.2 Infrastrukturelle Ressourcen
- 3.1.3 Finanzielle Ressourcen
- 3.2 Leistungserbringung der retail clinics
- 3.1 Strukturqualität: retail clinics und deutsche Arztpraxen
- 4 KUNDENMANAGEMENT VON „RETAIL CLINICS“
- 4.1 Die Zielgruppe der „retail clinics“
- 4.2 Formulierung des Hinweisschildes
- 4.3 Die drei Dimensionen der Wettbewerbsvorteilstrategien
- 5 FINANZMANAGEMENT VON „RETAIL CLINICS“
- 5.1 Erlössystematik von „retail clinics"
- 5.2 Kostenstruktur von „retail clinics"
- 6 ÜBERTRAGUNG DES KONZEPTES „RETAIL CLINICS“ IN DAS DEUTSCHE GESUNDHEITSSYSTEM
- 6.1 „Retail clinics“ im deutschen Gesundheitssystem
- 6.2 Profitierende Akteure einer Implementierung
- 6.3 Vergleichbare Konzepte in Deutschland
- 7 LITERATURVERZEICHNIS
- 8 ABBILDUNGS- UND TABELLENVERZEICHNIS
- 8.1 Abbildungsverzeichnis
- 8.2 Tabellenverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit zielt darauf ab, das Konzept der „retail clinics“ aus einer betriebswirtschaftlichen Perspektive zu analysieren und dessen potenzielle Übertragbarkeit auf das deutsche Gesundheitssystem zu bewerten. Dabei werden systematisch die Chancen und Herausforderungen einer solchen Implementierung beleuchtet, um eine fundierte Entscheidungsgrundlage zu schaffen.
- Analyse konzeptioneller Bezugsrahmen für Gesundheitsorganisationen.
- Definition, Entwicklung und Marktsituation von „retail clinics“ in den USA.
- Tiefgehende Untersuchung des Leistungs-, Kunden- und Finanzmanagements von „retail clinics“.
- Vergleichende Betrachtung der Strukturqualität zwischen „retail clinics“ und deutschen Arztpraxen.
- Diskussion der Transfermöglichkeiten und Auswirkungen des Konzepts auf das deutsche Gesundheitssystem.
- Identifikation profitierender Akteure und vergleichbarer Konzepte in Deutschland.
Auszug aus dem Buch
Grundlegende Aspekte von „retail clinics“
Das Gesundheitssystem in den USA ist ein anderes als in Deutschland. In den USA gilt keine allgemeine Krankenversicherungspflicht, somit hat nicht jeder dort lebende Mensch direkte Hilfe bei Krankheitsfällen. Folgende Aufgaben geben genaueren Einblick über „retail clinics“, eine Alternative zu Krankenhäusern und Hausärzten in den USA.
Ganz allgemein lassen sich retail clinics als medizinische Einrichtungen bezeichnen, die in größeren Einkaufsläden oder Malls residieren. Die Kliniken bieten medizinische Behandlung durch eine Krankenschwester oder durch einen Arztassistent (Physician As-sistant) an. Behandelt werden kleinere körperliche Verletzungen und einfache Krank-heitsbilder. Aber auch präventive Maßnahmen wie das Impfen werden von den Dienstleistern des Gesundheitswesens durchgeführt. Durch die transparenten Kosten und vergleichsweise langen Öffnungszeiten wird mit retail clinics eine Alternative zu anderen Einrichtungen der Medizin geboten (RAND Corporation, 2016). „Retail“ wird vom Englischen in das Deutsche mit Einzelhandel bzw. mit Einzelhandelsgeschäften übersetzt. Der „retail“-Aspekt besagt also die Möglichkeit, sich schnell, einfach und kostengünstig einer Diagnose seiner Krankheitssymptomatik im nächsten Supermarkt zu unterziehen (Gerste, 2007). Eine Eingliederung der „retail clinics“ in Geschäfte des täglichen Bedarfs wie beispielsweise Apotheken unterstützt den Komfort der Menschheit in der heutigen Zeit.
Das Unternehmen „MinuteClinic“ gründete im Jahr 2000 die erste „Retail Health Clinic“ in den USA. Nicht nur Marktführer, sondern auch Vorreiter auf dem Gebiet der „retail clinics" wurde das Ziel von Michael Howe festgelegt: Bis Ende 2007 sollte es „retail clinics" an über 400 Standorten geben, langfristig sogar die Vision über 2500 Standorte in CVS-Läden zu eröffnen (Gerste, 2007). Aus einem Health Report der Blue Cross Blue Shield Association aus dem Jahre 2017 geht hervor, dass es im Jahre 2016 weit über 2000 „retail clinics" in den USA gibt, verteilt auf Apotheken, Einkaufsläden und Malls (BCBS, 2017). Die untenstehende Abbildung zeigt den genauen Verlauf an Besuchen innerhalb der retail clinics über die Zeitspanne von 2011 bis 2015 an. Zu sehen ist beinahe eine Verdoppelung der Besucher pro 1000 Versicherten.
Zusammenfassung der Kapitel
Kapitel 1 Konzeptioneller Bezugsrahmen: Dieses Kapitel erläutert die Notwendigkeit eines systematischen Bezugsrahmens für die Analyse von Gesundheitsorganisationen aus betriebswirtschaftlicher Sicht, wobei Geschäftsmodell- und Sachfunktionsansätze vorgestellt werden.
Kapitel 2 Grundlegende Aspekte von „Retail Clinics“: Hier werden „retail clinics“ im US-Gesundheitssystem als niedrigschwellige medizinische Einrichtungen definiert und deren historische Entwicklung sowie aktuelle Marktsituation detailliert beschrieben.
Kapitel 3 Leistungsmanagement von „Retail Clinics“: Das Kapitel analysiert die Strukturqualität von „retail clinics“ und vergleicht diese hinsichtlich Human-, Infrastruktur- und Finanzressourcen umfassend mit deutschen Arztpraxen.
Kapitel 4 Kundenmanagement von „Retail Clinics“: In diesem Abschnitt werden die Zielgruppe der „retail clinics“, die Gestaltung von Hinweisschildern und die Wettbewerbsstrategien in Bezug auf Differenzierungs-, Zeit- und Kostenvorteile eingehend untersucht.
Kapitel 5 Finanzmanagement von „Retail Clinics“: Dieses Kapitel stellt die Erlössystematik und Kostenstruktur von „retail clinics“ dar, wobei die Bedeutung von Barzahlungen und niedrigen Personalkosten als zentrale Faktoren hervorgehoben wird.
Kapitel 6 Übertragung des Konzeptes „Retail Clinics“ in das deutsche Gesundheitssystem: Hier werden die Chancen und Schwierigkeiten einer Implementierung von „retail clinics“ in Deutschland bewertet, potenzielle Akteure identifiziert und das Konzept mit ähnlichen Initiativen wie dem Hamburger Gesundheitskiosk verglichen.
Schlüsselwörter
Retail Clinics, Gesundheitsmanagement, Deutschland, USA, Gesundheitssystem, Arztpraxis, Leistungsmanagement, Kundenmanagement, Finanzmanagement, Strukturqualität, Geschäftsmodell, Wettbewerbsstrategien, Prävention, Ambulante Versorgung, Gesundheitsökonomie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Konzept der „retail clinics“ aus einer betriebswirtschaftlichen Perspektive und evaluiert dessen Übertragbarkeit auf das deutsche Gesundheitssystem.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder sind der konzeptionelle Bezugsrahmen für Gesundheitsorganisationen, grundlegende Aspekte und Managementbereiche (Leistung, Kunde, Finanzen) von „retail clinics“ sowie die Chancen und Herausforderungen ihrer Implementierung in Deutschland.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, die „retail clinics“ systematisch zu beleuchten und zu prüfen, ob und unter welchen Bedingungen dieses Modell im deutschen Gesundheitswesen sinnvoll adaptiert werden könnte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine vergleichende Analyse und eine betriebswirtschaftliche Perspektive, um die Konzepte von „retail clinics“ und deutschen Arztpraxen zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Strukturqualität, das Leistungs-, Kunden- und Finanzmanagement von „retail clinics“ im Vergleich zu deutschen Arztpraxen sowie die Übertragung des Konzepts ins deutsche Gesundheitssystem.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind Retail Clinics, Gesundheitsmanagement, Deutschland, USA, Gesundheitssystem, Arztpraxis, Leistungsmanagement, Kundenmanagement, Finanzmanagement, Strukturqualität, Geschäftsmodell, Wettbewerbsstrategien, Prävention, Ambulante Versorgung, Gesundheitsökonomie.
Welche Rolle spielt die freie Marktwirtschaft bei „retail clinics“ in den USA?
In den USA unterliegen „retail clinics“ der freien Marktwirtschaft, wodurch die Gesundheit der Kunden eng mit dem erzielten Umsatz verbunden ist und schnelle, kostengünstige Dienstleistungen angeboten werden können.
Warum wird die Übertragung von „retail clinics“ nach Deutschland als nicht realistisch bewertet?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass die Übertragung aufgrund von Finanzierungsschwierigkeiten, dem demografischen Wandel (sinkende Nachfrage bei älteren Patienten) und den damit verbundenen hohen Kosten für den deutschen Staat aktuell nicht realistisch ist.
Welche Vorteile bieten „retail clinics“ für Patienten?
Patienten profitieren von geringen Wartezeiten, flexiblen Öffnungszeiten (auch am Wochenende und abends), niedrigeren Kosten für Behandlungen und der Möglichkeit von "walk-in"-Behandlungen ohne Termin.
Was sind die wesentlichen Unterschiede in der Personalbesetzung zwischen „retail clinics“ und deutschen Arztpraxen?
In „retail clinics“ behandeln primär Krankenpfleger, Arzthelfer und Physician Assistants, während in deutschen Arztpraxen ausschließlich approbierte Vertragsärzte mit entsprechender Weiterbildung tätig sind.
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- Yannis Deters (Author), 2022, Geschäftsmodel der "Retail Clinic". Übertragbarkeit auf das deutsche Gesundheitssystem, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1666124