Die Bergpredigt

Jesus und der Gott des Gesetzes


Hausarbeit, 2010

23 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Einleitungsfragen zum Matthäusevangelium und der Bergpredigt
2.1.Autor, Abfassungszeit, -ort und Adressaten
2.2.Quellen
2.3.Aufbau

3.Theologische Betrachtung der Bergpredigt
3.1.Die Seligpreisungen (Mt 5,3-12) als Auftakt der Bergpredigt
3.2.Die Torakritik Jesu in den Antithesen
3.2.1.Die Legitimationsfrage
3.2.2.Zur Form der Antithesen
3.2.3.Der Inhalt der Antithesen
3.2.4.Ergebnis der inhaltlichen Prüfung auf Antithetik der Thesen

4.Auslegungstypen, Praxis und Realität
4.1.Die Bergpredigt als erfüllbare Forderung (schwärmerisch)
4.2.Die Bergpredigt als Gesetz und Evangelium (lutherisch)
4.3.Der religionsgeschichtliche Horizont der Bergpredigt (historisch-kritisch)
4.4.Die Bergpredigt unter dem Einfluss dialektischer Theologie

5.Schlussbetrachtung

6.Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Fast kein anderer Text der christlichen Literatur wurde öfter zitiert und ausgelegt, so dass es sich in Anbetracht der niederschmetternden Quantität an Literatur über die Bergpredigt etwas schwieriger gestalten lässt neue Forschungsimpulse liefern zu wollen. Überdies habe ich den Fokus dieser Arbeit deshalb enger fassen müssen, weil es nicht gelingen kann sämtliche Aspekte der Bergpredigt in einer Hauptseminararbeit abzuhandeln.

Herausheben möchte ich deshalb vier Schwerpunkte: Während die hermeneutischen Einleitungsfragen der historisch-kritischen Betrachtung Rechnung tragen und versuchen wollen die Ebene des historischen Jesus und des Verfassers zum umreißen, wird der zusammenfassende Abriss über die zwei besonders herausstechenden Elemente der Bergpredigt, die Seligpreisungen und die Antithesen, eine zusammengefasste Programmatik verdichten. Schließlich bildet die Verdichtung ein geeignete Basis den ethischen Deutungskanon der Bergpredigt auszubreiten.

2.Einleitungsfragen zum Matthäusevangelium (MtEv) und der Bergpredigt

2.1.Autor, Abfassungszeit, -ort und Adressaten

Der Verfasser ist unbekannt, aber christliche Legenden sehen im Jünger Matthäus den Verfasser des gleichnamigen Evangeliums nach Matthäus. Der Kirchenvater Papias von Hierapolis scheint dies in seinen Aufzeichnungen zu bestätigen und die Behauptung Matthäus hätte ursprünglich aramäisch (oder hebräisch) geschrieben, welche auch Irenäus vertritt, würde diese Annahme sogar stützen. Laut Theißen steht die Integrität des auf Griechisch verfassten Textes aber nicht in Frage und dass der Jünger Matthäus gleichzeitig der Verfasser ist, das ist aus zwei Gründen sehr unwahrscheinlich.[1] Luz führt an, dass der Jünger Matthäus, gleich einer vom Autor völlig verschiedene Person in den Text eingeführt wird (Mt 9,9; Mt 10,3), weil der Autor keinen Eigenbezug herstellt. Es ist wohl kaum anzunehmen, dass der Autor absichtlich seinen Eigenbezug ausgeblendet hat. Wäre er der Verfasser, dann hätte er sich auch als Augenzeuge zu erkennen gegeben. Der Autor des MtEv kann überdies auch deswegen kein Augenzeuge gewesen sein, weil die Q-Hypothese als wahr vorausgesetzt wird.[2]

Diese These wird weiter gestützt durch die Analyse des historischen und sozio-kulturellen Umfeldes, sowie der ethnisch-religiösen Herkunft des Autors.

Vom Abfassungsort des Evangeliums erfahren wir im Text nichts konkretes, aber hier sind sich die Exegeten auf Grund der textinternen Indizien weitestgehend einig und haben sich auf Syrien verständigt. Theißen leitet es folgendermaßen her: „Mt läßt eine östliche oder nordöstliche Lokalperspektive auf Palästina erkennen: Mt 19,1 lokalisiert Judäa ‚jenseits des Jordans‘; in Mt 4,24 trägt der Verfasser gegen Mk ein, daß Jesu Ruf in ‚ganz Syrien‘ erscholl. Irgendwo im syrischen Binnenland, vielleicht im Gebiet von Damaskus oder der Dekapolis dürfte Mt entstanden sein.“[3] Luz findet noch andere Indizien im griechischen Original, in dem die syrische Christenbezeichung verwendet wird, sowie Bezeichnung einer phönizischen Frau in ihrer eigenen semitischen Sprache.[4]

Die Abfassungszeit wird allgemein - das ist trotzdem vage - in den 80er Jahren des 1. Jhd. n. Chr. vermutet, da die Tempelzerstörung (Mt 22,7) vorausgesetzt ist und die Didache (um 100?) sich auf das MtEv Bezug zu nehmen scheint. Für eine spätere mindestens nachösterliche Abfassung spricht auch in den Seligpreisungen (Mt 5,11) ein Bezug zur Christenverfolgung.

Trotz des vermuteten Entstehungsraums Syrien und der Abfassung in griechischer Sprache sprechen für eine jüdische Herkunft des Autors folgende sehr zahlreiche Merkmale, die charakteristisch für den Bezug des Autors und der Adressaten zum Judentum sind:

a) Einleitender Stammbaum und dessen Rückführung bis zu Abraham, bei Mk fehlt der Stammbaum
b) Bezeichnung „Sohn Davids“ (Mt 1,1; 9,27; 12,23; 15,22; 20,30; 21,9 etc.)
c) Hervorhebung der Messianität Jesu durch Bezug auf das Alte Testament Mt 2,17-18; 4,14-16 nehmen u.a. Bezug auf Jes 7,14; 52,7; 6,9-10 Ingesamt 60 Zitate von prophetischen Abschnitten des AT im Gegensatz zu Markus, der Jesus vorallem als Menschensohn darstellt
d) Auslegung der Gesetze Gottes durch Bezug auf Tora in Form einer Antithese, wobei die Redefigur einer jüdisch geprägten Tradition entstammt. Form: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt wurde“ mit Anschluss eines alttestamentlichen Zitats.[5]
e) Intensive Polemik des mt-Jesus gegen die jüdischen Autoritäten[6]
f) Stärkere Hervorhebung von Mt gegenüber Mk von Jesus als Hoheit
Mt deutet Jesus Leben als Erfüllung des Gesetzes und der Propheten (Mt 5,17) Jesus erfüllt durch sein Verhalten die Tora (Mt. 3,15; 12,1-14) [7]
g) Jüdische Scheu vor Aussprechen des Namens Gottes, statt „Reich Gottes“ – „Reich der Himmel“
h) Zitierung von jüdischen Bräuchen ohne Erklärung (vgl. Mk 7,3; Joh 19,40)

Mittlerweile hat sich die Annahme, es handele sich sowohl bei der matthäischen Bergpredigt um keine Originalaufzeichnungen der Ansprache, sondern um eine matthäische Zusammenstellung wichtiger Jesusworte soweit verdichtet, dass die Behandlung der Quellenfrage im folgenden Kapitel eigentlich nur eine Bestätigung liefern kann.

2.2.Quellen

Wie im vorangegangen Kapitel deutlich geworden, ist die Bergpredigt in dieser Form nicht gesprochen worden. Dass vom Redaktor Matthäus überdies unterschiedliche Quellen mit eingearbeitet wurden, wird im Folgenden näher dargelegt.

Die Zweiquellentheorie, die unter anderem von Christian Hermann Weisse (1838) und Heinrich Julius Holtzmann (1863) im 19. Jahrhundert entwickelt wurde, ist die heute am weitesten verbreitete Hypothese im Kontext mit der Frage der Evangeliensynopsen. Sie führt an, dass die Evangelisten Matthäus und Lukas zwei gleiche Quellen verwendet hätten. „Die beiden Quellenschriften, die […] von Matthäus und Lukas benutzt wurden, lassen diese Tendenz spüren: das Markusevangelium als das älteste der neutestamentlichen Evangelien und die Logiensammlung, die auch Q-Quelle (=Q) genannt wird.“[8]

Genauer gesagt hat den Evangelisten Matthäus und Lukas wahrscheinlich eine frühe Urform des Markusevangeliums vorgelegen und bei der Q-Quelle handelt es sich um eine nicht erhaltene, sondern rekonstruierte Quelle. Die Q-Quelle selbst könnte sogar in zwei verschiedenen Fassungen vorgelegen haben, denn anders wäre es nicht zu erklären, dass es zu den sogenannten „minor agreements“ kommt. Neben den beiden Haupt-Quellen hätten ihnen überdies jeweils eigene mündliche und schriftliche Quellen als Sondergut (S) zur Verfügung gestanden so dass sich folgendes Schaubild ergibt:[9]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Den Kritikern der Q-Hypothese muss man zugestehen, dass im Falle der Feldrede fast unmöglich ist einen bis in Detail übereinstimmenden Q-Text aus Mt und Lk zu rekonstruieren, denn Luz erwähnt u. a. T. Bergemann, der mit nur 35% einen sehr niedrigen Anteil an Wortlautübereinstimmungen von Mt und Lk nachgewiesen hat, jedoch wendet Luz darauf ein, dass es in Q neben Textkomplexen mit tatsächlich geringem Anteil an Wortlautübereinstimmungen Textkomplexe mit einem sehr hohen Anteil an Wortlautübereinstimmungen gibt, weshalb die Q-Hypothese momentan immer noch als die wahrscheinlichste Erklärung gelten darf.[10]

Doch Gerade dieser Mangel an weiten Übereinstimmungen bei der Bergpredigt erschwert es Schlüsse auf den historischen Jesus zu ziehen. Ziemlich sicher ist also „die Bergpredigt im Matthäusevangelium ist so nicht von Jesus als Rede gehalten worden, sondern das literarische Werk des Evangelisten Matthäus“.[11]

Möchte man den Eingriff des Evangelisten vom Wirken des historischen Jesus herauskristallisieren, müssen die Aussagen, die nicht aus dem Judentum abgeleitet werden können und die Aussagen die nicht auf die nachösterliche Gemeinde zurückgeführt werden können herausgefiltert werden, sowie das Gesetz der zunehmenden Texterweiterung beachtet werden, „denn zwischen dem historischen Jesus und der Abfassung der neutestamentlichen Evangelien dehnt sich ein weites Feld mündlicher und schriftlicher Überlieferungen der frühchristlichen Gemeinden.“[12]

Deshalb deutet sich bei Mt in vielen Beispielen an, dass er nicht als freier Schriftsteller abgefasst hat, sondern seine Redaktion durch Leben und Sprache in seiner Gemeinde (z.B. 6,9-13; 7,13f) und indirekt durch seine Quellen (z.B. 5,10.31.38.43; 7,15.19f) beeinflusst wurde.[13]

2.3. Aufbau

Innerhalb des MtEv stellt die Bergpredigt eine eigene literarische Komposition des Autors dar, deren thematischen Schwerpunkte an deutlichen Zäsuren erkennbar sind. Der Aufbau bildet sich dabei folgendermaßen in sieben Stationen ab:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[14]

Diese Stationen spiegeln auch die Programmatik der Rede wieder, da sie der Anfang der öffentlichen Verkündigungstätigkeit Jesus ist.

Der Autor zeigt überdies eine Vorliebe für triadische Kompositionen. So stechen besonders die Antithesen (5,21-48) in 2x3 Einheiten hervor, deutlich getrennt durch eine Zäsur. Desweiteren sind u.a. folgende Wörter triadisch gebraucht: Licht (5,14-16), Almosen (6,2-4), Schätze (19,21). Bei den Seligpreisungen handelt sich um 9 an der Zahl ohne Zäsur, die aber durch die Dreiteilbarkeit als 3x3 Einheiten angesehen werden können.

3.Theologische Betrachtung der Bergpredigt

Es wäre wünschenswert bzw. sogar der Idealzustand gewesen, hätte man die Worte der Bergpredigt als Worte zur Legitimation durch den historischen Jesus auffassen können. Da es nun hinzunehmen ist, dass die Bergpredigt nicht so von Jesus gesprochen wurde und bei aller Hermeneutik, eine Loslösung des historischen Jesus vom Redaktor, auf Grund der engen Textschichtung, nicht zweifelsfrei möglich ist, muss der Text aus theologischer Sicht als kohärentes ethisches Programm aufgefasst werden. Nur in Deutungszweifelsfällen oder Streitfällen bietet sich vielleicht ein Rückgriff auf die Ergebnisse der Hermeneutik an. Es hat sich jedoch in der Geschichte der Exegese immer wieder auch bei anderen Bibeltexten gezeigt, dass der historische Jesus schwer gegen die evangelistische Tradition ausgespielt werden kann, weil auch diesem Konflikt zahlreiche Deutungsmöglichkeiten geboten sind. Die Seligpreisungen und torakritischen Äußerungen Jesu in den Antithesen stehen in einem vielschichtigen und wichtigen Deutungszusammenhang und so lastet im weiteren Verlauf der Schwerpunkt alleine auf ihnen, was nicht bedeutet dass die anderen Teile der Bergpredigt theologisch zu vernachlässigen wären.

[...]


[1] Vgl. Gerd Theißen; Annette Merz: Der historische Jesus. Ein Lehrbuch. Göttingen 1996, S. 45f.

[2] Vgl. Ulrich Luz: EKK. Das Evangelium nach Matthäus. Band I. Neukirchen-Vluyn 52002, S. 105.

[3] Gerd Theißen; Annette Merz: Der historische Jesus. Ein Lehrbuch. Göttingen 1996, S. 46.

[4] Vgl. Ulrich Luz: EKK. Das Evangelium nach Matthäus. Band I. Neukirchen-Vluyn 52002, S. 102.

[5] Georg Strecker: Die Bergpredigt. Ein exegetischer Kommentar. Göttingen 1984, S. 64 f.

[6] Vgl. Gerd Theißen; Annette Merz: Der historische Jesus. Ein Lehrbuch. Göttingen 1996, S. 46.

[7] Vgl. Gerd Theißen; Annette Merz: Der historische Jesus. Ein Lehrbuch. Göttingen 1996, S. 46 f.

[8] Georg Strecker: Die Bergpredigt. Ein exegetischer Kommentar. Göttingen 1984, S.9.

[9] Vgl. Udo Schnelle: Einleitung in das Neue Testament. Göttingen 42002, S. 199.

[10] Vgl. Ulrich Luz: EKK. Das Evangelium nach Matthäus. Band I. Neukirchen-Vluyn 52002, S. 257-259.

[11] Georg Strecker: Die Bergpredigt. Ein exegetischer Kommentar. Göttingen 1984, S. 9.

[12] Georg Strecker: Die Bergpredigt. Ein exegetischer Kommentar. Göttingen 1984, S. 11.

[13] Vgl. Ulrich Luz: EKK. Das Evangelium nach Matthäus. Band I. Neukirchen-Vluyn 52002, S. 259.

[14] Vgl. Georg Strecker: Die Bergpredigt. Ein exegetischer Kommentar. Göttingen 1982, S. 12.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Bergpredigt
Untertitel
Jesus und der Gott des Gesetzes
Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
23
Katalognummer
V166712
ISBN (eBook)
9783640827848
ISBN (Buch)
9783640827978
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bergpredigt, jesus, gott, gesetzes
Arbeit zitieren
Oliver Siegemund (Autor), 2010, Die Bergpredigt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/166712

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Bergpredigt



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden