Wie kaum andere haben Bloch und Sartre die Philosophie des 20. Jahrhunderts geprägt. Dies in solchem Maße, dass man vermuten konnte, beide zusammen hätten Mustergültiges, Unübertreffliches, kurzum: ein Nonplusultra geschaffen. Zweifellos waren Existenzialismus und (Neo-)Marxismus maßgebend und richtungsweisend für das zeitgenössische Denken und Verhalten. Wobei auffällige Parallelen und Affinitäten zwischen den Lebenswerken von Bloch und Sartre nicht zu übersehen sind, wogegen nur wenige markante Unterschiede ins Gewicht fallen. – Im Mittelpunkt steht dabei der Begriff Freiheit – Dreh- und Angelpunkt bei Sartre – während Bloch in der Freiheit, genauer: im Reich der Freiheit, sogar den Sinn der Geschichte erkennt. Sartre bekannte sich ab 1960 zum Marxismus als „unübertrefflicher Philosophie unserer Zeit“, kehrte aber ab ca. 1972 zu früheren Auffassungen zurück. – Die Frage, ob Bloch und Sartre in ihren Lebenswerken auch eine „Welterklärung“ gelungen ist, kann man nur angehen, wenn man die vielgestaltigen Neuentwicklungen berücksichtigt, die nach ihrem Tod (1977 bzw. 1980) eingetreten sind. Wozu natürlich auch das kolossale Aufkommen von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz zu rechnen ist. Ohne KI scheinen umfassende Erklärungen kaum noch möglich zu sein.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- ERSTER TEIL. Blochs und Sartres Lebenswerke
- 1. Blochs Kindheit und Jugend (1885-1905)
- 2. Sartres Kindheit und Jugend (1905-1929)
- 3. Blochs Leben und Werk 1905-1929
- 4. Sartre 1930-1941
- 5. Bloch 1930-1938
- 6. Sartre 1941-1960
- 7. Bloch 1938-1949
- 8. Sartre 1960-1972
- 9. Bloch 1949-1961
- 10. Sartre 1972-1980
- 11. Bloch 1961-1977
- 12. Kritik an Bloch
- 13. Kritik an Sartre
- ZWEITER TEIL. Folgerungen für mögliche Welterklärungen
- Welterklärungen bei Bloch und Sartre und in den Grunddisziplinen der Philosophie
- 1. Erkenntnistheorie
- 2. Kosmologie
- 3. Naturphilosophie
- 4. Anthropologie
- 5. Geschichtsphilosophie
- 6. Ethik
- Kritische Folgerungen
- 7. Wirtschafts- und Gesellschafts-Konzepte
- 8. Rechts- und Staatsphilosophie
- 9. Politische Philosophie
- 10. Ästhetik
- 11. Religionsphilosophie
- Welterklärungen bei Bloch und Sartre und in den Grunddisziplinen der Philosophie
- DRITTER TEIL
- Neue Entwicklungen nach 1977 bzw. 1980
- Neue Situation durch KI
- Fazit
- Literaturhinweise
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit widmet sich der Frage, ob die Lebenswerke von Ernst Bloch und Jean-Paul Sartre eine umfassende "Welterklärung" bieten können, insbesondere unter Berücksichtigung neuer Entwicklungen wie Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz. Das primäre Ziel ist es, die Konzepte beider Philosophen vergleichend zu analysieren und ihre Relevanz für zeitgenössische Fragen zu überprüfen.
- Vergleichende Analyse der Lebenswerke von Ernst Bloch und Jean-Paul Sartre.
- Untersuchung der marxistischen und existenzialistischen Ansätze zur Welterklärung.
- Die Rolle des Freiheitsbegriffs in den Philosophien von Bloch und Sartre.
- Die Auswirkungen von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz auf umfassende Welterklärungen.
- Kritische Auseinandersetzung mit der Rezeption und den Grenzen beider philosophischer Ansätze.
- Die Integration ethischer, kosmologischer und anthropologischer Perspektiven in die Welterklärung.
Auszug aus dem Buch
2. Sartres Kindheit und Jugend (1905-1929)
Zu seiner eigenen Kindheit und Jugend hat Sartre anscheinend lange Zeit ein schwieriges Verhältnis gehabt. Nur selten äußerte er sich dazu, und wenn, dann eher pessimistisch bis negativ. Das änderte sich erst 1964 mit dem Erscheinen von ‚Les Mots‘, Sartres Autobiografie. Sein Vater, Jean-Baptiste Sartre, war Marine-Offizier und -Ingenieur, seine Mutter Anne-Marie, geb. Schweitzer, war eine Cousine von Albert Schweitzer. Sein Vater starb 1906, als Sartre noch kein Jahr alt war; was er jedoch, jedenfalls in Les Mots, nicht als Unglück bezeichnete, sondern als Befreiung (!): „La mort de Jean-Baptiste fut la grande affaire de ma vie: elle rendit ma mère à ses chaînes et me donna la liberté.“ (A.a.O. S. 11. ‚Der Tod von Jean-Baptiste war eine große Sache in meinem Leben: er verwies meine Mutter in ihre Schranken zurück und gab mir die Freiheit.‘) Befreiung dadurch vor allem vom Über-Ich, während er zu seiner Mutter ein harmonisches und sogar kameradschaftliches Verhältnis aufbauen konnte. Zuvor hatte Jean-Baptiste über seinen kleinen Sohn berichtet:
„Er freut sich über alles, ist unaufhörlich in Bewegung, zappelt hin und her, schreit aus Leibeskräften, lacht über Lärm, weint aber nie. Er schaut neugierig drein, ist intelligent und sehr sanftmütig … Für sein Alter ist er schon sehr weit fortgeschritten.“
Nach Jean-Baptistes Tod übernahm Großvater Charles Schweitzer einige Erziehungsaufgaben gegenüber Jean-Paul (den man auch ‚Poulou‘ nannte) und der den Großvater in Les Mots zuweilen mit „Gottvater“ verglich (a.a.O. S. 14), während Charles Schweitzer selbst sich für eine Art „Victor Hugo“ hielt und Jean-Paul es sich nicht nehmen ließ, diesen „Victor“ ausführlich zu beschreiben (S. 14 ff.); ebenso sich selbst, und zwar als kleinwüchsig, rosafarben, goldlockig und schon als Säugling mit viel Selbstbewusstsein begabt; und besonders stolz auf die Großzügigkeit und ständige Harmonie, die in seiner Familie herrschten. Wobei er, darüber hinaus, als Kind anscheinend keinerlei Probleme mit seinem gesellschaftlichen Umfeld hatte. Als durchaus positiv empfindet Jean-Paul es, dass man ihm als Kind keinerlei Gehorsamspflicht auferlegt habe, und: Nie im Leben habe er irgend jemandem Befehle gegeben, ohne zu lachen, ohne Lachen zu bewirken. Autoritarismus kam für ihn nie in Frage; in Les Mots schreibt er:
„C’était le Paradis. Chaque matin, je m’éveillais dans une stupeur de joie, admirant la chance folle qui m’avait fait naître dans la famille la plus unie, dans le plus beau pays du monde. Les mécontents me scandalisaient: de quoi pouvaient-ils se plaindre?” (a.O. S. 24. ‘Es war das Paradies. Jeden Morgen, wenn ich aufwachte, war ich wie berauscht von Freude und bewunderte das wahnsinnige Glück, das mich in eine vollkommen geeinte Familie und das schönste Land der Welt hineingeboren hatte. Die Unzufriedenen empörten mich: worüber konnten sie sich beklagen?‘)
Dennoch hielt Sartre das Kindsein im Allgemeinen nicht für unproblematisch. Alle möglichen Vorurteile würden zumeist schon früh anerzogen, oft sogar zwangsmäßig andressiert; so dass nur die Psychoanalyse in der Lage sei festzustellen, ob ein Kind an seiner Rolle ersticke oder sich davon befreien wolle oder sich vollständig anpasse.
Zusammenfassung der Kapitel
ERSTER TEIL. Blochs und Sartres Lebenswerke: Dieser Teil behandelt die biographische und intellektuelle Entwicklung von Ernst Bloch und Jean-Paul Sartre, einschließlich ihrer Kindheit, prägenden Lebensphasen und der Evolution ihrer philosophischen Positionen bis zum Tod.
ZWEITER TEIL. Folgerungen für mögliche Welterklärungen: Hier wird untersucht, wie die Philosophien von Bloch und Sartre zu Welterklärungen in den grundlegenden Disziplinen wie Erkenntnistheorie, Kosmologie, Naturphilosophie, Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Ethik, Wirtschafts- und Gesellschaftskonzepte, Rechts- und Staatsphilosophie, Politische Philosophie, Ästhetik und Religionsphilosophie beitragen.
DRITTER TEIL. Neue Entwicklungen nach 1977 bzw. 1980: Dieser Abschnitt analysiert, inwiefern die Ideen von Bloch und Sartre angesichts moderner Entwicklungen wie der Umwelt- und Klimakrise, der neoliberalen Globalisierung, des Überwachungskapitalismus sowie der Digitalisierung und Künstlichen Intelligenz weiterhin relevant oder revisionsbedürftig sind.
Schlüsselwörter
Bloch, Sartre, Marxismus, Existenzialismus, Welterklärung, Künstliche Intelligenz, Freiheit, Verantwortung, Utopie, Naturphilosophie, Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Ethik, Subjektivität, Nonplusultra
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob die Philosophien von Ernst Bloch und Jean-Paul Sartre eine umfassende Welterklärung bieten können und wie ihre Konzepte im Lichte aktueller globaler Entwicklungen, insbesondere der Künstlichen Intelligenz, zu bewerten sind.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder umfassen die Lebenswerke von Bloch und Sartre, ihre Beiträge zu verschiedenen philosophischen Disziplinen (Erkenntnistheorie, Kosmologie, Ethik etc.), marxistische und existenzialistische Welterklärungen sowie die Implikationen der Künstlichen Intelligenz für philosophische Fragestellungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, die Fähigkeit der philosophischen Ansätze von Bloch und Sartre zur Welterklärung kritisch zu prüfen und ihre Aktualität angesichts moderner Herausforderungen wie der KI zu beurteilen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine vergleichende Analyse philosophischer Konzepte, eine historische Kontextualisierung der Ideen von Bloch und Sartre und eine kritische Auseinandersetzung mit zeitgenössischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und deren Auswirkungen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit den Lebenswerken von Bloch und Sartre, ihren jeweiligen Beiträgen zu den Grunddisziplinen der Philosophie und leitet daraus Folgerungen für mögliche Welterklärungen ab. Er behandelt zudem die Kritik an ihren Philosophien und die Auswirkungen neuer Entwicklungen, wie der Künstlichen Intelligenz.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Schlüsselwörter wie Bloch, Sartre, Marxismus, Existenzialismus, Welterklärung, Künstliche Intelligenz, Freiheit, Verantwortung, Utopie, Naturphilosophie, Anthropologie, Geschichte, Ethik, Subjektivität und Nonplusultra charakterisiert.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle der Künstlichen Intelligenz für die Welterklärung?
Die Arbeit stellt fest, dass KI viele Aspekte der Welt erklären, Muster erkennen und Vorhersagen liefern kann, jedoch keine vollständige, endgültige Erklärung der Wirklichkeit bietet, da ihr subjektives Erleben, Bewusstsein, Ziele und Werte fehlen.
Welche Hauptkritikpunkte werden an Blochs Ethik und politischer Philosophie geäußert?
Kritisiert werden Blochs normative Unbestimmtheit, die Problematik des "Noch-Nicht" als moralische Quelle, die Gefahr ideologischer Vereinnahmung, eine mögliche Passivierung durch übersteigerte Hoffnung sowie anthropozentrische Beschränkungen und mangelnde Kritikfähigkeit seiner Theorien.
Inwiefern unterscheidet sich Sartres Menschenbild von traditionellen Auffassungen?
Sartres Menschenbild betont die Existenz vor der Essenz, radikale Freiheit und individuelle Selbstverantwortung. Im Gegensatz zu traditionellen Ansichten kritisiert Sartre vorgegebene Bestimmungen des Menschseins durch äußere Umstände oder göttliche Vorgaben.
Welche Bedeutung haben "Tendenz" und "Latenz" im Werk von Ernst Bloch?
Im Werk von Ernst Bloch sind "Tendenz" und "Latenz" Schlüsselbegriffe seiner Teleologie. "Tendenz" bezeichnet dabei eine "wirkende Zweckursache" im materiellen Prozess, während "Latenz" das "Dasein des noch nicht seienden Zielinhalts in der Tendenz" beschreibt, also das verborgene Potenzial für zukünftige Entwicklungen.
- Citation du texte
- Klaus Robra (Auteur), 2025, Bloch und Sartre: das non plus ultra?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1668061