Glauben und Aberglauben erscheinen zunächst als zwei geistige Mächte, die keinen direkten Bezug zueinander haben. In Theodor Storms „Aquis submersus“ jedoch ist zum einen eine große Bedeutung der einzelnen und zum anderen ein nicht zu vernachlässigender Zusammenhang der beiden Mächte zu beobachten.
Es ist nun die Frage zu klären, inwiefern durch christliche Werte einerseits und abergläubische Einstellungen andererseits das Handeln der zentralen Charaktere zu erklären ist. Weiterhin muss der Aspekt beleuchtet werden, ob und inwiefern diese beiden Mächte in Verbindung zueinander stehen und welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Entsteht aufgrund der Glaubensauffassung des 17. Jahrhunderts eine „unentrinnbare“ Schuld, wegen einer moralisch unvereinbaren Kombination von Liebe mit religiösen und ständischen Prinzipien? Kann man eine implizite Kritik des Autors Theodor Storm an der Kirche erkennen?
Um diese Fragen zu klären, werden zunächst die impliziten und expliziten Merkmale von Glauben und Aberglauben bei den Protagonisten erläutert und entsprechende „Profile“ erstellt, um anhand dieser die Höhepunkte der Novelle in Bezug auf die Schuldfrage mit Einbezug der christlichen und abergläubischen Einflüsse zu fixieren. Schließlich werden unterschiedliche Religionsauffassungen der Charaktere dargelegt, um abschließend den Ausspruch „culpa patris“ und die daraus entstehende Buße von Johannes zu beleuchten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Sprechende Namen und allgemeine Tendenzen zum Glauben und Aberglauben der Protagonisten
2.1. Johannes
2.2. Katharina
3. Im Spannungsfeld zwischen Glauben und Aberglauben: der Prediger als beispielhafte Figur für die Kirche
4. Die Schuldfrage in Bezug auf Glauben und Aberglauben
4.1. Die erste Liebesbegegnung von Katharina und Johannes
4.2. Die zweite Liebesbegegnung von Katharina und Johannes
4.3. Exkurs: Religion des Predigers versus Religion von Johannes
4.4. Der Tod des Kindes
4.5. „Culpa patris“ und Buße
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die komplexe Verschränkung von christlichem Glauben und Aberglauben in Theodor Storms Novelle „Aquis submersus“. Ziel der Analyse ist es, zu klären, inwiefern diese geistigen Mächte das Handeln der Protagonisten bestimmen, eine unentrinnbare Schuld erzeugen und ob sich darin eine implizite Kirchenkritik des Autors manifestiert.
- Die Analyse sprechender Namen zur Charakterisierung der Protagonisten.
- Die Untersuchung des Predigers als Repräsentant einer destruktiven Kirchenpraxis.
- Die detaillierte Auseinandersetzung mit der Schuldfrage in den zentralen Schlüsselszenen der Novelle.
- Der Einfluss von heidnischer Motivik und abergläubischen Elementen auf den Handlungsverlauf.
- Die Reflexion über moralische Verpflichtungen und die individuelle Buße des Malers Johannes.
Auszug aus dem Buch
4.2. Die zweite Liebesbegegnung von Katharina und Johannes
Nachdem er vergeblich um Katharinas Hand angehalten hat, verbringt Johannes einige Jahre in Holland, um sich in seiner Profession weiterzubilden, kehrt schließlich nach Schleswig-Holstein zurück und erfährt, dass Katharina mit einem Priester verheiratet wurde. Johannes liebt Katharina jedoch noch immer und „kann nicht verzichten“50, sich Katharina noch einmal zu nähern.
Wie bei der ersten Liebesbegegnung äußert Johannes eine Reminiszenz an die heidnische, antike Götterwelt: „Unwillens schritt ich solchem Schalle [Katharinas Stimme] nach; so mochte einst der griechische Heidengott mit seinem Stabe die Todten nach sich gezogen haben.“51 Dies dürfte ein Verweis darauf sein, dass die Liebesvereinigungen von Katharina und Johannes aus christlicher Perspektive ein „heidnisches Verfallensein an die böse, sinnliche Welt“ sind, und die Protagonisten keine wirkliche Schuld auf sich laden, da sie von übermächtigen Kräften beeinflusst werden. Trotzdem kann man bei dieser zweiten Liebesbegegnung eine Schuld feststellen, und man kann Johannes „im Gegensatz zur ersten Liebesnacht […] jetzt nicht von Schuld freisprechen.“52 Johannes weiß, dass Katharina verheiratet ist und sie sagt ihm bei ihrer Begegnung auch, dass sie „des anderen Mannes Weib“53 sei.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Novelle und Darlegung der zentralen Forschungsfrage zum Zusammenhang von Glauben und Aberglauben.
2. Sprechende Namen und allgemeine Tendenzen zum Glauben und Aberglauben der Protagonisten: Analyse der Namensbedeutungen und der religiösen bzw. abergläubischen Grundhaltung von Johannes und Katharina.
3. Im Spannungsfeld zwischen Glauben und Aberglauben: der Prediger als beispielhafte Figur für die Kirche: Charakterisierung des Predigers als ambivalente Figur, die christliche Dogmatik mit Aberglauben und Intoleranz verbindet.
4. Die Schuldfrage in Bezug auf Glauben und Aberglauben: Eingehende Untersuchung der Liebesbegegnungen, der unterschiedlichen Religionsauffassungen und des Todes des Kindes als Katastrophenereignisse.
5. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse hinsichtlich der Schuldthematik und der impliziten Kritik des Autors an gesellschaftlichen und kirchlichen Strukturen.
Schlüsselwörter
Theodor Storm, Aquis submersus, Glauben, Aberglauben, Schuldfrage, Johannes, Katharina, Prediger, Christentum, Ständegesellschaft, Literaturanalyse, Novelle, Leidenschaft, Buße, Kirchenkritik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert, wie in Theodor Storms Novelle „Aquis submersus“ Glauben und Aberglauben das Schicksal der Charaktere beeinflussen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die religiösen Spannungsfelder des 17. Jahrhunderts, die Rolle des Feudalsystems sowie die psychologische Entwicklung der Protagonisten unter dem Druck gesellschaftlicher und kirchlicher Normen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Untersuchung zielt darauf ab, zu klären, inwieweit das Handeln der Figuren durch christliche bzw. abergläubische Vorstellungen erklärbar ist und ob der Autor Theodor Storm eine implizite Kirchenkritik übt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die auf einer detaillierten Textinterpretation, dem Vergleich von Charakterprofilen und der Einbeziehung relevanter Sekundärliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Charakteranalyse, die Untersuchung des Predigers als kirchlicher Repräsentant sowie eine chronologische und inhaltliche Aufarbeitung der drei Hauptereignisse: die zwei Liebesbegegnungen und den Tod des Kindes.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Glauben, Aberglauben, Schuld, Leidenschaft, Buße, Kirchenkritik und die spezifische Protagonistenkonstellation um den Maler Johannes.
Warum wird der Prediger als „beispielhafte Figur für die Kirche“ bezeichnet?
Er fungiert als personifizierte Kritik an einer verkrusteten und intoleranten Kirchenpraxis, die ihre eigene Macht durch die Vermischung von christlichem Glauben und rückständigem Aberglauben sichert.
Welche Rolle spielt der Tod des Kindes in der Argumentation der Schuldfrage?
Das Unglück dient als abschließende Katastrophe, an der sich die destruktive Dynamik zwischen individuellem Handeln, gesellschaftlichen Zwängen und abergläubischen Prophezeiungen besonders deutlich entlädt.
- Citation du texte
- Mustafa Ögli (Auteur), 2009, Bedeutung und Zusammenhang von Glauben und Aberglauben in Theodor Storms „Aquis submersus“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/166838