Die Entstehung und der Untergang großer Reiche entfachen seit jeher Faszination in der Gesellschaft. So ist es kein Wunder, dass die Namen berühmter letzter Herrscherinnen und Herrscher tief im kollektiven Gedächtnis verankert sind: Kleopatra VII. als letzte Pharaonin des Ptolemäerreichs, Dareios III. als letzter König des alten Perserreichs oder Wilhelm II. im deutschen Kaiserreich – um nur ein paar Beispiele zu nennen. Folglich kommt auch Romulus Augustulus, dem letzten Kaiser des Weströmischen Reichs, eine inhärente Bedeutung in der Popkultur zu, allein schon aufgrund seiner Anwesenheit beim Untergang eines der bedeutendsten Weltreiche der Geschichte.
Doch ist er – provokativ gefragt – diese Aufarbeitung überhaupt wert? Wie eingebunden war er in die Machtstrukturen seiner Zeit? War er nur eine Marionette? Sticht er unter seinen Vorgängern hervor? Und wie kam er überhaupt an die Macht?
Der Antwort auf diese und viele weitere Fragen wird versucht sich in dieser Arbeit zu nähern. Dabei wird Romulus‘ Aufstieg zur Macht beleuchtet, die innen- und außenpolitischen Beziehungen der weströmischen Regierung untersucht und schließlich auch ein Blick auf die verbliebene Macht des Romulus nach seiner Absetzung geworfen. Hierbei werden sowohl zeitgenössische wissenschaftliche Arbeiten zu Rate gezogen als auch direkte Einblicke in antike Quellen wie die Excerpta Valesiana oder Cassiodors Variae genommen.
Inhaltsverzeichnis
- 1. EINLEITUNG
- 2. DER AUFSTIEG DES ORESTES
- 3. MACHTVERHÄLTNISSE
- 3.1 LEGITIMATION IN WESTROM
- 3.2 AUSSENPOLITISCHE BEZIEHUNGEN
- 3.3 ROMULUS AUGUSTULUS: EINE MARIONETTE SEINES VATERS?
- 4. ABSETZUNG
- 4.1 EINE TYPISCHE USURPATION? – DIE UMSTÄNDE HINTER ROMULUS' ABSETZUNG
- 4.2 ZEIT IM EXIL
- 5. FAZIT
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit widmet sich der Figur Romulus Augustulus, dem letzten Kaiser des Weströmischen Reiches, und hinterfragt seine Bedeutung sowie seine tatsächliche Rolle in den Machtstrukturen seiner Zeit. Die zentrale Forschungsfrage ist, ob er lediglich eine Marionette war und welche Umstände zu seinem Aufstieg und Fall führten.
- Beleuchtung des Aufstiegs von Romulus Augustulus zur Macht.
- Analyse der innen- und außenpolitischen Beziehungen der weströmischen Regierung in dieser Phase.
- Untersuchung der verbliebenen Macht und des Schicksals von Romulus nach seiner Absetzung.
- Einbezug sowohl zeitgenössischer wissenschaftlicher Arbeiten als auch antiker Quellen wie der Excerpta Valesiana und Cassiodors Variae.
- Ergründung der Beweggründe seines Vaters Orestes, ihn als Kaiser einzusetzen.
Auszug aus dem Buch
Romulus Augustulus: Eine Marionette seines Vaters?
Nachdem bereits geschildert wurde, wie Orestes die Karriereleiter emporgeklettert ist, stellt sich die Frage, weshalb er nicht selbst das formell höchste Amt im Staat für sich beanspruchte. Wieso setzte er seinen Sohn ein? Und diente dieser ihm vielleicht nur als Marionette?
Die Einschätzung, dass Romulus kein selbstständiger und mündiger Kaiser war, sondern vielmehr eine Strohpuppe seines Vaters, lässt sich schwer leugnen. Weder das Geburtsdatum noch das Alter Romulusʻ bei der Besteigung des Throns lässt sich präzise festlegen42. Jedoch betonen antike Quellen häufig seine Jugend. So auch exemplarisch in der Excerpta Valesiana, in welcher von seiner infantia43 zum Zeitpunkt der Absetzung berichtet wird. In Rom wurde man mit 14 zum Mann44 woraus sich schließen lässt, dass Romulus 476 maximal 13 Jahre alt war und somit zum Amtsantritt zwölf oder jünger. In Anbetracht dieses Alters erscheint es als höchst unrealistisch, dass er selbstbestimmt regiert hat. Bestärkend hierzu existieren sogar Quellen die explizit davon berichten, dass Orestes die Regierungsgeschäfte vollständig übernahm 45. Auch der Name Romulus Augustulus sagt etwas über seine persönliche Macht aus. Das Suffix -ulus46 wurde ihm erst im Nachhinein angeheftet und verdeutlicht nicht nur sein geringes Alter, sondern auch seine Irrelevanz 47 So ist es allgemeiner Konsens, dass Romulus nur als „Repräsentant[...]“48 und „Strohpuppe“49 diente. Da dies nun geklärt ist, bleibt weiterhin die Frage, warum Orestes die Herrschaft durch seinen Sohn vorzog.
Von den Formalitäten ausgehend, war Orestes durchaus qualifiziert dazu selbst nach der Kaiserwürde zu streben. Um dieses Privileg in seiner Gänze zu erfassen, ist es hilfreich einen kurzen Vergleich mit dem Heermeister Flavius Ricimer aufzumachen. Dieser war zwischen 456 und 472 de facto der mächtigste Mann im weströmischen Staat50. De iure allerdings hatten wechselnde Kaiser die meiste Macht inne, wurden jedoch beliebig vom magister militum kontrolliert und ausgetauscht. Der Unterschied zwischen den beiden Heermeistern Ricimer und Orestes liegt darin, dass Ricimer mit seiner barbarischen Abstammung und seinem arianischen Glauben nie eine Chance gehabt hätte, als Kaiser anerkannt oder auch nur toleriert zu werden 51. Für ihn war es deshalb sinnvoller die eigentliche Macht ungestört aus der zweiten Reihe auszuüben. Orestes allerdings erfüllte diese Kriterien durch seine römische Abstammung und den akzeptierten Glauben, und doch blieb er im Hintergrund.
Der wahre Grund für diese Schattenherrschaft könnte darin liegen, dass Orestes, wie einige seiner Vorgänger52, erkannte, wie viel reale Macht mit dem Posten des magister militum verbunden war. Wie schon erwähnt, spielte das Heer eine zentrale Rolle bei der Erhebung, Absetzung und Machterhaltung der Augusti und so war es von großer Bedeutung die Nähe zu den Soldaten aufrecht zu erhalten53. Auf diese Weise wurde der Heermeister zum „Kaisermacher“ 54, dem mächtigsten Mann im Reich. Unter diesen Umständen sah Orestes die Kaiserschaft möglicherweise sogar als Beschränkung seiner persönlichen Macht 55 und zog es vor „den Augustus [zu] kontrollieren, nicht selbst Augustus [zu] sein“56.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel stellt die Faszination für Romulus Augustulus als letzten weströmischen Kaiser dar, formuliert die Forschungsfragen nach seiner Rolle als Marionette und den Machtverhältnissen seiner Zeit und skizziert die methodische Herangehensweise.
2. Der Aufstieg des Orestes: Hier wird der familiäre Hintergrund und die Karriere von Orestes beleuchtet, einschließlich seiner diplomatischen Tätigkeit unter Attila und seines Aufstiegs zum Heermeister, der schließlich zur Absetzung des Kaisers Julius Nepos führte.
3. Machtverhältnisse: Dieses Kapitel analysiert die komplexen internen und externen Beziehungen der weströmischen Regierung unter Romulus und Orestes, insbesondere die Legitimation durch Senat und Heer sowie die außenpolitischen Interaktionen.
4. Absetzung: Es werden die Umstände der Absetzung von Romulus Augustulus durch Odoaker im Jahr 476 beschrieben, die Forderungen nach Landzuteilungen und Orestes' Fehleinschätzung seiner Popularität im Heer sowie Odoakers untypisches Vorgehen nach der Usurpation.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Orestes und Romulus trotz kurzer Amtszeit geschickt agierten und maximal mögliche Macht sammelten, auch wenn die politischen Umstände das System unhaltbar machten, und weist darauf hin, dass die Forschung weiterhin auf Theorien angewiesen ist.
Schlüsselwörter
Romulus Augustulus, Orestes, Weströmisches Reich, 475/476, Marionettenkaiser, Machtverhältnisse, Spätantike, Usurpation, Odoaker, Exil, Römisches Heer, Senat, Byzantinisches Reich, Vandalen, Kaiser
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Diese Arbeit untersucht die Rolle des Romulus Augustulus als des letzten Kaisers des Weströmischen Reiches und hinterfragt, ob er eine bloße Marionette seines Vaters Orestes war und welche Machtverhältnisse sein kurzes Interregnum prägten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder umfassen den Aufstieg von Orestes und Romulus zur Macht, die internen und externen Machtbeziehungen der weströmischen Regierung sowie die Umstände und Auswirkungen von Romulus' Absetzung und seine mögliche spätere Lebenszeit im Exil.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, Antworten auf die Fragen zu finden, wie Romulus Augustulus in die Machtstrukturen seiner Zeit eingebunden war, ob er nur eine Marionette war, wie er sich von seinen Vorgängern abhob und wie er an die Macht kam.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit kombiniert die Analyse zeitgenössischer wissenschaftlicher Literatur mit der direkten Auswertung antiker Quellen wie der Excerpta Valesiana und Cassiodors Variae, wobei aufgrund der spärlichen Faktenlage auch Spekulationen und logische Argumentationen herangezogen werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt den Aufstieg des Orestes, die Legitimation der Macht im Weströmischen Reich, die außenpolitischen Beziehungen und die zentrale Frage, ob Romulus Augustulus lediglich eine Marionette seines Vaters war, sowie die Umstände seiner Absetzung und sein Leben im Exil.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird charakterisiert durch Schlüsselwörter wie Romulus Augustulus, Orestes, Weströmisches Reich, Marionettenkaiser, Machtverhältnisse, Spätantike, Usurpation, Odoaker und Exil.
Warum entschied sich Orestes, seinen minderjährigen Sohn zum Kaiser zu machen und nicht selbst den Thron zu besteigen?
Die Arbeit legt dar, dass Orestes, obwohl formal qualifiziert, möglicherweise die Kaiserschaft als Einschränkung seiner tatsächlichen Macht als magister militum ansah. Er zog es vor, als Heermeister die Fäden im Hintergrund zu ziehen und seinen jungen, unerfahrenen Sohn als formellen Kaiser einzusetzen, der als reine "Strohpuppe" diente.
Wie unterschied sich die Absetzung Romulus Augustulus' von anderen Usurpationen der Spätantike?
Die Absetzung Romulus Augustulus' durch Odoaker war insofern untypisch, als Romulus nicht hingerichtet wurde und auch keine damnatia memoriae über ihn verhängt wurde. Stattdessen wurde er verschont und ins Exil geschickt, was auf seine geringe politische Bedeutung und Odoakers pragmatisches Kalkül hindeutet.
Welche Rolle spielten die "6000 Solidi", die Romulus nach seiner Absetzung erhielt?
Die "6000 Solidi" sind Gegenstand wissenschaftlicher Debatten. Während einige Quellen sie als luxuriöses Einkommen im Exil interpretieren, legen andere Theorien nahe, dass sie als einmaliges Startkapital, eine Art Leihe, oder sogar zur Finanzierung eines kirchlichen Zentrums dienten, mit dem Romulus in Verbindung gebracht wird.
Gibt es Hinweise darauf, dass Romulus Augustulus nach seiner Absetzung eine kirchliche Laufbahn einschlug?
Es gibt Indizien, die darauf hindeuten. Das Exil von Romulus im Castellum Lucullanum, das sich später zu einem bedeutenden Kloster entwickelte, sowie die Verbindung seiner Mutter zum heiligen Severinus lassen vermuten, dass Romulus in seinen späteren Lebensjahren geistliche oder organisatorische Posten in der Kirche bekleidete, ähnlich wie andere abgesetzte Kaiser.
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- Timo Krenkel (Author), 2025, Romulus Augustulus. Ein Marionettenkaiser?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1669820