Zur Psychopathologie der Sarrazinschen ´Ausländerfeindlichkeit´


Essay, 2011
24 Seiten

Leseprobe

I

Die in einer Massenauflage verbreiteten Thesen von Sarrazin halten einer vernünftigen Überprüfung nicht stand. Die im Moment der Verfassung dieses Textes aktuellste Statistik zur Ausländerfeindlichkeit, eine Arbeit der Universität Leipzig im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung, registriert trotz der fehlenden Zunahme der Anzahl der Ausländer in Deutschland eine erhebliche Zunahme der Ausländerfeindlichkeit: Heute zeigt jeder vierte "ausländerfeindliche Einstellungen", jeder dritte stimmt Aussagen zu, wie "die Ausländer kommen, um den Sozialstaat auszunutzen" und "durch die vielen Ausländer" wird Deutschland "in einem gefährlichen Maß überfremdet".

Zu den Muslimen interviewt möchten 54% der Befragten im Westen und 76% im Osten deren Religionsausübung "erheblich eingeschränkt" sehen.[1]

Wie viele Moscheen gibt es denn zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern, denkt sich der aufmerksame Zeitungsleser?

Das einfachste (falsche) Argument ist die Anzahl: Wenn es nur nicht so viele wären zu viele Moscheen, Muslime, Ausländer. Die Unsinnigkeit dieses Arguments zeigt sich auch in Mecklenburg: Dort beträgt der Anteil der Ausländer an der Bevölkerung genau 2,6%[2]. Die beiden größten Ausländergruppen sind Russen und Polen. Und die gehen nicht in die Moschee.

Wenden wir uns anderen Statistiken zu. Wiederum die aktuellste im Moment: Bayern 2009[3].

Zuerst eine Definition: Oft werden ´Menschen mit familiären Migrationshintergrund´ als Ausländer gesehen. Dies ist nicht richtig. 51,2% von ihnen sind deutsche Staatsbürger. Etwa ein Drittel ist nicht immigriert, sondern in Deutschland geboren. Viele kamen als Kind und sind hier aufgewachsen

Übrigens kann man die offizielle Bezeichnung ´Menschen mit familiären Migrationshintergrund´ als diskriminierend betrachten. Eingeschlossen sind in dieser Gruppe nicht nur die Söhne und Töchter der Einwanderer (diesen Ausdruck versucht man meist zu vermeiden) sowie die aus den ´Mischehen´, sondern auch noch deren Söhne und Töchter! Es geht also über drei Generationen.

Heiratet z.B. ein Deutscher aus Kiefersfelden eine Österreicherin aus Kufstein (auch wenn man es oft nicht so empfindet, Österreicher und Schweizer sind natürlich Ausländer.) und sie haben dann zwei Kinder und vier Enkel, dann gehen diese als sechs ´Menschen mit familiären Migrationshintergrund´ in die Statistik ein. Dadurch wird die Zahl dieser Gruppe, die ja oft als „Ausländeranteil“ an der Gesamtbevölkerung gesehen wird, künstlich vergrößert. Diese Art der Zählung gibt es in keinem anderen europäischen Land.

Das Statistische Amt der Landeshauptstadt München stellte eindeutig fest:

„Durch den steigenden Anteil deutscher Staatsangehöriger mit Zuwanderungshintergrund hat die Unterscheidung nach Deutschen und Ausländern zunehmend an Aussagekraft verloren.“[4]

Die ´echten´ Ausländer werden immer weniger: 99.823 Ausländer kamen 2008 nach Bayern, 99.705 sind weggezogen. In anderen Bundesländern ist die Tendenz deutlicher: Die Zahl der Ausländer reduziert sich, sowohl durch die Wirtschaftskrise bedingt als auch durch die behördlichen Schwierigkeiten nach Europa einzureisen.

Warum sollten Ausländer überhaupt noch nach Deutschland kommen? Diese Frage ist angesichts der Abwanderung absolut berechtigt.

Zu den von den deutschen Auswanderern am häufigsten angegebenen Gründen, Deutschland zu verlassen, gehören: ´bessere Berufs- und Einkommensperspektiven´ (68%) und ´höherer Lebensstandard´(!) (27%) in anderen Ländern sowie ´fehlende Toleranz und Gestaltungsfreiheit´ in der BRD (25%)[5].

Besonders gefragt sind die Nachbarländer Österreich und Schweiz.

Während nach dem Ende des 2. Weltkrieges, zwischen 1945 und 1950, rund 150.000 Deutsche auswanderten, waren es allein 2001 fast 110.000 und im Jahr 2007 bereits 160.000[6]. Die Mehrheit der Auswanderer sind Fachkräfte.

45% der Auswanderer aus München sind zwischen 18 und 34 Jahre alt. Ihre Hauptzielländer waren die Schweiz, Polen und Österreich (dorthin wandten sich insgesamt 36% der Emigranten).

In Anbetracht dieser Auswanderungszahlen erklärte die Bundesagentur für Arbeit, die deutsche Wirtschaft brauche unbedingt 200.000 Fachkräfte aus dem Ausland[7]. Sie werden meist ´gebraucht´, weil sie aufgrund fehlender Mindestgehälter in Deutschland weniger kosten als die Einheimischen (zu denen natürlich auch die Einwanderer und die hier bereits lebende Ausländer gehören).

Und zugleich propagiert Sarrazin ein neues, schärferes Einwanderungsgesetz!

Konkrete Zahlen zu den ´Anklagen´ Sarrazins: Bei der Erwerbslosenquote gibt es Unterschiede: Bei den Eingewanderten zwischen 15 und 65 Jahren liegt sie bei 8,5%, bei den Menschen ohne Migrationshintergrund bei 3,4%.

In Anbetracht der etlichen Betriebsstilllegungen (bzw. Betriebsverlagerungen ins Ausland) besonders in den arbeitsintensiven Branchen, die viele ungelernte und angelernte Arbeitskräfte beschäftigten, sind diese Zahlen nicht verwunderlich.

Fast die Hälfte aller Jobs, die es noch vor zehn Jahren für Arbeiter ohne Berufsabschluss gab, wurde bis heute abgebaut![8] Besonders hoch war der Anteil der Ausländer, die für die deutsche Wirtschaft angeworben[9] wurden, ja unter den Fließbandarbeitern.

Sarrazin hat inzwischen zugegeben, eine Reihe von ´Statistiken´ erfunden zu haben: Die Behauptung, dass 70 Prozent der türkischen und 90 Prozent der arabischen Bevölkerung in Berlin vom Staat leben ist eine glatte Lüge[10]. Sarrazin verteidigt sich damit, „geschätzt“ zu haben. In der 14. Auflage seines Bestsellers[11] hat er nun einige seiner Behauptungen umformuliert oder gestrichen[12].

Dass Kinder aus der Arbeiterklasse in Deutschland weniger Chancen als in den Nachbarländern haben, eine höhere Ausbildung zu bekommen, hat die aktuelle PISA-Studie wieder bestätigt. Immigrantenkinder aus Arbeiterfamilien haben es noch schwerer.

Von den ´Menschen mit Migrationshintergrund´ haben 45,1% Hauptschulabschluss (ohne Migr. 31,3%), 23,7% Realschulabschluss (ohne Migr. 36,0%), 19,5% Hochschulreife (ohne Migr. 23,7%), ohne Abschluss bleiben 6,0% (ohne Migr. 2,3%).

Immerhin ist der Anteil der Abiturienten in Anbetracht ein auf Elitenförderung abzielendes Bildungssystem doch relativ hoch.[13]

Die Quote der gerichtlichen Verurteilungen liegt bei Migranten tatsächlich relativ hoch: Insgesamt sind es 24,4% bei einem Bevölkerungsanteil von 9,4%. Dabei ist zu berücksichtigen, dass ein Teil der Vergehen nur von Ausländern begangen werden kann, gemeint sind Übertretungen der Ausländergesetzgebung, wie die Nichtbeantragung der Verlängerung von Aufenthaltsgenehmigungen, das Verlassen des genehmigten Bezirks ohne behördliche Erlaubnis bei Asylanten, und ähnliches.

Familiäre Gewalt ist sicher in Migrantengruppen, die aus konservativen, ländlichen, patriarchalisch geprägten Gebieten kommen und längst eine Minderheit unter den Einwanderern darstellen, höher. Mit den jugendlichen ´Türken-Banden´ als Produkt der Isolierung, der Perspektivlosigkeit und Frustration, kommen allerdings auch die eigenen Familien nicht mehr zu Recht. Hier ist allerdings die soziale Situation entscheidend[14]. Vergleicht man nämlich die Kriminalitätsquote zwischen Deutschen und Ausländern, die sich in derselben Lage befinden, nähern sich die statistischen Angaben an. Die Rate bei Ausländern, die Isolation, Entfremdung und Diskriminierung noch intensiver erleben, ist dann nur noch minimal höher.

In welcher Stadt leben prozentual mehr Ausländer: in München oder in Berlin? In München! Warum macht die ´Ausländerkriminalität´ in München keine Schlagzeilen? Weil es dort keine Ghettos gibt und die Arbeitslosigkeit bei 3,9% liegt und nicht bei 16% wie in Berlin. Dass in Berlin eine regelrechte De-industrialisierung stattfand – mit der Schließung von AEG, BSE usw. – liegt nicht in der Verantwortung der Türken, sondern der deutschen Unternehmen.

Recht beliebt in der ausländerfeindlichen Propaganda, aber nichtsdestoweniger falsch, ist die Methode "Wie du mir, so ich dir" in Bezug auf die Religion. Darauf konzentrieren sich Wählerlisten wie ´Pro Köln´ und ähnliche Gruppierungen. Deren Motto: Die Christen in der Türkei haben keine Rechte, also versagen wir sie den hiesigen Türken auch. Sogar Bundespräsident Wulff macht mit und erklärt am 3.10.10 in Ankara, dass "wir erwarten(!), dass Christen in islamischen Ländern das gleiche Recht haben, (...) Kirchen zu bauen".

Abgesehen davon, dass die Türkei gemäß seiner Verfassung kein islamisches, sondern ein laizistisches (weltliches) Land ist - übrigens ebenso wie Syrien, Libanon und der Irak, Algerien und Tunesien, sowie Ägypten - gab es laut ´Zeit online´ vor vier Jahren in ganz Deutschland nur rund 250 Moscheen, einschließlich der im Bau befindlichen, während es schon allein in Istanbul bedeutend mehr christliche Kirchen gibt![15]

Das allgemeine Wissen über den Islam ist minimal Die Unterschiede zwischen der muslimischen, christlichen und jüdischen Religion sind inhaltlich nicht bedeutend. Moses (Musa) und Abraham (Ibrahim) sind die wichtigsten frühen Propheten bei allen drei Religionen, dazu kommen noch Jesus (Isa), der im Islam als wunderwirkender Prophet gilt, und Mohammed. Daher – und natürlich weil Juden und Christen ebenso wie Muslime an einen einzigen Gott glauben – sind Angehörige dieser Religionen gemäß dem Koran keine ´Ungläubigen´.

Dass Ehebrecherinnen gesteinigt werden, steht übrigens im 3. Buch Moses! Im Koran ist davon kein Wort zu lesen.

Sind denn die Türken in Deutschland überhaupt religiös? 15 bis 20% der hier lebenden Muslime sind in islamischen Vereinen organisiert[16], aber auch hier herrscht - wie im Christentum das ´Kulturchristentum´ - wohl meist ein ´Kulturislam´ vor. Im ersten Fall geht man vielleicht noch zu Weihnachten in die Christmette, kümmert sich aber keineswegs um das katholische Fleischverbot am Freitag, im zweiten hält man vielleicht den Fastenmonat Ramadan ein, aber geht nicht in die Moschee.

Wie sieht es mit der Toleranz aus? Dem Satz „Ich behandle Menschen einer anderen Glaubensrichtung immer mit Respekt“ stimmten bei einer internationalen Umfrage nur 66% der Gesamtbevölkerung in Deutschland zu, aber 78% der Muslime in Deutschland[17].

[...]


[1] Zit. in ´SZ´, 14.10.2010

[2] Quelle: Destatis, Stand 2010

[3] IT.NRW, zit. In TZ, 8.10.2010

[4] Münchner Statistik, 1. Quartalsheft 2009, Landeshauptstadt München

[5] ´Goodbye Deutschland´, 2009 Gütersloh/München. Quelle: u.a. Umfragen der ´Wirtschaftswoche´

[6] ´Goodbye…`, Seite 17 und 20

[7] JW, 2.12.10

[8] Nuissl, DIE, in: ´Erziehung und Wissenschaft´ (GEW), 12/2010

[9] Die Anwerbung wurde von den Auslandsvertretungen der BRD durchgeführt. Die Unternehmen zahlten ein Kopfgeld von 25 DM für jeden Arbeiter an den Staat.

[10] JW, 30.10.10

[11] Speziell zu Sarrazins Propaganda erschien von der Partei ´Die Linke´ die kleine (kostenlose) Broschüre: ´Linke Argumente gegen rechte Hetze – Thilo Sarrazins Rassismus und die Krise´, Berlin 2010

[12] SZ, 14.11.10

[13] Dies stellte auch der UN-Menschenrechtsgesandte Vernor Munoz in seinem Bericht 2006 fest: Das „extrem selektive“ deutsche Schulsystem verletzt das Menschenrecht auf Bildung!

[14] Abdel-Samad in: Erziehung und Wissenschaft (GEW) 5/2010

[15] JW, 20.10.10

[16] Abdel-Samad in: Erziehung und Wissenschaft (GEW) 5/2010

[17] Gallup Coexist Index 2009

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Zur Psychopathologie der Sarrazinschen ´Ausländerfeindlichkeit´
Autor
Jahr
2011
Seiten
24
Katalognummer
V167007
ISBN (eBook)
9783640831760
ISBN (Buch)
9783640831746
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Aktuelle Ausarbeitung des Rassismus und der Ausländerfeindlichkeit in Bezug auf seine sozialpsycologischen und psychoanalytischen Hintergründe unter Bezug auf Mischerlich, Horkheimer, Fromm und Sartre
Schlagworte
rassismus, ausländerfeindlichkeit, horkheimer, frankfurter schule, mitscherlich, erich fromm, sartre
Arbeit zitieren
Dr. Anton Stengl (Autor), 2011, Zur Psychopathologie der Sarrazinschen ´Ausländerfeindlichkeit´, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167007

Kommentare

  • Juergen Helmerichs am 16.9.2011

    Guten Tag,
    Pathokratie - ein Begriff zum Nachdenken, Sarrazin ein Musterbeispiel
    ....ich denke, Herr Sarrazin hat nachhaltig wesentlichen Einfluss auf unser Bildungssystem ausgeloest.
    Ich habe mich in einem Artikel dazu geaeussert.
    Den Text von Herrn Stengel hab ich leider noch nicht gelesen.
    Vielen dank soweit
    J. Helmerichs (al. Pete J. Probe)
    link zu meinem Artikel:
    http://www.news4press.com/1/MeldungDetail.asp?Mitteilungs_ID=608704

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