Die „Vier-Einigkeit“ moralischen Handelns

Untersuchung der Zusammenhänge zwischen den vier Formulierungen des Kategorischen Imperativs


Essay, 2011

6 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Klassikerkurs: Klassiker der Moralphilosophie Mill – Kant – Aristoteles

Johannes Stockerl

Die „Vier-Einigkeit“ moralischen Handelns –

Untersuchung der Zusammenhänge zwischen den vier Formulierungen des Kategorischen Imperativs

Wenn der Name „Kant“ fällt, kommt dem einen oder anderen sicherlich so etwas wie: „Was du nicht willst, das man dir tut, das füg’ auch keinem andern zu“, in den Sinn. Doch diese so genannte „Goldene Regel“ stammt nicht nur nicht von Kant, sie unterscheidet sich ganz grundsätzlich von der Kant’schen Moralphilosophie, kann uns aber bei näherer Betrachtung zumindest dabei helfen, deren komplexen Charakter besser zu verstehen.

Dabei ist es durchaus möglich, dass man als Leser der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (GMS) zumindest den Anfangsverdacht einer argumentativen Schizophrenie, d.h. einer tief sitzenden, inneren Widersprüchlichkeit in den Ausführungen des Philosophen auszumachen glaubt. Besonders knifflig ist das Kernstück des moralischen Gedankengebäudes Kants’, nämlich der so genannte Kategorische Imperativ (KI). Zunächst scheint die Situation klar, wenn er diesen wie folgt definiert: „Der kategorische Imperativ ist also nur ein einziger, und zwar dieser: handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde.“[1]

Bei diesen so genannten moralischen Urteilen a priori soll uns der vernunftgeleitete, selbstbestimmte Wille und nichts als dieser zum Kompass für ein moralisch gutes Leben dienen. Gelingen soll dies über den Umweg der so genannten Maximen, d.h. selbst gesetzter Regeln, an denen sich unser Handeln orientiert. Betrachten wir deshalb zunächst die vier verschiedenen Formulierungen, in denen uns der Kategorische Imperativ in der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten begegnet.

Neben der Universalisierungsformel, d.h. der oben bereits angeführten Version, ist auch eine so genannte Selbstzweckformel auszumachen. Diese lautet: „Der Mensch und überhaupt jedes vernünftige Wesen, existiert als Zweck an sich selbst, nicht bloß als Mittel zum beliebigen Gebrauche für diesen oder jenen Willen, sondern muß in allen seinen, sowohl auf sich selbst, als auch auf andere vernünftigen Wesen gerichteten Handlungen jederzeit zugleich als Zweck betrachtet werden.“[2]

Des Weiteren gibt uns Kant auch noch die Naturgesetzformel an die Hand: „Handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen Willen zum allgemeinen Naturgesetz werden sollte.“[3] Schlussendlich -scheinbar um den Leser seines Werkes vollständig zu verwirren- führt der Philosoph auch noch die Reich-der-Zwecke-Formel ein: „Demnach muß ein jedes vernünftige Wesen so handeln, als ob es durch seine Maximen jederzeit ein gesetzgebendes Glied im allgemeinen Reiche der Zwecke wäre.“[4]

Das sind sie also, die vier verschiedenen Varianten des Kategorischen Imperativs. Doch in welchem Zusammenhang stehen sie? Und warum haben wir es gleich mit vier Formeln zu tun, wo der KI doch angeblich „nur ein einziger“ ist?

Bereits vor der nun folgenden Untersuchung des Zusammenhangs der vier Versionen des Kategorischen Imperativs kann der Leser beruhigt werden: Weder haben wir es mit einer Schizophrenie zu tun, noch mit einer religiösen Formel, nach der sich uns der KI als „Vier-Einigkeit“ offenbart. Um den Zusammenhang zwischen den verschiedenen Formulierungen des KI verstehen zu können, soll in dieser Arbeit der Grundsatz „Vom Offensichtlichen zum Speziellen!“ angewendet werden. Das bedeutet konkret, dass zunächst versucht wird, erste Erkenntnisse aus dem Aufbau des Werkes zu gewinnen. Anschließend wird genauer auf den Inhalt eingegangen und dabei die relevanten Stellen jeweils durch aussagekräftige Zitate gestützt.

Vergleicht man die Anordnung der Passagen, in denen sich die relevanten Aussagen finden lassen, stellt man eine deutliche räumliche Nähe bei je zwei von ihnen fest. Zunächst nämlich führt Kant das Konzept der Universalisierung ein, um sie wenige Seiten später durch das Prinzip der Naturgesetzlichkeit zu verstärken.[5] Es schließt sich ein Einschub mehrer Beispiele an, an Hand derer gleich die Probe aufs Exempel erfolgt und das erste Regel-Paar auf seine Praxistauglichkeit hin untersucht wird. Schließlich wird der Selbstzeck-Gedanke ins Spiel gebracht, um kurz darauf noch um ein Reich der Zwecke erweitert zu werden.[6] Bis zu diesem Punkt haben wir es jedoch höchstens mit einigen Indizien zu tun. Der Anfangsverdacht erhärtet sich aber, wenn man die Wortwahl des Philosophen genauer unter die Lupe nimmt, da sich daraus eine offensichtlich nahe Verwandtschaft zwischen je zwei der vier Formen ableiten lässt. Hiervon betroffen ist einerseits die Formulierung vom „Allgemeines Gesetz“ und dem „Naturgesetz“, sowie andererseits die des „Zwecks an sich“ und vom „Reich der Zwecke“.

[...]


[1] GMS, S. 60

[2] GMS, S. 73

[3] GMS, S. 61

[4] GMS, S. 91

[5] GMS, S. 60 ff.

[6] GMS, S. 73 ff.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Die „Vier-Einigkeit“ moralischen Handelns
Untertitel
Untersuchung der Zusammenhänge zwischen den vier Formulierungen des Kategorischen Imperativs
Hochschule
Universität Regensburg  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Klassikerkurs Aristoteles - Mill - Kant
Note
2,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
6
Katalognummer
V167062
ISBN (eBook)
9783640834396
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kant, Kategorischer, Imperativ, Moral, Pflicht, Pflichtethik, Zusammenhang, Maxime, Universalisierung, Naturgesetz, allgemeines Gesetz, Verallgemeinerung, Sollen, freier, Wille, Ethik, Vernunft, Sitten
Arbeit zitieren
Johannes Stockerl (Autor), 2011, Die „Vier-Einigkeit“ moralischen Handelns, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167062

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