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Rayne Dumont

Das Geheimnis von Silvermore Castle

Title: Rayne Dumont

No Entry , 2025 , 575 Pages

Autor:in: Marie-Luise Walther (Author)

TinyTales: Children's books
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Summary Excerpt Details

Sommerferien in einer verschlafenen Kleinstadt im wilden Norden Englands – doch bei der fünfzehnjährigen Rayne Dumont ist bald nichts mehr wie zuvor. Eigentlich wollte sie nur in Bettys gemütlichem Buchladen aushelfen, als plötzlich ein geheimnisvoller fremder Junge auftaucht und erste Rätsel aufwirft.

Doch das wahre Abenteuer beginnt, als Rayne in den Hinterlassenschaften ihrer Eltern auf dem Dachboden einen höchst seltsamen Fund macht – ein Fund, der sie tief in die Vergangenheit ihrer Familie führt und direkt in die düsteren Mauern von Silvermore Castle. Ein Ort, an dem Geheimnisse verborgen leben, jenseits aller Vorstellungen. Wird Rayne der Spur folgen – und was erwartet sie hinter den Mauern von Silvermore Castle?

Ein fesselnder Roman voller Geheimnisse, düsterer Legenden und einer jungen Heldin, die lernen muss, dass Mut manchmal bedeutet, der eigenen Angst direkt ins Gesicht zu sehen.

Excerpt


Auszüge aus dem Buch

Cover: Rayne Dumont

1. Kapitel

- Fremde Kundschaft -

Rayne

Bimmelim! Der helle Klang der Türglocke riss mich aus meinen Gedanken. Mit dem Staubwedel in der Hand drehte ich mich auf der wackeligen Trittleiter um und beugte mich nach vorne, um zu sehen, wer soeben den Buchladen betreten hatte. Zu meinem Erstaunen hatte ich den Neuankömmling noch nie gesehen, was in Anbetracht dessen, dass Betty‘s Bookstore Firvilles einziger Buchladen und jeder Kunde mir seit Jahren bekannt, durchaus bemerkenswert war.

Neugierig musterte ich den Fremden, der ein wenig verloren im vorderen Teil des Ladens stand und sich suchend umsah. Er schien nicht viel älter zu sein als ich, vielleicht sechzehn oder siebzehn Jahre alt, war hochgewachsen und schlank, trug, obwohl es Mitte August war, einen langen abgetragenen Mantel und einen leicht eingedellten, staubigen Hut, unter dem dunkelbraune, recht zerzauste Haare hervorschauten.

Ein aufgeregtes Kribbeln breitete sich in meinem Magen aus. Der Fremde hatte etwas unbeschreiblich Faszinierendes an sich, das mich sofort in den Bann zog. Für einen Moment vergaß ich alles um mich herum. Wer war der Junge? War er ein Tourist oder kam er aus einem der weiter entfernten Nachbarorte? Vielleicht war er auch gerade erst hergezogen.

Von meinem Platz auf der Leiter konnte ich sein Gesicht nur von der Seite erkennen. Wenn er sich doch nur ein wenig drehen würde …

Als hätte er meine Gedanken gehört, drehte sich der Fremde plötzlich um und sah mir direkt in die Augen. Es waren die seltsamsten und schönsten Augen, die ich je gesehen hatte. Sie waren von einem tiefen Rotbraun, wie frisch polierter Bernstein, und sie durchdrangen mich mit einer solchen Intensität, dass ich für einen Moment zu atmen vergaß. Es war, als blickte er direkt in mein tiefstes, innerstes Seelenleben. Der Blick des Fremden löste noch etwas anderes in mir aus. Doch kaum, dass ich nach dem Gedankenfetzen greifen konnte, war er auch schon wieder fort, und zurück blieb nur ein flattriges Kribbeln in meinem Bauch.

Als sich der Junge nun in Bewegung setzte und mit großen Schritten direkt auf mich zukam, konnte ich ihm nur mit großen Augen entgegensehen. Meinen Körper schien jegliches Gefühl verlassen zu haben.

»Guten Tag!«

Seine raue Stimme ließ mich zusammenfahren, wobei ich beinahe den Staubwedel fallen ließ. Endlich löste ich mich aus meiner peinlichen Trance. »G…g…guten Tag«, stammelte ich und klammerte mich verzweifelt am Regal fest.

Kurze Stille trat ein, in der ich krampfhaft nach den richtigen Worten suchte, die mir sonst so leicht über die Lippen kamen, bis der Junge schließlich etwas unbeholfen fortfuhr: »Ähm ja, also, ich suche nach einem Buch für … meinen Großvater …« Er klang dabei so normal und un-mysteriös, wie man nur irgend klingen konnte, und so kam ich allmählich wieder zur Besinnung.

Mit einiger Verzögerung schoss mir die Hitze in die Wangen. Verlegen stieg ich von der Leiter und sagte dann so höflich und professionell wie möglich: »Ich bin mir sicher, dass wir genau das richtige Buch finden werden. Welches Genre bevorzugt dein Großvater denn? Oder hat er vielleicht einen Lieblingsautor oder eine -autorin?« Das hatte ich doch schön gesagt. Erleichtert, dass sowohl mein Gehirn als auch mein Mund noch einwandfrei funktionierten, glättete ich meinen Pullover und legte möglichst unauffällig den Staubwedel beiseite.

»Ähm ja, also, ich denke, er liest gerne so etwas wie Shakespeare, oder so …«, sagte der fremde Junge zögernd und zupfte sich verlegen am Ohrläppchen, womit er nun endgültig jegliche mysteriöse Ausstrahlung zerstörte.

So etwas wie Shakespeare, oder so… Zum Glück hatte Betty das nicht gehört.

»So etwas wie Shakespeare«, wiederholte ich und der Junge nickte bestätigend. Etwas enttäuscht, weil er doch normaler war, als der erste Eindruck hatte vermuten lassen, deutete ich auf den hinteren Teil des Ladens. »Shakespeare und andere traditionelle englische Autoren befinden sich im hinteren Teil des Ladens. Wenn du mir bitte folgen würdest?«

Nach einigem Hin und Her, der fremde Junge schien wirklich keine Ahnung zu haben, was den Buchgeschmack seines Großvaters betraf, entschied er sich schließlich für eine Ausgabe von Titus Andronicus, einer frühen Tragödie des bekanntesten englischen Dramatikers, auch wenn ich das Gefühl hatte, dass er nicht den blassesten Schimmer hatte, wovon die Geschichte überhaupt handelte.

Ein wenig beleidigt führte ich ihn nach vorne zur Kasse, wo ich das Buch in braunes Papier wickelte und eine blaue Schleife darum wand. Der erste Eindruck des Fremden hatte wirklich mehr als getäuscht. Nach näherer Betrachtung handelte es sich um einen ganz gewöhnlichen Jungen, mit etwas ausgefallenem Modegeschmack und ungewöhnlicher Augenfarbe, der weder seinen Großvater noch die englische Literatur sonderlich gut zu kennen schien. Ich wusste selbst nicht, warum mich diese Erkenntnis derart ärgerte.

Etwas fester als beabsichtigt zog ich die Schleife zu, woraufhin das Papier darunter einriss. Hastig, bevor der Literaturbanause es bemerkte, schob ich das Päckchen in eine Papiertüte mit dem Logo des Buchladens und reichte sie ihm.

»Ich hoffe, dein Großvater freut sich über dieses Buch. Und wenn nicht, kann er es selbstverständlich jederzeit umtauschen, solange du die Quittung aufhebst«, sagte ich kühl und zwang mich zu einem Lächeln.

Der Junge nickte und schob sich Wechselgeld und Kassenzettel in die Manteltasche. Einen Moment lang sah es so aus, als wolle er noch etwas sagen, doch dann tippte er sich nur an die Hutkrempe, erwiderte mein verkrampftes Lächeln, drehte sich um und verließ den Laden. Irritiert sah ich ihm nach, wie er mit großen Schritten die Straße hinablief, um eine Ecke bog und aus meinem Sichtfeld verschwand.

Welcher Mensch des einundzwanzigsten Jahrhunderts tippte sich denn bitte zum Abschied an die Hutkrempe? Und wer unter fünfundsiebzig Jahren trug überhaupt noch einen Hut?

Den Rest des Tages verbrachte ich damit, neue Bücher einzusortieren und einige alte, die seit Jahren in den Regalen standen und nie verkauft worden waren, auszusortieren und in einer Kiste in dem kleinen Raum hinter der Kasse zu deponieren. Betty würde dann über das weitere Schicksal der Bücher entscheiden.

Elizabeth „Betty“ May war die stolze Besitzerin von Betty‘s Bookstore, den sie vor über vierzig Jahren, gemeinsam mit ihrem Ehemann Charles, eröffnet hatte.

Letzterer war leider noch vor meiner Zeit in Firville verstorben, und so kannte ich ihn nur aus Bettys Geschichten.

Im Laufe der Jahre war der Buchladen ein wichtiger Bestandteil des Dorfes geworden, dessen feste Kundschaft sich inzwischen bis in die angrenzenden Nachbarorte ausdehnte. In den Sommermonaten lockte er auch immer wieder einige Touristen an, die sich bis hier hoch in den Norden verirrt hatten. Denn trotz seiner beschaulichen Größe war Betty‘s Bookstore außerordentlich gut sortiert. Nach dem Tod ihres Mannes hatte Betty es zu ihrer Lebensaufgabe gemacht, sämtliches bedrucktes Papier, das eine Geschichte erzählte – ob wahr oder fiktiv –, vor der Zerstörung zu retten. Das war auch der Grund dafür, weshalb wir in Betty‘s Bookstore nicht nur neue, sondern auch gebrauchte Bücher verkauften, die wir aus Antiquariaten, Haushaltsauflösungen und sogar von unseren Kunden selbst erhielten.

Über die Jahre war der Buchladen zu meinem zweiten Zuhause geworden und ich hatte jede von Bettys Lektionen über unsere bedruckten Freunde gierig in mich aufgesogen, bis ich die Geschichte jedes einzelnen Bandes und seinen Platz zwischen all den anderen Büchern auswendig kannte.

Doch meine Leidenschaft für Bücher war nicht der einzige Grund, weshalb ich mich in Betty‘s Bookstore so wohlfühlte. Nur noch verschwommen erinnerte ich mich daran, wie ich ihn vor über zehn Jahren mit meinen Eltern zum ersten Mal betreten und sich meine Mutter Hals über Kopf in den Laden verliebt hatte.

Begeistert ließ sie sich von Betty alles zeigen und kaufte mir schließlich ein altes Märchenbuch, gebunden in abgegriffenes grünes Leder und mit wunderschönen bunten Zeichnungen, das ich daraufhin die gesamten Ferien über stolz mit mir herumgetragen hatte und dabei nicht müde geworden war, die winzigen schwarzen Zeichen auf dem dünnen Papier zu entziffern.

Damals waren wir für einige Wochen bei den älteren Halbgeschwistern meines Vaters zu Besuch gewesen, die noch immer in England lebten. Die ersten sechs Jahre meines Lebens hatte ich nämlich in Paris verbracht, wo meine Eltern sich während des Studiums kennen- und lieben gelernt hatten.

Bei unserem ersten Besuch in Betty‘s Bookstore war ich fünf Jahre alt gewesen. Und ein Jahr später waren meine Eltern dann bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen, woraufhin ich zu meiner Tante und zu meinem Onkel nach Firville gezogen war.

Und nun lagen acht herrliche schulfreie Wochen in ebendiesem Buchladen vor mir und ich hätte mir keine schönere Beschäftigung für die Sommerferien vorstellen können. Was für meine beste Freundin Lizzie, die mit ihrer Familie auf die Bahamas geflogen war, wie ein Alptraum klang, war für mich das reinste Himmelreich.

Lizzie behauptete oft, all die alten Bücher um sie herum würden sie ganz duselig machen, doch für mich gab es keinen schöneren Ort auf dieser Welt. Der Geruch von frischbedrucktem Papier, abgegriffenem Leder, das leise Rascheln der Seiten, wenn es sich ein Kunde zum Lesen in einem der vielen Sessel gemütlich machte – all das war für mich der Inbegriff des Paradieses.

Doch Lizzie erweckte die Geschichten auf den Seiten lieber mit ihrem Körper zum Leben. Seit sie sechs war, spielte sie leidenschaftlich Theater, und unsere Begeisterung für Geschichten war es auch gewesen, die uns zueinander geführt hatte.

Lizzie Jones war meine allerbeste Freundin und neben meiner Tante und meinem Onkel die Person, die nach dem plötzlichen Tod meiner Eltern und meinem Umzug nach Firville dafür gesorgt hatte, dass ich hier so schnell ein neues Zuhause gefunden hatte. Ich erinnerte mich noch genau, wie ich an meinem ersten Tag an der St George‘s Primary School schüchtern und ängstlich auf dem Schulhof gestanden und auf das große graue Gebäude gestarrt hatte, als plötzlich Lizzie neben mir aufgetaucht war und mir verschwörerisch zugeraunt hatte, ob ich nach der Schule ihr supergeheimes Geheimversteck am Waldrand sehen wolle. Natürlich wollte ich, und obwohl sich Lizzies Geheimversteck als ein alter, sehr zerfallener Schuppen herausgestellt hatte, in dem es, außer modrigem Holz und Spinnen, nicht viel zu sehen gab, waren wir von diesem Tag an beste Freundinnen gewesen.

Mein Onkel Adam meinte immer, Lizzie wäre mein Engel, der mich aus der Dunkelheit ins Licht geführt hatte. Adam Dungeon war der Pfarrer der örtlichen Gemeinde und demnach quasi beruflich dazu verpflichtet, so etwas zu sagen. Wie auch immer, eines stand fest: Ein Leben ohne Lizzie konnte ich mir nicht mehr vorstellen, und ohne sie wäre meine Kindheit vermutlich trist und grau gewesen.

Um kurz nach fünf schloss ich die Ladentür gewissenhaft hinter mir ab und machte mich auf den Heimweg. Der Sommer neigte sich so langsam dem Ende zu und man konnte bereits den nahenden Herbst riechen. Die frische, klare Luft ließ mich frösteln. Ich zog den Reißverschluss meiner Jacke hoch und schob die Hände tief in die Taschen. Selbst die kleinen Steinhäuser schienen im kühlen Wind zu frieren. Beinahe sah es so aus, als duckten sie sich in den Schatten von Firwood Hill, auf dessen Spitze sich die Türme von Silvermore Castle in den grauen Nachmittagshimmel erhoben.

[...]

[...]

13. Kapitel

- Ein Date … -

Rayne

Am Dienstagmorgen erwachte ich mit einem flattrig-zittrigen Gefühl im Bauch, und es dauerte einen Moment, bis ich es zuordnen konnte. Doch mit einem Schlag kehrte alles zurück. Mein spontaner Ausflug mit Flynn nach Silverlake, sein merkwürdiges Verhalten, nachdem wir das nette Café verlassen hatten, das plötzliche Auftauchen des riesigen weißen Hundes auf der Fahrbahn, von dem ein kleiner Teil in mir immer noch glaubte, dass es sich um einen echten Wolf gehandelt hatte, auch wenn ich natürlich wusste, wie unwahrscheinlich oder eher unmöglich das war, und schließlich … der Kuss, der mich so vollkommen und ganz und gar überrascht hatte! Vergessen waren die ersten Zweifel gewesen, die langsam immer lauter geworden waren, nachdem Flynn es auch auf der Rückfahrt nicht geschafft hatte, mir den eigentlichen Anlass des Ausfluges zu erklären. Alles, wozu mein Gehirn im Stande gewesen war, war hysterisch zu kreischen, während mein Herz verzweifelt versucht hatte, meine Blutbahnen mit ausreichend Sauerstoff zu versorgen, denn Flynns warme, raue Lippen auf meinen hatten die Luftzufuhr in meinen Lungen erheblich aus dem Gleichgewicht gebracht. Seine warmen Hände in meinen Haaren und meinem Nacken, sein heißer Atem an meiner Wange und dieser spezielle würzige Duft, der mich an eine Mischung aus warmem Sommerwald und noch etwas anderem erinnerte, von dem ich mir zwar sicher war, dass ich es kannte, mir aber einfach nicht in den Sinn kommen wollte, was es war.

Allein vom Gedanken daran wurde mir ganz flau im Magen und in meinen Handflächen kribbelte es.

Schließlich hielt ich die innere Unruhe, die mich beim Moment des Erwachens gepackt hatte, nicht mehr aus und ich hievte mich aus dem Bett, um mich fertig zu machen.

Als ich um fünf vor neun ziemlich außer Atem Betty‘s Bookstore aufschloss, ertappte ich mich dabei, wie ich noch einmal einen Blick über die Schulter warf, doch von einem hochgewachsenen Jungen mit verstrubbelten braunen Haaren und bernsteinfarbenen Augen war weit und breit nichts zu sehen.

Ein wenig enttäuscht, auch wenn ich mir dabei selbst albern vorkam, wandte ich der Straße wieder den Rücken zu und stieß schwungvoll die Eingangstür vom Buchladen auf. Ich würde mich wohl noch ein wenig gedulden müssen, bis ich Flynn wiedersah.

Noch nie war mir meine Zeit im Buchladen so zäh und eintönig erschienen. Jedes Mal, wenn die Türglocke läutete und ein neuer Kunde eintrat, schlug mein Herz schneller, und jedes Mal, wenn es nicht Flynn war, der über die Schwelle trat, spürte ich einen enttäuschten Stich in der Brust.

Ich war gerade dabei, einige Bücher, die von Kunden falsch einsortiert worden waren, an ihre richtigen Plätze zu räumen, als die Türglocke erneut ertönte. Inzwischen hatte ich die Hoffnung, dass Flynn heute noch kommen würde, aufgegeben, und so machte ich mir nicht einmal mehr die Mühe, mich nach dem Neuankömmling umzusehen.

Nach ein paar Sekunden hatte ich den Kunden schon beinahe wieder vergessen, da ich nichts von ihm hörte, weder seine Schritte noch das Geräusch von Büchern, die aus dem Regal gezogen wurden. Ich wollte gerade auf eine der Trittleitern steigen, von der aus man an die oberen Regalreihen gelangte, als ich plötzlich eine Hand auf meiner Schulter spürte. Ich stieß einen erstickten Schrei aus und fuhr herum, wobei ich alle Bücher, die ich gerade zurück ins Regal hatte stellen wollen, mit einem lauten Rums fallen ließ.

Vor mir stand – in Mantel und Hut, die braunen Haare so zerzaust, als hätte er sich auf dem Weg hierher durch die dichtetesten Dornenranken gekämpft – Flynn. Seine Augen blitzten amüsiert und er musterte mich von Kopf bis Fuß, bevor er sich bückte, die heruntergefallenen Bücher aufhob und sie mir mit einer eleganten Geste überreichte.

Alles, was ich daraufhin tun konnte, war, ihn anzustarren und stumm den Mund zu öffnen und wieder zu schließen, ohne ein Wort über die Lippen zu bringen. Ich spürte, wie mir die Schamesröte ins Gesicht schoss und hatte das ungute Gefühl, dass mich in diesem Moment nicht viel von einem glupschäugigen Clownfisch unterschied, nur, dass ich keine weißen Streifen hatte.

Höflicherweise ignorierte Flynn meine vorrübergehende Starre und schenkte mir ein strahlendes Lächeln. »Hallo, Rayne, schön, dich zu sehen!«, sagte er und klang dabei so ehrlich erfreut, dass ich gar nicht anders konnte, als zurückzulächeln.

»Hi«, brachte ich, in immerhin einigermaßen normaler Tonlage und ganz ohne Stottern heraus, und legte schnell die Bücher auf einer Stufe der Trittleiter ab, bevor ich sie noch einmal fallen lassen konnte. »Ich dachte schon, du kommst nicht mehr!«, sagte ich und begann, die Buchrücken im Regal hinter mir auf die gleiche Höhe zu schieben, um Flynns hypnotischen Blick zu entkommen.

»Ich hab doch gesagt, dass ich vorbeikomme!« Flynn klang einigermaßen entrüstet, dass ich ihm tatsächlich zugetraut hätte, sein Versprechen zu brechen.

»Schon klar, aber es hätte ja sein können, dass dir etwas dazwischengekommen ist«, erwiderte ich und griff nach dem Bücherstapel auf der Trittbrettleiter, um die übrigen Bücher einzusortieren.

Eine Weile lang geschah nichts weiter, als dass ich meiner Arbeit nachging und Flynn mir langsam auf meinem Rundgang durch den Laden folgte, wobei er immer wieder ein Buch aus den Regalen zog und es eingehend betrachtete, als könnte es ihm die Antwort auf eine entscheidende Frage liefern.

Allmählich entspannte ich mich wieder und das nervöse Kribbeln, das bei Flynns Anblick meinen ganzen Körper ergriffen hatte, flaute ab, bis sich Flynns Anwesenheit im Laden so selbstverständlich anfühlte, dass mir die Vorstellung, ihn bis vor wenigen Tagen noch nicht einmal gekannt zu haben, plötzlich vollkommen absurd erschien. Bemerkenswert, wie schnell man sich an die Gesellschaft mancher Menschen gewöhnte, wohingegen man die anderer, die man bereits sein halbes Leben lang kannte, jedes Mal als so unangenehm empfand, als handle es sich um die erste Begegnung.

Doch auch, wenn ich mich in Flynns Nähe so wohlfühlte, wie ich es sonst nur bei Lizzie oder meiner Familie und Barb, die quasi zur Familie gehörte, tat, so merkte ich, dass Flynn etwas auf dem Herzen lag, und je länger er schwieg und so tat, als wäre alles in Ordnung, desto unruhiger wurde ich. Als ich schließlich die gesamte Krimi-Abteilung neu geordnet hatte, riss mir schließlich der Geduldsfaden.

Flynn lehnte gerade am Regal neben mir und blätterte durch die Seiten einer Gesamtausgabe von Sherlock Holmes, als ich mich ihm zuwandte und ungeduldig fragte: »Okay, was ist los?«

Flynn zuckte leicht zusammen. Er hob den Kopf und sah mich an, als hätte er ganz vergessen, dass ich da war. »Was?«, fragte er und runzelte verwirrt die Stirn.

»Ich seh doch, dass dich was bedrückt. Also, warum bist du wirklich hier?«

»Na, weil ich es dir versprochen habe, das hab ich doch schon gesagt. Und weil ich dich gerne wiedersehen wollte!«, sagte Flynn, wobei mir nicht entging, dass er es vermied, mir dabei in die Augen zu sehen. Fast machte es den Eindruck, als hätte er mir gegenüber ein schlechtes Gewissen.

Was konnte es sein, dass er sich nicht traute, mir zu sagen?

Und dann begriff ich auf einmal. Der Grund für Flynns seltsames Verhalten war so offensichtlich, dass ich mich wunderte, warum ich so lange gebraucht hatte, um zu verstehen: Flynn bereute den Kuss und wusste jetzt nicht, wie er mir schonend beibringen sollte, dass er es nicht so gemeint hatte, ohne mich vor den Kopf zu stoßen.

Plötzlich wurde mir übel und mein Magen zog sich zu einem schmerzhaften Kloß zusammen. »Ist es wegen gestern Abend? Ist es, weil du … willst du mir sagen, dass …« Doch ich brachte es nicht über mich, das Offensichtliche auszusprechen. Allein die Vorstellung war schmerzhaft genug.

»Rayne …«, sagte Flynn und ein schmerzlicher Ausdruck trat in seine Augen. »Ich …«

Doch in diesem Moment ertönte die Türglocke und wir fuhren beide herum.

Es war Gina, ein dünnes, blasses Mädchen, die mit ihren sieben Geschwistern im Süden der Stadt in einer kleinen Sozialwohnung lebte. Seit einiger Zeit kam sie jeden Dienstag (sogar in den Ferien) hierher, um für eine Weile dem Chaos ihres Zuhauses zu entkommen. Für gewöhnlich hatte ich nichts gegen ihre Besuche – im Gegenteil, ihre Gesellschaft war durchaus angenehm –, doch jetzt hätte ihr Auftauchen unpassender nicht sein können.

»Rayne?«, rief sie und ich zuckte zusammen.

Verdammt, was sollte ich jetzt tun?

Ich legte den Finger an die Lippen und bedeutete Flynn, hier hinten auf mich zu warten, bis ich Gina mit irgendeiner Ausrede losgeworden war. Dann holte ich tief Luft und trat hinter den hohen Regalreihen hervor.

[...]

Excerpt out of 575 pages  - scroll top

Details

Title
Rayne Dumont
Subtitle
Das Geheimnis von Silvermore Castle
Author
Marie-Luise Walther (Author)
Publication Year
2025
Pages
575
Catalog Number
V1670792
ISBN (eBook)
9783389166857
ISBN (Book)
9783389166864
Language
German
Tags
Jugendbuch Roman Jugendroman Geheimnisse Abenteuer Coming-of-AgeRoman Fantasy England Mädchenroman ab14 Jugendthriller ab14 Sommerferien Buchladen Familiengeheimnis Schloss Magisches Abenteuer Dunkle Legenden Geheimnisvolles Schloss Spannung für Jugendliche Familiengeheimnisse Young Adult
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Marie-Luise Walther (Author), 2025, Rayne Dumont, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1670792
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