Kirche der Armen

Ekklesiologische Konzeptionen der lateinamerikanischen Befreiungstheologie


Hausarbeit, 2010

22 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der geschichtliche Hintergrund der Befreiungstheologie

3. Der kirchliche Kontext

4. Leonardo Boff und sein Werk „Kirche: Charisma und Macht“
4.1 Leonardo Boff
4.2 Boffs Ekklesiologisches Verständnis und die Auseinandersetzung mit Rom
4.3 Konsequenzen nach dem Erscheinen von „Kirche: Charisma und Macht“

5. Schluss

1. Einleitung

Das ist eine ganz neue Form des Kirche-Seins. Bei uns ist die Kirche nicht mehr nur eine mehr oder weniger anonyme Gesellschaft wie in Europa, son dern eine Gemeinschaft. Wir machen das wie zur Zeit Jesu. Da kommen die Bisch ö fe auf die Ebene des Volkes herab, und das Volk steigt auf die Ebene der Bisch ö fe hinauf. (Leonardo Boff)1

Schon diese Sätze stechen schillernd hervor und charakterisieren diese ganz spezielle Form der Theologie, die im heutigen Volksmund „Theologie der Befreiung“ oder „Befreiungstheologie“ genannt wird.

Was genau mit dieser Theologie gemeint ist, wovon sie ausgeht und was ihre Werke und Ziele sind, soll anhand dieser Hausarbeit dargestellt werden. Dabei möchte ich mich vor allem auf eine Person stützen, die ich für grundlegend halte und die den Verlauf der gesamten Befreiungstheologie mitbegründet und unterstützt hat: Leonardo Boff.

Wie konnte es überhaupt so weit kommen, dass sich in Lateinamerika „Basis- gemeinden“ gegründet hatten, die letztendlich diese Theologie hervorriefen, entwickelten und unterstützen? Was veranlasste Menschen sich so bedingungs- los von ihrem Glauben an Jesus Christus und vor allem von ihrem Glauben an Gerechtigkeit leiten zu lassen, dass sie sich derart für ihre Theologie einsetz- ten, gegen alle Hindernisse und Schwierigkeiten und sich sogar von zahlrei- chen Morden nicht von ihrem Vorhaben haben abbringen lassen? Ziel meiner Hausarbeit ist es zudem, diese starke Charakteristik der Anhänger verstehen und nachvollziehen zu können, warum sie nämlich gerade so gehandelt haben und auch vor dem gegen sie gerichteten Terror nicht zurückgeschreckt sind.

Zunächst möchte ich den geschichtlichen Hintergrund näher beleuchten, da diese Theologie kontextgebunden ist und man sie so sicherlich nicht außerhalb ihrer Entstehungszusammenhänge betrachten kann. Somit ist es auch unerlässlich den kirchlichen Kontext in den Blickwinkel zu ziehen.

Anschließend fahre ich mit meinen Ausführungen bezüglich der Person Leo- nardo Boffs und seiner Ekklesiologie fort, wobei letztere schließlich in einen offenen Konflikt mit dem Vatikan mündete, den ich skizzenhaft darstellen werde.

2. Der geschichtliche Hintergrund der Befreiungstheologie

Die Theologie der Befreiung zeichnet sich von anderen Theologien vor allem aufgrund dessen aus, dass sie bewusst von ihrem konkreten gesellschaftlichen und historischen Kontext ausgeht und diesen als ein inneres Moment der Theo- logie selbst begreift und annimmt. Somit ist es unerlässlich, das kirchliche und auch das gesellschaftliche Umfeld näher zu beleuchten, aus dem eben diese Bewegung entstanden ist.

Die Befreiungstheologie ist die erste Theologie der Moderne, die sich global das Ziel zu Eigen gemacht hat, aus der Perspektive der Opfer über das Schick- sal der Menschheit nachzudenken. Theologie steht hier im Dienst am Leben selbst. Es ist Theologie im Kontext einer sozialen und auch politischen Wirk- lichkeit und Ausgangspunkt für eben diese ist der Kontext in dem die Men- schen leben, keine abstrakte Wirklichkeit, sondern die konkret erfahrbare Situ- ation.

Lateinamerika ist stark katholisch geprägt und an sich sehr vielfältig. Es gibt eine große soziale und ökonomische Kluft, die in unserer heutigen Zeit deut- lich auseinander klafft und den Kontinent selbst mit großen Problemen kon- frontiert. Armut und Hunger bestimmen oft das Tagesbild und eine steigende Bevölkerungsdichte verschlimmert diese Themen fast täglich. Derartige Probleme hatte dieser Kontinent eigentlich immer, nicht nur in der heutigen, globalisierten Welt. Diese sind unter anderem als Gründe für die Ent- stehung einer derartigen theologischen Bewegung anzuführen. Wo hat die sogenannte „Befreiungstheologie“ oder „Theologie der Befreiung“ aber nun ihre Wurzeln? „Was Gustavo Gutiérrez 1969 in seiner kurzen Arbeit >Hacia una theología de la liberacíon< [...] zum ersten Mal „Theologie der Befreiung“ nennt, apostrophiert Enrique Dussel als die mittlerweile dritte Be- freiungstheologie.“2 Als Vorläufer werden die Arbeiten aus Spanien stammen- der Bischöfe und Missionare im 16. Jahrhundert und Bestrebungen um Hispa noamerika bezüglich einer politischen Loslösung von Spanien und Portugal von Priestern und Ordensleuten ab 1760 bezeichnet.3

Vor allem diese beiden Bewegungen sind sozusagen als „Ahnen“ zu nennen, wenn wir heute von der „Teologiá de la Liberacíon“, die sich vor allem ab 1960 entfaltete, sprechen. Von daher soll sich nun ein Blick in die Geschichte Lateinamerikas um 1960 anschließen.

Bereits 1959 gelang die kubanische Revolution. Dieser Triumph stieß auf breiten Widerhall, sowohl auf der Seite der Linken, als auch auf der der Rechten und schien die „Tür zu vollständigen Befreiung Lateinamerikas zu öffnen.“4 Der Sieg und der damit verbundene Aufstieg Fidel Castros bedeuteten „erstens, dass eine Guerillabewegung imstande war zu siegen, zweitens, dass der Marxismus der einzig wirksame Weg zur Befreiung ist, drittens, dass es in Lateinamerika ein praktizierbares Sozialismusmodell und einen Stützpunkt gab.“5 Dies alles schien Anlass zur Hoffnung zu geben.

John F. Kennedy versuchte als Präsident der USA mit seinem Programm „Allianz für den Fortschritt“ gewissermaßen Entwicklungshilfe für die Länder der Dritten Welt zu leisten und eine gegenseitige Partnerschaft herzustellen. Lateinamerikanischen Staaten wurde hierbei US-Kapitalhilfe für staatliche Entwicklungsprogramme gewährt - Konzepte, die sich Lateinamerika nicht geben konnte, da es selbst in seinen Möglichkeiten eingeschränkt war und vor allem auch von Außen eingeschränkt wurde.

Deutlich wird bereits bei diesen ersten Ausführungen, dass man sich des gro- ßen Problems bewusst war, es jedoch an finiten Lösungsmöglichkeiten fehlte. Die „Allianz für den Fortschritt“ scheiterte aufgrund der wachsenden Benach- teiligung der Länder der Dritten Welt durch die immer stärker aufstrebenden Industrienationen. Schließlich entstand eine neue Theorie, die sogenannte „De- pendenztheorie“, die wirtschaftliche, politische und kulturelle Faktoren, welche zu Abhängigkeiten führten, berücksichtigte und zu der Einsicht kam, dass Un- terentwicklung immer von Außen verursacht wurde und somit die lange Zeit der andauernden Vorherrschaft der damaligen Industrienationen diesen Prozess entscheidend geprägt hatte.6

In dieser Situation entwickelten sich dann sogenannte „Basisgemeinden“, die der sozial eher deklassierten Bevölkerungsschicht, aus deren Anhängern sie bestand, helfen sollte, ihre alltäglichen Probleme zu bewältigen. „Basis“ ist hier im zweifachen Sinn zu verstehen. Im soziologischen Sinn, dass Basisge- meinden die Kirchen der Armen sind und nicht bloß für Arme; entstanden in den ärmsten Bevölkerungsschichten und in den Elendsvierteln der Städte. Auf der anderen Seite in seiner ekklesiologischen Bedeutung, dass die Leute aus diesem Teil der Bevölkerung selbst als aktive Träger des kirchlichen Lebens fungierten.7

So unterstrich z.B. Chile seine Hoffnungen und sein Bemühen, die diese Ent- wicklungen und Gegebenheiten hervorriefen, indem sich dort mit dem Sieg „Unidad Popular“ ein eigenständiger Weg zum Sozialismus abzeichnete.8 Je- doch scheiterten letztendlich diese Versuche und auch die letzten Funken Hoffnung wurden durch eine folgende Militärdiktatur zunichte gemacht. Diese Machtergreifung wurde mit der Doktrin der nationalen Sicherheit legitimiert, einem in den USA entwickeltem Prinzip, das die Ansicht vertrat, dass der höchste Zweck menschlichen Lebens die Ziele der Nationen seien. Seit 1973 herrschte dieses Modell vor, welches Militärputsche in vielen Ländern, unter anderem Bolivien, Chile, Uruguay, Peru und schließlich auch Argentinien legi- timieren sollte. Diese Eigenheiten übertrugen sich schließlich auch auf die letz- ten Länder, die sich bis dahin noch demokratisch nennen konnten, wie z.B. Kolumbien.9 Was folgte waren immer wiederkehrende Rebellionen, Umstürze und Revolutionsversuche.

In diesen Kontext stellte sich ein wachsender Teil von Christengemeinden und Kirchenvertretern auf die Seite der um Befreiung kämpfenden Bevölkerung. Bei einem Treffen in der argentinischen Stadt Mar del Plata 1966 sagte Dom Hélder Câmara, dass das Problem Nr. 1 „für die Kirche Lateinamerikas [...] nicht der Priestermangel [sei], sondern die Unterentwicklung“10 und somit die ungerechte Abhängigkeit. Diese Einsicht ebnete schließlich den Weg zu der Befreiungstheologie.

3. Der kirchliche Kontext

Auch die Kirche sah nun ihre Aufgabe gekommen und „von entferntester, aber grundlegender Bedeutung ist der Amtsantritt Papst Johannes´XXIII.“11 Ihm lag daran, die Kirche in der heutigen Welt zu etablieren, sie so jedem Menschen wieder zugänglich zu machen und ihm bewusst werden zu lassen, dass er selbst, also jeder Mensch, Teil dieser Kirche selbst sei. Dies fand seinen Aus- druck im Begriff „Aggiornamento“12, also auf eine auf das „Heute (aggiornamento) ausgerichtete Kirche.“13 Zugleich mit seinem Anliegen bezüg- lich einer Stärkung der Orts- und Teilkirchen war es nun verbunden, dass die lateinamerikanische Kirche selbst ihre Antwort auf ihr eigenes „Heute“, also auf ihren Kontext, in den sie eingebettet war, geben musste. Ebenso setzte sich seine Enzyklika „Mater et magistra“ mit diesem „Heute“ und der damit ver- bundenen Sicht auf den „ganzen Menschen“ und nicht unbedingt nur mit der geistlichen Sicht der Dinge auseinander: „Eine der größten unserer Zeit gestell- ten Aufgaben ist wohl diese, zwischen den wirtschaftlich fortgeschrittenen und den wirtschaftlich noch in Entwicklung begriffenen Ländern die rechten Be- ziehungen herzustellen. Während die Einen in Wohlstand leben, leiden die An- deren bittere Not. Wenn nun die wechselseitigen Beziehungen der Menschen in allen Teilen der Welt heute so eng geworden sind, dass sie sich gleichsam als Bewohner ein und desselben Hauses vorkommen, dann dürfen die Völker, die mit Reichtum und Überfluss gesättigt sind, die Lage jener anderen Völker nicht vergessen, deren Angehörige mit so großen inneren Schwierigkeiten zu kämp- fen haben, dass sie vor Elend und Hunger fast zugrunde gehen und nicht in angemessener Weise in den Genuss der wesentlichen Menschenrechte kom- men. Dies um so weniger, als die Staaten täglich mehr voneinander abhängig werden.“14

[...]


1 Spiegel 38/1984.

2 Goldstein (1989) 59.

3 Ebd.

4 Prien (1981), Bd. 2, 13.

5 Ebd.

6 Vgl. Goldstein (1989) 63.

7 Vgl. Boff/Kern/Müller (1988), 32.

8 Biancucci (1987), 22.

9 Prien (1981), Bd. 1, 14.

10 Goldstein (1989), 69.

11 Prien (1981), Bd. 1, 19.

12 Vgl. Ebd.

13 Ebd.

14 Mater et magistra Nr. 157.
Anm.: Nicht einmal zwei Jahre später unterstreicht der Papst mit einer weiteren Enzyklika „Pacem in terram“ sein Anliegen Vgl. hierzu Nr. 92: „Wie nämlich die Menschen in ihren privaten Angelegenheiten ihren eigenen Vorteil nicht zum ungerechten Schaden anderer su- chen dürfen, so dürfen auch die Staaten nicht - wenn sie nicht ein Verbrechen begehen wollen - einen solchen Vorteil erstreben, durch den anderen Nationen Unrecht zugefügt würde oder sie ungerecht bedrückt würden.“ Oder Nr. 130: „Die Volkswirtschaften der verschiedenen Staaten verflechten sich stufenweise so sehr, dass aus diesem Zusammenschluss gewissermaßen eine Wirtschaftsgemeinschaft der ganzen Welt entsteht. Schließlich hängen sozialer Fortschritt, Ordnung, Sicherheit und Ruhe jedes einzelnen Staates notwendig mit denselben Gegebenheiten in allen übrigen Nationen zusammen.“

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Details

Titel
Kirche der Armen
Untertitel
Ekklesiologische Konzeptionen der lateinamerikanischen Befreiungstheologie
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
2,0
Jahr
2010
Seiten
22
Katalognummer
V167096
ISBN (eBook)
9783640835539
ISBN (Buch)
9783640835935
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Befreiungstheologie, Kirche, Leonardo Boff, Lateinamerika
Arbeit zitieren
Anonym, 2010, Kirche der Armen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167096

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