Pertinax und die Markomannenkriege


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

28 Seiten, Note: 2+


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Quellenlage
2.1 Pertinax‘ Leben und (frühe) Karriere
2.2 Die Markomannenkriege

3. Hauptteil
3.1 Das Leben des Pertinax bis zum Beginn seiner militärischen Karriere
3.2 Die frühe zivile und militärische Karriere des Pertinax
3.3 Die Problematik der Markomannenkriege
3.4 Ursachen der Kriege
3.5 Die erste Phase der Kriegsereignisse 166-171
3.6 Pertinax‘ Karriere bis 171
3.7 Der Fortgang der Kriegsereignisse bis 175
3.8 Aufnahme in den Senatorenstand und Legionskommando 171-175
3.9 Das Regen und das Blitzwunder
3.10 Pertinax‘ Ernennung zum Konsul
3.11 Die Usurpation des Avidius Cassius und der Abbruch der römischen Offensive
3.12 Pertinax alsComes Augusti
3.13 Statthalterschaften des Pertinax in Moesien und Dakien 176-179/180
3.14 Die römische Offensive seit 178 und der Tod Marc Aurels 180
3.15 Pertinax nach 180 – Ein kurzer Abriss

4. Schlussbetrachtung

5. Literatur

1. Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der militärischen Laufbahn des späteren Kaisers Publius Helvius Pertinax während der Markomannenkriege.

Die Provinzgrenzen des Römischen Reiches an der Donau und den Alpen erfuhren einen bisher nie dagewesenen Ansturm germanischer und sarmatischer Stämme.

Die daraus resultierenden Kriegsereignisse in den 60er, 70er (und frühen 80er) Jahren des 2. Jahrhunderts n.Chr. bilden den geographischen und zeitlichen Rahmen für einen äußerst bedeutenden Abschnitt der Karriere des Pertinax. Dieser hatte zwischen 167 und 180 n.Chr.[1] zahlreiche Ämter in den Provinzen Rätien, Noricum, Pannonien, Dakien und Moesien inne.

Die Zuspitzung der Konflikte erwies sich beruflich für Pertinax von Vorteil. Ritterständischen Militärs wie ihm waren wegen der erhöhten militärischen Bedrohung von nun an Karrieren möglich, die ihnen bisher verschlossen waren. Durch seine unzweifelhaft großen militärischen Fähigkeiten gelang Pertinax ein schneller Aufstieg bis in das direkte Umfeld des Kaisers Marc Aurel, der Männer wie ihn dringend für militärische Kommandos benötigte.

Nach einer Betrachtung der Quellenlage werden im Hauptteil zunächst die ersten Lebensjahre und die frühe Karriere des Pertinax skizziert. Anschließend erfolgt der Versuch, die Ursachen und den Ablauf der Markomannenkriege und parallel dazu Pertinax’ Karrierestufen in ihnen zu rekonstruieren. Hierbei wird auf die wichtigsten Faktoren, Probleme und Fragestellungen dieses Themenkreises eingegangen. Einige prominente Ereignisse der Kriegszeit, wie das Regen- und das Blitzwunder, sowie die Usurpation des Avidius Cassius in Syrien erfahren nähere Betrachtung in einem eigenen Kapitel.

Im letzten Teil der Arbeit erfolgt ein skizzenhafter Ausblick auf den weiteren Verlauf des Lebens des Pertinax bis zu seiner Erhebung zum Kaiser und seiner baldigen Ermordung.

In der Schlussbetrachtung wird versucht, den Charakter der Markomannenkriege und die Besonderheiten dieser Zeit herauszustellen, die auf künftige Entwicklungen hinausweisen. Außerdem wird die Bedeutung der Kriegsjahre für die Laufbahn des Pertinax eingegangen, dessen kometenhafter Aufstieg ohne die Markomannenkriege wohl nur schwer vorstellbar wäre.

2. Quellenlage

2.1 Pertinax’ Leben und (frühe) Karriere

Eine Hauptquelle zum Werdegang des Pertinax ist dessen Vita in der Historia Augusta. Besonders für die ersten Jahre seines Lebens und seiner Karriere bleibt dies die beste Quelle. Die Historia Augusta ist bekanntermaßen in ihrer Glaubwürdigkeit über weite Strecken sehr zweifelhaft und umstritten. Im Falle der Pertinaxvita besitzen wir jedoch eine Bestätigung ihrer Fundiertheit, was dessen Karriere bis 169/70 betrifft, durch den 1959 in Brühl entdeckten Pertinax-Stein[2], dem Podest einer Ehrenstatue mit Inschrift, die Stationen seiner Karriere auflistet. Da die Historia Augusta diese sämtlich ebenfalls nennt, nichts ausläßt oder hinzu erfindet, ist es durchaus berechtigt, die Vita des Pertinax als eine der besseren in diesem Werk anzusehen.

Die zwei weiteren Hauptquellen zu Pertinax sind Cassius Dio und Herodian. Letzterer interessiert sich jedoch nur für dessen Erhebung zum Kaiser und die kurze Regierungszeit und ist deshalb für diese Arbeit weniger nützlich.

Pertinax’ Tätigkeiten während der Markomannenkriege lassen sich durch Kombination der Historia Augusta und der verstreuten Angaben bei Dio einigermaßen gut rekonstruieren.

Desweiteren gibt es einige kleinere epigraphische Texte aus den Donauprovinzen, die Pertinax nennen.[3]

2.2 Die Markomannenkriege

Die Quellenlage zur Geschichte der Markomannenkriege ist relativ schlecht, da eine zusammenhängende antike Darstellung nicht überliefert ist.[4] Cassius Dio schrieb eine solche zwar wenige Jahrzehnte nach den Ereignissen. Dieser Teil seiner Römischen Geschichte ist aber leider nur noch erhalten in Form der von Xiphilinos und Zonaras gefertigten dürftigen Auszüge, sowie einiger Fragmente. An zweiter Stelle steht die Historia Augusta, die in den Viten des Marc Aurel, des Lucius Verus, des Avidius Cassius, des Commodus und des Pertinax einige Angaben liefert. Herodian geht wiederum nur auf die Endphase des Krieges ein. Im Übrigen gibt es nur knappe Erwähnungen über vereinzelte Ereignisse der Markomannenkriege bei anderen Autoren, wie Lukian, Eutrop, Ammianus Marcellinus u.a. Andere spätantike Autoren interessierten sich für die Markomannenkriege nur in Bezug auf das Regen- und Blitzwunder, weil sie deren christliche Auslegung rezipierten.

Eine äußerst zeitnahe (Bild-)quelle ist die Markus-Säule in Rom.[5] Ihre Reliefs zeigen Szenen aus den Markomannenkriegen. Jedoch ist die Verbindung mit einzelnen Ereignissen meist umstritten. Eine Ausnahme bildet die beeindruckende und gleichzeitig rätselhafte Darstellung des Regenwunders, sowie des Blitzwunders.

Münzen und epigraphische Texte bringen einige Erhellungen, können aber auch nicht das Fehlen einer zusammenhängenden zeitnahen Darstellung kompensieren.

3. Hauptteil

3.1 Das Leben des Pertinax bis zum Beginn seiner militärischen Karriere

Publius Helvius Pertinax wurde am 1. August 126 auf dem Landgut seiner Mutter in der Nähe der Stadt Alba Pompeia (Alba) in Ligurien geboren.[6] Über die Mutter ist Weiteres nicht bekannt, außer dass sie wohl 169 verstarb, als Pertinax Präfekt der Rheinflotte war. Die Erwähnung des Landgutes deutet an, dass es sich nicht um eine arme Familie handelte. Der Vater Helvius Successus war ein Freigelassener, der ein Wollgeschäft betrieb. Er soll seinem Sohn den Namen „Pertinax“ gegeben haben, weil er hoffte, dass dieser das Geschäft eifrig – pertinaciter weiter betreiben werde.[7] Doch Pertinax wurde zunächst grammaticus, ein Beruf, in dem er laut der Historia Augusta nicht erfolgreich war.

Pertinax war zwar von niederer Herkunft, aber als Sohn eines Freigelassenen besaß er das römische Bürgerrecht, das ihm eine Laufbahn im Militär ermöglichte.

Der Patron des Vaters war der ehemalige Konsul L. Hedius Lollianus Avitus, ein einflussreicher Mann. Durch seine Vermittlung hoffte Pertinax eine Stelle als centurio zu bekommen. Ob ihm dies tatsächlich gelang, ist nicht sicher.[8]

Gesichert ist jedoch, dass er schließlich durch Unterstützung des Claudius Pompeianus 160 n.Chr. im Alter von 34 Jahren den Rang eines eques erhielt, also in den Ritterstand erhoben wurde.[9] Dies ermöglichte ihm, den ritterlichen cursus honorum zu verfolgen und war der Beginn seiner (militärischen) Karriere.

3.2 Die frühe zivile und militärische Karriere des Pertinax

160, noch unter Kaiser Antoninus Pius, erhielt Pertinax seine erste militia als Praefekt der cohortis VII Gallorum equitata in Syrien. Er war also nun Vorgesetzter einer Auxiliartruppe von etwa 500-1000 Mann, die sich nach ihrem auf dem Pertinax-Stein rekonstruierten Beinamen wohl vor allem aus Galliern rekrutierte. Als solcher ließ er sich einen Verstoß gegen die Vorschriften zuschulden kommen, indem er den cursus publicus ohne amtliche Genehmigung benutzte. Der Statthalter L. Attidius Cornelianus maßregelte ihn hierfür, indem er ihn den Weg von Antiochia bis zur Garnison seiner Truppe zu Fuß gehen ließ, was eine erhebliche Demütigung für einen Offizier – zumal einer zum Teil berittenen Truppe – bedeutete.[10]

Nach diesem ersten Dämpfer jedoch bewährte sich Pertinax im Partherkrieg des Lucius Verus 161-166. Worin seine genauen Verdienste bestanden, ist nicht überliefert.

Nun begann der rasche Aufstieg des Pertinax. Zwischen 165/166 und 170 hatte Pertinax sechs Positionen hintereinander inne, die die Historia Augusta aufzählt. Sie werden durch den Pertinax-Stein bestätigt. 165/166 kam er nach Britannien als Tribunus militum angusticlavius, entweder zu der legio VI Victrix nach Eboracum (York), oder zur XX Valeria Victrix, die in Deva (Chester) stationiert war.[11] Als Militärtribun „mit dem dünnen Purpursaum“ erreichte er also die zweite Stufe der ritterlichen militia. Ebenfalls in Britannien war er dann noch Praefekt der cohortis I (oder II) tungrorum.[12]

Anschließend wurde Pertinax nach Moesia Superior oder Pannonia Inferior[13] versetzt, wo er eine ala kommandierte, deren Name nicht überliefert ist. Er erreichte mit der Kommandantur über eine reine Reitertruppe nun also die dritte Stufe der militia equestris und war zum ersten Mal in den Provinzen an der Donau tätig, seinem späteren Hauptwirkungsgebiet.

Daraufhin erhielt Pertinax wahrscheinlich 168 eine zivile Aufgabe als procurator für das Alimentarwesen an der Via Aemilia in Norditalien. Seit dem späten 1. Jahrhundert n.Chr. existierten diese Geldzuteilungen, die alimenta, die von Domitian oder Nerva begründet wurden. Der Kaiser oder wohlhabende Privatpersonen verliehen Geld an lokale Landbesitzer, die dafür Zinsen an ihre Stadt zahlen mussten, mit denen (römische) Kinder der Gegend finanziell unterstützt wurden. Pertinax war inzwischen 41-42 Jahre alt und verdiente mit dieser rangniedrigsten (sexagenaren) procuratur 60.000 Sesterzen im Jahr.

169 gelangte Pertinax nach Germanien als Präfekt der Classis Germanica, der Kriegsflotte, die mit dem Flottenkastell Alteburg in Köln ihr Hauptquartier hatte.

Er war als solcher nach dem Statthalter der Germania Inferior der ranghöchste kaiserliche Beamte in der Provinz. Das Amt bedeutete außerdem den finanziellen Aufstieg in die Gehaltsklasse der centanarii, die jährlich 100.000 Sesterzen verdienten. Laut der Historia Augusta habe die Mutter des Pertinax ihn nach Germanien begleitet und sei dort verstorben.[14]

Am Ende seiner Flotten-Präfektur stifteten die Bürger von Köln aus öffentlichen Mitteln Pertinax eine Ehrenstatue mit Inschrift auf dem Sockel (der schon erwähnte Pertinax-Stein), welche die Ämter nennt, die er bis dahin inne hatte, sowie auch das nächste, welches er im Begriff war anzutreten. Dieses war eine ducenare, d.h. mit jährlich 200.000 Sesterzen bezahlte, Prokuratur in Dakien.[15] Die Inschrift des Pertinax-Steins ist hier leider kaum mehr erhalten und die Ergänzungsversuche unterschiedlich.

So kommt Kolbe zu der Ergänzung [pr]oc(urator) / [A]ug(usti) a[d ducen(a) III Dac(iarum) i]d(em) / M[oesiae Super(ioris)][16], während Piso a[d host(es) arcen]d(os) / m[?isso in Daciam][17] vorschlägt.

Diese unterschiedlichen Vorschläge machen deutlich, dass man den genauen territorialen Kompetenzbereich des Pertinax nicht mit Sicherheit festmachen kann.

Entweder war dieser recht groß mit den Tres Daciae und Moesia Superior, und er empfing deshalb das doppelte des üblichen Jahresgehalts.

Oder eine andere Erklärung für das doppelte Gehalt ist, folgt man Piso[18], dass Pertinax nur die Dacia Apulensis oder Porolissensis zugeteilt bekam, ihm dafür aber noch zusätzliche militärische Aufgaben aufgetragen wurden, wie die Abwehr der Feinde, während der Statthalter M. Claudius Fronto offensive Operationen mit der Kerntruppe unternahm.

Dieser hatte 169/170 das Oberkommando über ganz Dakien erhalten. Das von Marc Aurel wieder vereinheitlichte Kommando über Dakien war durch den starken Ansturm der Barbaren notwendig geworden. Außerdem standen auch die Truppen in Moesia Superior unter Frontos Befehl. Er fiel im Jahr 170 im Kampf gegen die Germanen und Jazygen.[19]

3.3 Die Problematik der Markomannenkriege

Die Ereignisse zwischen 166 und 180 (/182) an den Grenzen der Provinzen Raetia, Pannonia, Noricum und Moesia und darüber hinaus bezeichnet man in der modernen Forschung entweder als „Markomannenkriege“, „Donaukriege“ oder „Germanenkriege“.[20]

Jedoch sind die Bezeichnungen eher ungenau, da die Kämpfe weder ausschließlich an der Donau stattfanden, noch ausschließlich gegen die Markomannen gerichtet waren und die Gegner auch nicht alle Germanen waren. Bei den beteiligten Jazygen und Roxolanen handelte es sich um Unterstämme des ursprünglich iranischen Reiternomadenvolks der Sarmaten.

Uns sind zahlreiche antike Bezeichnungen für die Kriege überliefert.[21] Der erste Krieg wurde u.a. als bellum Germanicum, bellum Germanicum et Sarmaticum und expeditio Germanica prima betitelt. Der zweite Krieg wird meist in mehreren Variationen als expeditio (Germanica secunda, etc.), bezeichnet, nicht als bellum, vielleicht da in ihm der Kaiser die gesamte Zeit mit vor Ort war.

Problematisch ist die expeditio Germanica tertia unter Commodus, die eventuell mit der expeditio Burica gleichzusetzen ist.[22]

Gemeinhin kommt man bei den Markomannenkriegen zu folgender Einteilung[23]:

1. Krieg: 166 bis 175
2. Krieg: 177/178 bis 180

[ 3. Krieg: 180 bis 182 ? (unter Commodus)]

Ein großes Problem ist die Datierung einzelner wichtiger Ereignisse der Kriege. Vor allem von der Frage, wann der markomannisch-quadische Einfall in Oberitalien mit der Zerstörung von Opitergium und der Belagerung von Aquileia stattfand, hängt die weitere Chronologie und Kausalkette der Kriege ab. Wann dieses Ereignis stattgefunden hat, ist nicht sicher. Es bieten sich die Jahre 167-170 an. Man kann den Einfall der Barbaren als Anlass des Feldzugs der Kaiser 168 annehmen und ihn deshalb in das Jahr 167 legen.[24] Diese Datierung lässt sich mit HA Aur. 14,2 begründen, die nahe legt, dass sich angeblich schon Könige mit ihren Völkern vor Aquileia befanden und sich schließlich zurückzogen, als Marc Aurel und Lucius Verus mit ihrem Heer dort ankamen. Andere Forscher datieren den Einfall in das Jahr 169, indem sie den Tod des Lucius Verus, die Abwesenheit Marc Aurels und das Wüten der „Pest“ als Ursache ansehen.[25] Drittens kann man ihn als die Konsequenz einer schweren römischen Niederlage gegen die Markomannen 170 ansehen.[26] Hierfür spricht stark folgende Lukian-Stelle: „Sofort aber erlitten wir die größte Niederlage und verloren dabei fast 20000 Leute auf einmal; und unmittelbar darauf folgten die Ereignisse um Aquileia, wobei die Stadt fast eingenommen wurde...“[27]

Lukian erscheint als Zeitgenosse glaubwürdiger als die Historia Augusta, die frühestens 130, wahrscheinlich aber erst 230 Jahre später verfasst wurde. Unter anderem deshalb schließt sich auch diese Arbeit der Datierung des markomannisch-quadischen Einfalls in Oberitalien auf das Jahr 170 an.

3.4 Ursachen der Kriege

Das folgende Szenario wird in der heutigen Forschung als ein wahrscheinliches Erklärungsmodell[28] herangezogen:

Die germanischen und sarmatischen Völker jenseits der mittleren Donau gerieten unter den Einfluss einer „Völkerbewegung“, die ihren Ausgang in Nord- und Ostgermanien nahm. Aufgrund von rapidem Bevölkerungswachstum und Missernten zogen Goten und andere ostgermanische Stämme um die Mitte des 2. Jh. aus dem heutigen nördlichen Polen nach Süden. Hierdurch lösten sie eine Westbewegung der dort ansässigen Burgunden und eine Südbewegung der Vandalen aus, welche wiederum zu einer Überbevölkerung von Gebieten führten, die nunmehr nicht alle Menschen ernähren konnten.

Auch archäologisch lassen sich diese Völkerbewegungen fassen. Für die Mitte des 2. Jahrhunderts kann man Veränderungen der Siedlungsverhältnisse im Gebiet des heutigen Polen feststellen, als die Wielbark-Kultur, hinter der man die damaligen Goten vermutet, sich nach Süden und Südosten verlagerte und dadurch das Ende der Gräberfelder der Pr zeworsk-Kultur herbeiführte.[29]

161/162 eskalierte im Osten des römischen Reichs der Konflikt mit den Parthern, die in Armenien einmarschiert waren und den römischen Klientelkönig vertrieben hatten. Die legio IX Hispana, die sich ihnen entgegenstellte, wurde vernichtet und die Parther überschritten die Grenze in Syrien. Da die dortigen römischen Truppen nicht ausreichten, um die Parther zurückzuschlagen, wurden große Teile des Rhein- und Donauheeres eilig abgezogen und an die Ostgrenze des Reiches versetzt. Diese standen nominell unter der Führung des Lucius Verus.

Die militärische Schwächung der Grenzen an Rhein und Donau entging den anrainenden Germanen und Sarmaten nicht.[30] Der Andrang in das Grenzgebiet an der Donau nahm bis 166 enorm zu und Zehntausende baten um Schutz und Siedlungsplätze in den Provinzen.[31]

Dies wurde ihnen jedoch verweigert. Das römische Reich hatte keine Verwendung für Massen von barbarischen Fremdvölkern.

Von diesen sind uns in der Historia Augusta Markomannen, Varisten, Hermunduren, Quaden, Sueven, Sarmaten, Lakringen, Burer, [Vandalen und Obier], Viktualen/Viktofalen, Sosiber, Sikoboten, Roxolanen, Bastarner, Alanen, Peukiner und Kostoboken überliefert.[32]

Ein militärischer Konflikt war nur eine Frage der Zeit. Die Gefahr eines Kriegsausbruchs bestand schon während des Partherkrieges. Er ist aber anscheinend durch die Geschicklichkeit der Verantwortlichen hinausgezögert worden.[33] Man bediente sich diplomatischer Hinhaltetaktiken und vielleicht sogar Zahlungen an die Barbaren.[34] Um die Grenze wieder zu sichern, hob Marc Aurel schließlich zwei neue Legionen in Italien aus, die II Italica und die III Italica. Zudem wurde eine neue Militärzone, die praetentura Italiae et Alpium, eingerichtet.

3.5 Die erste Phase der Kriegsereignisse 166-171

Ein erster Einfall in römisches Gebiet im Norden von Pannonia Superior erfolgte 166 durch ein germanisches Heer, das hauptsächlich aus Langobarden und Obiern bestand und eine Größe von 6000 Mann gehabt haben soll.

Dieses Ereignis, dass uns nur durch eine von Petrus Patricius überlieferte Dio-Stelle bekannt ist[35], wird gemeinhin als Beginn der Markomannenkriege angesehen. Der Übergriff wurde von den Römern umgehend abgewehrt und die Germanen besiegt. Von 10 Stämmen sollen Gesandte und außerdem der Markomannenkönig Ballomarius an den Statthalter von Oberpannonien geschickt worden sein, um für die noch verbliebenen Besiegten den freien Rückzug über die Donau zu erbitten.[36] Dieser wurde ihnen gewährt. Es wurde ein Frieden geschlossen zwischen Rom und den Stämmen jenseits der Donau, der jedoch nur für kurze Zeit anhalten sollte.

Schon bald traf die Römer ein erneuter schwerer Schlag: Die nach dem Friedensschluss mit den Parthern gerade aus dem Osten zurückkehrenden Truppen schleppten die sogenannte „Antoninische Pest“ ins Reich ein, wohl eine der verheerendste Seuchen der gesamten Antike. Diese Pandemie erschütterte das Römische Reich in den Jahren zwischen 165 und 180, vielleicht sogar bis 190. Eventuell handelte es sich dabei um eine Form der Pocken. Die Seuche breitete sich über alle Provinzen des Westens bis nach Rom aus, wo es laut Cassius Dio angeblich 2000 Tote am Tag gab.[37] Auch das Heer wurde erheblich geschwächt. Dies wird den grenznahen Germanen und Sarmaten an der Donau nicht entgangen sein. Die Provinzgrenzen waren bedroht.

Im Frühjahr 168 zogen Marc Aurel und Lucius Verus persönlich mit dem Heer aus, um eine erste Offensive zu führen. Die Kaiser richteten ihr Hauptquartier in Aquileia ein. Anschließend zogen sie mit dem Heer über die Alpen, um im schwer getroffenen Pannonien die Ordnung wiederherzustellen. Gegen die Quaden errangen die Römer einen Sieg in einer Schlacht, in der der quadische König wahrscheinlich den Tod fand.[38] Die Erwähnung der Historia Augusta, dass die Quaden die Zustimmung des Kaisers bei der Ernennung ihres neuen Königs (wahrscheinlich Furtius) abzuwarten bereit waren, lässt an einen Friedensschluß denken.[39]

Nachdem eine kurzzeitige Befriedung gelungen war, machte man sich auf die Rückreise nach Rom. Auf dieser ereilte Lucius Verus in Altinum Anfang des Jahres 169 der Tod.[40]

Erst im Herbst 169 unternahm Marc Aurel einen erneuten Zug nach Norden. Die 170 begonnene römische Offensive jenseits der Donau wurde ein Misserfolg und führte zu einer schweren Niederlage gegen die Markomannen.[41] Eine Erklärung dafür, dass wir kaum eine Nachricht über diese Niederlage mit angeblich 20.000 Toten besitzen, dürfte sein, dass man über ein Versagen des Kaisers möglichst Schweigen bewahrte. In dieses Jahr fällt auch der Tod des Statthalters von Dakien, M. Claudius Fronto, im Kampf gegen die eingedrungenen Barbaren.[42]

[...]


[1] Soweit nicht anders vermerkt, bedeuten im Folgenden sämtliche Jahreszahlen „n.Chr.“.

[2] H.G. Kolbe, Der Pertinaxstein aus Brühl, in: Bonner Jahrbücher des rheinischen Landesmuseums, Bd. 162, Köln 1962, 407-420.

[3] Vgl. hierzu die Aufstellung bei I. Piso, Fasti Provinciae Daciae I. Die senatorischen Amtsträger, Bonn 1993, 117-119.

[4] Eine Zusammenstellung der literarischen Quellen liefert in einem eigenen Kapitel zu den Markomannenkriegen: H.-W. Goetz – K.-W. Welwei (Hrsg): Altes Germanien. Auszüge aus den antiken Quellen über die Germanen und ihre Beziehungen zum Römischen Reich, Bd. 2, Darmstadt 1995, 283-327.

[5] Die einzelnen Szenen der Reliefs der Markussäule und deren Deutung werden in dieser Arbeit nicht näher behandelt. Vgl. dazu W. Zwikker, Studien zur Markussäule, Amsterdam 1941; H. Wolff, Welchen Zeitraum stellt der Bilderfries der Marcus-Säule dar?, in: Ostbairische Grenzmarken. Passauer Jahrbuch 32 (1990), 9-29.

[6] HA Pert. 1,2.

[7] Vielleicht handelt es sich aber auch nur um ein Wortspiel des Verfassers der HA.

[8] HA Pert. 1, 5; Von der Vergeblichkeit der Bewerbung geht aus: G. Alföldy, P. Helvius Pertinax und M. Valerius Maximianus, in: Römische Heeresgeschichte. Beiträge 1962 – 1985. Amsterdam 1987, 327.

[9] HA Pert. 1,6; AE 1963, 52.

[10] HA Pert. 1,6.

[11] Auf dem Pertinax-Stein ist nur noch ein Bruchteil der Stelle erhalten.

[12] Die tungri - Tung(e)rer, ursprünglich ein germanischer Stamm am Niederrhein, finden schon Erwähnung bei Tac., Germania, 2. und Caesar, Gall. IV,6,4.

[13] HA, Pert. 2,1: „ Post in Moesia rexit alam “. Eine Inschrift aus Sirmium (CIL III 3232) nennt seine Praefektur in Pannonia inferior. I. Piso, 121, versucht dies dadurch zu erklären, dass „ die von Pertinax befehligte moesische Ala wegen des Druckes auf die nördliche Grenze nach Unterpannonien verlegt[...] “ wurde.

[14] HA, Pert. 2,3.

[15] HA, Pert. 2,4.

[16] H.G. Kolbe, 408 f., 416 ff.

[17] I. Piso, 122.

[18] I. Piso, 122.

[19] CIL VI 1377; vgl. Alföldy, 329.

[20] Im Folgenden wird die Bezeichnung „Markomannenkriege“ verwendet, da diese in der Forschung am häufigsten anzutreffen ist. Die Bezeichnung ist auch antik schon also bellum Marcomannicum zu finden in: HA Aur. 29,4.

[21] Vgl.: V. Rosenberger, Bella et expeditiones. Die antike Terminologie der Kriege Roms, Stuttgart 1992, 100-110; P. Kovács, Marcus Aurelius’ Rain Miracle and the Marcomannic Wars, Leiden 2009, 201-203.

[22] Der dritte Krieg ist nicht mehr Gegenstand dieser Arbeit, da über ihn nur sehr wenig bekannt ist und Pertinax an ihm nicht mehr beteiligt war. Vgl.: F. Von Saldern, Studien zur Politik des Commodus, Rahden/Westf. 2003, 76-83.

[23] Vgl.: P. Kehne, Markomannenkrieg (Historisches), in: RGA 19, 2001, 309.

[24] So z.B. M. T. Schmitt, Die römische Außenpolitik des 2. Jahrhunderts n.Chr., Stuttgart 1997, 141 f.

[25] So z.B. J. Fitz, Der markomannisch-quadische Angriff gegen Aquileia und Opitergium, in: Historia 15, 1966, 336-367. Die Pest wütete (zumindest im Heer) recht wahrscheinlich aber auch schon zwei Jahre zuvor.

[26] Für diese Datierung sprechen sich u.a. aus: G. Langmann, Die Markomannenkriege 167/168 bis 180, Wien 1981, 15; A.R. Birley, Marcus Aurelius. A Biography, London 2001, 164, 252.

[27] Lukian. Alex. 48: „…αὐτίκα δὲ τὸ μέγιστον τραῦμα τοῖς ἡμετέροις ἐγένετο͵ δισμυρίων που σχεδὸν ἀθρόων ἀπολομένων. εἶτα ἐπηκολούθησε τὰ περὶ Ἀκυληΐαν γενόμενα καὶ ἡ παρὰ μικρὸν τῆς πόλεως ἐκείνης ἅλωσις …“

[28] Ebd.; G. Dobesch, Aus der Vor- und Nachgeschichte der Markomannenkriege, in: Ausgewählte Schriften, Bd. 2: Kelten und Germanen, Köln u.a. 2001, 1031-1082; B. Bleckmann, Die Germanen. Von Ariovist bis zu den Wikingern, München 2009, 156-157; P. Kóvacs, 208-209.

[29] Vgl. J. Terjal, Markomannenkrieg (Archäologisches), in: RGA 19, 2001, 316.

[30] Es ist durchaus als realistisch anzunehmen, dass derart dramatische Ereignisse innerhalb des römischen Heeres, dass ein Grenzheer war, den Völkern und Stämmen im reichsnahen Barbaricum schnell bekannt wurden. Vgl. M. T. Schmitt, 138.

[31] HA, Aur. 14,1.

[32] HA, Aur. 22,1. Bei den in Klammern gesetzten Völkern liegt eine Textverderbnis vor. Hier wird der Ergänzung von E. Hohl nach Eutrop 8,13,1 und Cass. Dio 71,3,1 gefolgt.

[33] HA Aur. 12,13.

[34] So vermutet Dobesch, 1050.

[35] Cass. Dio 71,3,1 a.

[36] ebd.

[37] Cass. Dio 72,14,3.

[38] HA Aur. 14,3.

[39] Ebd. Vgl. P. Kehne, 311.

[40] HA Aur. 14,8; Ver. 9,10-11.

[41] Lukian. Alex. 48.

[42] Vgl. Anm. 19.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Pertinax und die Markomannenkriege
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Seminar für Alte Geschichte)
Veranstaltung
Hauptseminar: Eine außergewöhnliche Karriere: Pertinax, römischer Kaiser vom 31.12.192-28.3. 193 n.Chr.
Note
2+
Autor
Jahr
2010
Seiten
28
Katalognummer
V167138
ISBN (eBook)
9783640835607
ISBN (Buch)
9783640835911
Dateigröße
605 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pertinax, Markomannen, Markomannenkriege, Marc Aurel, Dacia, Moesia, Raetien, Donau, Germanen, Sarmaten, Kaiser, Limes
Arbeit zitieren
Martin Homburg (Autor), 2010, Pertinax und die Markomannenkriege, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167138

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