„Achieve gender equality and empower all women and girls“ – so lautet das fünfte Ziel der Vereinten Nationen, das im Rahmen der Agenda 20301 formuliert wurde (United Nations). Diese Formulierung wirkt wie ein umfassendes globales Versprechen: gleiche Chancen für alle, das Ende von Diskriminierung und Gewalt, politische Teilhabe, ökonomische Sicherheit sowie reproduktive Rechte. Auf den ersten Blick erscheint dieses sogenannte Sustainable Development Goal 5 damit als Meilenstein globaler feministischer Bemühungen, als Fortschreibung jahrzehntelanger Kämpfe in ein verbindliches internationales Dokument.
Gerade weil dieser Themenbereich im entwicklungspolitischen Diskurs heute als zentrales Anliegen gilt, ist jedoch eine genauere Betrachtung notwendig. Was bedeutet „gender equality“ eigentlich? In den deutschen Übersetzungen schwankt der Begriff zwischen „Gleichberechtigung“ und „Gleichstellung“ – Termini, die keineswegs als deckungsgleich zu betrachten sind. Während Gleichberechtigung juristisch auf die formalen Rechte von FINTA* verweist, meint Gleichstellung insbesondere aktive Maßnahmen zur transformativen Veränderung gesellschaftlicher Strukturen (vgl. Friedrich-Ebert-Stiftung). Das SDG 5 bewegt sich genau in diesem Spannungsfeld und diese begriffliche Unschärfe führt zu weitergehenden Fragen: Wessen „equality“ ist gemeint, wenn in der Zielsetzung von „all women and girls“ die Rede ist? Welches Bild von Geschlechterungleichheit und von den damit verbundenen Lebensrealitäten von FINTA* weltweit wird hier entworfen und möglicherweise reproduziert? Und inwiefern lassen sich historische Erfahrungen von Kolonialismus, globale Ungleichheiten, queere Perspektiven oder intersektionale Machtachsen wie „race“, Klasse und Sexualität in diesem Ziel überhaupt erkennen? Die vorliegende Arbeit setzt genau hier an. Sie verortet sich in einem post- und dekolonialen Rahmen, um globale Macht- und Wissensverhältnisse zu beleuchten, und nimmt eine feministisch-intersektionale Brille ein, die Mehrfachunterdrückungen sichtbar macht. Ausgehend davon stellt sich die zentrale Frage dieser Arbeit:
Welche Potenziale eröffnen feministische Perspektiven für eine dekoloniale Kritik des Sustainable Development Goal 5 („Achieve gender equality and empower all women and girls“)?
Inhaltsverzeichnis
- 1. Einleitung.
- 2. Begriffserklärungen und Bezugsrahmen.
- 2.1 „Gender equality" – begriffliche Einordnung und Übersetzungsproblematik.
- 2.2 Postkolonial oder dekolonial? Ein kritischer Rahmen.
- 3. Theoretischer Rahmen: Feministische Ansätze.
- 3.1 Feministische post-/dekoloniale Kritik nach Mohanty.
- 3.2 Differenz und intersektionale Kritik nach Lorde.
- 3.3 Queere Kritik an Entwicklungslogiken nach Klapeer.
- 3.4 Feministische Kritik an Entwicklungszusammenarbeit nach Wichterich.
- 4. Die Sustainable Development Goals und SDG 5 im Kontext.
- 4.1 Entstehung und Zielsetzung der SDGs.
- 4.2 Struktur der SDGs.
- 4.3 SDG 5: „Achieve gender equality and empower all women and girls“.
- 4.4 Zielsetzungen von SDG 5.
- 5. Analyse: Feministische Perspektiven auf SDG 5.
- 5.1 Universalisierung und die Figur der „Third World Woman".
- 5.2 Unsichtbare Differenzen und intersektionale Leerstellen.
- 5.3 Heteronormativität und die Grenzen von „gender equality".
- 5.4 Gleichstellung in neoliberalen Entwicklungslogiken.
- 6. Kritische Diskussion und Ausblick.
- 7. Literaturverzeichnis.
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit zielt darauf ab, eine dekolonial-feministische Kritik am UN Sustainable Development Goal 5 („Achieve gender equality and empower all women and girls“) zu entwickeln. Dabei wird die zentrale Forschungsfrage untersucht, welche Potenziale feministische Perspektiven eröffnen, um die impliziten Logiken des SDG 5 kritisch offenzulegen und festgefahrene sowie historisch gewachsene Strukturen in den Zielformulierungen sichtbar zu machen.
- Dekolonial-feministische Kritik des UN Sustainable Development Goal 5
- Begriffliche Einordnung und Übersetzungsproblematik von „gender equality“
- Theoretischer Rahmen feministischer Ansätze (Mohanty, Lorde, Klapeer, Wichterich)
- Analyse der Zielsetzungen von SDG 5 aus feministischen Perspektiven
- Kritische Betrachtung von Universalismus, Heteronormativität und neoliberalen Entwicklungslogiken
- Potenziale und Grenzen einer dekolonial-feministischen Kritik im Kontext der Entwicklungszusammenarbeit
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
„Achieve gender equality and empower all women and girls“ – so lautet das fünfte Ziel der Vereinten Nationen, das im Rahmen der Agenda 2030¹ formuliert wurde (United Nations o. J. a). Diese Formulierung wirkt wie ein umfassendes globales Versprechen: gleiche Chancen für alle, das Ende von Diskriminierung und Gewalt, politische Teilhabe, ökonomische Sicherheit sowie reproduktive Rechte. Auf den ersten Blick erscheint dieses sogenannte Sustainable Development Goal 5 damit als Meilenstein globaler feministischer Bemühungen, als Fortschreibung jahrzehntelanger Kämpfe in ein verbindliches internationales Dokument. Und tatsächlich enthält es eine Reihe konkreter Forderungen, die unter anderem auf die Anerkennung und gerechte Verteilung unbezahlter Sorgearbeit, den gleichberechtigten Zugang zu Führungspositio- nen sowie die Sicherung sexueller und reproduktiver Rechte abzielen. Ebenso soll der Zugang von Frauen zu ökonomischen Ressourcen wie Land, Eigentum oder Finanzdienstleistungen gewährleistet werden (vgl. United Nations o. J. b: Targets 5.1–5.6, 5.a–5.c). Und erste Fort- schritte lassen sich laut dem jüngsten UN-Bericht aus diesem Jahr durchaus erkennen: So wur- den zwischen 2019 und 2024 weltweit 99 diskriminierende Gesetze reformiert, insbesondere im Bereich Beschäftigung und Schutz vor Gewalt. Auch der Anteil von Frauen in nationalen Parlamenten stieg seit 2015 leicht auf 27 Prozent³, und die Rate von Kinderehen in Südasien ging zurück (vgl. United Nations 2025: 2).
Gerade weil dieser Themenbereich im entwicklungspolitischen Diskurs heute als zentrales An- liegen gilt, ist jedoch eine genauere Betrachtung notwendig. Was bedeutet „gender equality“ eigentlich? In den deutschen Übersetzungen schwankt der Begriff zwischen „Gleichberechti- gung“ und „Gleichstellung“ – Termini, die keineswegs als deckungsgleich zu betrachten sind. Während Gleichberechtigung juristisch auf die formalen Rechte von FINTA* verweist, meint Gleichstellung insbesondere aktive Maßnahmen zur transformativen Veränderung gesellschaft- licher Strukturen (vgl. Friedrich-Ebert-Stiftung o. J.). Das SDG 5 bewegt sich genau in diesem Spannungsfeld und diese begriffliche Unschärfe führt zu weitergehenden Fragen: Wessen „equality“ ist gemeint, wenn in der Zielsetzung von „all women and girls“ die Rede ist? Wel- ches Bild von Geschlechterungleichheit und von den damit verbundenen Lebensrealitäten von FINTA* weltweit wird hier entworfen und möglicherweise reproduziert? Und inwiefern lassen sich historische Erfahrungen von Kolonialismus, globale Ungleichheiten, queere Perspektiven oder intersektionale Machtachsen wie „race“4, Klasse und Sexualität in diesem Ziel überhaupt erkennen? Die vorliegende Arbeit setzt genau hier an. Sie verortet sich in einem post- und de- kolonialen Rahmen, um globale Macht- und Wissensverhältnisse zu beleuchten, und nimmt eine feministisch-intersektionale Brille ein, die Mehrfachunterdrückungen sichtbar macht. Als Werkzeuge, um SDG 5 kritisch zu lesen, dienen vorrangig Beiträge von Chandra Mohanty, Audre Lorde, Christine Klapeer und Christa Wichterich. Mit Hilfe ihrer Werke wird SDG 5 kritisch hinterfragt: Wie wird „gender equality“ in diesem Rahmen verstanden? Welche Diffe- renzen werden (un-)sichtbar gemacht und welche Machtverhältnisse bleiben unangetastet? Ausgehend davon stellt sich die zentrale Frage dieser Arbeit:
Welche Potenziale eröffnen feministische Perspektiven für eine dekoloniale Kritik des Sustainable Development Goal 5 („Achieve gender equality and empower all women and girls")?
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik des UN Sustainable Development Goal 5 ein, hinterfragt dessen umfassendes Versprechen von "gender equality" und leitet die zentrale Forschungsfrage der Arbeit ab.
2. Begriffserklärungen und Bezugsrahmen: Hier werden die Konzepte von "Gleichberechtigung" und "Gleichstellung" im Kontext von "gender equality" differenziert und der post- sowie dekoloniale theoretische Rahmen der Untersuchung festgelegt.
3. Theoretischer Rahmen: Feministische Ansätze: Das Kapitel stellt die vier kritischen feministischen Perspektiven von Chandra Mohanty, Audre Lorde, Christine Klapeer und Christa Wichterich vor, die als analytische Werkzeuge dienen.
4. Die Sustainable Development Goals und SDG 5 im Kontext: Dieses Kapitel beschreibt die Entstehung, die Gesamtstruktur der Sustainable Development Goals und erläutert die spezifischen Zielsetzungen (Targets) von SDG 5.
5. Analyse: Feministische Perspektiven auf SDG 5: Die entwickelten feministischen Perspektiven werden auf die Targets des SDG 5 angewendet, um Universalismen, fehlende intersektionale Differenzierungen, Heteronormativität und neoliberale Logiken kritisch zu untersuchen.
6. Kritische Diskussion und Ausblick: Dieses Kapitel bündelt die Ergebnisse der Analyse, reflektiert die Ambivalenzen des SDG 5 und diskutiert dessen Potenziale sowie Grenzen aus dekolonial-feministischer Sicht für transformative Veränderungen.
7. Literaturverzeichnis: Hier sind alle wissenschaftlichen Quellen und Verweise aufgelistet, die in dieser Arbeit verwendet wurden.
Schlüsselwörter
Emanzipation, dekolonial, feministische Kritik, UN Sustainable Development Goal 5, gender equality, Gleichstellung, Gleichberechtigung, Intersektionalität, Postkolonialismus, "Third World Woman", Homodevelopmentalismus, Entwicklungszusammenarbeit, Machtverhältnisse, Neoliberalismus, Globaler Süden
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit einer dekolonial-feministischen Kritik des UN Sustainable Development Goal 5, um dessen normative Vorstellungen von "gender equality" und die damit verbundenen Machtverhältnisse kritisch zu beleuchten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder sind die kritische Analyse des SDG 5, feministische Theorien (post-/dekolonial, intersektional, queer), die Begriffsdefinition von „gender equality“ sowie die Einbettung von Gleichstellungspolitiken in neoliberale Entwicklungslogiken.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, die Potenziale feministischer Perspektiven für eine dekoloniale Kritik des SDG 5 aufzuzeigen und die impliziten Logiken des Entwicklungsziels kritisch offenzulegen. Die zentrale Forschungsfrage lautet: „Welche Potenziale eröffnen feministische Perspektiven für eine dekoloniale Kritik des Sustainable Development Goal 5 („Achieve gender equality and empower all women and girls")?“
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine kritische Analyse, indem sie vier spezifische feministische Perspektiven (Mohanty, Lorde, Klapeer, Wichterich) als analytische Werkzeuge nutzt, um die Zielsetzungen von SDG 5 zu hinterfragen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zentrale Begriffe und der theoretische dekolonial-feministische Rahmen dargelegt, die Entstehung und Struktur der SDGs vorgestellt und anschließend die Zielsetzungen von SDG 5 aus den eingeführten feministischen Perspektiven analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird charakterisiert durch Schlüsselwörter wie Emanzipation, dekolonial, feministische Kritik, UN Sustainable Development Goal 5, gender equality, Gleichstellung, Intersektionalität, Postkolonialismus, "Third World Woman", Homodevelopmentalismus, Entwicklungszusammenarbeit, Machtverhältnisse, Neoliberalismus und Globaler Süden.
Was bedeutet der Begriff "Homodevelopmentalismus" im Kontext dieser Arbeit?
Der von Christine Klapeer geprägte Begriff "Homodevelopmentalismus" beschreibt eine politische Konvergenz zwischen homonormativen und homonationalistischen Politiken einerseits und etablierten Entwicklungsmodellen andererseits, die besagt, dass Gesellschaften sich von homophoben "Traditionen" zu LGBTIQ*-freundlichen Modernen entwickeln müssen.
Wie kritisiert Chandra Mohanty die Figur der „Third World Woman“ im Zusammenhang mit SDG 5?
Chandra Mohanty kritisiert, dass westlich geprägte feministische Forschung Frauen im Globalen Süden oft als homogene, machtlose Gruppe darstellt und somit die Figur der „Third World Woman“ konstruiert. Diese Universalismen überdecken Unterschiede und reproduzieren koloniale Machtverhältnisse, indem sie Frauen des Nordens als modern und Frauen des Südens als rückständig positionieren.
Welche Unterschiede werden zwischen "Gleichberechtigung" und "Gleichstellung" herausgearbeitet?
"Gleichberechtigung" bezieht sich auf die juristische Verankerung gleicher Rechte, während "Gleichstellung" konkrete staatliche Maßnahmen meint, die notwendig sind, um Benachteiligungen abzubauen und tatsächliche Chancengleichheit herzustellen. Das SDG 5 bewegt sich im Spannungsfeld dieser beiden Konzepte.
Warum ist eine dekoloniale Perspektive für die Analyse von SDG 5 wichtig?
Eine dekoloniale Perspektive ist wichtig, um die fortwirkenden kolonialen Machtverhältnisse, Wissensordnungen und ökonomischen Strukturen zu problematisieren, die auch in entwicklungspolitischen Narrativen und Zielen wie SDG 5 reproduziert werden können, anstatt sie zu überwinden.
- Citar trabajo
- Melina Thomsen (Autor), 2025, Emanzipation für alle? Eine dekolonial-feministische Kritik des UN Sustainable Development Goal 5, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1672232