Der Einfluss von Österreich in der WTO hat sich 1995 mit dem Beitritt zur EU grund-legend verändert. Österreich transferierte seine direkten Einflussmöglichkeiten in Bezug auf die Gestaltung der eigenen internationalen Handelspolitik nach Brüssel. Diese Einflussveränderung wird empirisch und mittels qualitativer Methoden aus der Neuen Politischen Ökonomie analysiert. Für die entsprechende Analyse wird der Term „Einfluss“ in eine direkte sowie in eine indirekte Komponente unterteilt.
Im GATT überwogen für Österreich die direkten Einflusskomponenten. Ein Beispiel dazu ist die Agenda-Bestimmungsmacht. Mit einem Vorstoss konnte Österreich ein-mal die Terminologie des Vertragswerks in seinem Interesse anpassen. Unter dem Strich kam Österreich aber nicht über das Dasein eines Nischenspielers hinaus. Die fehlende Vernetzung sowie das Informationsdefizit sind nur zwei Gründe dafür.
Als Österreich der EU beitrat, verbesserten sich die indirekten Einflusskomponenten, während die direkten an Gewicht verloren. Die relevanten, indirekten Komponenten sind die signifikant gesteigerte, indirekte Marktgrösse aufgrund der Zollunion sowie die neue kollektive Verhandlungsführung. Die Heterogenität der EU führt erstens dazu, dass Österreich rascher und einfacher, formell wie auch informell, Koalitionen bilden kann. Dies zeigt der „Chlorhühnerfall“ trefflich. Zweitens, bei Themen, welche speziell in Österreich von hoher Bedeutung sind, jedoch auch von generellem europäischem Interesse, kann es seine Position effizienter durchsetzen. Drittens offeriert die EU ihren Mitgliedern verschiedene Instrumente, um als Koalitionspartner in der WTO an Einfluss zu gewinnen. Diese Instrumente sind inter alia die Koordinationsmechanismen innerhalb der europäischen Wirtschaftsdachverbände oder die Inte-ressensdurchsetzungsmöglichkeiten im Zusammenhang mit der Marktzugangsstra-tegie. Hinzu kommt, dass Österreich weniger anfällig ist, handelspolitisch von ande-ren EU oder WTO Staaten unter Druck gesetzt zu werden. Im Falle eines Handels-konflikts hat es nun Zugang zu den Ressourcen der EU (dafür designierte Komitees, Informationen, Retorsionsmöglichkeiten) und kann ihn dadurch rascher mitigieren.
Mit dem Impetus der EU und den damit verbunden verbesserten, indirekten Kompo-nenten, kann Österreich seine Interessenswahrnehmung in der internationalen Handelspolitik steigern. Insgesamt gewinnt es in der WTO an Einfluss.
Inhaltsverzeichnis
A. Einleitung
1.1. Motivation und Hypothese der Arbeit
1.2. Methodik
1.3. Akteure
B. Einflusstheorie der NPÖ
2.1. Grundlage
2.2. Erweiterung der Einflusstaxonomie
2.3. Direkter Einfluss
2.4. Indirekter Einfluss
2.5. Zusammenfassung direkter und indirekter Einfluss
C. Fallstudie Österreich
3.1. Österreichs Einfluss im GATT
3.2. Österreichs Einfluss in der WTO
D. Schlussfolgerungen
E. Ausblick auf die Schweiz
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie sich der Beitritt Österreichs zur Europäischen Union im Jahr 1995 auf dessen Einflussmöglichkeiten innerhalb der Welthandelsorganisation (WTO) ausgewirkt hat. Die zentrale Forschungsfrage ist, ob Österreich durch die EU-Mitgliedschaft an Einfluss gewonnen hat, wobei der Einflussbegriff in eine direkte (formelle) und eine indirekte (informelle) Komponente unterteilt wird.
- Analyse der direkten und indirekten Einflusspotenziale von Kleinstaaten in internationalen Regimen.
- Untersuchung der institutionellen Entscheidungsstrukturen innerhalb der EU und deren Auswirkungen auf WTO-Verhandlungen.
- Empirische Fallstudie zu Österreichs Einfluss in GATT-Zeiten versus WTO-Zeit.
- Evaluation der Bedeutung kollektiver Verhandlungsführung und Koalitionsbildung.
Auszug aus dem Buch
3.2.1. Direkter Einfluss: Agenda-Bestimmung
Um auf die Agenda der Kommission Einfluss zu nehmen, muss der österreichische Koordinationsausschuss 207 seine Interessen auf die Traktandenliste des europäischen 207 Komitees bringen. Dieser wiederum diskutiert u.a. die österreichischen Interessen mit dem AStV, welcher dann mit dem Rat die Verhandlungsposition aushandelt.
Die Agenda-Bestimmung durch Österreich ist am ehesten möglich, wenn es sich um ein Thema genereller Natur handelt, welches mehrere Mitglieder interessiert. Generelle Themen, welche nicht nur Österreich betreffen, sind zum Beispiel das Hormonfleisch, Chlorhühner oder gentechnisch veränderte Nahrungsmittel. Partikularinteressen von Österreich haben es dagegen schwer, auf die Agenda eines Sub-Komitees, geschweige denn auf die der Kommission zu kommen.
Zusammenfassung der Kapitel
A. Einleitung: Motivation und Hypothese der Arbeit werden vorgestellt, wobei die zentrale Annahme lautet, dass Österreich durch den EU-Beitritt seinen Einfluss in der WTO steigern konnte.
B. Einflusstheorie der NPÖ: Es werden theoretische Grundlagen aus der Neuen Politischen Ökonomie (NPÖ) erarbeitet, um direkten und indirekten Einfluss analytisch voneinander abzugrenzen.
C. Fallstudie Österreich: Hier findet die empirische Analyse statt, bei der die Einflusssituation Österreichs im GATT (vor 1995) mit derjenigen in der WTO (nach 1995) verglichen wird.
D. Schlussfolgerungen: Die Ergebnisse aus Theorie und Fallstudie werden zusammengeführt, um die juristischen sowie polit-ökonomischen Auswirkungen des EU-Beitritts zu bewerten.
E. Ausblick auf die Schweiz: Abschließend wird untersucht, ob sich die für Österreich gewonnenen Erkenntnisse auf die Schweiz übertragen lassen.
Schlüsselwörter
Österreich, WTO, EU, GATT, Handelspolitik, Einfluss, Agenda-Bestimmung, Verhandlungsmacht, Interessensvertretung, Koalitionsbildung, Europäische Integration, NPÖ, Wettbewerbsfähigkeit, Marktzugang, Außenwirtschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Publikation untersucht den Einfluss Österreichs auf die internationale Handelspolitik innerhalb der WTO, unter besonderer Berücksichtigung des Wandels durch den EU-Beitritt 1995.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Themen sind Machtverteilung in internationalen Organisationen, die Rolle der EU als handelspolitischer Akteur und die Handlungsspielräume von Kleinstaaten.
Was ist das primäre Ziel der Studie?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie sich der EU-Beitritt auf die Durchsetzung nationaler Interessen in der WTO ausgewirkt hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine empirisch-qualitative Fallstudie, die primär auf Experteninterviews und der Analyse institutioneller Rahmenbedingungen basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil wird der Wandel der Einflussmöglichkeiten von einer GATT-basierten, weitgehend autonomen Position hin zu einer EU-integrierten Interessenwahrnehmung detailliert untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit fokussiert auf Konzepte wie direkter und indirekter Einfluss, Agenda-Setting, Koalitionsbildung und das institutionelle Gefüge der EU-Handelspolitik.
Wie unterscheidet sich der Einfluss im GATT vom Einfluss in der WTO?
Während im GATT direkte, oft materielle Einflussfaktoren dominierten, ist in der WTO die indirekte Einflussnahme über die EU und kollektive Koalitionen zentral geworden.
Welche Rolle spielt die EU für Österreich?
Die EU fungiert für Österreich als Verstärker, indem sie einerseits Kapazitäten bündelt und andererseits durch die Zollunion ein größeres Gewicht in Handelsverhandlungen bietet.
- Citation du texte
- Tobias Frei (Auteur), 2010, Der Einfluss von Österreich in der Welthandelsorganisation seit dem Beitritt zur Europäischen Union: Eine Fallstudie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167279