Zum Ende des 18. Jahrhunderts betraten 1,5 Millionen Juden das Russische Reich, die versuchten rechtlich, religiös und kulturell ihre Autonomie zu erhalten, für ihre Unabhängigkeit zu kämpfen, oder sich teilweise oder gänzlich in der Majoritätsgesellschaft zu assimilieren. Zur Lebenszeit des nicht-jüdischen Philosophen und Theologen Vladimir S. Soloviev (1853-1900) war Russland das Zuhause der größten jüdischen Gemeinschaft weltweit. Die russischen Juden genossen immenses intellektuelles und soziales Prestige, das nur mit der deutschsprachigen jüdischen Gemeinschaft zu vergleichen ist. Solovievs kurzes Leben, in dem er nur 46 Jahre alt wurde, widmete er der Entwicklung und Vermittlung seiner Idee der "freien Theokratie"; eine Vision, die er bis zu seinem Tod polarisierte.
Im Rahmen dieser Arbeit werden vor allem drei Werke herangezogen: "Lesung über die Gottmenschheit" (1878-1881), "Die Juden und die Christliche Frage" (1884) und "Die Rechtfertigung des Guten" (1897), wobei die Wechselbeziehung des philosophischen und theologischen Denkens von Soloviev mit der Auffassung zum Judentum und seinen Ansätzen zur "Jüdischen Frage" analysiert wird.
Folgende Forschungsfrage wird dabei fokussiert: Wie reflektiert Vladimir Soloviev in seiner philosophischen und theologischen Auseinandersetzung die christliche Beziehung zum Judentum und welche Bedeutung hat sein Beitrag für den interreligiösen Dialog und die religiöse Toleranz in Russland?
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Soloviev und die jüdische Lebenswelt im Russischen Zarenreich
- Soloviev und die Vision einer freien Theokratie
- Bogochelovek (Gottmensch)
- Vseedinstvo (allumfassende Einheit)
- Fazit und Ausblick
- Literaturverzeichnis
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit analysiert die Wechselbeziehung des philosophischen und theologischen Denkens von Vladimir S. Soloviev mit seiner Auffassung zum Judentum und seinen Ansätzen zur „Jüdischen Frage“. Dabei wird die Forschungsfrage fokussiert, wie Soloviev in seiner Auseinandersetzung die christliche Beziehung zum Judentum reflektiert und welche Bedeutung sein Beitrag für den interreligiösen Dialog und die religiöse Toleranz in Russland hat.
- Die philosophischen und theologischen Konzepte Vladimir S. Solovievs
- Solovievs Engagement mit der „Jüdischen Frage“ im Russischen Zarenreich
- Die Vision einer „freien Theokratie“ als gesellschaftliches Ideal
- Die Bedeutung der Konzepte Bogochelovek (Gottmensch) und Vseedinstvo (allumfassende Einheit)
- Der Beitrag Solovievs zum interreligiösen Dialog und zur religiösen Toleranz
- Historischer und sozio-politischer Kontext des 19. Jahrhunderts in Russland
Auszug aus dem Buch
Soloviev und die jüdische Lebenswelt im Russischen Zarenreich
Solovievs Aktivismus beschränkte sich nicht nur auf intellektuelle Dispute, sondern war auch ganz praktischer Natur. Nach 1881 wurde als einer von den Juden willkommen geheißen und wurde zu einem „honorary member in one of the most important organizations,The Society for the Spread of Enlightenment among Jews in Russia“ (Moss 1970: 185). Er wurde zudem sehr vertraut mit den persönlichen Leben und Leiden der russischen Juden. 1882 sprach er sich öffentlich für die Juden aus und half Götz bei der Genehmigung der Publikation einer Zeitschrift für Juden (ebd.). Darüber hinaus half Soloviev in den frühen 1890er Jahren bei der jüdischen Migration aus Russland (ebd.).
1890 leitete er eine Petition gegen Antisemitismus in die Wege und erreichte über hundert Unterschriften von prominenten Individuen, einschließlich Tolstoi. Alle russischen Zeitungen wurden jedoch dazu angehalten sie nicht zu publizieren. Darin formuliert Soloviev einen Protesttext, der die „Bewegung gegen die Juden [in der Presse], als Missachtung des fundamentalen Prinzips der Gerechtigkeit und Humanität“ zum Inhalt hat (Soloviev in Wozniuk 2019: 171). Seine Hauptargumente beziehen sich dabei auf die
Handlungen gegen Juden allgemein oder nur weil sie Juden sind, als eine rücksichtslose Verliebtheit des blinden nationalen Egoismus' oder Eigeninteresse und kann in keinem Fall gerechtfertigt werden. [...] Es ist ungerecht die jüdischen Menschen für die Ereignisse in ihrem Leben verantwortlich zu machen, die durch eine tausendjährige Verfolgung und die abnormalen Konditionen, unter denen sie gezwungen sind zu leben, verursacht sind. [...] Die Mitgliedschaft einer semitischen Rasse und die Praxis der Gesetze Mose implizieren nichts Schuldhaftes per se, und können nicht als Grundlage für die separate Gesetzeslage der Juden im Vergleich zu russischen Subjekten dienen, [sondern] sollten die gleichen Rechte haben (Soloviev in Wozniuk 2019: 171).
Zusammenfassung der Kapitel
Kapitel 1: Einleitung: Dieses Kapitel führt in das Leben und Werk Vladimir S. Solovievs ein, beleuchtet seine Vision der „freien Theokratie“ und seinen Einsatz für die „Jüdische Frage“ im Kontext des Russischen Zarenreichs, um die zentrale Forschungsfrage der Arbeit zu formulieren.
Kapitel 2: Soloviev und die jüdische Lebenswelt im Russischen Zarenreich: Hier wird Solovievs Auseinandersetzung mit der jüdischen Gemeinschaft und dem Antisemitismus im 19. Jahrhundert in Russland dargelegt, wobei sein Wandel von slavophilen Ansichten zu einer pro-jüdischen Haltung hervorgehoben wird.
Kapitel 3: Soloviev und die Vision einer freien Theokratie: Dieses Kapitel erläutert Solovievs übergreifendes Konzept einer „freien Theokratie“ als ein theologisch und spirituell begründetes, liberales Gesellschaftsideal, das er zeitlebens zu vermitteln suchte.
Kapitel 3.1: Bogochelovek (Gottmensch): Vertieft wird Solovievs anthropologisches Konzept des „Gottmenschen“, das die moralische Perfektion des Menschen und die Erkenntnis seines inneren göttlichen Potenzials durch Freiheit und individuelle Würde betont.
Kapitel 3.2: Vseedinstvo (allumfassende Einheit): Dieses Unterkapitel beleuchtet Solovievs metaphysisches Ideal der „allumfassenden Einheit“ als Ausdruck eines spirituellen menschlichen Lebens, basierend auf den Prinzipien der Sobornost' (Kommunion), Freiheit und Liebe.
Kapitel 4: Fazit und Ausblick: Das Fazit fasst Solovievs bedeutenden Beitrag als Denker und Aktivist für die russisch-jüdische Gemeinde zusammen, unterstreicht die Wichtigkeit seiner Forderungen nach interreligiöser Harmonie und schlägt weitere Forschungsansätze vor.
Schlüsselwörter
Vladimir Soloviev, Judentum, Russische Religionsphilosophie, freie Theokratie, Bogochelovek (Gottmensch), Vseedinstvo (allumfassende Einheit), Jüdische Frage, Antisemitismus, interreligiöser Dialog, religiöse Toleranz, Slavophilie, 19. Jahrhundert, Emanzipation, Russland.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Diese Arbeit befasst sich mit dem philosophischen und theologischen Denken Vladimir S. Solovievs im Kontext des Judentums und seiner Rolle bei der Förderung des interreligiösen Dialogs und der religiösen Toleranz im Russland des 19. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder umfassen Solovievs Vision der freien Theokratie, seine Konzepte des Gottmenschen (Bogochelovek) und der allumfassenden Einheit (Vseedinstvo), sowie seine tiefgehende Auseinandersetzung mit der "Jüdischen Frage" und dem Antisemitismus.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, zu analysieren, wie Vladimir Soloviev in seiner philosophischen und theologischen Auseinandersetzung die christliche Beziehung zum Judentum reflektiert und welche Bedeutung sein Beitrag für den interreligiösen Dialog und die religiöse Toleranz in Russland hatte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert hauptsächlich auf einer tiefgehenden Analyse von Solovievs Schriften, insbesondere "Lesung über die Gottmenschheit", "Die Juden und die Christliche Frage" und "Die Rechtfertigung des Guten", ergänzt durch die Berücksichtigung des historischen und biographischen Kontextes.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil der Arbeit behandelt Solovievs Beziehung zur jüdischen Lebenswelt im Russischen Zarenreich, seinen Wandel von slavophilen zu pro-jüdischen Positionen und seine Vision einer freien Theokratie, die auf den Konzepten des Gottmenschen und der allumfassenden Einheit basiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Schlüsselwörter wie Vladimir Soloviev, Judentum, Russische Religionsphilosophie, freie Theokratie, Gottmensch, allumfassende Einheit, Jüdische Frage, interreligiöser Dialog und Toleranz charakterisiert.
Wie entwickelte sich Solovievs Haltung zur „Jüdischen Frage“ im Laufe seines Lebens?
Soloviev vertrat zunächst eine slavophile Position, änderte jedoch seine Überzeugungen nach den Pogromen von 1881 und engagierte sich fortan vehement für die Emanzipation der russischen Juden und die Überwindung des Antisemitismus, indem er eine jüdische Position in seiner Theologie und Politik vertrat.
Inwiefern sind Solovievs Konzepte von „Bogochelovek“ und „Vseedinstvo“ für seine Idee der freien Theokratie fundamental?
Das Konzept des „Bogochelovek“ (Gottmensch) bildet die anthropologische Grundlage, indem es die moralische Perfektion und die innere Göttlichkeit des Individuums betont. „Vseedinstvo“ (allumfassende Einheit) ist das metaphysische Ideal einer auf Freiheit und Liebe basierenden spirituellen Gemeinschaft, die die Verwirklichung des Gottmenschen und damit die freie Theokratie ermöglicht.
- Citation du texte
- Anonyme,, 2024, Das philosophische und theologische Denken von Vladimir S. Soloviev im Kontext des Judentums. Zwischen Einheit und Vielfalt, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1672986