Mit einem ganz ähnlichen Problem befassen sich Überforderungseinwände in der Ethik. Utilitaristische Moraltheorien werden auf verschiedensten Ebenen kritisiert. Eine prominente Rolle nehmen dabei seit langem Überforderungseinwände ein. Was taugt eine Moraltheorie, wenn sie die Menschen permanent überfordert und ihr niemand je gerecht werden kann? Dieses Problem – beziehungsweise diesen Einwand – haben frühe Utilitaristen bereits selbst diskutiert. In seinem Werk The Method of Ethics verteidigt Henry Sidgwick den Utilitarismus unter anderem gegen solche Überforderungseinwände. Ziel dieser Arbeit wird es sein, Sidgwicks Verteidigung zu analysieren und zu prüfen, inwiefern sie, mit moderneren Überforderungseinwänden konfrontiert, haltbar ist.
Hierzu werden nach einer Definition dessen, was Sidgwick unter Utilitarismus versteht, zwei Überforderungseinwände erläutert. Anschließend folgt eine Darlegung der Argumente aus Sidgwicks Verteidigung des Utilitarismus und eine Analyse der Qualität seiner Verteidigung gegen die zuvor besprochenen Einwände. Nach einem abschließenden Fazit der gewonnenen Erkenntnisse, folgt noch ein Ausblick auf die zukünftige Forschung.
Inhaltsverzeichnis
- 1. Einleitung
- 2. Utilitarismus nach Sidgwick
- 3. Überforderungseinwände
- 3.1 Mackies Einwand der Fantasie-Ethik
- 3.2 Williams Integritätseinwand
- 4. Sidgwicks Umgang mit den Einwänden
- 4.1 Das Argument für einen „kleinen Kreis“
- 4.2 Lob und Tadel
- 5. Fazit
- 6. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert Henry Sidgwicks Verteidigung des Utilitarismus gegen sogenannte Überforderungseinwände, die die Praktikabilität moralischer Theorien hinterfragen, wenn diese zu hohe Anforderungen an Individuen stellen. Das primäre Ziel ist es, Sidgwicks Argumente im Kontext moderner Kritik zu prüfen und ihre Haltbarkeit zu bewerten.
- Henry Sidgwicks "The Method of Ethics"
- Definition und Prinzipien des Utilitarismus
- Überforderungseinwände in der Ethik (Mackie, Williams)
- Sidgwicks Argumentation zur Abwehr von Überforderung
- Die Rolle von Eigeninteresse, dem "kleinen Kreis" sowie Lob und Tadel
- Anwendbarkeit klassischer Theorien auf moderne Herausforderungen wie Klimawandel
Auszug aus dem Buch
Überforderungseinwände
Moraltheorien sind immer fordernd. Sie sagen uns, was wir tun und lassen sollen und damit geht ganz natürlich auch einher, dass sie manchmal Handlungen einfordern, die anstrengend oder belastend sind. Doch was ist, wenn eine Moraltheorie so viel von den Menschen einfordert, dass ihr quasi nie jemand gerecht werden kann? Aus dieser Frage sind sogenannte Überforderungseinwände entstanden, mit denen sich zahlreiche Moraltheorien konfrontiert sehen. Naegeli definiert solche Einwände wie folgt.
„Wenn eine moralische Auffassung kritisiert wird, weil sie in einem substanziellen Sinn zu viel von einzelnen Akteuren verlangt, dann kann der entsprechende Einwand als Überforderungseinwand klassifiziert werden. “7
Er betont dabei jedoch, wie unterschiedlich die substanzielle Überforderung spezifiziert werden kann, weshalb sich viele verschiedene Arten von Überforderungseinwänden entwickelt haben. Nur wer versteht, worin die Substanz der Überforderung genau besteht, kann sich auch argumentativ mit dem Einwand auseinandersetzen. Deshalb werden im folgenden Abschnitt Überforderungseinwände gegen den Utilitarismus erläutert, bevor der Blick dann auf Sidgwicks Umgang mit Einwänden dieser Art gerichtet wird.
3.1 Mackies Einwand der Fantasie-Ethik
Ein klassischer Überforderungseinwand gegen den Utilitarismus richtet sich vor allem gegen den universalistischen Aspekt der Moraltheorie. Wie zuvor beschrieben differenziert der Utilitarist nicht zwischen dem Wohlergehen verschiedener Personen. Demnach ist die Konsequenz für das Wohlergehen jedes Menschen in meinen Handlungen zu bedenken. Dabei darf auch keine Priorisierung stattfinden. Das Wohlergehen meiner Familie oder Freunde darf also nicht über jenes von mir völlig fremden Menschen gestellt werden. Mackie hält diese Ethik, die ihrer Ansicht nach utopische Ausmaße an Kooperation benötigen würde, für eine Fantasie-Ethik. Mit Blick auf das weit gefasste Verständnis von allen fühlenden Lebewesen, die in den Überlegungen eines Utilitaristen eine Rolle spielen, argumentiert sie, „[...] total cooperation is out of the question on the scale of a nation state, let alone where the ‘all' are to be the whole human race, including its future or possible future members, and perhaps all other sentient beings as well. “8 Der Einwand richtet sich hier also vor allem auf die schiere Unumsetzbarkeit für die Menschen in ihren sozialen Gefügen. Woher sollen wir überhaupt wissen, was genau zur Maximierung des Glücks nötig wäre und wie soll sich die dafür notwendige Kooperation umsetzen lassen. Auf kleinerer Ebene – etwa im Rahmen der eigenen Familie - ist es noch denkbar, dass Handlungen stets die Maximierung des Glücks aller zur Konsequenz haben sollen. Für Mackie stößt dieser Ansatz jedoch schon bei der Größe einer Stadt und ihrer Einwohner an seine Grenzen.
Zusammenfassung der Kapitel
Kapitel 1 Einleitung: Die Einleitung führt in das Problem der Überforderung in der Ethik ein, indem sie es mit der öffentlichen Wahrnehmung des Klimaschutzes vergleicht, und stellt das Ziel der Arbeit vor, Sidgwicks Verteidigung des Utilitarismus gegen Überforderungseinwände zu analysieren.
Kapitel 2 Utilitarismus nach Sidgwick: Dieses Kapitel definiert Sidgwicks Verständnis des Utilitarismus als universalistischen Hedonismus, der darauf abzielt, das größte Glück aller fühlenden Lebewesen zu maximieren, und zitiert seine prägnante Definition aus "The Method of Ethics".
Kapitel 3 Überforderungseinwände: Hier werden allgemeine Überforderungseinwände in der Ethik definiert und zwei spezifische Einwände vorgestellt: Mackies Kritik an der utopischen Natur des universalistischen Utilitarismus und Williams' Einwand, dass der Utilitarismus die Integrität des Individuums angreift.
Kapitel 4 Sidgwicks Umgang mit den Einwänden: Dieses Kapitel beleuchtet Sidgwicks Strategien zur Abwehr von Überforderungseinwänden, insbesondere seine Argumente für die Fokussierung auf einen "kleinen Kreis" und den strategischen Einsatz von Lob und Tadel.
Kapitel 5 Fazit: Das Fazit bewertet die zeitlose Relevanz von Sidgwicks Argumenten, erkennt jedoch an, dass die veränderten globalen Umstände und Ungleichheiten neue Fragen zur Anwendbarkeit des Utilitarismus aufwerfen und weitere Forschung erfordern.
Schlüsselwörter
Utilitarismus, Henry Sidgwick, Überforderungseinwände, Ethik, Moraltheorie, Universalismus, Hedonismus, Mackie, Williams, Integrität, Fantasie-Ethik, Kleiner Kreis, Lob und Tadel, Glücksmaximierung, Klimawandel
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Frage, wie Henry Sidgwick den Utilitarismus gegen Vorwürfe der Überforderung verteidigt, und prüft, inwiefern seine Argumente auch im Angesicht moderner Kritik Bestand haben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder sind der Utilitarismus, speziell nach Sidgwick, die Auseinandersetzung mit Überforderungseinwänden in der Ethik, die Konzepte von Integrität und universalistischer Moral sowie die Praktikabilität moralischer Forderungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, Sidgwicks Verteidigung des Utilitarismus gegen Überforderungseinwände zu analysieren und zu prüfen, inwiefern diese, mit moderneren Überforderungseinwänden konfrontiert, haltbar ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine analytische Herangehensweise, indem sie philosophische Konzepte und Argumente detailliert darlegt, analysiert und ihre Anwendbarkeit sowie Gültigkeit bewertet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Definition des Utilitarismus nach Sidgwick, die Erläuterung prominenter Überforderungseinwände (Mackie, Williams) und Sidgwicks spezifische Argumentationslinien zu deren Abwehr (wie das Argument des "kleinen Kreises" und der Einsatz von Lob und Tadel).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Utilitarismus, Henry Sidgwick, Überforderungseinwände, Ethik, Moraltheorie, Universalismus, Hedonismus, Mackie, Williams, Integrität, Fantasie-Ethik, Kleiner Kreis, Lob und Tadel, Glücksmaximierung, Klimawandel.
Wie verteidigt Sidgwick den Utilitarismus gegen Mackies Einwand der Fantasie-Ethik?
Sidgwick begegnet Mackies Einwand, dass globale Kooperation utopisch sei, mit dem Argument des "kleinen Kreises". Er postuliert, dass das allgemeine Wohlergehen am besten maximiert wird, wenn sich Individuen zunächst auf ihr eigenes Glück und das ihres nahen Umfelds konzentrieren, da dies die effektivste Methode zur Steigerung des Gesamtwohlergehens darstellt.
Inwiefern versucht Sidgwick, Williams' Integritätseinwand durch das Konzept von Lob und Tadel zu begegnen?
Sidgwick schlägt vor, dass Lob und Tadel strategisch eingesetzt werden sollten, um das allgemeine Glück zu maximieren. Er argumentiert, dass Menschen eher für wohltätige Taten gelobt als ständig getadelt werden sollten, wenn sie theoretisch mehr hätten tun können, um ein Gefühl der Überforderung zu vermeiden und die moralischen Standards schrittweise zu erhöhen, anstatt sie zu untergraben.
Welche Rolle spielt das Eigeninteresse bei Sidgwicks Argumentation für einen „kleinen Kreis“?
Sidgwick sieht im Eigeninteresse einen primären Antrieb für Menschen. Er argumentiert, dass die aktiven Energien der meisten Menschen unter dem Stimulus des Eigeninteresses am effektivsten freigesetzt werden, was letztlich dem allgemeinen Glück zugutekommt, wenn die Fokussierung auf das nahe Umfeld erfolgt.
Welche modernen Herausforderungen, wie der Klimawandel, werden im Fazit angesprochen und wie stellen sie Sidgwicks Argumentation infrage?
Das Fazit spricht an, dass die zunehmende Globalisierung, wachsende Ungleichheiten und der Klimawandel neue Fragen aufwerfen. Es wird hinterfragt, ob das Gefühl, nicht überfordert zu sein, das Leid benachteiligter Menschen wert ist und ob Sidgwicks Hoffnung auf eine steigende Moralität in einer Welt, die auch Tiere und zukünftige Generationen einbezieht, noch erfüllt wird.
- Citar trabajo
- Max Kilburg (Autor), 2024, Sidgwicks Umgang mit Überforderungseinwänden gegen den Utilitarismus, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1672987