Die psychologische Diagnostik im Kontext der beruflichen Rehabilitation stellt einen wichtigen Bereich der angewandten Psychologie dar. Sie befasst sich mit der Erfassung und Beurteilung individueller Merkmale, Fähigkeiten und Potenziale von Menschen, die aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen ihre bisherige berufliche Tätigkeit nicht mehr ausüben können. Das übergeordnete Ziel ist dabei die Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt und die nachhaltige Teilhabe am Berufsleben. Die berufliche Rehabilitation umfasst ein breites Spektrum an Maßnahmen und Interventionen, die darauf abzielen, Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen oder Behinderungen bei der (Wieder-)Erlangung und Erhaltung ihrer Erwerbsfähigkeit zu unterstützen. In diesem Prozess spielt die psychologische Diagnostik eine zentrale Rolle, da sie die Grundlage für die Planung und
Durchführung individuell angepasster Rehabilitationsmaßnahmen bildet. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Erfassung berufsbezogener Kompetenzen, Interessen und Entwicklungspotenziale sowie möglicher psychischer Belastungen oder Störungen, die die berufliche Leistungsfähigkeit beeinträchtigen können.
Inhaltsverzeichnis
- Abkürzungsverzeichnis
- Abbildungsverzeichnis
- Tabellenverzeichnis
- 1. Einleitung
- 2. Theoretischer Hintergrund
- 2.1 Grundlagen der beruflichen Rehabilitation
- 2.1.1 Ziele und rechtliche Rahmenbedingungen
- 2.1.2 Ablauf einer beruflichen Rehabilitationsmaßnahme
- 2.2 Reha-Assessment
- 2.2.1 Funktion und Ablauf
- 2.2.2 Psychologische Testverfahren im Reha-Assessment
- 2.3 Prüfungsangst
- 2.3.1 Definition und Symptomatik
- 2.3.2 Ursachen und aufrechterhaltende Faktoren
- 2.4 Das ABC-Modell nach Ellis
- 2.4.1 Theoretische Grundlagen
- 2.4.2 Anwendung bei Prüfungsangst
- 2.1 Grundlagen der beruflichen Rehabilitation
- 3. Anwendungsteil: Fallbeispiel Gertrud Müller
- 3.1 Falldarstellung und Ausgangssituation
- 3.2 Anwendung des ABC-Modells zur Reduktion der Prüfungsangst
- 3.2.1 Identifikation irrationaler Überzeugungen
- 3.2.2 Entwicklung alternativer, rationaler Gedanken
- 3.2.3 Konkrete Interventionsschritte
- 4. Diskussion
- 4.1 Kritische Reflexion des Vorgehens
- 4.2 Zusätzliche Aspekte für eine umfassende psychologische Förderung
- 4.3 Alternative Ansätze zur Behandlung von Prüfungsangst
- 4.4 Limitationen und Ausblick
- 5. Fazit
- Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Diese Fallstudie hat das primäre Ziel, exemplarisch aufzuzeigen, wie das kognitiv-verhaltenstherapeutische ABC-Modell nach Ellis zur diagnostischen Einschätzung und Intervention bei Prüfungsangst im Kontext der beruflichen Rehabilitation eingesetzt werden kann. Die Arbeit leistet einen Beitrag zum besseren Verständnis und zur effektiven Behandlung von Prüfungsangst bei Rehabilitanden und verdeutlicht die Anwendbarkeit des Modells in diesem spezifischen Kontext.
- Psychologische Diagnostik in der beruflichen Rehabilitation
- Prüfungsangst: Definition, Symptomatik, Ursachen und aufrechterhaltende Faktoren
- Das ABC-Modell nach Ellis: Theoretische Grundlagen und konkrete Anwendung
- Interventionsstrategien zur Reduktion von Prüfungsangst
- Fallstudienbasierte Analyse am Beispiel Gertrud Müller
Auszug aus dem Buch
3.1 Falldarstellung und Ausgangssituation
Gertrud Müller ist eine 39-jährige ehemalige Gesundheits- und Krankenpflegerin, die sich derzeit in einer kaufmännischen Umschulung mit Kammerabschluss befindet. Diese berufliche Neuorientierung wurde aufgrund körperlicher Einschränkungen notwendig, die ihre weitere Tätigkeit in der Pflege unmöglich machten. Frau Müller steht nun vor der Herausforderung, nach über 20 Jahren erstmals wieder Prüfungen ablegen zu müssen, was bei ihr erhebliche Prüfungsangst auslöst. Die Ausgangssituation lässt sich anhand mehrerer Faktoren charakterisieren:
Beruflicher Hintergrund: Frau Müller hat ihren früheren Beruf als Gesundheits- und Krankenpflegerin gerne ausgeübt. Die Entscheidung für eine kaufmännische Ausbildung erfolgte primär aus Mangel an Alternativen aufgrund ihrer körperlichen Einschränkungen (Deutsche Rentenversicherung Bund, 2021, 14-15). Dieser Umstand könnte ihre Motivation und Identifikation mit dem neuen Berufsfeld beeinflussen.
Bildungshintergrund: Seit über zwei Jahrzehnten hat Frau Müller keine formale schulische Ausbildung mehr absolviert. Diese lange Pause vom strukturierten Lernen und Prüfungsabsolvieren kann zu Unsicherheiten bezüglich der eigenen Lernfähigkeit und Prüfungskompetenz führen (Fehm & Fydrich, 2011, 15-16).
Kognitive Fähigkeiten: Im Rahmen des Reha-Assessments wurde der Intelligenzstrukturtest I-S-T 2000 R durchgeführt. Frau Müller erreichte einen Summenwert von 105, was einem durchschnittlichen Gesamtergebnis entspricht. Bemerkenswert ist ihre weit überdurchschnittlich ausgeprägte figural-räumliche Intelligenz, während die verbale und numerische Intelligenz im Durchschnittsbereich liegen (Liepmann et al., 2007, 39-40). Diese Ergebnisse deuten auf gute kognitive Voraussetzungen für die Bewältigung der Umschulung hin.
Leistungsfähigkeit in Kernbereichen: In einem normierten Rechtschreib- und Rechentest erzielte Frau Müller durchschnittliche Ergebnisse. Dies lässt auf eine solide Grundlage in diesen für die kaufmännische Ausbildung relevanten Bereichen schließen.
Persönlichkeit und Stressverarbeitung: Das durchgeführte AVEM ergab eine Typ-B-Risikomustertendenz mit Typ-A-Musteranteilen. Dies deutet auf eine erhöhte Vulnerabilität für Stress und Burnout hin, kombiniert mit Aspekten von Überengagement (Schaarschmidt & Fischer, 2008, 15-17). Diese Konstellation könnte die Prüfungsangst verstärken und erfordert besondere Aufmerksamkeit im Interventionsprozess.
Familiäre Situation: Frau Müller ist verheiratet und hat zwei Kinder. Diese familiären Verpflichtungen könnten zusätzliche Herausforderungen bei der Bewältigung der Umschulung und der damit verbundenen Prüfungen darstellen.
Prüfungsangst: Frau Müller berichtet von ausgeprägter Angst, insbesondere vor schriftlichen Prüfungen. Diese Angst könnte ihre Leistungsfähigkeit in Prüfungssituationen erheblich beeinträchtigen und stellt das Hauptproblem dar, das im Rahmen der psychologischen Intervention adressiert werden muss (Fehm & Fydrich, 2011, 7-8).
Diese multifaktorielle Ausgangssituation bildet die Grundlage für die Anwendung des ABC-Modells nach Ellis, um Frau Müller bei der Bewältigung ihrer Prüfungsangst zu unterstützen und ihr vorhandenes Potenzial in Prüfungssituationen besser abrufen zu können.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Das Kapitel führt in die psychologische Diagnostik im Kontext der beruflichen Rehabilitation ein und stellt die Relevanz der Prüfungsangst dar, die anhand des ABC-Modells nach Ellis in einer Fallstudie bearbeitet wird.
2. Theoretischer Hintergrund: Dieser Abschnitt beleuchtet die Grundlagen der beruflichen Rehabilitation, den Ablauf von Reha-Assessments, die Definition und Ursachen von Prüfungsangst sowie die theoretischen Grundlagen und die Anwendung des ABC-Modells nach Ellis.
3. Anwendungsteil: Fallbeispiel Gertrud Müller: Das Kapitel präsentiert eine detaillierte Falldarstellung von Gertrud Müller, einer ehemaligen Gesundheits- und Krankenpflegerin in Umschulung, und demonstriert die schrittweise Anwendung des ABC-Modells zur Reduktion ihrer Prüfungsangst, einschließlich der Identifikation irrationaler Überzeugungen und der Entwicklung rationaler Alternativen.
4. Diskussion: Hier werden das Vorgehen kritisch reflektiert, zusätzliche Aspekte für eine umfassende psychologische Förderung erörtert, alternative Behandlungsansätze für Prüfungsangst vorgestellt und Limitationen sowie zukünftige Perspektiven der Arbeit aufgezeigt.
5. Fazit: Das Fazit fasst die zentrale Bedeutung einer individuellen und multimodalen psychologischen Diagnostik in der beruflichen Rehabilitation zusammen und betont die Notwendigkeit kontinuierlicher Weiterentwicklung und interdisziplinärer Zusammenarbeit.
Schlüsselwörter
Berufliche Rehabilitation, Prüfungsangst, Psychologische Diagnostik, ABC-Modell, Rational-Emotive Verhaltenstherapie (REVT), Reha-Assessment, Irrationale Überzeugungen, Kognitive Umstrukturierung, Fallstudie, Intervention, Stressbewältigung, Arbeitsmarkt, Wiedereingliederung, ICF, Lernstrategien.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Diese Arbeit befasst sich mit der psychologischen Diagnostik im Rahmen der beruflichen Rehabilitation, insbesondere mit der Anwendung des ABC-Modells nach Ellis zur Reduktion von Prüfungsangst bei Rehabilitanden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder sind die berufliche Rehabilitation, die psychologische Diagnostik, Prüfungsangst, das kognitiv-verhaltenstherapeutische ABC-Modell nach Ellis sowie konkrete Interventionsstrategien.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, exemplarisch aufzuzeigen, wie das ABC-Modell nach Ellis zur diagnostischen Einschätzung und Intervention bei Prüfungsangst im Kontext der beruflichen Rehabilitation eingesetzt werden kann, um ein besseres Verständnis und effektivere Behandlung zu ermöglichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine Fallstudie, um die Anwendung des ABC-Modells in einem konkreten Kontext zu demonstrieren. Theoretische Grundlagen und empirische Erkenntnisse aus der psychologischen Diagnostik und Verhaltenstherapie bilden die Basis.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt den theoretischen Hintergrund der beruflichen Rehabilitation, des Reha-Assessments und der Prüfungsangst, die Grundlagen des ABC-Modells und dessen Anwendung in einem detaillierten Fallbeispiel sowie eine Diskussion und Reflexion des Vorgehens.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird charakterisiert durch Schlüsselwörter wie berufliche Rehabilitation, Prüfungsangst, ABC-Modell, psychologische Diagnostik, Verhaltenstherapie, Reha-Assessment und Fallstudie.
Wer ist Gertrud Müller und warum ist sie das zentrale Fallbeispiel?
Gertrud Müller ist eine 39-jährige ehemalige Krankenpflegerin, die sich aufgrund körperlicher Einschränkungen in einer kaufmännischen Umschulung befindet. Sie ist das zentrale Fallbeispiel, weil sie nach über 20 Jahren wieder Prüfungen ablegen muss und dabei erhebliche Prüfungsangst zeigt, die exemplarisch mit dem ABC-Modell behandelt wird.
Wie wird das ABC-Modell konkret bei Prüfungsangst eingesetzt?
Das ABC-Modell wird eingesetzt, indem zunächst das auslösende Ereignis (z.B. eine bevorstehende Prüfung), die irrationalen Überzeugungen (Beliefs) der Person und die emotionalen/verhaltensbezogenen Konsequenzen identifiziert werden. Anschließend werden diese irrationalen Überzeugungen disputiert und durch rationale Alternativen ersetzt.
Welche alternativen Behandlungsansätze zur Prüfungsangst werden diskutiert?
Neben dem ABC-Modell werden alternative Ansätze wie Systematische Desensibilisierung, Stressimpfungstraining, Achtsamkeitsbasierte Interventionen, Biofeedback, Studientechniken und Zeitmanagement, Gruppeninterventionen sowie der Einsatz von Virtueller Realität (VR) vorgestellt.
Welche Rolle spielen psychologische Testverfahren im Reha-Assessment?
Psychologische Testverfahren wie der Intelligenz-Struktur-Test I-S-T 2000 R und der Fragebogen zum Arbeitsbezogenen Verhaltens- und Erlebensmuster (AVEM) sind essenziell, um kognitive Fähigkeiten, Persönlichkeitsmerkmale und arbeitsbezogene Verhaltensweisen der Rehabilitanden umfassend zu erfassen und einen zielgerichteten Rehabilitationsplan zu erstellen.
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- Anonym (Author), 2025, Psychologie in der beruflichen Rehabilitation. Reha-Assessment, Prüfungsangst und das ABC-Modell, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1672990