Von der Utopie zur Umsetzung

Gesellschaftliche Veränderungsprozesse auf Basis des Zivilisationsdreiecks


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
25 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das „Mobilitätssystem“

3 Legitimation des Mobilitätssystems, oder: Warum gerade dieses?

4 Skizzierung der Geschichte deutscher Umweltbewegungen

5 Projektidee für das „3. Marburger Bildungsfest“ – Ein Umsetzungsbeispiel

6 Bezug zum Mobilitätsdreieck

7 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Eine Utopie drückt Bestrebungen aus, die nicht realisiert werden können, Bemühungen, die an Widerständen scheitern. Inzwischen sind sie gewachsen, zu planbarer Arbeit geworden, die jene Widerstände überwinden.“[1]

(Alexander Alexandrowitsch Bogdanow)

Dieses Zitat des russischen Philosophen und Verfasser von Utopie-Romanen Alexander Alexandrowitsch Bogdanow drückt ebenso Bedenken aus, wie auch Zuversicht über die Realisation von Utopien. Wenn auch manch revolutionäre Visionen erstrebenswert und eventuell umsetzbar klingt, sobald sie darauf abzielt, grundlegende Pfeiler unserer Gesellschaft zu verrücken, wird ihr meist durch die Klassifizierung als Utopie der Todesstoß versetzt. Doch genau dieses Denken darf sich in den Köpfen von innovativen und kreativen Mitgliedern unserer Gesellschaft nicht festigen. Stattdessen muss der Mut erzeugt werden, gemeinsam etwas bewegen zu können, auch wenn es anfangs nur wie ein verrücktes Hirngespinst anmutet.

Durch die Wirtschaftskrise, den beinahe Untergang des Finanzsystems und das Versagen der Sozialgemeinschaft auf allen Stufen sind eine dringende Reform und ein Umdenken der Menschen nötig. Dazu gehören selbstverständlich Ideen, Durchsetzungsvermögen, aber auch „politischer Mut“[2] um Ideen in den öffentlichen Diskurs zu bringen, und die Fähigkeit, sie zu realisieren. Weiterhin wichtig ist Frustrationstoleranz bei Rückschlägen, sowie Hartnäckigkeit und die Fähigkeit, begeistern zu können, um gravierende soziale und damit einhergehend auch wirtschaftliche Veränderungen in die Köpfe der Menschen zu transportieren und sie dort fest zu verankern. Maßgeblich dafür ist die Schaffung des Bewusstseins, dass durch die aktuelle industrielle Vorgehensweise das Thema Umweltschutz einen viel zu kleinen Stellenwert einnimmt und größtenteils ein Verzicht auf Nachhaltigkeit im modernen Wirtschaften liegt, welcher aktuell nur langsam (beispielsweise durch klimafreundliche Autos) aufkommt und in die dringend notwendige Richtung Umweltschutz tendiert. Die Frage ob es bereits dafür nicht zu spät ist, lässt sich in diesem Kontext nicht klären. Es wird hier davon ausgegangen, dass es noch eine Chance auf eine Wende gibt, die jedoch umgehend und mit höchster Priorität angegangen werden muss.

Die Menschen dürfen sich nicht selbst im Wege stehe, sondern Innovationen annehmen und sie versuchen. Im Bewusstsein, dass ökologische Vorgehensweisen die richtigen sind, dürfen solche Utopien nicht an Widerständen scheitern. Sie müssen sich auf einer nächsten, höheren Stufe weiterentwickeln und von planbarer Arbeit zu gelebter Realität werden.

Die folgende Hausarbeit wird zunächst das neu entwickelte Modell („Mobilitätssystem“) vorstellen, mit dem schematisch eine soziale Veränderung angestoßen werden soll. Dies wird einen engen Bezug zum Zivilisationsdreieck (s. Abb. 1) haben, da es der Ursprung der Idee ist. Weiterhin wird die Notwendigkeit eines solchen Modells erläutert. Anschließend erfolgt ein kurzer geschichtlicher Abriss über die bisherigen sozialen Bewegungen. Darin wird ein besonderer Fokus auf die Entwicklung der deutschen Umweltbewegungen im Kontext ihrer gesellschaftlichen und politischen Einbettung gelegt. Um eine Vorstellung der praktischen Umsetzung zu geben, wird am Schluss der antizipierte Vorgang anhand eines konkreten Beispiels anschaulich dargestellt. Abschließend werden eine zusammenfassende Einschätzung des Schemas und dessen Chancen in einer modernen Gesellschaft gegeben.

2 Das „Mobilitätssystem“

In diesem Kapitel wird das Mobilitätssystem (s. Abb. 2) erläutert und anhand eines Beispiels theoretisch ausgeführt. Zunächst soll jedoch die Entstehung dokumentiert werden.

Das Mobilitätssystem ist eine praktische Realisierung des Zivilisationsdreiecks von Hartmut Bölts (s. Abb. 1). Dieses besagt, dass es für den gesellschaftlichen Wandel drei Determinanten gibt, nämlich Subjekt, Alltag und System. Unschwer zu erkennen, bauen diese drei Ebenen quantitativ aufeinander auf. Anhand dieses Dreiecks sollte die Frage erläutert werden, in welchem Zusammenhang diese Parameter stehen, wenn ein gesellschaftlicher Wandel angestrebt wird. Zahlreiche Diskussionen ergaben unterschiedliche Ergebnisse, jedoch schien klar, dass es gewisse Synergien zwischen den Teilbereichen gibt, welche auf eine reziproke Evokation dieser schließen lässt. Eine solche wechselseitige Abhängigkeit konnte jedoch nicht genau definiert werden, sondern unterlag leider meist nur Spekulationen oder es wurden sehr viele unterschiedliche, aber durchaus mögliche Erklärungsversuche angestrengt.

Die Ursprungsfrage, auf dem das Mobilitätssystem aufbaut, lautet: Wenn ein nachhaltiger gesellschaftlicher Wandel geschehen soll, muss er dann gleichzeitig auf allen Ebenen realisiert werden, oder gibt es womöglich ein Stufensystem, nach dem immer nur einzelne Bereiche affektiert und bearbeitet werden, bevor es zum nächsten geht? Die Grundannahme des Mobilitätssystems ist die stufenweise Bearbeitung der gesellschaftlich strukturierten Ebenen der anthropologischen Grundpfeiler Subjekt, Alltag und System. Da eine gleichzeitige Beeinflussung aller drei Aspekte als schier nicht zu meisternde Herkules-Arbeit erscheint, fußt die Funktionsweise des Mobilitätssystem vor allem auf Beeinflussung der einzelnen Gebiete und der Bewusstmachung der Problematik auf der Ebene des Subjekts.

Auf dieser ersten Ebene muss sich zunächst eine Gruppe von innovativen und aktiven Mitgliedern der Gesellschaft zusammen finden, die konkret eine Veränderung und einen Wandel anstreben wollen. Diese Basis wird zunächst als „Triggergruppe“ bezeichnet, da sie vor allem durch öffentlichkeitswirksame Aktionen das Problem und den Vorschlag einer Problemlösung in eine breitere Öffentlichkeit bringen muss. Den Werte-Wandel dieser Subjekte, der im Zivilisationsdreieck beschrieben ist, hat diese kleine Gruppe bereits vollzogen und versuchen nun, aufgrund ihrer Stellung als bewusste und mündige Bürger, eine Akzeptanz dieser angestrebten Umgestaltung in der Gesellschaft zu erzielen. Für die Glaubwürdigkeit ist es von großer Bedeutung, dass diese Subjekte das Umdenken in ihrer Lebensweise verankern und die Veränderung auch bewusst leben. Da der Werte-Wandel auf „psychischer“ Ebene geschieht, wäre nun eine Änderung auf „physischer“ Ebene anzustreben, nämlich den Lebensstil-Wandel.

Damit wäre man auf der nächsten Stufe des Zivilisationsdreiecks und gleichzeitig des Mobilitätssystem angelangt. Die „Triggergruppe“ lebt sozusagen in „Vorbildfunktion“ ein verändertes Leben, welches den Wandel aktiv miteinbezieht. Allerdings hat dies keinen Effekt, wenn dieser nicht öffentlichkeitswirksam, auf der Ebene des Alltags kommuniziert wird. Hier erhofft man sich nun die Aufmerksamkeit von weiteren, möglicherweise weniger aktiven und Innovationen aufgeschlossenen Bürgerinnen und Bürgern, die diesen Alltagswandel bemerken und ihn für gut befinden. Oftmals scheitert eine Veränderung nicht am Willen der Bevölkerung, sondern an der potentiellen Machbarkeit. Viele Vorschläge werden zwar für gut befunden, aber in der breiten Masse als nicht realisierbar verworfen. Sieht man nun eine Gruppe von gleichgestellten Mitbürgern, die diesen Wandel erfolgreich leben, besteht eine weitaus größere Chance, dass dem angestrebten Lebenswandel eine größere Machbarkeit zugesprochen wird und er dadurch von anderen Mitgliedern der Gesellschaft „ausprobiert“ wird.

Wenn genug Subjekte die neue Lebensweise nicht nur akzeptieren, sondern bewusst (oder, wenn man in einen solchen Alltag hineingeboren wird auch unbewusst) leben, muss es fast unvermeidlich sein, dass das System, sprich die demokratisch gewählte Regierung und damit die Legislative, auf diese Veränderung aufmerksam wird. Da sich die Volksvertretung dem Namen nach den Bedürfnissen und den Wünschen des Volks annimmt, sollten dementsprechend aufgrund der sozialen Veränderungen einer deutlichen Mehrheit rechtliche und im besten Falle verfassungsmäßige Änderungen geschehen. Nun ist das Modell auf der Ebene des Systems angekommen und es ändert sich die Vorgehensweise. Bis zu diesem Punkt sind alle Veränderungen durch das „bottom-up“-Prinzip entstanden, sprich die Idee, die sich zum Wandel entwickelt hat, kam von einer kleinen Gruppe der Bevölkerung und hat sich langsam in den Köpfen der breiteren Masse festgesetzt, um sie schließlich in ihren Alltag zu integrieren. Die induktive Veränderung kam von den Menschen selbst und wurde nicht durch höher gestellte Einrichtungen vorgeschrieben. Die antizipierte Reaktion des Parlaments und anderen Institutionen wird nun nach der deduktiven Methode erfolgen. Sollten Gesetze verabschiedet werden, müsste sich auch der kleinere Teil der Gesellschaft, der diesen Wandel nicht mitgemacht hat (sei es aus wirtschaftlichen Interessen oder sonstigen Gründen) ebenfalls umstimmen um in einer demokratischen Werte- und Solidargemeinschaft dem Gemeinwohl nicht im Wege zu stehen. Dadurch hat die Ebene des Systems ihren Teil zum Wandel beigetragen, nämlich den Struktur-Wandel. Was nun folgt, ist der Lebensstil-Wandel der restlichen Subjekte und schließlich auch deren Alltags-Wandel.

Damit ist das utopische „Rezept“ einer gesellschaftlichen Umgestaltung geglückt und die Veränderung auf allen Ebenen der Gemeinschaft eingetreten. Wenn man nun den Ausgangspunkt dieser immensen Neuerungen betrachtet, nämlich eine kleine „Triggergruppe“ von innovativen Menschen, sollte dies Mut und Zuversicht auch für die Wirksamkeit von Ideen im kleinen Rahmen machen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Zivilisationsdreieck (Quelle: Bölts, Hartmut: Dimensionen einer Bildung zur nachhaltigen Entwicklung. Grundlagen – Kritik – Praxismodelle. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren GmbH 2002. S. 134.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Mobilitätssystem (eigene Darstellung)

3 Legitimation des Mobilitätssystems, oder: Warum gerade dieses?

In einer Studie zum zukunftsfähigen Deutschland, welche von BUND und Misereor durchgeführt wurde, wird die Frage danach gestellt, ob eine „Wettbewerbsdemokratie […] überhaupt in der Lage ist, ökologische Imperative in politisches Handeln umzusetzen.“[3] Um die Legitimation für das Mobilitätssystem zu geben, werden die Forderungen und Thesen, die demnach für ökologische und damit nachhaltige Veränderungen relevant sind, zusammengetragen und auf ihre Kompatibilität mit dem Mobilitätssystem überprüft.

1. These: Eine gesellschaftliche Veränderung erfordert einen „Typus von Bürgerin und Bürger, der sich kritisch und engagiert für das Gemeinwesen einsetzt, dafür Zeit hat und dazu fähig ist.“[4]

Durch das Bilden der so genannten „Triggergruppe“ am Anfang von Veränderungsprozessen wird natürlich davon ausgegangen, dass diese ein außerordentliches Interesse am Gemeinwesen haben. Es wird der Annahme, dass die jetzigen und kommenden Generationen zu „‚no-future‘-Generationen“[5] gehören, energisch widersprochen. Generationen werden zwar durchaus durch äußere Einflüsse und Geschehnisse in einer Form affektiert, für die sie nichts können. Doch sie ist erst eine „no-future“-Generation, wenn sich ihre Mitglieder dem Schicksal fügen, die Hände in den Schoß legen und alles über sich ergehen lassen. Zu aktiver Arbeit im gesellschaftlichen Rahmen ist daher jede Generation fähig, die sich mit ihrem antizipierten Schicksal nicht abgeben will. Dass mit der Durchführung eines Wandels ein großer Zeitaufwand entsteht ist ebenfalls nicht vermeidbar. Weiterhin erscheint es auch plausibel (jedoch keinesfalls zwingend), dass diese Gruppe sich aus dem Bildungsbürgertum erhebt, demnach beispielsweise junge Akademiker oder Studenten sind, die sich qua Amt schon mit gesellschaftlichen Prozessen und Bewegungen auseinandersetzen und demnach fähig sind (oder sein sollten), einen solchen Wandel einzuleiten.

2. These: „Die Ökologiebewegung hat die Funktion eines aufmerksamen Wächters, der Fehlentwicklungen beim Namen nennt und aufzeigt, wie es anders gehen könnte. Sie ist keine Ersatzregierung.“[6]

Bei diesem Aspekt würde die Ausführung des Modells nur teilweise kompatibel sein. Zwar stimmt man dahingehend zu, dass kein Anspruch auf eine gesetzgebende Rolle in der Regierung erhoben wird, jedoch wollen die Bewegungen, die sich aus der „Triggergruppe“ entwickeln, trotzdem, neben einem gesellschaftlichen Wandel in den Köpfen der Menschen, einen Strukturwandel herbeiführen. Dahingehend unterscheidet sich diese Form zu anderen Ökologiebewegungen. Es sollen keine Proteste stattfinden, wie es beispielsweise Greenpeace in ihrer Rolle ausführen, sondern die strukturelle und deduktive Form der Gesetzgebung soll am Ende der „bottom-up“-Phase (also auf Systemebene) für die Veränderung genutzt werden. Damit sind solche Formen der ökologischen Organisation nicht für eine Langzeitorientierung gedacht, sondern sie überlassen spätestens nach dem Erreichen der Systemebene den Wandel sich selbst.

[...]


[1] Saage 1991: 262.

[2] Loske/ Bleischwitz 1996: 383.

[3] Loske/ Bleischwitz 1996: 378.

[4] ebd.: 378.

[5] Ullrich 1985: 105.

[6] ebd.: 379.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Von der Utopie zur Umsetzung
Untertitel
Gesellschaftliche Veränderungsprozesse auf Basis des Zivilisationsdreiecks
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Institut für Schulpädagogik)
Veranstaltung
Anthropologische Reflexionen: Menschenbilder, Schlüsselkompetenzen, Modelle des Probehandelns
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
25
Katalognummer
V167302
ISBN (eBook)
9783640910380
ISBN (Buch)
9783640909421
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Von der Utopie zur Umsetzung, Utopie, Gesellschaftliche Veränderungsprozesse, Zivilisationsdreieck, Mobilitätssystem, Geschichte deutscher Umweltbewegungen, Projektidee, Bildungsfest, Umsetzungsbeispiel, Nachhaltigkeit, Politischer Mut, Werte-Wandel, Streuktur-Wandel, Lebensstil-Wandel, Subjekt, System, Alltag, Triggergruppe, no-future-generation, Subsidiaritätsprinzip, Äquivalenzprinzip, Monopol physischer Gewaltsamkeit, Ökologische Tragfähigkeit, Grüne Identität, Nachhaltigkeitsstrategien, Erziehende Stadt, Was tun Sie um unsere Umwelt zu schützen?, Wirtschaftliche Unsicherheit, Zukunftsangst
Arbeit zitieren
Carlos Steinebach (Autor), 2010, Von der Utopie zur Umsetzung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167302

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