Adalbert Stifters "Abdias" ist eine Novelle, die bei Kritikern wie Anhängern des Schriftstellers für kontroverse Diskussionen sorgte und bis heute sorgt. Inwiefern hat Abdias vielleicht selbst Schuld an seinem Unglück? Warum ließ Stifter hier einen jüdischen Protagonisten auftreten? Finden sich trotz aller Unterschiede im Abdias auch Parallelen zu anderen Werken des Autors, welche Rolle spielt Abdias Tochter Ditha mit ihrer merkwürdigen Weltsicht, welche Autoren und Texte inspirierten Stifter und wie ist das von ihm eingeführte Element der Blumenkette zu verstehen? Welche zum Teil widersprüchlichen Ansichten gibt es hierzu in der Stifterforschung, und inwiefern machen diese Sinn? Diese und weitere Fragen erörtertl die vorliegende Arbeit.
Inhaltsverzeichnis des Buches
- 1. Einleitung
- 2. Der Schauplatz und Natur, Landschaft und ihr Verhältnis zum Menschen im Abdias
- 2.1 Der Schauplatz
- 2.2 Natur, Landschaft und ihr Verhältnis zum Menschen im Abdias
- 3. Der jüdische Themenkreis, die Frage nach der Prophetenstellung, Blumenkette, Fatum und Widersprüche im Abdias
- 3.1 Der jüdische Themenkreis und die Frage nach der Prophetenstellung im Abdias
- 3.2 Blumenkette, Fatum und Widersprüche im Abdias
- 4. Die Rolle Dithas und ihr Verhältnis zu Abdias
- 5. Zur Abdiasrezeption und Abdias als moderne Hiobserzählung?
- 5.1 Zur Abdiasrezeption
- 5.2 Abdias als moderne Hiobserzählung?
- 6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Adalbert Stifters Novelle "Abdias", die seit ihrer Veröffentlichung kontroverse Diskussionen und widersprüchliche Interpretationen hervorgerufen hat. Das primäre Ziel ist es, die Gründe für diese Besonderheit zu erörtern, indem zentrale Aspekte wie der ungewöhnliche Schauplatz, die Darstellung von Natur und Schicksal, die Rolle des jüdischen Protagonisten Abdias und seiner Tochter Ditha sowie die Bezüge zu Stifters Gesamtwerk analysiert werden.
- Analyse der kontroversen Rezeption von Adalbert Stifters "Abdias".
- Untersuchung der widersprüchlichen Interpretationen bezüglich Schicksal, Landschaft und Naturdarstellung.
- Beleuchtung der Wahl eines jüdischen Protagonisten und seiner potenziellen Schuld am Unglück.
- Erörterung der Rolle von Abdias' Tochter Ditha und des Elements der Blumenkette.
- Identifikation von Parallelen und Inspirationsquellen zu anderen Werken Stifters.
- Darstellung und Bewertung der vielfältigen Ansichten in der Stifterforschung.
Auszug aus dem Buch
2.2 Natur, Landschaft und ihr Verhältnis zum Menschen im Abdias
Die Nicht-Verbundenheit beziehungsweise Konfliktlinien zwischen Natur und Mensch, finden sich schon in der Einleitung angerissen. Im Beitrag Lachingers heißt es etwa, die Einleitung drehe sich „[...] um die schauerliche Beziehungslosigkeit zwischen Naturvorgängen und Menschenleben.“ Wenn wir dort lesen, es „[...] liegt auch wirklich etwas Schauderndes in der gelassenen Unschuld, womit die Naturgesetze wirken, daß uns ist, als lange ein unsichtbarer Arm aus der Wolke, und tue vor unsern Augen das Unbegreifliche. Denn heute kömmt mit der selben holden Mien Segen, und morgen geschieht das Entsetzliche. Und ist beides aus, dann ist in der Natur Unbefangenheit, wie früher." so ist dies richtungsweisend für den Fortgang der Novelle.
Etwa bei den Geschehnissen rund um Ditha – auf die später noch genauer eingegangen werden soll - ist auffällig, dass das selbe Naturphänomen, welches Abdias' Tochter zunächst das Augenlicht schenkt, diese später dem Leben und damit auch dem Vater wieder entreißt. Der Blitz, in diesem Kontext der Vertreter des Phänomens Natur, kümmert sich nicht um die menschlichen Belange: Er gibt und nimmt gleichgültig und ohne Vorhersehbarkeit oder Plan. Die Tatsache, dass das Gewitter, welches Ditha die Sehkraft wiedergab, gleichsam „ [...] ihm mit Hagel das Hausdach und seinen Nachbarn die Ernte zerschlagen [...]" hatte, machen klar, dass es zwischen Natur und Mensch nur „[...] gleichmütiges Nebeneinander von zufälliger Heilung und ebenso zufälliger Zerstörung, darüber das uralte Friedens- und Versöhnungszeichen des Alten Bundes, demonstrativ sinnentleert", nicht aber ein durch welche Ketten auch immer verbundenes Miteinander bei Stifter gibt. Das Beziehungslose zwischen Natur und Mensch, wird ebenfalls am Beispiel der Überfallszene der Wüstensiedlung deutlich: Während unter den Menschen und insbesondere der Familie des Abdias Tod und Verderben Einzug hält, erblüht konträr die Wüste in der selben Nacht unter dem lebensspendenden Beginn des Regens: „Als er bei der zerrissenen Aloe war, begannen kleine Tropfen zu fallen, und was in diesem Erdstriche eine Seltenheit ist, ein grauer sanfter Landregen hing nach und nach über der ganzen ruhigen Ebene; denn auch das ist selten, daß die Regenzeit so stille, und ohne den heftigen Stürmen herannahte.“ Tatsächlich sind die Naturschilderungen in ihrer Detailgenauigkeit und opulenten Beschreibung durch Stifter im Abdias zudem ein eigenständig zu betrachtender Bereich. Es gilt: „Grundsätzlich ist bei Stifter immer zu unterscheiden zwischen einer dem Subjekt vorgängigen Schöpfungswirklichkeit, die er als heiligen Kosmos der transzendenten Ordo versteht, und der Fülle der Erscheinungen und Dinge, die sich dem Beobachter [...] beim Gang durch die Landschaft eröffnet.“ Gleiches gilt für die verschiedensten Darstellungen der Natur und ihres Wirkens in der Novelle. „Ganz entsprechend ist es am Anfang, in der Beschreibung der Ruinenstadt, aus der Abdias stammt und deren immer weiter fortschreitender Verfall gleichsam selbst ein Stück Natur ist. Er wird weder verlangsamt noch beschleunigt durch die Existenz der kleinen Judengemeinde [...]." Eine ähnliche These findet sich auch wiederum bei Enklaar-Lagendijks Beschäftigung mit Landschaft und Raum bei Stifter. „Het ruimtelijk weer te geven panorama en ieder detail erin is bij Stifter de basis voor de geschiedenis, die structureel in de tekst opgeborgen is. “ Laut dieser These also, dass die Geschehnisse in der den Protagonisten umgebenden Landschaft unmittelbar mit dem Sinngehalt des Geschehenen in Verbindung stehen, ist die Beschreibung Stifters vom lebensspendenden Regen in der Wüste in Folge der schrecklichen Ereignisse in Abdias.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel stellt die Novelle "Abdias" von Adalbert Stifter als Gegenstand kontroverser Diskussionen vor und formuliert die Forschungsfragen zu ihrer Besonderheit in Bezug auf Schauplatz, Protagonist, Schicksal und thematische Widersprüche.
2.1 Der Schauplatz: Es wird der für Stifter ungewöhnliche, nordafrikanische Schauplatz der Novelle analysiert und diskutiert, wie dieser den kulturellen Aufstieg des Protagonisten Abdias im 19. Jahrhundert symbolisiert.
2.2 Natur, Landschaft und ihr Verhältnis zum Menschen im Abdias: Dieses Kapitel untersucht die Darstellung der Natur im "Abdias" als gleichgültig und unbeteiligt am menschlichen Schicksal und widerlegt Thesen einer symbolischen Verbindung zwischen Natur und Empfindungen.
3.1 Der jüdische Themenkreis und die Frage nach der Prophetenstellung im Abdias: Hier wird die Bedeutung des jüdischen Protagonisten Abdias im historischen Kontext beleuchtet und die These seiner verpassten Prophetenberufung kritisch hinterfragt.
3.2 Blumenkette, Fatum und Widersprüche im Abdias: Das Kapitel erörtert die Konzepte von Fatum, Schicksal und der "Blumenkette" in "Abdias" und legt die inhärenten Widersprüche in Stifters Darstellung von Ursache und Wirkung offen.
4. Die Rolle Dithas und ihr Verhältnis zu Abdias: Dieser Abschnitt beleuchtet die Figur von Abdias' Tochter Ditha, insbesondere ihre wundersame Erlangung des Augenlichts, ihre einzigartige Weltsicht und das gestörte Verhältnis zu ihrem Vater.
5.1 Zur Abdiasrezeption: Es wird die Rezeption von Stifters "Abdias" von der anfänglich wohlwollenden Aufnahme bis hin zu kritischen Stimmen, die Brüche in der Erzählung und Stifters Darstellungsweise bemängelten, dargestellt.
5.2 Abdias als moderne Hiobserzählung?: Das Kapitel prüft Parallelen zur biblischen Hiobsgeschichte und erörtert, inwiefern "Abdias" als moderne Interpretation der Hiobs-Thematik ohne göttliche Versöhnung verstanden werden kann.
6. Fazit: Die Abschlussbetrachtung fasst die Vielschichtigkeit der "Abdias"-Novelle zusammen, hebt die verschiedenen Lesarten bezüglich Natur, Schicksal und Ditha hervor und betont die offen gelassene Frage nach dem "Warum", die das Werk besonders reizvoll macht.
Schlüsselwörter
Adalbert Stifter, Abdias, Novelle, Naturdarstellung, Schicksal, Judentum, Protagonist, Ditha, Blumenkette, Fatum, Rezeption, Hiobserzählung, Widersprüche, 19. Jahrhundert, Aufklärung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Diese Arbeit befasst sich mit Adalbert Stifters Novelle "Abdias" und analysiert die Gründe für ihre kontroverse Rezeption und die vielfältigen Interpretationsansätze, die sich aus ihren thematischen Widersprüchen ergeben.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder umfassen das Verhältnis von Mensch und Natur, die Rolle des Schicksals (Fatum), die Darstellung des jüdischen Protagonisten Abdias, die Bedeutung seiner Tochter Ditha sowie die Einbettung der Novelle in die Stifter-Forschung und im Vergleich zur Hiobsgeschichte.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, die Eigenheiten und Widersprüche in Stifters "Abdias" zu erörtern, insbesondere die Diskrepanz zwischen den in der Einleitung angedeuteten Gesetzmäßigkeiten und dem tatsächlichen, oft willkürlich erscheinenden Verlauf der Ereignisse.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine textanalytische und interpretatorische Methode, indem sie Stifters "Abdias" im Kontext literaturwissenschaftlicher Forschung, der damaligen Zeitgeschichte und im Vergleich zu anderen Werken des Autors und biblischen Erzählungen betrachtet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt detailliert den exotischen Schauplatz, das gleichgültige Verhältnis von Natur und Mensch, den jüdischen Themenkreis und die Frage nach einer Prophetenstellung Abdias', die Konzepte der Blumenkette und des Fatums, die Rolle und Weltsicht von Ditha sowie die Rezeption der Novelle und ihre Einordnung als moderne Hiobserzählung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird charakterisiert durch Schlüsselwörter wie Adalbert Stifter, Abdias, Novelle, Naturdarstellung, Schicksal, Judentum, Protagonist, Ditha, Blumenkette, Fatum, Rezeption, Hiobserzählung, Widersprüche, 19. Jahrhundert und Aufklärung.
Warum wird der Schauplatz in "Abdias" als ungewöhnlich beschrieben?
Der Schauplatz in "Abdias" ist ungewöhnlich, da er Abdias in der ersten Hälfte der Handlung in einem nordafrikanischen Kulturkreis ansiedelt, was stark von den Stifter bekannten Regionen in seinen "Bunten Steinen" abweicht und seine alltäglichen Erfahrungen übersteigt.
Inwiefern unterscheidet sich die Naturdarstellung in "Abdias" von Stifters anderen Werken?
Im "Abdias" wird die Natur als unbeteiligt und gleichgültig gegenüber dem menschlichen Schicksal dargestellt, während in anderen Werken Stifters oft eine verbundene, harmonische Beziehung zwischen Natur und Mensch suggeriert wird; hier zeigt sich eine schauerliche Beziehungslosigkeit.
Welche Rolle spielt die Figur Dithas für das Verständnis der Novelle?
Ditha ist ein zentrales "unerhörtes Ereignis" der Novelle, da ihre plötzliche Sehkraft ihre einzigartige, traumhafte Weltsicht offenbart und das gestörte Verhältnis zwischen Mensch und Wirklichkeit sowie zwischen Ditha und Abdias illustriert.
Wie wird das Konzept des Fatums in "Abdias" im Vergleich zur biblischen Hiobsgeschichte behandelt?
Obwohl "Abdias" Parallelen zur Hiobsgeschichte aufweist, negiert Stifter die Erklärung des Leidens durch einen göttlichen Plan oder eine spätere Versöhnung; stattdessen bleibt der Schmerz ein unerklärliches Rätsel in einer Welt, in der die Natur willkürlich agiert.
- Arbeit zitieren
- Simon Denninger (Autor:in), 2005, Adalbert Stifters "Abdias". "Abdias" als moderne Hiobserzählung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1673187