Die Befehle für einen letzten Flotteneinsatz und der Beginn der Revolution bei den Matrosen


Seminararbeit, 1999
16 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

Die Entwicklungen im Vorfeld

Der Operationsbefehl Nr. 19

Vereitlung des Flottenvorstoßes und Beginn der Revolution

Nachbetrachtung

Bibliographie

Einführung

Der nachfolgende Aufsatz beschäftigt sich mit der Problematik des Operationsbefehls Nr. 19 der deutschen Seekriegsleitung (SKL) vom 24. Oktober 1918 und der Vereitlung seiner Ausführung durch den Widerstand der Matrosen der Hochseeflotte. Die entscheidenden Aspekte bilden hierbei die Motive der SKL, den Flotteneinsatz zu befehlen und die der Matrosen, diesen zu verhindern. Dabei spielen der Zeitpunkt des Einsatzbefehls - mitten in den Waffenstillstandsverhandlungen - und die Folge des Matrosenaufstands, nämlich die Novemberrevolution, eine wichtige Rolle.

Aufgrund der bedeutenden Tragweite und der Einbindung dieses Geschehens in die Theorie der „Dolchstoßlegende“ entwickelten sich im Lauf der Zeit unterschiedlichste Betrachtungsweisen in der Forschung. Geprägt wurde diese zunächst vor allem von den Zeitzeugen, die dabei die kontroversesten Stellungen einnahmen. Die eine Seite vertrat die Theorie der ´Admiralsrebellion´1, die andere die des ´Dolchstoßes´2. Allerdings sind Dittmann und von Trotha nur einige unter vielen. Einen entscheidenden Schub erhielt die Forschung durch die Veröffentlichung vieler Originaldokumente und Zeugenaussagen vor dem Untersuchungsausschuß3, die zuvor erschienene Beiträge relativierten. Dementsprechend aktualisierten sich die Arbeiten vor allem in der 50er4 und 60er Jahren5. Doch auch neuere Veröffentlichungen demonstrieren den noch immer zu stillenden Klärungsbedarf der damaligen Geschehnisse6.

Die Entwicklungen im Vorfeld

Die eigentlichen Voraussetzungen für die Ereignisse 1918 und später, die mit dem Flotteneinsatz in Verbindung stehen, wurden schon einige Jahre zuvor geschaffen. Bereits im Sommer 1917 war es bei den deutschen Matrosen im Zuge der Situation in russischen Zarenreich zu aufrührerischen Bewegungen gekommen, die zwar die Hinrichtung von Max Reichpietsch und Albin Köbis sowie zahlreiche weitere Verhaftungen, aber keine Veränderungen in der Flotte nach sich zogen. Diese angestrebten Umstellungen zielten vor allem auf die Mißstände innerhalb des Sozialgefüges der Schiffsbesatzungen ab.

Nach Zeisler7 waren hierfür verschiedene Faktoren maßgeblich. So konnte durchschnittlich die Hälfte der Mannschaften im Zivilleben einem ausgebildeten technischem Beruf und beispielsweise einer gewerkschaftlichen Tätigkeit zugerechnet werden. Auch die Seeleute hatten zuvor auf Handelsschiffen schon mit proletarischen Ideen in anderen Ländern zu tun gehabt. Zudem bestand des öfteren auch eine Verbindung zur arbeitenden Landbevölkerung in den Werften. Durch das Leben auf engstem Raume innerhalb der Schiffskörper konnten sich politische Anschauungen extrem gut verbreiten. Schließlich war die Unzufriedenheit und letztlich auch der Friedenswille der Matrosen der „menschenunwürdigen Behandlung durch die Offiziere“8 und der langen Untätigkeit der Hochseeflotte zu verdanken.

Gerade diesen letzten Aspekt zu ändern hatte sich die am 11. August 1918 unter Admiral Scheer neu geschaffene Seekriegsleitung (SKL) in Spa zum Ziel gesetzt. Urheber dieser neuen Kommandogewalt waren Admiral Reinhard Scheer (Chef der Seekriegsleitung), Kapitän zur See Magnus von Levetzow (Chef des Stabes der Seekriegsleitung) und Admiral Adolf von Trotha (Stabschef des Hochseekommandos). Zuvor hatten sie sich gegen die alten Befehlshaber Capelle, Müller und Holtzendorff durchgesetzt und mit der SKL durch die Ausschaltung des Flottenkommandos, Admiralsstabs, Reichsmarineamts und Marinekabinetts ein Pendant zur Oberstenheeresleitung (OHL) entworfen. Die vollkommene Emanzipation erreichte die SKL, indem „dem Kaiser nur noch ein nomineller

Oberbefehl zugestanden wurde“9. Durch die Meinungsverschiedenheit um den uneingeschränkten Ubootkrieg zwischen Reichskanzler Prinz Max von Baden10 auf der einen und der SKL auf der anderen Seite geriet diese immer mehr auf die politische Ebene. Auch hier lassen sich Parallelen zur Vorgehensweise der OHL entdecken. Einen letzten Beweis der Ähnlichkeit lieferte schließlich die, wenn auch aufgrund des nahen Kriegsendes vergebliche Ansetzung des „Scheer-Programms“11 mit der Zustimmung der Industrie unter Stinnes in Anlehnung an das „Hindenburg- Programm“12.

Den ersten entscheidenden Schnitt setzte die neue Kommandogewalt allerdings im Zuge des beabsichtigten verstärkten Ubootbaus in den eigenen Schiffsbesatzungen an. Nicht jedoch, wie vielleicht zu erwarten gewesen wäre, um die dortigen Verhältnisse zu verbessern, sondern um die nun benötigten neuen Ubootbesatzungen zu erhalten, wurden innerhalb der Schiffsmannschaften starke Umschichtungen vorgenommen. Bereits am 22. August beschrieb Trotha die Lage auf den Schiffen der drei Liniengeschwader als äußerst heikel. Verständlich, bedenkt man den Umfang späterer Untersuchungen, „daß jeweils knapp die Hälfte der Kommandanten (48,4 %) und der I. Offiziere (45,4 %) ausgewechselt wurden“13. Auf manchen Einheiten traf dies sogar auf beide Kommandoposten zu14. Die innere Struktur der Besatzungen und die damit verbundene Einsatzstärke wurden schon hier empfindlich beeinträchtigt.

In diese gesteigerte Phase der weiteren Kriegsplanungen der noch jungen SKL traf am 29. September 1918 die Nachricht der Waffenstillstandsforderung der OHL unter Generalquartiermeister Ludendorff. Ob erwartet oder unerwartet ist in der Forschung lange umstritten gewesen. Streitet man der Seekriegsleitung jegliche Vorab- information ab15, so muß der Anblick der nackten Tatsachen dermaßen schockierend gewesen sein16, daß man in völliger Verkennung der Lage mit der noch intakten Hochseeflotte eine Wendung des Kriegsglücks herbeizuführen versuchte.

Ganz anders stellt sich die Situation dar, geht man von einer Mitwisserschaft der Führungsetage der Kaiserlichen Marine aus17, nicht allerdings von der des Flottenkommandos. Diese Perspektive ist aus heutiger Sicht die richtige, liegen doch Beweise für Gespräche der SKL mit der OHL vom September 1918 vor18. Aus diesen geht hervor, daß die Marineführung die Fortführung des Ubootkrieges entgegen eventuellen Waffenstillstandsverhandlungen weiterführen wollte. Man spielte sogar mit dem Gedanken, auch ohne das Heer allein mit der Marine den Kampf weiterzufechten19. Trotz einer derartigen Selbsttäuschung der bestehenden Verhältnisse läßt sich hier das Vertrauen erahnen, daß die Marineführung in ihre Hochseeflotte steckte. Dabei darf nicht aus den Augen gelassen werden, wie hoch mittlerweile der Imageverlust der Seestreitkräfte in der Bevölkerung, in der Regierung, ja selbst bei ihrem Mäzen, dem Kaiser, anzusetzen war. Zurückzuführen war dieser auf die Passivität der Hochseeflotte, bedingt durch die von der englischen Homefleet in Scapa Flow ausgeübte Fernblockade. Darüber konnten auch nicht Teilerfolge wie die Schlachten an der Doggerbank, im Skagerrak oder bei der Insel Ösel hinwegtäuschen. Doch diese andauernde Untätigkeit brachte vor allem den Schiffsbesatzungen Unruhe. Ständiger Drill, unmenschliche Behandlung und Tatenlosigkeit schürten wie auch schon ein Jahr zuvor in der russischen Flotte den Unmut. Das Offizierskorps und allen voran das Flottenkommando dagegen sah sich nun einem anderen Problem gegenüber: Der Krieg sollte zu Ende sein und man hatte den Engländern nach Lage der Dinge die gesamte Flotte kampf- und restlos auszuliefern. Der Stolz Kaiser Wilhelms II. und damit der des Deutschen Reichs konnte und wollte sich damit nicht abfinden. Wohl gemerkt galt dies überwiegend nur für das Offizierskorps und weniger für die mittlerweile kriegsmüde gewordene Masse der Mannschaften. Die SKL um Scheer, Levetzow und Trotha dagegen beschäftigte sich derweil mit ganz anderen Plänen.

[...]


1 Dittmann, Wilhelm „Die Marine-Justizmorde von 1917 und die Admiralsrebellion von 1918“ Berlin 1926

2 Trotha, Adolf von „Der Dolchstoß auf die Flotte“ in: Süddeutsche Monatshefte 21 (1924) S.49-54

3 - Ursachen und Folgen. Vom deutschen Zusammenbruch 1918 und 1945 bis zur staatlichen Neuordnung Deutschlands in der Gegenwart. Eine Urkunden- und Dokumentensammlung zur Zeitgeschichte. Bd. 2: Der militärische Zusammenbruch und das Ende des Kaiserreichs. Berlin (o.J.) - Werk des Untersuchungsausschusses (WUA) der Verfassungsgebenden Deutschen Nationalversammlung und des Deutschen Reichstags 1919-1930, Das. Vierte Reihe. Die Ursachen des deutschen Zusammenbruchs im Jahre 1918]. Doppelbände 9+10. Berlin 1928

4 Zeisler, Kurt „Die revolutionäre Matrosenbewegung in Deutschland im Oktober/ November 1918“, in: Revolutionäre Ereignisse und Probleme in Deutschland während der Periode der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution 1917/1918, Berlin 1957 S.187 ff.

5 Deist, Wilhelm „Die Politik der Seekriegsleitung und die Rebellion der Flotte Ende Oktober 1918“ in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 14 (1966) S.341-368

6 Groß, Gerhard Paul „Die Seekriegführung der Kaiserlichen Marine im Jahre 1918“ in: Europäische Hochschulschriften. Reihe III - Geschichte und ihre Hilfswissenschaften, Bd. 387. Veröffentlicht als Dissertation, Frankfurt am Main 1989

7 Zeisler, a.a.O., S.187-191

8 Ebenda, S.188

9 Groß, a.a.O., S.426

10 seit 5. Oktober 1918 im Amt

11 die Ubootproduktion sollte entscheidend gesteigert werden

12 dieses lief zur Produktionssteigerung der Industrie schon seit Hindenburgs Ernennung zum Chef des Generalstabes des Feldheeres 1916

13 Deist, a.a.O. S. 348

14 „Bayern“, „von der Tann“, „Königsberg“ und „Brummer“

15 Deist, a.a.O. S. 350

16 ähnlich der der breiten Öffentlichkeit

17 Groß, a.a.O. S. 404

18 Weizsäcker, Ernst von „Erinnerungen“ München-Leipzig-Freiburg 1950

19 Kriegstagebuch (KTB) vom 6. Oktober 1918

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Befehle für einen letzten Flotteneinsatz und der Beginn der Revolution bei den Matrosen
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Veranstaltung
Die deutsche Revolution von 1918/19
Note
1
Autor
Jahr
1999
Seiten
16
Katalognummer
V167326
ISBN (eBook)
9783640838073
ISBN (Buch)
9783640838530
Dateigröße
404 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschichte, Deutsche Revolution, 1918, 1919, Matrosenaufstand, Erster Weltkrieg, Kiel, Matrosen, Flotte, Revolution, Soldatenrat, Matrosenrat, Seekriegsleitung, Deutsches Reich
Arbeit zitieren
Magister Artium Andre Hoffmann (Autor), 1999, Die Befehle für einen letzten Flotteneinsatz und der Beginn der Revolution bei den Matrosen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167326

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Befehle für einen letzten Flotteneinsatz und der Beginn der Revolution bei den Matrosen


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden