In der klientenzentrierten Ernährungsberatung ist es erforderlich, die bisherigen Ernährungsgewohnheiten und die Lebensmittelauswahl sowie die Zubereitungsform und ‚Ess-Settings’ zu analysieren. Nur nach einer stattgehabten Analyse der Ernährung und des Ernährungsumfeldes ist es dem Berater überhaupt möglich, zielgerichtete Maßnahmen für den Übergewichtigen oder Adipösen zu erarbeiten und schließlich in eine neue Ernährungsweise münden zu lassen. Der Modifikation geht also grundsätzlich eine exakte Anamnese voraus. Und das ist problematisch. Die Ernährungsanamnese führt nur unzureichend zu Ergebnissen, die wahrhaftig sind. Übergewichtige neigen zum Underreporting, während Untergewichtige zum Overreporting neigen. Das heißt, Übergewichtige unterschätzen oftmals die Dimension ihrer Mahlzeiten und der aufgenommenen Lebensmittel. Zudem nehmen sie insbesondere Snacks und Zwischenmahlzeiten nicht ausreichend wahr. Ernährungsprotokolle von Übergewichtigen sind in vielen Fällen schlichtweg kein valider Beleg für das tatsächliche Ernährungsverhalten. Problematisch ist außerdem, dass Übergewichtige im Beratungsgespräch durch ein klares Ablehnungsverhalten und Verweigerung auffallen. Sie stellen den Aussagen des Beraters klare Hinweise voraus, indem sie beispielsweise ihr angeblich optimales Ernährungsverhalten darstellen und deutlich machen, dass sie bereits alles wissen.
Da eine optimale Ernährungsberatung bei Übergewichtigen nur effektiv sein kann, wenn sie das bisherige Ernährungsverhalten einschließt und auf zielgerichteten Modifikationen des selbigen beruht, ist der Anamnese und der Verlaufskontrolle größte Wichtigkeit beizumessen. Grundlage jeder Therapie ist die Anamnese. Hier gilt es, Stärken und Schwächen abzubilden und durch Verstärkung und Motivation zu einem klientenzentrierten Ergebnis zu führen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Problem Übergewicht und Adipositas
2.1 Bewertung des Körpergewichts
2.2 Häufigkeit von Übergewicht und Adipositas in Deutschland
2.3 Ursachen von Übergewicht und Adipositas
3. Fehl- und Überernährung als Mitauslöser von Übergewicht und Adipositas
4. Therapiestrategien bei Übergewicht und Adipositas
4.1 Ernährungstherapie bei Übergewicht und Adipositas
5. Verhaltenstherapie bei Übergewicht und Adipositas
5.1 Methoden zur Erfassung des Ernährungsverhaltens
5.1.1 Vor- und Nachteile der retrospektiven Ernährungsanamnese
5.1.2 Die prospektive Ernährungsanamnese als Verlaufskontrolle
6. Die Ernährungsanamnese und die Verlaufskontrolle als Voraussetzung des Beratungserfolges
6.1 Problem Ernährungsanamnese
7. Theoretische Überlegungen zur qualitativen Sozialforschung
7.1 Die quantitative und die qualitative Sozialforschung
8. Methodenauswahl
8.1 Die qualitative Sozialforschung erschließt das Ernährungsverhalten
9. Das qualifizierte Interview als Methode der Datenerhebung
9.1 Das problemzentrierte Interview
10. Darstellung der Probleme der Ernährungsanamnese in der Standardliteratur
11. Reflexion
12. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Problematik der unzureichenden Validität bei der Erhebung des Ernährungsverhaltens (Ernährungsanamnese) von übergewichtigen und adipösen Klienten. Ziel ist es, die Ursachen für fehlerhafte Angaben (Over-/Underreporting) zu analysieren und ein methodisches Fundament für einen Fragebogen und Interview-Leitfaden zu legen, um künftig eine effektivere, klientenzentrierte Ernährungstherapie zu ermöglichen.
- Übergewichtsproblematik und Ernährungsverhalten
- Methoden der Ernährungsanamnese (retrospektiv vs. prospektiv)
- Ursachen von Fehlangaben in Ernährungsprotokollen
- Qualitative Sozialforschung als Zugang zum Ernährungsverhalten
- Entwicklung forschungsorientierter Erhebungsinstrumente
Auszug aus dem Buch
5.1 Methoden zur Erfassung des Ernährungsverhaltens
Eine umfassende Anamnese führt zu optimalen Therapieergebnissen – diese Aussage ist das Credo aller medizinischen Therapien. In vielen Therapieformen – beispielsweise der verhaltenstherapeutischen Psychotherapie – macht die Anamnese ein Gros der Gesamttherapie-Maßnahme aus. Natürlich geht auch der Diät- und Ernährungstherapie generell eine Ernährungsanamnese voraus. Je exakter die Ernährungsanamnese ist, desto individueller und zielführender kann die Diät- und Ernährungstherapie ablaufen. Nach Hauner stellt die Anamnese des bisherigen Essverhaltens von Übergewichtigen und Adipösen einen wichtigen Aspekt der Therapie dar. Nachfolgend eine Übersicht der Methoden zur Erfassung des Ess- und Trinkverhaltens beziehungsweise der Gesamt-Lebensmittelaufnahme (7):
Indirekte Methoden: Dabei werden keine eigenen Erhebungen durchgeführt. Vielmehr werden vorhandene Daten ausgewertet, die aber zu anderen Zwecken erfasst worden sind. Diese Methoden im Rahmen der Diät- und Ernährungstherapie von einzelnen Übergewichtigen oder Adipösen anzuwenden, erscheint kaum sinnvoll. Die Methode eignet sich vielmehr für die Auswertung von großen Bevölkerungsgruppen.
Direkte Methoden: Die Methoden werden am oder mit dem zu beratenden Individuum zum Zwecke der jeweiligen Maßnahme erhoben. Es können retrospektive Methoden oder prospektive Methoden angewendet werden. Der 24-Stunden-Recall und die Diet History gehören zu den retrospektiven Methoden. Sogenannte Food-Frequency-Methoden erlauben die computergestützte Bewertung. Auch Fragebogen-Erhebungen lassen sich durch die Nutzung von vorgefertigten Formularen und die computergestützte Eingabe und Auswertung sinnvoll einsetzen. Solche Methoden eignen sich insgesamt bestens für die Ermittlung des bisherigen Ess- und Trinkverhaltens bei Übergewichtigen und Adipösen. Auf Basis der erhobenen Daten lassen sich Modifikationsschritte der Lebensmittelaufnahme mit dem Klienten besprechen und innerhalb eines Prozesses das Essverhalten in Richtung einer gewichtsreduzierenden Ernährungsweise verändern. Durch diesen Prozess erlernt der Klient auch ein neues Ernährungsverhalten, das Rezidive vermeiden hilft. Der gegenwärtige Verzehr von Lebensmitteln lässt sich mit Wiegemethoden sowie einem Ernährungsprotokoll festhalten. Diese Methoden eigenen sich zur Verlaufskontrolle im Rahmen eines Gewichtsreduktionsprogrammes. Retrospektive und prospektive Methoden zur Erfassung des Ernährungsverhaltens ergänzen sich also kongenial und sind für Klient und Berater ein wichtiges Medium für eine zielführende Zusammenarbeit.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik von Übergewicht und Adipositas ein und verdeutlicht die Notwendigkeit einer exakten Ernährungsanamnese für eine erfolgreiche Therapie.
2. Problem Übergewicht und Adipositas: Das Kapitel erläutert die globale Adipositas-Epidemie sowie die Rolle des Body Mass Index (BMI) als Orientierungsgröße und beleuchtet die Verbreitung in Deutschland.
3. Fehl- und Überernährung als Mitauslöser von Übergewicht und Adipositas: Es wird dargelegt, wie ein Lebensmittelüberfluss, Bewegungsmangel und die aktuelle Preisgestaltung zu einer kalorischen Überernährung beitragen.
4. Therapiestrategien bei Übergewicht und Adipositas: Hier werden evidenzbasierte Leitlinien zur Adipositas-Therapie vorgestellt, wobei der Fokus auf langfristiger Gewichtsreduktion durch eine Kombination aus Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie liegt.
5. Verhaltenstherapie bei Übergewicht und Adipositas: Das Kapitel unterstreicht die Bedeutung der Selbstbeobachtung und die Rolle der Verhaltenstherapie zur Effektivitätssteigerung der Ernährungstherapie.
6. Die Ernährungsanamnese und die Verlaufskontrolle als Voraussetzung des Beratungserfolges: Der Autor erörtert, warum eine klientenzentrierte Anamnese unerlässlich ist, um individuelle Hindernisse bei der Ernährungsumstellung zu identifizieren.
7. Theoretische Überlegungen zur qualitativen Sozialforschung: Dieser Abschnitt vergleicht quantitative und qualitative Forschungsansätze und argumentiert für die Eignung qualitativer Methoden bei der Untersuchung von Ernährungsverhalten.
8. Methodenauswahl: Hier wird die Entscheidung für ein qualitatives Forschungsparadigma zur Untersuchung der Hintergründe von Reporting-Fehlern begründet.
9. Das qualifizierte Interview als Methode der Datenerhebung: Das Kapitel stellt das problemzentrierte Interview nach Witzel als zentrales Erhebungsinstrument vor, das Offenheit und Flexibilität in den Forschungsprozess bringt.
10. Darstellung der Probleme der Ernährungsanamnese in der Standardliteratur: Der Autor kritisiert die mangelnde Auseinandersetzung der gängigen Fachliteratur mit den Problemen des Over- oder Underreportings.
11. Reflexion: In diesem abschließenden Teil reflektiert der Autor die Notwendigkeit, individuelle Blockaden von Klienten zu erforschen, um die Qualität der Ernährungsberatung nachhaltig zu verbessern.
12. Literatur: Dieses Verzeichnis listet sämtliche herangezogene Fachquellen, Leitlinien und persönlichen Mitteilungen auf.
Schlüsselwörter
Ernährungsanamnese, Übergewicht, Adipositas, Ernährungsberatung, Ernährungsprotokoll, Ernährungstagebuch, Qualitative Sozialforschung, Problemzentriertes Interview, Underreporting, Overreporting, Verhaltenstherapie, Essverhalten, Adipositas-Therapie, Datenerhebung, Klientenzentrierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Projektarbeit thematisiert die Schwierigkeiten bei der Erhebung korrekter Ernährungsdaten von Übergewichtigen und Adipösen und die daraus resultierenden Probleme für eine erfolgreiche Ernährungsberatung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Adipositas-Problematik, die Methoden der Ernährungsanamnese (insbesondere Ernährungsprotokolle) sowie die Anwendung qualitativer sozialwissenschaftlicher Forschungsmethoden zur Verbesserung der Beratungsqualität.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel der Arbeit ist es, das methodische Fundament zu legen, um in einer nachfolgenden Masterarbeit die Ursachen für falsche Angaben der Klienten (Under-/Overreporting) zu ergründen und die Wirksamkeit bisheriger Anamnesemethoden zu hinterfragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich auf die qualitative Sozialforschung und plant den Einsatz des problemzentrierten Interviews, um ein tieferes Verständnis für die Hintergründe des Verhaltens der Klienten zu gewinnen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die medizinischen und epidemiologischen Aspekte von Adipositas, gängige Therapiestrategien, die kritische Analyse von Anamnese-Methoden sowie die theoretische Herleitung der gewählten qualitativen Forschungsmethode.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär über Begriffe wie Ernährungsanamnese, Übergewicht, qualitatives Interview, Underreporting und Verhaltenstherapie definieren.
Warum hält der Autor Ernährungsprotokolle bei Übergewichtigen oft für problematisch?
Der Autor weist darauf hin, dass Klienten bewusst oder unbewusst zu Falschangaben neigen (Over-/Underreporting), da sie sich oft kontrolliert fühlen, Tadel fürchten oder ihre tatsächliche Aufnahme nicht realistisch wahrnehmen.
Inwiefern unterscheidet sich das problemzentrierte Interview von standardisierten Fragebögen?
Im Gegensatz zu standardisierten Verfahren ermöglicht das problemzentrierte Interview durch seine Offenheit und Flexibilität eine individuelle Erfassung der Sichtweisen, Gefühle und Hintergründe des Klienten, anstatt nur numerische Daten zu sammeln.
Was ist das Ziel des "Postskriptums" beim Interviewverfahren?
Das Postskriptum dient dazu, subjektive Eindrücke, Rahmenbedingungen, Stimmungen und Gefühle des Forschers festzuhalten, die während der Interviewsituation auftraten und für die spätere Auswertung wertvolle Kontextinformationen liefern.
- Arbeit zitieren
- M.Sc. Sven-David Müller (Autor:in), 2008, Entwicklung eines Fragebogens für Übergewichtige und Adipöse zur Feststellung von Problemen bei der Erhebung des Ernährungsverhaltens (Ernährungsanamnese), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167366