Der ruandische Genozid 1994 und seine Behandlung in den Westlichen Medien


Hausarbeit, 2010
33 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Massenmedien und Nachrichtenproduktion
2.1 Organisationsstruktur der Massenmedien
2.2. Personal- und Präsentationspolitik als Folge ökonomischer Zwänge
2.3 Arbeitsbedingungen vor Ort
2.4 Die Verarbeitung von Meldungen in der Redaktion

3. Die Vorgeschichte des Genozids und die Rolle Europas
3.1 Kolonisation und Ideologie-Import
3.2 Ruanda nach seiner Unabhängigkeit

4. Ruanda 1994: Die wichtigsten Eckdaten

5. Der ruandische Genozid als Nachrichtenthema der Westlichen Medien
5.1 Die Gestaltung westlicher Medienpräsenz in Ruanda und ihre Folgen für die Berichterstattung
5.2 Quantitative Betrachtung des Themas Ruanda in den Westlichen Nachrichten
5.3 Qualitative Betrachtung des Themas Ruanda in den Westlichen Nachrichten

6. Kritische Betrachtung

7. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Berichterstattung der Westlichen Medien zum ruandischen Genozid von 1994.

Die der Einleitung folgenden Abschnitte stellen sich wie folgt dar: Abschnitt 2 „Massenmedien und Nachrichtenproduktion“ gibt einen kurzen Einblick in die Arbeitsweise Westlicher Medienkonzerne und speziell ihrer Nachrichtenredaktionen. Hieran schließt sich Abschnitt 3 „Die Vorgeschichte des Genozids und die Rolle Europas“ an, in dem ein kurzer Abriss der ruandischen Geschichte bis 1994 geliefert wird. Die Abläufe während des Genozids selbst werden anhand der wichtigsten Eckdaten in Abschnitt 4 „Ruanda 1994: die wichtigsten Eckdaten“ wiedergegeben. Der fünfte Abschnitt „Der ruandische Genozid als Nachrichtenthema der Westlichen Medien“ gibt einen Einblick zur Westlichen Medienpräsenz in Ruanda und in die Berichterstattung über den Genozid. In einer kritischen Betrachtung, welche den sechsten Abschnitt bildet, werden die bisherigen Erkenntnisse der Arbeit auf die heutige Darstellungspraxis der Medien übertragen. Beschlossen wird die Arbeit von einem Fazit, welches die wichtigsten Ergebnisse in Stichpunkten zusammenfasst.

2. Massenmedien und Nachrichtenproduktion

Um die mediale Darstellung Ruandas in der Mitte der 1990er Jahre besser verstehen zu können, müssen auch die Arbeitsbedingungen und -abläufe innerhalb der Medien berücksichtigt werden. Um dieser Forderung gerecht zu werden, wird im Folgenden dargestellt, wie Medienunternehmen strukturiert sind (2.1 Organisationsstruktur der Massenmedien), warum und in welcher Form sich wirtschaftliche Rahmenbedingungen auf die Verfügbarkeit von Informationen auswirken (2.2. Personal- und Präsentationspolitik als Folge ökonomischer Zwänge), welche Bedingungen die journalistische Arbeit vor Ort erschweren können (2.3 Arbeitsbedingungen vor Ort) und welche Rolle den Nachrichtenredaktionen bei der Nachrichtenproduktion zukommt (2.4 Die Verarbeitung von Meldungen in der Redaktion).

2.1 Organisationsstruktur der Massenmedien

Die heutigen Massenmedien sind arbeitsteilig organisiert. Die Struktur dieser Arbeitsteilung kann, auf die drei für das hier zu bearbeitende Thema wichtigsten Merkmale reduziert, wie folgt dargestellt werden:

An vorderster Front steht der Journalist als Individuum, welches möglichst direkt am Geschehen arbeitet und seine Informationen sammelt. Die Ergebnisse seiner Arbeit übermittelt der Journalist anschließend an die für ihn zuständige Redaktion.[1]

Die Aufgabe der Redaktion besteht darin, die an sie gesandten Meldungen zu sichten, zu sortieren und für die Publikation (sei es in Druckform, im Hör- und Rundfunk oder auch im Internet) bereitzustellen.

Im letzten Schritt erfolgt die Verbreitung der Nachrichten über die je unternehmensspezifischen Kanäle.

2.2. Personal- und Präsentationspolitik als Folge ökonomischer Zwänge

Um eine Berichterstattung vom Ort des Ereignisses (wie sie heute oft üblich ist) zu ermöglichen, benötigt eine Nachrichtenredaktion Personal, das sich am jeweiligen Ort befindet. Diese so genannten Korrespondenten teilt Philipp in vier Gruppen ein:

„Die einheimischen Journalisten, die für die Medien vor Ort arbeiten; einheimische Journalisten, die als ,Stringer‘ oder Voll-Korrespondenten für ausländische Medien berichten; ausländische Journalisten, die für mehrere Jahre vor Ort leben und für ausländische Medien arbeiten; und die so genannten ,Feuerwehrleute‘ – Krisenjournalisten, die kurzfristig entsandt werden […].“[2]

Der Grund für diese Vielfalt an Korrespondententypen liegt in der Personalpolitik der einzelnen Medienkonzerne.

Da es sich bei den meisten von ihnen um privatwirtschaftliche Unternehmen handelt, spielen Kostenkalkulationen (wozu auch Personalkosten zählen) eine wichtige Rolle in der Unternehmensführung.

Um möglichst ökonomisch zu agieren, muss hier entschieden werden, wie viel Geld für welche Bereiche der Welt investiert wird. Dabei spielen Annahmen über das Interesse der jeweiligen Rezipientenzielgruppe an Meldungen aus bestimmten Gebieten der Welt eine nicht zu unterschätzende Rolle, da sich die privaten Medien zu einem großen Teil über Werbeeinnahmen finanzieren, die in ihrer jeweiligen Höhe von der Rezipientenmenge abhängig sind. Hierin kann ein Hindernis für die Errichtung eines umfassenden Korrespondentennetzwerkes liegen.

Für den Bereich des Fernsehens bedeutet diese Bedingung außerdem, dass hier Nachrichtensendungen mit Unterhaltungssendungen konkurrieren. Als Folge sind Nachrichtensendungen unter Umständen gezwungen, ein Interesse Seitens der Konsumenten erst zu wecken. Dies kann dadurch geschehen, dass die Nachrichten sensationell und reißerisch präsentiert werden.[3]

Diese Art der Erzeugung von Interesse greift Wolf stark an, wenn er schreibt, dass in den Medien zwei Prinzipien gelten würden: „Strory statt History“ und „Dramaturgie statt Politik“.[4] Wolf zufolge geht es den Medienkonzernen nicht mehr um richtige Informierung des Publikums, sondern hauptsächlich um Kurzweiligkeit.[5]

Die von Wolf angesprochene Kurzweiligkeit der Nachrichten steht im direkten Zusammenhang mit dem Konkurrenzdruck, welcher in der Medienwelt herrscht und sich in einem Denken äußert, in welchem es wichtig ist, möglichst als erstes Unternehmen die neuesten Meldungen präsentieren zu können. Für die Erreichbarkeit dieses Zieles wiederum ist es unabdingbar, dass die Medienvertreter so zeitnah wie möglich an ihren Einsatzort gelangen. Daher kommen gerade in Gebieten, in denen keine Korrespondenten dauerhaft anwesend sind, oftmals die von Wolf als „Feuerwehrleute“ bezeichneten Journalisten zum Einsatz. Eine Folge dieser Praxis ist, dass diese Journalisten meist nur geringes oder kein Vorwissen in Bezug auf ihren Einsatz mitbringen.

Normalerweise wird versucht, dieses Manko mit Hilfe von Archivrecherchen auszugleichen. Allerdings bleibt den Journalisten gerade bei weiter entlegenen Einsatzorten durch den langen Anreiseweg hierfür kaum Zeit, was die Vorbereitung erheblich erschweren oder unmöglich machen kann.[6]

2.3 Arbeitsbedingungen vor Ort

Neben Problemen mit der technischen Ausstattung (als Beispiel sei hier die Nichtverfügbarkeit eines intakten Telekommunikationsnetzes genannt), sehen sich Journalisten, je nach Ereignisort und Art des zu berichtenden Ereignisses selbst, oft schwierigsten Arbeitsbedingungen gegenüber.

Ein Problem ganz allgemeiner Art ist, dass sich Journalisten gerade bei ihrer Arbeit in Kriegs- und Krisengebieten „im Spannungsfeld von journalistischen Werten, den Forderungen von Medienkonzernen, Staat und Militär und der öffentlichen Reaktion auf den jeweiligen“[7] bewaffneten Konflikt bewegen.[8]

Gerade bei Auslandseinsätzen kann die einheimische Sprache die Arbeit erschweren, wenn ein Journalist ihrer nicht mächtig ist. Wenn dies der Fall ist, so ist der Journalist oftmals auf, vor Ort ansässige, Dolmetscher angewiesen, welche dann auch dabei helfen können, für die journalistische Arbeit benötigte Kontakte herzustellen. Ist ein Dolmetscher allerdings selbst direkt oder indirekt von dem Konflikt betroffen, sollten die von ihm gemachten Übersetzungen in Bezug auf ihre Richtigkeit mit Vorsicht genutzt werden.[9]

Auch die Auswahl von für die Berichterstattung zugänglichen Orten kann stark eingeschränkt sein. Besonders in Kriegs- und Krisengebieten sehen sich Journalisten oftmals in der Situation, entscheiden zu müssen, wie sehr sie sich selbst in Gefahr bringen wollen um an Informationen zu gelangen.[10]

Mark Doyle[11] beispielsweise begründet seine teils begrenzte Berichterstattung[12] aus Ruanda mit einer solchen Gefahrenlage:

„I went on these trips not because I thought rescuing Europeans was the main story, but because it was the only story I could cover safely, or at least relatively safely. It was the only way I could get into [Kigali] to see what was going on. No one in their right mind would have voluntarily gone into the city of Kigali in those early days without a serious armed escort.”[13]

2.4 Die Verarbeitung von Meldungen in der Redaktion

Wie schon unter Punkt 2.1 angemerkt, besteht die Aufgabe der Redaktionen darin, die Informationen, welche bei ihnen eingehen für die schlussendliche Publikation aufzuarbeiten.

Da Redaktionen aus verschiedenen Quellen mit Meldungen unterschiedlichster Art[14] beliefert werden, müssen diese zunächst priorisiert werden. Bei diesem Prozess kommen die Nachrichtenfaktoren ins Spiel.

Diese Faktoren bestimmen den so genannten Nachrichtenwert eines Ereignisses, an dem sich die Priorität der Meldung bemisst. Zu den Faktoren gehören „Kriterien wie ‚Relevanz‘, ‚Ausmaß‘, ‚Nähe‘ oder ‚Personalisierung‘“.[15]

Die Publikation selbst ist allerdings nicht das einzige, worüber Nachrichtenredaktionen entscheiden. Sie bestimmen auch, in welchem Umfang die Publikationen stattfinden. Hierbei richten sie sich ebenfalls nach der selbsterstellten Hierarchie und es gilt: Je unwichtiger die Meldung, desto kürzer und weiter hinten in der Zeitung oder Nachrichtensendung wird sie platziert.

Bei visuellen Medien schlägt sich die Hierarchisierung des Weiteren in der Entscheidung nieder, ob einem Beitrag Bildmaterial beiseite gestellt wird oder nicht. Beim Einsatz von Bildern ist aber eine Tatsache zu beachten. Bilder werden für ihre Rezipienten meist erst durch beigefügte Kommentare oder Erklärungen im Gesamtzusammenhang verstehbar.[16] Doch gerade hier hat die Vergangenheit gezeigt, dass den Medien bewusst oder unbewusst Fehler unterlaufen können. Wolf wirft dem heutigen Journalismus in diesem Punkt Sensationsgier und Desinteresse an sauber recherchierter, analytischer Arbeit vor.[17] Ein solches Desinteresse kann aber auch die falsche Darstellung von Tatsachen Seitens der Journalisten selbst begünstigen, indem diese aufgrund von Unwissenheit beziehungsweise zu unsicherer Informationslage Einzelfälle verallgemeinern oder Vermutungen und Gerüchte eher als Fakten darstellen.[18] Hier ist die Forderung nach einem offenen Umgang mit Informationsproblemen angebracht.[19] Ob ein solcher Umgang Seitens der Redaktionsleitungen gewünscht ist, ist allerdings nicht gesichert.[20]

[...]


[1] Der Redaktion kommt oftmals eine grundlegende Rolle im Produktionsprozess von Nachrichten zu. Unter anderem, da sie durch ihre eigene Struktur (Arbeitsabläufe, Richtlinien, politisch-ideologische Ausrichtung etc.) dem einzelnen Journalisten nur noch wenig Handlungsautonomie belässt (Vgl. Hanitzsch 2007: S.44). Diese Beschränkung resultiert grundlegend aus formalen Vorgaben bezüglich der vom Journalisten zu erstellenden Arbeit, kann sich in ihrer extremsten Form aber auch in sehr eng umrissenen Arbeitsanweisungen äußern. Die Autonomiebeschränkung macht sich auch schon vor der eigentlichen journalistischen Arbeit, nämlich bei der Themenfindung bemerkbar. Seaton bringt diese Tatsache auf den einfachen Satz: „Journalists can report only the news their organizations will publish or broadcast.“ (Seaton 1999: S. 57)

[2] Philipp 2001: S. 68.

[3] Vgl. Seaton 1999: S. 45.

[4] Wolf 2001: S. 93.

[5] Ebd.: S. 90.

[6] Vgl. Seaton 1999: S. 58.

[7] Kellner 2007: S. 21.

[8] So kann auf der einen Seite der Wunsch nach einer umfangreichen Recherche vom Journalisten selbst ausgehen, seine Heimatredaktion ihn aber zu besonders schneller Arbeit drängen, während die Konfliktparteien ihrerseits versuchen, die Journalisten für ihre eigenen Interessen zu instrumentalisieren.

[9] Vgl. Zöllner 2001: S. 9.

[10] Vgl. Kuperman 2007.

[11] Doyle arbeitete im April 1994 für die BBC in Ruanda.

[12] Doyle begleitete zur Zeit der Evakuierung der Ausländer aus Ruanda vor allem Angehörige der französischen Armee.

[13] Doyle 2007.

[14] Hierzu zählen beispielsweise nicht nur die Meldungen der eigenen Mitarbeiter, sondern auch Meldungen von Presse-Agenturen wie der Deutschen Presse-Agentur GmbH (kurz: dpa) oder der US-amerikanischen und heute weltweit größten Presse-Agentur Thomson Reuters Corporate (kurz: Reuters).

[15] Hanitzsch 2007: S. 44.

[16] Vgl. Knott-Wolf 2001: S. 22.

[17] Vgl. Wolf 2001: S. 92.

[18] Vgl. Knott-Wolf 2001: S. 22.

[19] Vgl. Spasovska 2001: S. 128.

[20] So schreibt Meyn (2001: S. 106), dass die Zugabe von Wissenslücken Seitens der Journalisten während des Kosovokonflikts bei den deutschen Medien unerwünscht war.

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Details

Titel
Der ruandische Genozid 1994 und seine Behandlung in den Westlichen Medien
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Veranstaltung
Flüchtlingslager, Hungerkrisen und Humanitäre Intervention in Afrika
Autor
Jahr
2010
Seiten
33
Katalognummer
V167442
ISBN (eBook)
9783640842285
ISBN (Buch)
9783640842186
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ruanda, Genozid, Westliche Medien, Nachrichten
Arbeit zitieren
Moritz Panning (Autor), 2010, Der ruandische Genozid 1994 und seine Behandlung in den Westlichen Medien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167442

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