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Der alte Mann und seine Frauen

Título: Der alte Mann und seine Frauen

Ninguna entrada , 2025 , 430 Páginas

Autor:in: Riccardo Bonfranchi (Autor)

StorySphere
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Dieser Roman erzählt die Geschichte eines alten Mannes, der über seine drei Ehen sinniert. Drei Ehefrauen, drei Töchter, drei Kapitel eines Daseins, das von Liebe, Irrwegen, Leidenschaft und Scheitern geprägt ist.

Während er mit leiser Ironie und einer entwaffnenden Offenheit über Philosophie, Haikus, das Altern und die Zumutungen des Körpers nachdenkt, entfaltet sich das Porträt eines Mannes, der rückblickend versucht, seine eigene Geschichte zu verstehen. Dabei stellt sich ihm die Frage: Wie werden Beziehungen heute gelebt – und was hält sie wirklich zusammen?

Inmitten dieser Rückschau entsteht etwas Unerwartetes: ein zartes, kluges Band zwischen ihm und seiner Enkelin. Sie bringt eine Leichtigkeit in sein Leben, die er fast vergessen hatte, und zwingt ihn zugleich, die über Jahre verfestigten Gewissheiten zu überprüfen.

Ein stiller Roman über das Älterwerden, familiäre Bindungen, die Unschärfe von Erinnerungen und den unbestechlichen Blick zurück.

Eine Übersicht der bisher erschienenen Bücher des Autors findet sich auf seiner Homepage unter: www.bonfranchi.info

Extracto


Auszüge aus dem Buch

Cover: Der alte Mann und seine Frauen

1. Der alte Mann

Der alte Mann sass allein in seiner Wohnung. Gerade gestern hatte jemand, er konnte sich gar nicht mehr genau erinnern, wo es gewesen war, nahm sein Gedächtnis, also sein Kurzzeit-Gedächtnis jetzt immer mehr ab, also dieser Jemand hatte gesagt, irgendetwas mit W. Den Rest des Wortes hatte er nicht verstanden und hatte daraus das Wort Wohnung gebildet. Also er war der Meinung, dass er Wohnung gehört, also verstanden hätte. Im Laufe der Erzählung konnte er sich dann, kontextartig, zusammenreimen, dass die betreffende Person, von der er im Moment nicht mehr wusste, wer sie gewesen war, Wallis, also den Kanton in der Schweiz, gemeint hatte. Ärgerlich fand er, wieso er nicht in der Lage gewesen war, den zweiten Buchstaben auch zu verstehen, denn dann wäre er schon bei Wa gewesen. Wieso er dann ein Wo daraus gemacht hatte, bzw. sich in seinen Gehörgang bzw. ins Gehirn, eingeschlichen hatte, war ihm unerklärlich und ärgerlich zugleich.

Aber dagegen gab es ja Hörgeräte, die er seit bereits einigen Jahren trug. Das war auch nicht immer einfach, aber sich darüber auszulassen, fehlte ihm die Lust oder die Energie. Er schalt sich selber, was sollte dieses ewige Gejammer, nur weil man alt war. Gut, Seniorinnen und Senioren bzw. ihre Gebrechen und was sie doch Sinnvolles im Alter tun sollten, war in Mode. Starb man/frau früher mit 66, so fängt heute das Leben damit erst an. Was für ein Unsinn, dachte er. Die Gebrechen fangen dann an. Aber Tatsache war schon, dass man eben heute mindestens 80 Jahre alt werden konnte. Die Zeitspanne, wo man sich durch Arbeit selbst erhalten musste bis hin zur Zeit des Ablebens, war in den letzten Jahrzehnten ständig gestiegen. Was konnte man dagegen tun? Ganz einfach, indem man die Lebensarbeitszeit verlängerte, dann verkürzte sich automatisch auch die Restzeit bis zum Tod. So einfach war das. Oder eben vielleicht doch nicht. Weil nicht arbeiten zu müssen und trotzdem ökonomisch abgesichert zu sein, ist ein Privileg und wer gibt dieses schon gerne auf.

Der alte Mann war nicht besonders gross, so leicht unterdurchschnittlich, etwas mehr, aber nur wenig, als 170 Zentimeter. Er war breitschultrig und hatte einen Bauchansatz, wenn auch nur einen kleinen. In einer Männer-Umkleidekabine hatte er einmal, es muss Jahrzehnte her sein, jemanden sagen hören, dass der eigene Bauch nur so weit vorstehen dürfe, damit man seinen eigenen Schwanz noch ordentlich sehen könne. Darauf würde er, als dieser damalige Erzähler, bei der täglichen Gewichtskontrolle genau achten. Die Männer darum herum hatten gelacht. Er hatte diesen einen Satz nie vergessen und sah ihn als richtig an. Männer, die seit Jahren ihr eigenes Gemächte nie mehr gesehen hatten, verachtete er. Diese hatten keine Selbstachtung, stopften sich voll. So war es auch bei seinem Vater gewesen. Als dieser tot, nach einem Herzinfarkt, im Spital auf einer Bahre lag, bedeckt von einem grossen Tuch, sah man nur einen riesigen Berg, so ungefähr in der Mitte der Bahre. Er fand dieses Bild abscheulich. Dies konnte aber auch mit seinem Verhältnis zu seinem Vater zusammenhängen. Aber er verspürte keine Lust, darüber näher zu sinnieren.

So sass er denn nach dem Frühstück manchmal so da. Die Zeitung hatte er auch schon gelesen, das Kreuzworträtsel in Minutenschnelle gelöst und dachte an irgendetwas. Die Gedanken fliessen lassen. So wie auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Dabei wäre er froh darum gewesen, wenn er davon etwas verloren hätte. Aber was würde das denn bedeuten, nämlich dass diese verlorene Zeit wieder zurückkehren würde. Ein witziger Gedanke, fand er.

Er wohnte im Parterre und hatte vor seinem Wohnzimmer einen kleinen Garten. Dieser bestand allerdings nur aus Gras und war eigentlich eine kleine Wiese. Links Nachbarn, rechts Nachbarn und deshalb war sein Garten ein Überquerungsfeld für Katzen. Sie kamen unregelmässig. Er wollte nicht, dass sie sich auf seiner kleinen Wiese niederliessen und ihre Notdurft verrichteten. So streichelte er sie nie und gab ihnen auch nie etwas zu fressen. Die Katzen hatten dies kapiert. Sie schauten, er schaute nicht zurück und so übten sie sich weiter in Transit. Kamen von links und verliessen sein Grundstück nach rechts oder umgekehrt. Je nachdem, wohin ihre Gelüste sie trieben, mutmasste er.

Er las viel. Vor allem Romane, gute Romane, was immer man auch darunter verstehen konnte. Paul Auster, Philip Roth, Orhan Pamuk und vor allem Haruki Murakami, auch: Kenzaburo Oe. Japanische Autoren hatten es ihm angetan. Alle diese Männer waren in etwa in seinem Alter, fiel ihm auf. Warum war das so? Darüber musste er wirklich mal etwas intensiver nachdenken. Haikus las er auch gerne. Wie man etwas über ‘Gott und die Welt’ in so einer knappen Form unterbringen konnte, das war schon grosse Kunst. Er wünschte, er wäre dazu auch in der Lage. War er aber nicht. Das musste man sich auch erstmal eingestehen können, dachte er. Genau, fiel ihm da noch ein, er hatte alle Bücher von Meg Wolitzer auch sehr gerne gelesen. Also doch noch eine Frau. Beruhigend.

Vielleicht sollte ich noch etwas einkaufen, rief er sich in Erinnerung und beschäftigte sich mit der Frage, in welches Geschäft er gehen könne. Meistens entschied er sich unmittelbar vor dem Verlassen des Hauses noch um. Die Gründe hierfür waren oft nicht rational nachvollziehbar. Aber das störte ihn nicht. Warum sollte es auch. Das brachte höchstens etwas Abwechslung in sein Leben. Dafür hatte er vergessen, die Spülmaschine anzustellen. Aber das war auch kein Problem, dann holte er dies eben nach dem Einkauf noch nach. Dem Geschirr war es ohnehin egal, wann es mit Hitze und Hochdruck behandelt wurde. Vermutete er. Beim Einkaufen stellte er zum x-ten Male fest, dass vor allem alte Leute und junge Mütter unterwegs waren und um die Regale strichen.

Ob man es als Hobby bezeichnen konnte, wusste er nicht so genau, aber er beschäftigte sich gerne mit Philosophie. Manchmal besuchte er auch einen Kurs an der Volkshochschule. Das war jeweils nur teilweise befriedigend. Nicht wegen den Dozentinnen oder Dozenten, sondern wegen dem Publikum. Da gab es immer wieder Leute, vornehmlich Männer, die mit ihrem Wissen, Teil-Wissen, Pseudo-Wissen auftrumpfen wollten. Er fand das widerlich, es nervte ihn und er schaute dann zur Decke. Da die Volkshochschule in einem alten Haus untergebracht war, mitten in der grossen Stadt, war die Decke mit Stuck verziert. Vielleicht sah es auch nur so aus, als ob er intensiv darüber nachdenken würde, was da ein Kollege von sich gab, aber meistens, so fand er, war es ausgekochter Unsinn. Schade um die Zeit, aber der Dozent, die Dozentin konnte diesen Kunden ja nicht unterbrechen oder ‘abwürgen’. Sie war ja im Dienstleistungsgewerbe tätig. Also musste sie immer schön höflich und verständnisvoll reagieren. War die Frage auch noch so unsinnig bzw. Stuss, den kaum jemand verstanden hatte. Aber egal. Zu Hause beschäftigte er sich ab und an mal mit Nietzsche. Dieser feierte ja heuer seinen 125sten Todestag, sofern er dazu überhaupt in der Lage war. Vermutlich nicht. Nietzsche wanderte in seinem Leben viel und hinterliess einen riesigen Nachlass. Er schrieb unzählige Notizen in Schreibhefte. Heidegger war sogar der Meinung, dass man Nietzsche nur verstünde, wenn man sich seinen Nachlass zu Gemüte führen würde. Besonders das Buch ‘Ecce homo’ hatte es ihm angetan. In diesem Buch rekapituliert Nietzsche zehn seiner Bücher. Aber diese Passagen fand der alte Mann nicht so interessant wie diejenigen, in denen Nietzsche persönliche Ansichten zu Gott und der Welt äusserte. So verabscheute er das Christentum, liebte aber Jesus, diese im Grunde revolutionäre Gestalt, der sich weder vor Gott noch dem Teufel, geschweige denn vor Obrigkeiten fürchtete. So verstand Nietzsche die Figur von Jesus. Hochinteressant fand der alte Mann dies. Auch die Formel ‘Wie man wird, was man ist’ fand er spannend. Aber wie auch der antik-griechische Dichter Pindar meinte, soll man ja der werden, der man ist. Das ist natürlich ein Paradox, weil es gegen jegliche Entwicklung im Sinne eines Reifeprozesses spricht. Aber trotzdem gefielen ihm diese beiden Sichtweisen. Der alte Mann dachte, dass man im Kern schon angelegt hat, wer man dann einmal sein wird. Aber dass ein Mörder, tatsächlich als erwachsener Mensch dazu bestimmt ist, einen anderen Menschen zu töten, so weit war er dann doch nicht bereit zu gehen. Hier kamen sicherlich auch die äusseren Umstände dazu. Aber wer weiss, vielleicht hätte ein anderer Mensch diese Tat eben doch nicht begangen. Dann stand er auf, streckte sich und liess aus der Maschine eine Tasse Kaffee heraus, süsste mit künstlichem Zucker, dann noch ein kleiner Schluck Milch und die Zwischenmahlzeit war angerichtet.

An einem anderen Tag fiel ihm ein, dass da doch ein deutscher Schriftsteller vor einigen Jahren einmal das Bonmot geprägt hatte, dass das Alter ein Massaker ist. Nun gut, dieser Autor lebt mittlerweile auch nicht mehr und hat es, also das Leben, hinter sich gebracht. Das Leben, dem immer wieder ein Sinn untergejubelt werden soll. Dabei hat es keinen, wir müssen ihm einen geben, einen einhauchen. Hat nicht einmal eine andere Geistesgrösse gemeint, dass Leben leben will, inmitten von Leben. Oder so ähnlich, dachte er. Aber Sartre und Camus sind ja nicht mehr in. Da habe ich ja heute meinen philo-historischen Tag, fiel ihm auf. Erinnerungen von früher tauchten wieder einmal auf, drückten an die Oberfläche seines Bewusstseins. Aber interessiert heute niemanden mehr. Aber es ist normal und muss auch so sein. Wo wäre denn der Fortschritt geblieben, wenn Altes auf ewig Bestand hätte. Neue Generationen haben ein Anrecht darauf, ihre eigenen Erkenntnisse in die Welt hinauszuposaunen. Irgendwie muss es ja weitergehen, wenn auch kein Ziel ersichtlich ist, geschweige denn überhaupt vorhanden sein kann. Es gibt keine Ziele. Das Leben hat keine und das wiederum ist auch gut so. Wenn man ein Ziel erkennen könnte, gäbe es bestimmt wieder diese Schlaumeier, die der Versuchung erliegen würden, eine Abkürzung nehmen zu wollen, um ans Ziel zu gelangen. Ob der Tod ein Ziel ist, sinnierte er, verwarf aber diesen Gedanken. Der Tod ist einfach ein Ende und dies gehört zu jeglichem organischen Leben. Ob das bei anorganischen Leben auch so ist, vermochte er nicht einzuschätzen. Möglich, man müsste einen Naturwissenschaftler oder auch eine Naturwissenschaftlerin fragen. Aber vermutlich würde man sie nicht verstehen. Geistes- und Naturwissenschaften haben das Heu nicht auf der gleichen Bühne. Für die Empirie ist der Tod das Ende des biologischen Lebens, egal ob Mensch, Tier oder Natur. Aber auch Berge können sterben, indem sie donnernd zu Tal stürzen und alles mit sich reissen und sich todbringend verhalten. Wenn dann der Berg nicht mehr existiert, spricht man aber nicht vom Tod des Berges, sondern eher von seinem Verschwinden. Das Ergebnis ist aber im Grunde das Gleiche: Was vorher da war, ist nun nicht mehr. Demnach kann alles, was auf dieser Erde Existenz hat, egal wie lange, auch eines Tages wieder verschwinden. Egal ob organisch oder anorganisch. Schwund muss sein, damit Neues entstehen kann, wenn überhaupt. Was dann zu der berühmten Frage führt: Warum ist etwas und warum ist nicht nichts?

[...]

1. Der alte Mann

[...]

12. Rhea

Seine zweite Tochter war nun Staatsanwältin. Inzwischen fuhr er jeden Mittwochvormittag in einer Senioren-Mountainbike-Gruppe wild im Oberland herum. Bei einem dieser Treffen erzählte er, welchen Beruf seine Kinder hatten, es war manchmal ein Thema, da bemerkte er, dass er dafür eine gewisse Form der Bewunderung einheimste. Staatsanwältin ergab eine Art der Bewunderung bei einigen der anderen Männer, sprich Vätern, und irgendwie vermeinte er zu verspüren, dass man ihm sogar ein gerütteltes Mass an Stolz dafür zubilligte. Er meinte dann einmal, dass er doch nichts dafürkönne, wenn seine Tochter Rhea sich alle diese vielen Texte in den Kopf stapeln könne und sie wohl auch noch verstehe. Und beides würde er selber ohnehin nie bewerkstelligen können. Dass sie dies alles auch noch in einer anderen Landessprache beherrschen würde, liess er jeweils weg. Und stolz fühlte er sich hierbei überhaupt nicht. Es störte ihn sogar, dass ihm eine gewisse Bewunderung entgegenschlug. «Ich kann doch nichts dafür. Das hat sie sich alles selber angeeignet», meinte er dann und war froh, wenn man wieder von den unterschiedlichen Bremssystemen der Fahrräder fachsimpelte. Er hätte ja auch von den zwei Gesichtern seiner mittleren Tochter erzählen können und dass deren Freundlichkeit oft so geschickt aufgesetzt war, dass eine fremde Person nicht in der Lage war, dies bei ihr zu durchschauen. Dieser Teil wog bei ihm mehr als ihre Meriten, die sie für ihren Studienerfolg einheimste. Etwas befremdlich fand er auch, dass sie ihre Männerbekanntschaften wie ihre Deuxpiecès ständig auswechselte. Als sie dann ihre Stelle als Staatsanwältin antrat, kam sie damals zu ihm und fragte ihn, ob er ihr Geld geben könne, weil sie doch nun mehrere Deuxpiecès kaufen bzw. haben müsste. Dies verweigerte er. Sie hatte ja bereits als Juristin gearbeitet und er sagte ihr: «Warum hast du dir nicht etwas Geld beiseitegelegt? Du wusstest ja, dass du diesen Weg einschlagen würdest. Ich sehe wirklich nicht ein, warum ich dich dabei unterstützen soll.» Sie ging dann zu Barbara und erhielt das Geld für drei solcher Kleidungsstücke. Das ewige pädagogische Muster hatte sich wiederholt, hatte er damals gedacht, als er davon erfuhr. Später benötigte sie natürlich auch ein Auto und da half er ihr dann finanziell aus. Sie brauchte es als Dienstwagen und da wollte er ihr natürlich nicht im Weg stehen. Ihr Arbeits- und Wohnort lagen doch einige Kilometer auseinander. Und mit dem ÖV zur Arbeitsstelle zu fahren, war ihr natürlich nicht zuzumuten. Seine Gefühlslage Rhea gegenüber war wirklich zwiespältig. Aber es war seine Tochter und damit musste man als Vater leben. Er fragte dann, wenn sie sich sahen, oft nach, was denn so ihre Arbeitsinhalte sind und sie berichtete gerne von den verschiedenen Fällen, die sie zu bearbeiten hatte. Es hörte sich interessant an. Und so war er froh, dass es ihr dabei gut ging. Bis es ihr dann dabei nicht mehr gut ging.

Er dachte oft über seine mittlere Tochter nach. Sie war eine stolze Frau. Stolz im Sinne von edel, erhaben, zu einer Elite gehörend. Das strahlte sie aus. Auch ihr Äusseres signalisierte diese innere Haltung. Sie achtete sehr auf ihr Gewicht, war immer dezent, aber klar ersichtlich geschminkt und trug, wie er stark vermutete, leicht gepolsterte BHs. Wirkung, sie wollte Wirkung entfalten bei ihrer Umwelt. Gut, dachte er, warum auch nicht, jeder Mensch will das doch, er will von seiner Umwelt wahrgenommen werden. Sagte nicht schon Martin Buber, der grosse jüdische Philosoph: «Der Mensch wird am Du zum Ich.» Aber er meinte es wohl anders, als wie seine Tochter Rhea dies für sich auslegte. Aber sie war kein schlechter Mensch, sie war einfach stark auf das Aussenstehende fixiert. So im Sinne von: Der Mensch wird zum Ich, dessen Du wir ihm sind. Das wäre dann eine abgewandelte Form des buberschen Satzes. Natürlich bräuchte es wohl eine gehörige Portion Selbstbewusstsein, um in einer sozial höher gestellten Position ein einfacher, bescheidener Mensch sein zu bleiben. Wir sind doch alle stark von den Urteilen anderer Menschen abhängig. Werden wir nicht sogar dadurch erst zu Menschen, wir als uterine Frühgeburt, die hilflos von der Umwelt abhängig ist, wenn wir den Mutterleib verlassen, verlassen müssen und in die Welt hinausgeworfen werden? Er dachte dann: «Oh, da bin ich aber wieder einmal böse am Herumphilosophieren.» Aber wie schon seine Ex, also Barbara, jeweils sagte: «Ein gesundes Halbwissen ist auch ein bequemes Ruhekissen», oder so ähnlich. So genau konnte er sich nicht mehr daran erinnern und eigentlich wollte er es auch nicht. Es war ja Nietzsche, der den Sachen bis auf den Grund nachzugehen in der Lage war. Musste dieser dann nicht einen hohen Preis dafür zahlen, so dass er die letzten Jahre seines Lebens gar nichts mehr wahrzunehmen in der Lage war? Da hatte dann Nietzsches Schwester etwas versucht zu kompensieren. Das wäre heute wohl nicht mehr möglich, dachte der alte Mann und nickte ein. Er träumte ein Haiku:

(Issa, S. 100)

Aber bereits nach kurzer Zeit wachte er wieder auf. Er hatte einen dumpfen Kopf, leichtes Kopfweh und wankte zur Kaffeemaschine. Die sollte auch wieder einmal etwas aktiv werden. Gedankenverloren trank er das Gebräu und setzte die Tasse noch einmal an die Lippen, als diese bereits leer war. Er erschrak. War er auf dem Weg zu Nietzsche? Bloss nicht. Er muss raus, die Wohnung verlassen, frische Abgase riechen.

12. Rhea

Final del extracto de 430 páginas  - subir

Detalles

Título
Der alte Mann und seine Frauen
Autor
Riccardo Bonfranchi (Autor)
Año de publicación
2025
Páginas
430
No. de catálogo
V1674679
ISBN (Ebook)
9783389165591
ISBN (Libro)
9783389165607
Idioma
Alemán
Etiqueta
Roman Ehe Altern alter Mann Beziehungen Enkelin Älterwerden Familie familiäre Bindungen Erinnerungen Rückblick
Seguridad del producto
GRIN Publishing Ltd.
Citar trabajo
Riccardo Bonfranchi (Autor), 2025, Der alte Mann und seine Frauen, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1674679
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