Diese Bachelorarbeit untersucht die Wirkung eines sechswöchigen sensomotorischen Trainings auf den Positionssinn der Lendenwirbelsäule. Im Zentrum steht die Frage, ob ein strukturiertes Training – entweder als Sling-Training auf instabiler Grundlage oder als konventionelles Bodentraining – messbare Verbesserungen der lumbalen Propriozeption erzeugt. Grundlage ist ein experimentelles Studiendesign, in dem 70 Probanden der Universität der Bundeswehr München randomisiert drei Gruppen zugeteilt wurden: Slinggruppe, Bodengruppe und Kontrollgruppe ohne Training. In allen Gruppen wurde vor und nach der Trainingsphase ein standardisierter Vierfüßler-Test durchgeführt, der die Fähigkeit zur Reproduktion definierter Wirbelsäulenpositionen abbildet.
Zur objektiven Erfassung der Positionsveränderungen kam ein 3D-Motion-Capture-System mit zwölf Hochgeschwindigkeitskameras zum Einsatz. Reflektierende Marker ermöglichten die präzise Analyse von Repositionsfehlern und Bewegungsausmaßen in X-, Y- und Z-Richtung. Die Studie prüfte, wie stark sich die Position des Lendenwirbelsäulenmarkers (L5) zwischen Start- und Endstellung unterscheidet und ob das Training eine Reduktion dieser Abweichungen bewirkt. Zusätzlich wurde die Veränderung des Bewegungsausmaßes (Range of Motion) in Flexion und Extension erfasst.
Die Ergebnisse liefern differenzierte empirische Befunde zur lumbalen Sensomotorik. Es zeigt sich, dass sensomotorisches Training die neuromuskuläre Kontrolle im Lenden-Becken-Bereich beeinflussen kann. Besonders relevant sind die Unterschiede zwischen lokalen und globalen Stabilisatoren, die im theoretischen Teil der Arbeit ausführlich dargestellt werden. Die Arbeit verbindet sportwissenschaftliche Grundlagen, biomechanische Modelle und praktische Trainingsmethodik und leistet damit einen Beitrag zur aktuellen Forschung im Bereich Rückenprävention, Propriozeption und segmentaler Wirbelsäulenstabilität. Sie bietet zugleich wertvolle Ansatzpunkte für Therapie, Prävention und trainingspraktische Anwendungen im Leistungs- und Gesundheitssport.
Inhaltsverzeichnis
- Abbildungsverzeichnis
- Tabellenverzeichnis
- Abkürzungsverzeichnis
- 1. Einleitung
- 1.1. Relevanz des Themas
- 1.2. Aufbau der Arbeit
- 2. Theoretischer Hintergrund
- 2.1. Begriffliche Erläuterungen
- 2.1.1. Sensomotorik
- 2.1.2. Positionssinn
- 2.2. Theoretische Grundlagen
- 2.2.1. Kontrolle der Lenden-Becken-Stabilität
- 2.2.1.1. Feedforward-Kontrolle
- 2.2.1.2. Feedback-Kontrolle
- 2.2.1.3. Beitrag der Muskelfestigkeit (Stiffness)
- 2.2.1.4. Integrierte Kontrolle
- 2.2.2. Modell des Wirbelsäulensystems
- 2.2.2.1. Aktiver Bewegungsapparat
- 2.2.2.1.1. Lokale Stabilisatoren
- 2.2.2.1.2. Globale Stabilisatoren
- 2.2.2.1.3. Globale Mobilisatoren
- 2.2.2.2. Passiver Bewegungsapparat
- 2.2.2.3. Zusammenspiel globaler und lokaler Muskulatur
- 2.2.2.1. Aktiver Bewegungsapparat
- 2.2.1. Kontrolle der Lenden-Becken-Stabilität
- 2.3. Forschungsstand
- 2.1. Begriffliche Erläuterungen
- 3. Problemstellung und Hypothesen
- 4. Methodik
- 4.1. Untersuchungsdesign
- 4.2. Probandenbeschreibung
- 4.3. Versuchsaufbau und Durchführung
- 4.4. Messverfahren und Datenauswertung
- 5. Ergebnisdarstellung
- 5.1. Deskriptive Ergebnisse
- 5.2. Analytische Ergebnisse
- 6. Interpretation und Diskussion
- 7. Zusammenfassung und Ausblick
- 8. Anhang
- Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Bachelorarbeit zielt darauf ab, den Effekt und die Wirkungsweise eines sensomotorischen Trainings auf den Positionssinn in der Lendenwirbelsäule experimentell zu überprüfen. Insbesondere wird die Forschungsfrage gestellt, ob ein solches Training eine Verbesserung des Positionssinns bei ambitionierten Sportlern mit und ohne Rückenbeschwerden bewirken kann, da die Forschungsgrundlagen und Literaturen zum Positionssinn als nicht ausreichend publiziert erachtet werden.
- Sensomotorisches Training und seine Auswirkungen
- Der Positionssinn und dessen Bedeutung für die Propriozeption
- Stabilität und Funktion der Lendenwirbelsäule (LWS)
- Umgang mit lumbalen Rückenschmerzen (LBP) durch Training
- Vergleich verschiedener Trainingsmethoden (Sling- versus Bodentraining)
- Rolle der lokalen und globalen Muskulatur bei der Wirbelsäulenstabilität
Auszug aus dem Buch
Sensomotorik
Der Begriff Sensomotorik setzt sich aus zwei Begrifflichkeiten zusammen. Zum Ersten beschreibt die Sensorik Prozesse und Abläufe, die eine Aufnahme bzw. deren Weiterleitung von visuellen, taktilen, auditiven, vestibulären und kinästhetischen Informationen an das zentrale Nervensystem ermöglicht. Die Motorik beschreibt hingegen Vorgänge der Bewegungsteuerung und -kontrolle als Resultat der Muskelkontraktion. Die Kopplung beider Begrifflichkeiten zielt auf das Zusammenspiel zwischen Nervensystem und Muskel ab. Anatomisch-physiologisch betrachtet wird die Sensomotorik als Vernetzung zwischen dem sensorischen und dem motorischen System gesehen. „Damit ist die unmittelbare Steuerung und Kontrolle der Bewegungen von Lebewesen aufgrund von Sinnesrückmeldungen gemeint.“ (vgl. Luhmann, 2009. Lehrbuch Physiologie., 6. Aufl., S. 757-798)
Die sensorischen Systeme, welche ein Modell der Reizaufnahme (Afferenz) von außen, innerer Organe und aus dem eigene Körper definieren, beschreiben die Aufnahme der Signale über entsprechende Sinnesorgane (Rezeptoren). Folgende Rezeptoren gehören zum sensorischen System: Exterorezeptoren sind für die körperäußeren Reizaufnahmen zuständig. Optische, akustische und taktile Signale werden an entsprechenden Instanzen bzw. gleichnamigen Systemen verarbeitet. Enterorezeptoren nehmen die Reize aus dem Körperinneren (Reize innerer Organe) auf. Propriorezeptoren sind für die Wahrnehmung von haltungs- und bewegungsbezogenen Signalen zuständig bzw. vermitteln Informationen über die Lage einzelner Körperteile im Raum. Die körperinternen Signale sind vestibulärer, zur Gleichgewichtsorientierung, oder kinastetischer Art, zur Tiefensensibilität in Gelenken, Sehnen und Muskeln. Sie registrieren im Muskel Winkelstellungen, Bewegungsrichtungen und -geschwindigkeiten und gebe sie an verschiedene Instanzen des zentralen Nervensystems weiter. Dabei können die Muskelspindeln Veränderungen ihrer Länge aufgrund der Dehnungsrezeptoren wahrnehmen. Die Sehnen mit ihren Golgi-Sehnen-Apparat realisieren die Veränderungen von Muskelspannungen mit ihrem Intensitäts- und Spannungsrezeptoren. Zuletzt werden Gelenkwinkelstellungen in den Gelenkrezeptoren wahrgenommen. Alle wahrgenommenen Änderungen werden in bioelektrische Signale umgewandelt und an entsprechende Instanzen des zentralen Nervensystems verarbeitet (vgl. Maier, 2011).
Die motorischen Systeme sind von ihrer Funktion her als Steuerungssysteme zu bezeichnen. Sie regeln die Ausführung von Bewegungen (Efferenz). In ihrer Funktion überwachen sie den Anfang und das Ende einer jeden Bewegung, die Bewertung des Bewegungsergebnisses und die Speicherung der Bewegungsausführung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik der lumbalen Rückenschmerzen und des Positionssinns ein, erläutert die Relevanz des Forschungsfeldes und skizziert den Aufbau der Bachelorarbeit.
2. Theoretischer Hintergrund: Hier werden grundlegende Begriffe wie Sensomotorik und Positionssinn definiert, theoretische Grundlagen zur Lenden-Becken-Stabilität vorgestellt und ein Modell des Wirbelsäulensystems sowie der aktuelle Forschungsstand beleuchtet.
3. Problemstellung und Hypothesen: In diesem Abschnitt wird die zentrale Forschungsfrage formuliert, ob sensomotorisches Training den Positionssinn bei Sportlern mit und ohne Rückenbeschwerden verbessern kann, und die zu prüfenden Hypothesen dargelegt.
4. Methodik: Das Kapitel beschreibt detailliert das 3x2-Untersuchungsdesign der Studie, die Probandenauswahl, den Versuchsaufbau und die Durchführung des sechswöchigen Trainings sowie die verwendeten Messverfahren und die Datenauswertung.
5. Ergebnisdarstellung: Dieses Kapitel präsentiert die deskriptiven und analytischen Ergebnisse der empirischen Studie, insbesondere die gemessenen Positionsabweichungen und das Bewegungsausmaß der Lendenwirbelsäule über die verschiedenen Trainingsgruppen hinweg.
6. Interpretation und Diskussion: Die gewonnenen Ergebnisse werden hier interpretiert und diskutiert, wobei insbesondere die signifikanten Verbesserungen des Positionssinns in X-Richtung bei den Trainingsgruppen und die möglichen Ursachen der beobachteten Effekte analysiert werden.
7. Zusammenfassung und Ausblick: Das abschließende Kapitel fasst die Hauptergebnisse der empirischen Studie zusammen, dass sensomotorisches Training den Positionssinn in X-Richtung verbessern kann, und betont die hohe Bedeutung von Propriozeption, Muskelkontrolle und koordinativ-motorischem Training für die Lendenwirbelsäule.
Schlüsselwörter
Sensomotorik, Positionssinn, Lendenwirbelsäule (LWS), Training, Rückenbeschwerden (LBP), Propriozeption, Muskulatur, Stabilität, Bewegungsausmaß, Feedforward-Kontrolle, Feedback-Kontrolle, Neuromuskuläres Training, Experimentelle Studie, Wirbelsäulensystem.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Es geht um die experimentelle Überprüfung der Effekte eines sensomotorischen Trainings auf den Positionssinn im Bereich der Lendenwirbelsäule.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder umfassen Sensomotorik, Positionssinn, die Stabilität der Lendenwirbelsäule, Rückenbeschwerden sowie die Analyse von Trainingsmethoden zur Verbesserung dieser Aspekte.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es zu erforschen, ob sensomotorisches Training einen Effekt bzw. eine Verbesserung auf den Positionssinn bei ambitionierten Sportlern mit und ohne Rückenbeschwerden bewirken kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine empirische Studie mit einem 3x2-Untersuchungsdesign verwendet, das ein sechswöchiges sensomotorisches Training (Sling- und Bodengruppe) mit einer Kontrollgruppe vergleicht und 3D-Motion-Capture zur Datenerhebung nutzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt den theoretischen Hintergrund von Sensomotorik, Positionssinn und Wirbelsäulenstabilität, die Problemstellung und Hypothesen, die detaillierte Methodik der Studie sowie die Darstellung und Interpretation der Ergebnisse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind Sensomotorik, Positionssinn, Lendenwirbelsäule (LWS), Training, Rückenbeschwerden (LBP), Propriozeption, Muskulatur, Stabilität, Bewegungsausmaß, Neuromuskuläres Training.
Welche Trainingsmethoden wurden im Rahmen der Studie verglichen?
Es wurden ein konventionelles Bodentraining und ein Training mit einem Sling-Trainer verglichen, um deren Effizienz hinsichtlich der Rumpfstabilität und des Positionssinns zu beurteilen.
Welche Defizite im Positionssinn werden bei LBP-Patienten laut Forschungsstand beschrieben?
Laut Forschungsstand weisen LBP-Patienten Defizite im Positionssinn auf, wobei die Studienlage bezüglich der Reproduktionsfehler in Flexion und Extension der Lendenwirbelsäule kontrovers ist.
Wie wird die Sensomotorik anatomisch-physiologisch verstanden?
Die Sensomotorik wird als Vernetzung zwischen dem sensorischen System (Reizaufnahme über Rezeptoren) und dem motorischen System (Bewegungssteuerung und -kontrolle durch Muskelkontraktion) gesehen, die eine unmittelbare Steuerung und Kontrolle von Bewegungen ermöglicht.
Was sind die Kernunterschiede zwischen lokalen und globalen Stabilisatoren der LWS?
Lokale Stabilisatoren sind kleine, tiefliegende, ausdauernde Muskeln, die gelenksnah agieren und zur segmentalen Stabilisation dienen. Globale Stabilisatoren sind große, oberflächliche Muskeln, die mehrere Gelenke überspannen und für Gesamtbewegungen und Gleichgewichtsregulation verantwortlich sind.
- Citar trabajo
- Daniel Gildner (Autor), 2011, Überprüfung von Effekten eines sensomotorischen Trainings auf den Positionssinn im Bereich der Lendenwirbelsäule, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1676349