Diese Arbeit untersucht, wie kollektive Intentionalität die Entstehung und Struktur sozialer Bewegungen ermöglicht. Ausgehend von theoretischen Ansätzen zum gemeinsamen Handeln wird gezeigt, dass kollektive Intentionalität auf gemeinsamen Absichten, wechselseitigen Überzeugungen sowie relationalen sozialen Strukturen beruht. Soziale Bewegungen werden als netzwerkförmige, auf kollektiver Identität basierende Handlungssysteme definiert, die sozialen Wandel durch öffentlichen Protest anstreben. Die Arbeit integriert die Framing-Theorie , die Ressourcenmobilisierung sowie politische Gelegenheitsstrukturen und zeigt deren Bedeutung für Mobilisierung und kollektives Handeln. Ein Makro–Mikro-Modell erklärt, wie individuelle Unzufriedenheit, strukturelle Bedingungen und soziale Koordination zu Protest führen . Die Analyse kommt zu dem Ergebnis, dass kollektive Intentionalität durch soziale Beziehungen, gemeinsame Normen und kontinuierliche Aushandlungsprozesse stabilisiert wird und somit die Grundlage für kollektive Handlungsfähigkeit bildet.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Kollektive Intentionalität
- Soziale Bewegungen
- Das soziale Konstrukt des Protestes
- Kollektivität in Protestbewegungen
- Fazit
- Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit befasst sich mit der grundlegenden Frage, wie soziale Bewegungen, die sich aus Individuen mit unterschiedlichsten Motiven und Intentionen zusammensetzen, dennoch eine kollektive Intentionalität ausbilden und als einheitliches System agieren können. Es wird untersucht, welcher Prozess zur Formung dieser kollektiven Intentionalität führt.
- Definition und Differenzierung von kollektiver Intentionalität und kollektivem Handeln.
- Analyse der Entstehung und Struktur sozialer Bewegungen.
- Die Rolle der Framing Theorie bei der sozialen Konstruktion von Protest.
- Einfluss von Ressourcenmobilisierung und Organisationsformen auf soziale Bewegungen.
- Mechanismen der Mobilisierung und der Bildung kollektiver Identität.
- Bedeutung der Rational Choice Theorie und der Political Opportunity Structure für Protest.
Auszug aus dem Buch
Kollektive Intentionalität
In der Einleitung ist bereits mehrfach der Begriff der Kollektiven Intentionalität genannt worden, dieser Aspekt ist das wichtigste Element bei der Konstitution von Sozialen Bewegungen und somit auch für den Aufbau von Protestbewegungen essenziell. Der Begriff der Kollektiven Intentionalität besitzt eine Ambiguität, weshalb seine Bedeutung differenziert werden muss.
Um zu beschrieben wie kollektive Intentionalität konstituiert ist es notwendig, ihn zuerst von dem Begriff des kollektiven Handelns, ebenfalls ein zentraler Aspekt von Sozialen Bewegungen, zu differenzieren. Stark verallgemeinert umfasst kollektives Handeln das ausführen einer bestimmten Aktion von mehreren Akteuren.
Zudem ist es notwendig den Begriff der kollektiven Intentionalität als ein offenes und weitgehend noch mehrdeutigem Feld der philosophischen und soziologischen Forschung wahrzunehmen, die folgende Beschreibung dient daher, auf der Grundlage der Theorie des gemeinsamen Handelns, als begrifflicher Zugang zu der Grundstruktur der Sozialen Welt des gemeinsamen Handels bzw. als ihres Verständnis für den Zweck der im Rahmen dieser Arbeit durchgeführten Analyse.
Das Verständnis von kollektivem Handeln als gemeinsames Handeln ist konstitutiv, für den Begriff der Kollektiven Intentionalität, denn um eine Handlung als kollektiv zu definieren, ist die gemeinsame beabsichtigte Handlung grundlegend, wobei der geographische Standort der Akteure kein Qualifikationsmerkmal darstellt, damit eine gemeinsame Ausführung zugeschrieben werden kann (Gilbert, 2006).
Damit eine Handlung als kollektive beschrieben werden kann reicht die Ausführung von mehreren Akteuren. Grundlage dafür ist das Handeln, welches Entweder allein oder gemeinsam erfolgt. Akteure, die eine Gemeinsame Handlung vollziehen, bilden, im zentralen soziologischen Sinne des Wortes, eine soziale Gruppe. Daher kann ein klares Verständnis über das gemeinsame Handeln ebenso Aufschluss über die Struktur von sozialen Gruppen geben (Gilbert, 2006).
Daraus lässt sich ableiten, dass ein universales Verständnis über die gemeinsame Handlung zwischen den Akteuren existiert und Abweichungen von diesem universalen Verständnis durch das empfinden einer wechselseitigen Verantwortung korrigiert werden. Der Begriff, der kollektiven Intentionalität, setzt demnach nicht nur eine gemeinsame Handlung voraus sondern auch die Kenntnis der Akteure über ihre gemeinsamen Intentionen (Bartman, 1999).
Zentral für die Differenzierung von Kollektivem handeln und Kollektiver Intentionalität ist demnach ob zwei oder mehrere Personen je für sich handeln oder ob sie dies als Zusammenschluss mehrerer Individuen gemeinsam tuen, die gesuchte Gemeinsamkeit liegt demzufolge direkt in der Intentionalität der Handlung, nicht bereits im Verhalten. Verallgemeinert liegt der Unterschied zwischen individuellen und kollektiven Handlungen darin, das erstere einzeln, die letzteren aber gemeinsam intendiert werden, die gemeinsame Intention ist somit Grundbaustein der kollektiven Intentionalität (Searle, 1995).
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung thematisiert die Entstehung kollektiver Intentionalität in sozialen Bewegungen trotz unterschiedlicher individueller Motivationen und legt die Forschungsfrage nach den Prozessen der Formierung dar.
Kollektive Intentionalität: Dieses Kapitel definiert kollektive Intentionalität und grenzt sie von kollektivem Handeln ab, wobei die Bedeutung gemeinsamer Absichten, geteilter Aufmerksamkeit und sozialer Beziehungen hervorgehoben wird.
Soziale Bewegungen: Hier werden soziale Bewegungen als organisierte Kollektive beschrieben, die durch Protest sozialen Wandel anstreben, und ihre Merkmale, Motivationen sowie der Prozess ihrer amorphen und später institutionalisierten Entstehung erläutert.
Das soziale Konstrukt des Protestes: Dieses Kapitel nutzt die Framing Theorie, um Protest als soziale Konstruktion zu erklären, bei der Bewegungen Probleme definieren und ihre Forderungen legitimieren, ergänzt durch die Ressourcenmobilisierungstheorie.
Kollektivität in Protestbewegungen: Der Abschnitt untersucht die Faktoren, die kollektive Handlungen in Protestbewegungen mobilisieren, wie Emotionen, Identitätsstärkung und die Theorien der Rational Choice, des Makro-Mikro-Modells und der Political Opportunity Structure.
Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass kollektive Intentionalität und Identität für soziale Bewegungen unerlässlich sind, um als geschlossenes Subjekt zu agieren, unterstützt durch Organisationsstrukturen, Framing und politische Gelegenheiten.
Schlüsselwörter
Kollektive Intentionalität, Soziale Bewegungen, Protest, Framing Theorie, Ressourcenmobilisierung, Kollektive Identität, Rational Choice Theorie, Politische Gelegenheitsstruktur, Kollektives Handeln, Motivation, Individuelle Intentionen, Soziale Beziehungen, Mobilisierung, Gesellschaftlicher Wandel, Organisationsform.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie soziale Bewegungen, die aus Individuen mit vielfältigen Interessen bestehen, eine gemeinsame kollektive Intentionalität entwickeln und als Einheit agieren können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder sind kollektive Intentionalität, soziale Bewegungen, das soziale Konstrukt des Protests, Framing Theorie, Ressourcenmobilisierung, kollektive Identität und die Rolle politischer Gelegenheitsstrukturen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, zu analysieren, welcher Prozess dazu führt, dass eine auf unterschiedlichen Individuen gründende soziale Bewegung eine kollektive Intentionalität bilden und einem gemeinschaftlichen Zweck folgen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit bedient sich einer konzeptionellen Analyse auf Grundlage philosophischer und soziologischer Forschung, wobei Theorien wie die Rational Choice Theorie, Framing Theorie, Ressourcenmobilisierung und die Political Opportunity Structure herangezogen werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Begriffsdefinitionen und Differenzierung von kollektiver Intentionalität, die Struktur und Entstehung sozialer Bewegungen, die soziale Konstruktion von Protest durch Framing und die Mechanismen der Mobilisierung von Akteuren in Protestbewegungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kollektive Intentionalität, Soziale Bewegungen, Protest, Framing Theorie, Ressourcenmobilisierung, Kollektive Identität, Rational Choice Theorie, Politische Gelegenheitsstruktur, Kollektives Handeln, Motivation.
Wie unterscheidet sich "Kollektive Intentionalität" von "Kollektivem Handeln"?
Kollektives Handeln beschreibt das Ausführen einer bestimmten Aktion durch mehrere Akteure. Kollektive Intentionalität geht darüber hinaus und impliziert eine gemeinsame beabsichtigte Handlung sowie die Kenntnis der Akteure über ihre gemeinsamen Intentionen.
Welche Rolle spielen Emotionen bei der Mobilisierung in Protestbewegungen?
Starke Emotionen wie Angst, Wut, Mitleid und Ungerechtigkeitsempfinden, oft verstärkt durch mediale Inszenierungen, dienen als wichtige Faktoren zur Motivierung von Menschen zur Teilnahme an kollektiven Aktionen.
Inwiefern beeinflusst die "Political Opportunity Structure" das Entstehen Sozialer Bewegungen?
Die Political Opportunity Structure bezieht sich auf externe politische Umfeldbedingungen (z.B. Offenheit des politischen Systems, Stabilität von Eliten), die das kollektive Handeln fördern oder behindern und somit die Mobilisierung und den Erfolg sozialer Bewegungen maßgeblich beeinflussen.
Was versteht man unter dem "Wir-Modus" im Kontext kollektiver Intentionalität?
Der "Wir-Modus" beschreibt eine Haltung, bei der die Einstellungen der Akteure ihre Rolle als Gruppenmitglieder in den Vordergrund stellen, im Gegensatz zum "Ich-Modus", wo persönliche Interessen dominieren.
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- Kolja Bockermann (Author), 2021, Kollektive Intentionalität in sozialen Bewegungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1676590