Unser Körper wird von uns als etwas ganz Natürliches angesehen, was uns von Geburt an gegeben ist und uns unser gesamtes Leben hindurch begleitet. Ebenso wie wir selbst, macht auch der Körper jegliche Veränderungen mit; er wächst, verändert seine Form in gewissem Maße und wird durch Krankheiten mehr oder minder schwer beeinträchtigt. Wir nehmen ihn als selbstverständlich hin, achten vielleicht manchmal ein wenig mehr auf ihn, dann wieder weniger und machen uns doch die meiste Zeit kaum Gedanken über diese Hülle, die uns jeden Tag umgibt und durch die wir Eindrücke aller Art vermittelt bekommen. Meist gehen wir erst dann tiefer in unsere Gedanken über den Körper, wenn wir alt oder krank sind und uns nicht mehr in der glücklichen Lage befinden, die Funktionen des Körpers, welche uns das Leben mitunter sehr erleichtern, in vollem Maße nutzen zu können.
Wie ist es aber um die Menschen bestimmt, die zu fast 100% auf ihren Körper verzichten müssen, der sie zwar noch am Leben hält, aber ansonsten beinahe vollkommen isoliert ist von dem, was uns umgibt? Eine dieser Krankheiten ist das sogenannte Locked-In-Syndrom, kurz LIS, eine Art Komazustand mit dem Unterschied der kompletten Wahrnehmung der Umwelt bei gleichzeitigem Verlust der
Kommunikationsmöglichkeit.
In dieser Arbeit soll es um die Frage gehen, wie ein Leben mit solch einer verheerenden Krankheit aussehen kann und wie das Körperbild von einem der betroffenen Menschen im Vergleich gesehen werden kann zu den Ansichten der Philosophen Platon und Nietzsche, die ihre eigenen, gegeneinander konträren, Vorstellungen von dem Verhältnis zwischen Körper und Seele ausgesprochen haben. Platon glaubte an die Unsterblichkeit der Seele und vertrat eine Lehre der Seelenwanderung. Für ihn ist die Seele unsichtbar, einfach, unzerstörbar und dem Göttlichen ähnlich. Erst nach dem Tod befreit sich die Seele vom Körper und ist so zu wahrer Erkenntnis fähig. 1Während Platon ganz klar die Seele über den Körper stellt und diesen nur als ein Hindernis ansieht, ist es für Nietzsche der Körper, der den Menschen ausmacht und der uns das Leben so vermittelt, wie es ist. Man kann verkürzt sagen, dass wir nach Platon in einem Körper sind, wohingegen wir nach Nietzsche selbst der Körper sind.
Diese beiden Zustände des Selbst hat Jean-Dominique Bauby in seinem Leben gehabt. Ende Dezember 1995 erleidet der erfolgreiche Redakteur einen Gehirnschlag und wird all seiner bisherigen Lebensmöglichkeiten beraubt...
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Platons Sichtweise
3. Nietzsches Sichtweise
4. Fallbeispiel Jean-Dominique Bauby
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis von Körper und Seele im Vergleich zweier gegensätzlicher philosophischer Positionen – Platon und Nietzsche – und reflektiert diese im Kontext eines realen Fallbeispiels einer schweren körperlichen Erkrankung.
- Die platonische Abwertung des Körpers als Hindernis für die geistige Erkenntnis.
- Die nietzscheanische Aufwertung des Leibes als primäre Voraussetzung für das Leben.
- Die Analyse des Locked-In-Syndroms am Beispiel von Jean-Dominique Bauby.
- Die Dialektik von körperlicher Einschränkung und geistiger Selbstbehauptung.
- Die Bedeutung der Einheit von Körper und Seele für eine erfüllte Existenz.
Auszug aus dem Buch
4. Fallbeispiel Jean-Dominique Bauby
Vereinfacht ließe sich sagen, wir haben bis dato zwei gegensätzliche Positionen kennengelernt; die Seele ohne den Körper und der Körper ohne die Seele. Zugespitzt könnte man weiter behaupten, Jean-Dominique Bauby hat beide Zustände in seinem Leben kennengelernt, wobei natürlich zu berücksichtigen ist, dass er zu jeder Zeit auch auf seinen Körper angewiesen war, auch wenn dieser während des Krankheitsverlaufs nur noch eine Art Hülle dargestellt hat.
Bauby erlitt 1995 einen Hirnschlag, infolgedessen er das Locked-In-Syndrom, nachfolgend LIS abgekürzt, inne hatte. Nur wenige Erkrankungen stellen an die psychischen Belastbarkeitsgrenzen eines Menschen so große Anforderungen wie das neurologische Störungsbild Locked-In-Syndrom. Das LIS lässt einem betroffenen Menschen nur noch die Möglichkeit, mit Hilfe vertikaler Blick- und Blinzelbewegungen oder minimaler Bewegungen des Kopfes mit seiner Außenwelt zu kommunizieren, in seltenen Fällen ist selbst dieses Blinzeln nicht mehr möglich. Das heißt, der betroffene Patient ist bei vollständig erhaltenem Bewusstsein völlig bewegungsunfähig, in seinem eigenen Körper eingeschlossen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Hinführung zur Thematik des Körperbildes und Vorstellung der zentralen Fragestellung anhand der gegensätzlichen Ansichten von Platon und Nietzsche sowie des Locked-In-Syndroms.
2. Platons Sichtweise: Darstellung der platonischen Philosophie, welche den Tod und die Trennung von Leib und Seele als notwendige Bedingung für wahre Erkenntnis postuliert.
3. Nietzsches Sichtweise: Analyse der nietzscheanischen Position, die den Leib als das primäre, schaffende Ganze begreift und die Seele lediglich als Teilaspekt des Körpers interpretiert.
4. Fallbeispiel Jean-Dominique Bauby: Untersuchung des Schicksals von Jean-Dominique Bauby, der trotz der totalen körperlichen Lähmung durch das Schreiben eines Buches ein Zeugnis der geistigen Selbstbehauptung ablegte.
5. Fazit: Zusammenfassende Betrachtung, dass für ein gelingendes Leben die Interaktion zwischen Körper und Seele essenziell ist und beide Komponenten nicht isoliert voneinander betrachtet werden sollten.
Schlüsselwörter
Körper-Seele-Problem, Platon, Nietzsche, Locked-In-Syndrom, Jean-Dominique Bauby, Erkenntnistheorie, Leibphilosophie, Übermensch, Phaidon, Also sprach Zarathustra, Selbstbehauptung, Existenz, Dualismus, Geist, Krankheit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser philosophischen Arbeit?
Die Arbeit behandelt das Verhältnis zwischen Körper und Seele und wie dieses durch zwei grundlegend verschiedene philosophische Strömungen bewertet wird.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Konzepte der Antike bei Platon, der Existenzphilosophie bei Nietzsche und die praktische Bewältigung einer extremen physischen Einschränkung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die philosophischen Theorien von Platon und Nietzsche mit den realen Erfahrungen eines Locked-In-Patienten zu vergleichen, um Gemeinsamkeiten und Gegensätze zu identifizieren.
Welche wissenschaftliche Methode findet Anwendung?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftlich-philosophische Analyse, die zentrale Quellentexte der Autoren mit aktuellen Erkenntnissen über ein spezifisches Krankheitsbild verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Interpretation von Platons Phaidon, Nietzsches Also sprach Zarathustra und die detaillierte Betrachtung von Baubys Buch Schmetterling und Taucherglocke.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind Körper-Seele-Problem, Locked-In-Syndrom, Dualismus, Leib und Selbsterkenntnis.
Warum wird das Locked-In-Syndrom als Fallbeispiel gewählt?
Es dient als extremes Beispiel, da der Betroffene zwar geistig voll aktiv ist, aber physisch nahezu vollständig isoliert agieren muss, was die philosophischen Theorien auf eine harte Probe stellt.
Wie unterscheidet sich Platons Sicht von der Nietzsches in Bezug auf den Körper?
Platon betrachtet den Körper als Gefängnis und Hindernis für die Seele, während Nietzsche den Körper als das maßgebliche, "große Vernunft" besitzende Zentrum des Menschen sieht.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor aus dem Beispiel von Bauby?
Der Autor schließt, dass weder die totale Verachtung noch die ausschließliche Fixierung auf den Körper zu einem erfüllten Leben führen, sondern das bewusste Zusammenspiel beider Aspekte notwendig ist.
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- Arne Viecens (Author), 2008, Der Körper - Heil oder Übel unseres Lebens?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167717