Eine Twitter-Nachricht, gesendet am 11. März 2009 um 10:37 Uhr, gilt als eine der ersten öffentlichen Mitteilungen zu einem der tragischsten Ereignisse des Jahres 2009 in Deutschland: An diesem Tag betrat gegen 9:30 Uhr, also nur wenige Minuten bevor jene Nachricht bereits im weltweiten Datennetz erschien, der 17-jährige Tim K. die Albertville-Realschule im kleinen Ort Winnenden in der Nähe von Stuttgart und eröffnete das Feuer. Die traurige Bilanz dieses Tages: 15 Menschen starben, zwei Polizisten erlitten schwere Verletzungen.
Nun verwundert nicht, dass dieses Ereignis wegen der besonderen Schwere der Tat eine große Welle der medialen Berichterstattung nach sich zog. Am 11. März 2009 wurden jedoch auch die Twitter-Server fast sekündlich mit neuen Kurznachrichten zum parallel stattfindenden Amoklauf überschwemmt, wobei auffällig ist, dass sich dabei nicht etwa nur Privatleute an dem Diskurs im Netz beteiligten, sondern auch zahlreiche Journalisten und Vertreter "klassischer" Medien, wie zum Beispiel bekannte Marken deutscher Verlagshäuser oder deren Online-Redaktionen mit von der Partie waren. Dabei unterliefen den selbsternannten wie auch den beruflichen Informationsverbreitern jedoch etliche Fehler, die so nicht hätten passieren dürfen.
Auf jeweils einen absichtlich kurz gehaltenen Überblick über die "Hauptakteure" in dieser Arbeit, den betrachteten Amoklauf selbst, die Rolle der Medien sowie die grundlegende Funktionsweise von Twitter, folgt eine nähere Auseinandersetzung mit den verschiedenen, an jenem Tag geschehenen "Fehltritten", die – nachdem die erste Welle der Berichterstattung über die eigentliche Tat erst einmal abgeklungen war – ein fast ebenso lautes Echo über die erfolgte Berichterstattung selbst nach sich zog. Vor allem die "twitternden" Journalisten sahen sich in diesem Zusammenhang heftiger Kritik ausgesetzt.
Die vorliegende Arbeit soll eine Übersicht über die wichtigsten Beobachtungen zu den Geschehnissen in Winnenden in Zusammenhang mit Twitter liefern, die sich anschließende, öffentliche Empörung nachvollziehbar machen und kann überdies hoffentlich einen ersten Beitrag zu einem Verständnis dieser neuen diskursiven Strukturen im Netz leisten, wie sie uns in Zukunft sicher noch vielfach beschäftigen werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung – Eine neue Form von Journalismus?
2. Über die beteiligten „Akteure“
2.1 Der Amoklauf von Winnenden und die Medien
2.2 Der Internetdienst Twitter
3. „Amok twittern“ – Wie sich der Diskurs parallel zum Geschehen im Internet schrieb
3.1 Die vermeintlichen Augenzeugen zwitschern in Echtzeit
3.2 „@amok“ – Wenn Journalisten Grenzen des guten Geschmacks überschreiten
3.3 Wenn Vögel Enten vermelden – Falschmeldungen in 140 Zeichen
4. Zusammenfassung und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Rolle des Kurznachrichtendienstes Twitter während des Amoklaufs von Winnenden im Jahr 2009 und analysiert dabei kritisch das Verhalten von Journalisten und Medienhäusern im Umgang mit dieser neuen, hochbeschleunigten Form der Echtzeit-Berichterstattung.
- Mediale Berichterstattung unter Zeitdruck bei Großereignissen
- Funktionsweise und Potenzial von Twitter als journalistisches Instrument
- Ethische Grenzen journalistischen Handelns in sozialen Netzwerken
- Die Verbreitung von Falschmeldungen und ungeprüften Informationen
- Das Spannungsfeld zwischen journalistischer Sorgfaltspflicht und Wettbewerbsdruck
Auszug aus dem Buch
3.1 Die vermeintlichen Augenzeugen zwitschern in Echtzeit
‚Tontaube’ gilt gemeinhin als die Erste und Schnellste – aber bei weitem nicht die Einzige – die parallel zum Geschehen „twitterte“. Denn Medienberichten zufolge wurden an diesem Tag beinahe im Sekundentakt Tweets zum Amoklauf veröffentlicht: Pro Minute sollen es ungefähr 50 neue Kurznachrichten gewesen sein. Dabei befand sich die hinter dem Pseudonym ‚tontaube’ steckende Nutzerin selbst gar nicht, wie man meinen könnte, direkt am Tatort, sondern in sicherer Entfernung am Bahnhof von Winnenden. Dennoch ereichten sie schon nach kurzer Zeit Anfragen von Journalisten und Redaktionen, die über den Dienst Augenzeugen zu erreichen versuchten (vgl. Tretbar 2009: o.S.). Dies schien vor allem das Ziel von weit entfernt agierenden Journalisten zu sein, die sich offenbar erhofften, dank Twitter doch noch ganz nah am Geschehen dabei zu sein. Ein Fernsehjournalist aus Dänemark mit dem Pseudonym ‚mobjerg’ etwa gab kurz nach Eintreffen der ersten Agenturmeldungen über den Amoklauf seine Telefonnummer durch – verbunden mit der Bitte um Rückruf, falls man zufällig vor Ort sei.
Auch andere ausländische Medien begaben sich sofort auf Augenzeugensuche im Datennetz, darunter etwa der arabische TV-Sender Al Jazeera oder das US-amerikanische CNN. Letzteres soll nach Angaben von FOCUS Online sogar gleich mindestens drei Mitarbeiter darauf angesetzt haben, den Nachrichtenstrom auf Twitter nach neuen Informationen und möglichen Kontaktleuten abzusuchen (vgl. Laux/von Streit/Marth 2009, o.S.). Die französische Konkurrenz hatte schon früh Erfolg:
„Ein telefonischer Vor-Ort-Bericht der Schwaikheimerin ‚tontaube’ ging schon um 11.30 Uhr beim französischen Auslandskanal ‚France 24’ auf den Sender. ‘Thanks a lot for talking to us live on France 24’, bedankte sich die Redaktion später – freilich via Twitter” (ebd.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung – Eine neue Form von Journalismus?: Das Kapitel führt in die Thematik ein, stellt den Amoklauf von Winnenden als Medienereignis dar und definiert Twitter als zentralen Untersuchungsgegenstand.
2. Über die beteiligten „Akteure“: Es erfolgt eine Zusammenfassung des Tathergangs von Winnenden sowie eine grundlegende Einführung in Funktionsweise und Bedeutung des Micro-Blogging-Dienstes Twitter.
3. „Amok twittern“ – Wie sich der Diskurs parallel zum Geschehen im Internet schrieb: Dieser Abschnitt analysiert das journalistische Fehlverhalten, die Suche nach Quellen im Netz und die problematische Verbreitung von Falschmeldungen während des Ereignisses.
4. Zusammenfassung und Fazit: Die Ergebnisse werden synthetisiert und münden in einer kritischen Reflexion über die Anforderungen an journalistische Sorgfaltspflicht im Zeitalter digitaler Echtzeit-Kommunikation.
Schlüsselwörter
Amoklauf, Winnenden, Twitter, Journalismus, Medienethik, Sorgfaltspflicht, Echtzeit-Berichterstattung, Social Media, Falschmeldungen, Internet, Nachrichtenstrom, Internet-Redaktion, digitale Kommunikation, Pressekodex.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie Medien und Journalisten den Kurznachrichtendienst Twitter während des Amoklaufs von Winnenden 2009 genutzt haben und welche ethischen Herausforderungen sich daraus ergaben.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die Beschleunigung der Nachrichtenverbreitung, das Spannungsfeld zwischen Schnelligkeit und Sorgfalt sowie die Risiken des "Jedermann-Journalismus" für die journalistische Professionalität.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Fehltritte der Berichterstattung nachzuvollziehen und zu verstehen, wie soziale Netzwerke die journalistischen Standards und die Glaubwürdigkeit von Medien in Krisenzeiten beeinflussen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine medienwissenschaftliche Analyse, die auf einer umfassenden Auswertung von Berichten, Quellen und Fallbeispielen aus dem Kontext des Amoklaufs basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Echtzeit-Recherche, den Fehlern der Online-Redaktionen bei der Verifizierung von Informationen und der unkritischen Übernahme von Inhalten aus Twitter.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Winnenden, Twitter, Journalismus, Medienethik, Sorgfaltspflicht, Falschmeldungen und Echtzeit-Berichterstattung.
Warum wurde ausgerechnet der Amoklauf von Winnenden gewählt?
Der Amoklauf gilt als eines der ersten Ereignisse in Deutschland, bei dem Twitter eine zentrale und gleichzeitig hochproblematische Rolle in der journalistischen Berichterstattung einnahm.
Wie bewertet der Autor das Verhalten von Focus Online?
Der Autor kritisiert das Vorgehen von Focus Online scharf, insbesondere die Eröffnung eines Twitter-Accounts mit dem fragwürdigen Namen "amoklauf", was zu heftigem öffentlichen Protest führte.
Was ist das Fazit der Arbeit hinsichtlich der journalistischen Sorgfaltspflicht?
Das Fazit betont, dass der zunehmende Wettbewerbs- und Zeitdruck Journalisten nicht von ihrer Sorgfaltspflicht entbinden darf und dass das Internet in dieser Hinsicht ein Medium ist, dessen Nutzung im journalistischen Kontext gründlicher Überlegung bedarf.
- Quote paper
- Christian Undorf (Author), 2010, "Wildes Gezwitscher" - Über den Amoklauf von Winnenden, den Internetdienst Twitter und die Sorgfaltspflicht von Journalisten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167773