Schöne Brüche und der Bruch des Schönen

Eine Untersuchung zu Rainer Maria Rilkes Drama „Im Frühfrost – Ein Stück Dämmerung“


Bachelorarbeit, 2008
47 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. EINLEITUNG
1.1. Thema und Aufbau der Arbeit
1.2. Forschungsstand zur Dramatik Rilkes und Bruch mit dem Naturalismus
1.3. Methode

SCHÖNE BRÜCHE IN TITEL, MONOLOG UND DIALOG

2. Frühfrost vs. Dämmerung: Die Brüche im Titel
2.1. Der Bruch zwischen Titel und Untertitel
2.2. Zum Verhältnis von Titel und Text
2.3. Wortbedeutung und Metaphorik

3. Die Konzeption Clementines als Figur
3.1. Das Figurenkonzept Clementines
3.2. Der gebrochene Monolog Clementines
3.2.1. „Gut ists so nicht.“ – Zwischen Gut und Böse
3.2.2. Logische Brüche

4. „Ganz zu Ihren Diensten“ – Zur Problematik des Dienens

EXKURS: GERHART HAUPTMANNS „VOR SONNENAUFGANG“

DER BRUCH DES „GÖTTLICH-SCHÖNEN“

5. Vorbetrachtung: Der Schönheits- und Gottesbegriff bei Rilke

6. Symbolik und Verkörperung Gottes
6.1. Das Wirken Gottes als „Baum“ in der Figur Dr. Friedrich Bauer
6.2. Der „göttliche“ Merzen, der „heilige“ Girding und der Turm

7. „Der liebe Herrgott!“ – Der unmoralische Gott
7.1. Gott und sein Orgelspiel
7.2. Gott, die Prostitution und die Ungerechtigkeit

8. SCHLUSS

9. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. EINLEITUNG

1.1. Thema und Aufbau der Arbeit

„R. [Rilke, C.K.] als Dramatiker – das ist ein noch immer wenig beachteter Bereich seines Schaffens, der zudem meist auf die juvenilen Anfänge beschränkt wird. Obgleich er zehn Jahre der Werkbiographie (1894-1904) betrifft und, was R.s Interessen anbelangt, noch darüber hinaus reicht.“[1]

In den zehn Jahren seiner dramatischen Schaffensphase entstehen neben den naturalistischen Dramen (in der Forschung mehrfach als Milieustudien bezeichnet) auch Psychodramen und symbolistische Szenen. Viele von ihnen sind unveröffentlicht geblieben oder verloren gegangen. Nur drei naturalistische Dramen sind zur Aufführung gelangt: Der Frühfrost, die Szene Jetzt und in der Stunde unseres Absterbens (1896) sowie der Zweiakter Das tägliche Leben (1901). Rilkes naturalistische Dramen befassen sich hauptsächlich mit Familienkatastrophen, Zerstörung, sexuellem Missbrauch und Tod. Mit diesen Sujets folgt er den naturalistischen Tendenzen dieser Zeit.

Im September 1895 schreibt Rilke den Frühfrost, überarbeitet ihn ein Jahr darauf vollständig, bevor er 1897 in Prag uraufgeführt wird, zu einer Zeit, in der Rilke selbst schon nicht mehr in Prag ist. Der Frühfrost in der Erstfassung von 1895 ist Thema dieser Arbeit. Er soll auf darin enthaltene Brüche untersucht werden. Als Bruch ist dabei all das zu verstehen, was die Textkohärenz infrage stellt, sozusagen die Brüche, die die Inkompatibilität des Textes ausmachen. Das können Brüche zwischen Gesagtem und Gemeintem sein, Brüche zwischen der Darstellung eines Sachverhaltes und der tatsächlichen Begebenheit sowie Brüche, die sich in ganzen Repliken einer Figur durch ihre Semantik und/oder Syntax äußern. Ferner wird auch die Metapher des Bildes „Bruch“ untersucht. Eine Illustration also, die ein bisher konventionell festgelegtes Bild (in dieser Arbeit das von Gott) zerbrechen lässt. Aber auch stilistische Brüche werden thematisiert. Dazu zählt unter anderem die Frage, ob der Frühfrost wirklich naturalistisch ist, oder ob er mit eben dieser Epoche bereits bricht. Da sich Rilke an anderen Dramatikern seiner Zeit orientiert hat, wird Gerhart Hauptmanns Drama Vor Sonnenaufgang exemplarisch mit dem Frühfrost in Verbindung gesetzt, um eventuelle Brüche auf der intertextuellen Ebene herauszuarbeiten. Unter allen Brüchen konnte auf Grund des Umfangs der Arbeit nur eine spezielle Auswahl getroffen werden. Der Schwerpunkt liegt daher auf den Brüchen, die die Textkohärenz beeinflussen und auf dem metaphorischen Bruch des Bildes von Gott.

Diese Brüche herauszuarbeiten und ihre Verwendung sowie ihr Wirken auf der Ebene der Textkohärenz zu analysieren, ist Ziel dieser Arbeit. Die Analyse dieser Brüche erfolgt größtenteils textimmanent, andere Werke (Briefe und Gedichte) werden nur herangezogen, wenn dies zur Unterstützung meiner Argumentationen von Nöten ist.

Ein weiteres Ziel besteht darin, eine detailliertere Arbeit zum Frühfrost, als es bisher der Fall war, zu liefern. Beim Forschungstand weise ich auf die wenigen bisher erschienenen Untersuchungen hin. Es war mir daher ein besonderes Anliegen, den Frühfrost unter einem speziellen Aspekt, den enthaltenen Brüchen, zu betrachten und die Vielseitigkeit der Analysemöglichkeiten, auch unter Berücksichtigung der frühen Symbolik Rilkes und seiner Beeinflussung durch andere Autoren, zu verdeutlichen.

Diese Arbeit beinhaltet deshalb zwei Schwerpunkte, die durch den Exkurs zu Hauptmanns Drama Vor Sonnenaufgang inhaltlich getrennt sind. Der erste Schwerpunkt behandelt die „schönen“ Brüche, welche sich vor allem beim Titel und im Monolog Clementines zeigen. Der Titel wird auf seine Brüche im Bezug auf sich selbst und zum Dramentext untersucht. Die monologisch gestaltete Replik Clementines steht im Mittelpunkt des Kapitels zur Konzeption dieser Figur und beinhaltet neben zahlreichen logischen Brüchen auch jene, die die Inkohärenz dieser Replik besonders verursachen. Um einen noch zusätzlichen Bruch im Drama zu analysieren, habe ich die Problematik des Dienens mit aufgenommen, die im Drama mehrfach thematisiert wird.

Der Exkurs zu Hauptmann dient, wie bereits erwähnt, der inhaltlichen Trennung beider Themenschwerpunkte und soll den intertextuellen Bruch sowie Gemeinsamkeiten zum Frühfrost verdeutlichen. Dies ist insofern interessant, als Hauptmann in der Forschung mehrfach als Vorbild Rilkes für dieses Drama genannt wird.

Der zweite Schwerpunkt beinhaltet den Bruch des „Schönen“. Dabei habe ich mich nicht auf „das Schöne“ im Allgemeinen bezogen, sondern dies speziell auf das „Göttlich-Schöne“ begrenzt. Gott hat im Werk Rilkes einen besonderen Stellenwert und wird vielfach zu seinem zentralen Thema. Auch in diesem Werk wird er zum Gegenstand des Monologs Clementines und der Beziehung zwischen Girding und Merzen. Hierbei ist die Frage, auf welche Art und Weise Gott dargestellt wird und wie er in seiner Funktion bricht.

Die Einleitung beinhaltet weiterhin den Forschungsstand, in welchem dann der Bruch mit der Epoche des Naturalismus thematisiert wird. Die Ausführung zur Methode dient dann noch der Klärung der von mir verwendeten Begriffe.

1.2. Forschungsstand zur Dramatik Rilkes und Bruch mit dem Naturalismus

„Die Dramatik Rainer Maria Rilkes ist bisher von der Forschung stiefmütterlich behandelt worden.“ So lautet der erste Satz des Artikels Das „tägliche Leben“. Die dramatischen Experimente des jungen Rilke von Ursula Münchow, der 1976 in den Rilke-Studien veröffentlich wurde und bis heute, 2008, an seiner Aktualität nichts eingebüßt hat. Die Beschäftigung mit dem dramatischen Frühwerk Rilkes ist im Gegensatz zu denen mit dem mittleren und Spätwerk sehr überschaubar. Eine eigenständige Monographie zu diesem Thema ist bisher gar nicht vorhanden. Ein Grund dafür wird schon in der Titelgebung von Münchows Artikel deutlich: Man spricht von „Experimenten“. Andere Autoren sprechen vorzugsweise von „Versuchen“. Noch vorsichtiger benennt August Stahl diese Schaffensphase Rilkes: „Eine das Stadium des tastenden Versuchens kaum überschreitende Leistung stellen Rilkes dramatische Schöpfungen dar.“[2] Jede Aussage impliziert jedoch eine gewisse Unvollkommenheit, ein „Ausprobieren“ seitens des Dichters.

Münchow versucht in ihrer Arbeit einen Überblick über die dramatische Schaffensphase Rilkes zu geben und thematisiert, mal mehr, mal weniger ausführlich, die wichtigsten, erhalten gebliebenen, seiner Dramen.

Unter dem Aspekt der Kindheitserfahrungen analysiert Stefan Schank in seiner Dissertation Kindheitserfahrungen im Werk Rainer Maria Rilkes: eine biographisch-literaturwissenschaftliche Studie von 1995 neben der Lyrik und den Prosatexten auch die frühen Dramen Rilkes. Dabei bleibt er aber im Rahmen seiner Studie und geht nicht auf andere Thematiken, die Dramen betreffend, ein. Peter Demetz widmet in seinem 1953 erschienen Buch René Rilkes Prager Jahre ein Kapitel den „dramatischen Versuchen“ Rilkes und macht besonders auf dessen Stil und die Einflüsse anderer Autoren aufmerksam. Er weist zudem, wie auch Münchow, auf den Bruch Rilkes mit der naturalistischen Literatur und seiner Weiterentwicklung zum Lyriker und Symbolist hin. Auch Eudo C. Masons Arbeit Rainer Maria Rilke: sein Leben und sein Werk von 1964 muss hier genannt, welche die Phase der Dramenentstehung kurz erläutert und auf die Nähe des Frühfrosts zu Hauptmanns Dramen aufmerksam macht. Zuletzt wären hier noch die Arbeit Howard Romans Rilke’s Dramas - An annotated list von 1943 und August Stahls Kommentar von 1979 zu erwähnen. Roman betont die Struktur und Motivik des Dramas und verweist auch auf die Wertigkeit der Frau in Rilkes späterem Werk. Der Kommentar Stahls nennt Themen, Forschungsansätze und sämtliche bekannte Daten aller dramatischen Werke Rilkes und verweist auf Einflüsse, Hintergründe und Intertexte seiner Dramen.

Die Forschung hat sich auch mit der naturalistischen Schaffensphase Rilkes auseinandergesetzt, in welcher u.a. der Frühfrost entstanden ist. Sigfrid Höfert nennt in seinem Buch Das Drama des Naturalismus viele verschiedene Dramen dieser Epoche und bezieht auch Rilke mit ein: „Auch zum Frühwerk Rainer Maria Rilkes (1875–1926) gehören einige dramatische Versuche, in denen er den naturalistischen Prinzipien huldigt.“[3] Hoeferts Aussage erscheint bei näherer Betrachtung der naturalistischen Dramen Rilkes und des Frühfrosts im Besonderen zu absolut. Zwar versucht Rilke den „großen“ Naturalisten wie Hauptmann und Ibsen nachzueifern, findet aber schon sehr früh seine eigene Richtung. Deutlich werden symbolistische und lyrische Züge im Frühfrost, was letztendlich dazu führt, dass bereits dieses Drama an einigen Stellen mit der Epoche des Naturalismus bricht.

Um diesen epochalen Bruch zu veranschaulichen, sollen an dieser Stelle die von Günther Mahal in seiner Studie zum Naturalismus[4] getroffenen Aussagen mit aufgenommen werden. Mahal hält fest, dass besonders die Mitgefühl erregenden „Darstellungen von Bettlern, Selbstmördern oder Dirnen“[5] verbreitet waren. Der Frühfrost nimmt alle drei Darstellungen mit auf, fast so, als wolle er dem Naturalismus hinsichtlich seiner Anti-Helden vollends gerecht werden. Das Betteln findet sich in Girdings Verhalten Merzen gegenüber wieder; Girding ist es auch, der am Ende aus Verzweiflung Selbstmord begeht und Eva wird durch den Willen ihrer Mutter zur Dirne.

Im Folgenden sei Mahals Aussage zur Figurenkonzeption in naturalistischen Erzählungen ausführlich zitiert, da diese sich wie eine Beschreibung der Figuren im Frühfrost liest:

„Die Zentralfiguren […] waren meist äußerst labile Charaktere, prinzipiell allen Einflüssen zugänglich, oft jedoch nur den schlechten konfrontiert und diesen bald erlegen: selbst unschlüssig, lebensuntüchtig, auf materiellen Vorteil bedacht, keiner Versuchung widerstehend. So mußte ihre biographische Bahn meist ein Abgleiten bedeuten in widerlichen Zynismus und Egoismus, eine Bahn, die sie selbst mit monomanischer Selbstzergliederung begleiten, schwankend zwischen grenzenloser Selbstverachtung und dem hybriden Wunsch, alles dominieren und kalkulieren zu können […].“[6]

Dieser Darstellung zufolge orientiert sich der Dramentext bei seiner Figurenkonzeption (mit Ausnahme von Clementine, wie im Kapitel 3.1 noch gezeigt wird) streng an den naturalistischen Vorgaben bzw. Idealen. Im Hinblick auf die Gattung des Dramas, speziell dem naturalistischen Dramenaufbau, wie ihn Mahal beschreibt, ist diese Orientierung nicht mehr vorhanden. Mahal hält fest, dass „[e]inführende Exposition und ein Ende mit abschließender ‚Lösung‘ oder ‚Katastrophe‘ […] keinen Platz haben [konnte].“[7] Schon die Gliederung des Frühfrosts in drei Vorgänge lässt einen „klassischen“ Dramenaufbau erahnen; Exposition, Höhepunkt und Katastrophe sind ebenfalls vorhanden. Dafür handelt Rilke mit seinen Regieanweisungen und Personenbeschreibungen wieder ganz im Sinne des Naturalismus, die, so Mahal, „[e]pisch breit“[8] sind.

Auch bei der Sprache orientiert sich der Frühfrost durch die „dogmatische Nachahmung alltäglicher Sprechweise“[9] am Naturalismus. Er arbeitet mit unzähligen Punkten, Gedankenstrichen und Dialekt.[10] Allerdings erscheint es beim Dialekt fraglich, ob es sich um einen „wirklich“ gesprochenen Dialekt handelt, oder eher um eine von Rilke selbst erschaffene Form, was somit dem Kriterium des naturalistischen widersprechen würde. Diese Tatsache spricht vor allem Demetz in seiner Arbeit über die Prager Zeit Rilkes an, bezieht sich dabei jedoch auf den Einakter Jetzt und in der Stunde unseres Absterbens, der sprachlich aber teilweise große Ähnlichkeit mit dem Frühfrost hat: „René […] gebraucht ein halb Wiener, halb Prager Idiom, dem jenseits der Bühne keine Wirklichkeit entspricht […].“[11]

Mahal spricht noch ein weiteres naturalistisches sprachliches Kriterium an, welches der Frühfrost nicht erfüllt: „Die mimetische Reproduktion der Alltagssprache, welche die Naturalisten als Novum in die deutsche Literatur einführen, stellt einen radikalen Bruch mit der bisherigen Dichtungssprache dar: angestrebt ist eine Form der Redeweise, die sich alles Poetischen, alles Fiktionalen im herkömmlichen Sinn enthält […].“[12] Um den Bruch mit diesem Kriterium und abschließend auch mit dem Naturalismus zu verdeutlichen, sei hier noch einmal Demetz zitiert: „Gegen Renés eigenen Willen wächst der dramatische Versuch ‚Frühfrost‘ über das naturalistische Drama hinaus. Zwischen die dogmatische Nachahmung alltäglicher Sprechweise […] sind lyrische Bruchstücke hoher Intensität eingesprengt. In diesen Gefühlseruptionen findet der Lyriker René zu sich selbst zurück. Hier erfüllt sich der Mechanismus des naturalistischen Dramas: seine Höhepunkte sind lyrisch; dort, wo der Sekundenstil seelische Vorgänge zu erfassen sucht, verwandelt er sich in psychologischen Pointilismus und schlägt in eine höhere Qualität, in den Impressionismus um.“[13]

Zur bisherigen Forschung bleibt noch zu sagen, dass Rilkes Frühwerk und seine Dramen hauptsächlich autorperspektivisch behandelt wurden. Der Frühfrost wird als sozialkritisches Experiment mit der naturalistischen Epoche betrachtet, die dramatis personae mit Personen aus seinem familiären Umfeld in Verbindung gesetzt oder Parallelen zu seinem eigenen Wesen/Charakter gezogen. Wird die Autorperspektive nicht thematisiert, so beschränken sich die Untersuchungen auf die Zuordnung des Schreibstils zu literarischen Epochen jener Zeit. Eine textimmanente Untersuchung fehlt bisher. Diese Arbeit setzt daher an dieser Stelle an.

1.3. Methode

Bei dieser Projektarbeit handelt es sich um eine literaturwissenschaftliche Arbeit, welche die zu Beginn genannten Brüche hauptsächlich – den Hauptmann-Exkurs nicht mitgezählt – textimmanent analysiert. Um meine Argumentation an bestimmten Stellen nachvollziehbar zu machen und zu unterstützen, sowie autorspezifische Begriffe („Schönheit“, „Gott“) zu klären, werde ich das spätere lyrische Werk Rilkes hinzuziehen. Die Arbeit selbst leistet dennoch keine Einordnung in das Gesamtwerk des Autors.

Ein wesentlicher Bestandteil dieser Arbeit und besonders des ersten Themenbereiches ist die Gott und Gesellschaft kritisierende Replik Clementines im zweiten Vorgang des Dramas. Die Forschung bezeichnet diese Replik als Monolog und ich übernehme den Begriff für diese Arbeit. Deshalb ist es notwendig, auf die formalen Grundlagen dieses Begriffs zu schauen und der Frage nachzugehen, ob es sich bei der Replik Clementines wirklich um einen „klassischen“ Monolog handelt, oder hier Abstufungen notwendig sind. Aber auch die Problematik des Naturalismus soll noch einmal kurz aufgegriffen werden, um die Stellung des Monologs in dieser literarischen Epoche zu verdeutlichen.

Eine grundlegende Arbeit zur Dramentheorie und somit auch zum Monolog und Dialog hat Manfred Pfister verfasst. Im Folgenden werde ich deshalb mit den von ihm verwendeten Termini arbeiten. Da die Replik Clementines Teil des Dialogs zwischen ihr und ihrer Tochter Eva ist, muss man von einer Monologisierung des Dialogs ausgehen. Welche Kriterien diese Tatsache verdeutlichen, zeigt eine Bestimmung des Begriffs „Dialog“. Nach Pfister handelt es sich um einen Dialog, wenn die Dialogpartner „zueinander in einem Verhältnis der Polarität und Spannung stehen, in ihren Repliken ständig aufeinander Bezug nehmen und aufgrund prinzipieller Gleichberechtigung einander jederzeit unterbrechen können, so daß sich eine ausgewogene quantitative Relation ihrer Repliken ergibt […].“[14] Eine Monologisierung findet folglich dann statt, wenn diese Kriterien nicht mehr erfüllt werden. Ganz eindeutig ist im Frühfrost die überwiegende Länge der Repliken Clementines gegenüber denen Evas. Noch deutlicher wird dies, wenn man auf die Länge der Repliken Evas nach dem Monolog ihrer Mutter schaut. Auffällig dabei ist das, was Pfister als „gestörte[n] Kanal“[15] bezeichnet: der/die Dialogpartner sind „physisch oder psychisch kommunikationsunfähig oder- unwillig“[16]. Bei Eva wird diese Unfähigkeit in den Regieanweisungen verdeutlicht: „Eva gehorcht zögernd und gebrochen. / Eva horcht atemlos. / Eva starrt die Mutter mit verständnislosen, blöden Augen an.“[17]

Die Länge der Repliken Clementines bestätigen ein weiteres Kriterium: „die Auflösung der Gleichberechtigung und damit die DOMINANZ EINER FIGUR [führt] zu einer Monologisierung […].“[18] Clementine ist nicht nur durch ihren Charakter dominant, sondern auch in ihrem Sprechanteil. Ein mögliches Unterbrechen Evas, wie beim Dialog üblich, ist hier undenkbar. Deshalb kommt es auch in Clementines Rede zu keiner „semantischen Richtungsänderung“.[19] Ihre monologische Rede zielt einzig und allein darauf ab ihre Tochter zur Prostitution zu überreden. Ein Abwiegen des Für und Wider im Dialog mit Eva ist nicht vorhanden und gleichfalls auch nicht vorgesehen.

Es wurde bereits beim Forschungsstand die Problematik des Frühfrosts als naturalistisches Drama behandelt, dabei aber die Beziehung von Monolog und Naturalismus ausgelassen. Pfister weist darauf hin, dass ein „längeres Sprechen mit sich selbst als pathologische Abweichung bewertet wird […]“[20], was heißt, dass ein Monolog, wie er bei Clementine zu finden ist, in der Realität nicht vorkommt. Zwar muss man einräumen, dass Clementine nicht mit sich selbst spricht, eine Ansprache ihrer Tochter erfolgt aber nur in geringem Maße und setzt auch keine Antwort voraus. Ähnlich verhält es sich mit den Repliken Evas[21], als sie Bauer von ihrer Vergangenheit berichtet. Sie spricht vielmehr zu sich selbst und versucht sich selbst den „Frühfrost“ zu erklären, als ihrem Dialogpartner Bauer. Es handelt sich demnach sowohl bei Clementine als auch bei Eva um konventionell stark monologhaftes Sprechen, das seine „Rechtfertigung nicht aus einem mimetischen Wirklichkeitsbezug [bezieht].“[22] Gerade aber der mimetische Wirklichkeitsbezug ist das, was den Naturalismus kennzeichnet. Pfister schreibt dazu: „Im Rahmen einer realistischen und naturalistischen Ästhetik muß dann jedoch der Monolog als Konvention völlig fallen und wird nun auch explizit poetologisch abgelehnt.“[23] Rilkes Monologe im Frühfrost verweisen erneut auf einen Bruch mit dem Naturalismus, da sie nach den genannten Kriterien nicht motiviert sind, sondern eindeutig auf Konvention beruhen. Inwieweit die Figurenrede Clementines noch bricht, soll dann in der Arbeit ausführlich betrachtet werden.

Während der Monolog Clementines im Zentrum der „Schönen Brüche“ steht, ist es der „Schönheits- und Gottesbegriff“, der grundlegend für den „Bruch des Schönen“ ist. Daher wird im Kapitel 5 der Versuch unternommen, diese Begriffe anhand Rilkes Verwendung und Darstellung in seinem Werk einzugrenzen, um den Titel dieser Arbeit sowie die Begriffsanwendung im Themenabschnitt zum Bruch des „Göttlich-Schönen“ zu erläutern. Da sich diese Begriffe im Gesamtwerk Rilkes auf unterschiedlichste Weise gestalten, ist diese Begriffseingrenzung nur auf den Frühfrost anwendbar. Es handelt sich außerdem um eine poetologische Untersuchung.

SCHÖNE BRÜCHE IN TITEL, MONOLOG UND DIALOG

2. Frühfrost vs. Dämmerung: Die Brüche im Titel

Der seit der Neuzeit zum wichtigen Bestandteil eines literarischen Werks gewordene Titel muss auch in diesem Drama Rilkes näher untersucht werden. Der Titel hat im Allgemeinen insbesondere appellative Funktion, da er beim Leser Erwartungen über den betitelten Text wecken soll. Aber auch die poetische Funktion kann vom Titel durch den Einsatz stilistischer Mittel, wie der Metapher, erfüllt werden.[24] Dennoch gestalten sich bei Rilke diese Aspekte etwas komplizierter, finden sich doch bereits schon dort die ersten Brüche im Verhältnis von Titel und Untertitel und dem Gesamttitel zum Drameninhalt.

2.1. Der Bruch zwischen Titel und Untertitel

Die Beziehung, in der Titel und Untertitel in Rilkes naturalistischem Drama stehen, erschließt sich für den Leser – wenn überhaupt – erst an dessen Ende. Dass Rilke weder mit „Frühfrost“ noch mit „Dämmerung“ die eigentliche (denotative) Bedeutung meint, scheint hingegen schon zu Beginn eindeutig. Folglich verlassen beide Titel die metaphorische Ebene nicht. Die Unterschiedlichkeit beider Begriffe – der Frühfrost als nicht allzu häufig anzutreffender meteorologischer Zustand und die Dämmerung als alltäglicher Vorgang – sowie deren Beziehung zueinander und zum Drama führen zum ersten Bruch.

Titel und Untertitel stehen in keinem klaren Verhältnis zueinander. Der Untertitel wird hier nicht als Ergänzung des Titels eingesetzt. Sinnvoller erscheint es deshalb, vor allem in ihrem Bezug zum Drama, beide als eigenständige Titel zu betrachten. Das Verhältnis der zeitlichen Attribute beider Titel wird u.a. in den nachfolgenden Kapiteln separat untersucht.

2.2. Zum Verhältnis von Titel und Text

„Kein Satz ist mit rein sprachlichen Mitteln auf einen fixen Sinn festlegbar, denn es gibt keine stabile Korrespondenz zwischen Bedeutung und Sinn – ein und derselbe Wortlaut kann, je nach Verwendungssituation, unterschiedlichen Sinn tragen.“[25] Martinez formuliert hier die Auffassung Bachtins zur sprachlichen Kommunikation. Diese Aussage bezieht sich sowohl auf mündliche als auch schriftliche Äußerungen, somit auf den Kommunikationsprozess von „Sender zu Empfänger“ oder auch „Text zu Rezipient“.

Auch im Hinblick auf den bzw. die Titel des Dramas lässt sich die Aussage Martinez‘ anwenden. Die „Korrespondenz zwischen Bedeutung und Sinn“ ist instabil, da es sich um eine metaphorische Lesart handelt. Wichtiger noch erscheint mir aber an dieser Stelle der Aspekt der Verwendungssituation. Dass „ein und derselbe Wortlaut […] unterschiedlichen Sinn tragen“ kann, je nachdem, worauf er sich bezieht, ist im Frühfrost besonders deutlich. „Im Frühfrost“ ist der (Haupt-)Titel des Dramas. Wie schon erwähnt, ist dieser ein Zustand. Dass sich die handelnden Figuren, oder zumindest eine Figur, in diesem Zustand befinden (sollen), zeigt die Präposition „Im“. „Ein Stück Dämmerung“ lautet der Zusatz oder auch Untertitel und beschreibt einen Vorgang (oder besser gesagt einen Teil des Vorgangs, denn es dämmert angeblich nur ein „Stück“). Für die Textkohärenz wäre es zweckmäßig, diesen Untertitel als eigenständig zu betrachten. Beide Titel beziehen sich auf Verschiedenes im Drama. „Im Frühfrost“ beschreibt Evas Gemütszustand, wenn man etwas weitergehen will sogar die ganze Atmosphäre des Dramas, die besonders durch Clementine immer etwas unterkühlt, sprich „frostig“, wirkt. „Dämmerung“ bezeichnet den Verlauf des Dramas. Hierbei spielt die Verwendungssituation eine bedeutende Rolle. Bei dem Versuch, den „Frühfrost“ auf den Verlauf des Dramas zu beziehen und die „Dämmerung“ auf den inneren Zustand Evas, zeigt sich deutlich der Bruch, der zwischen beiden Titeln herrscht. Eine separate Verwendung der Titel bezüglich des Dramas erscheint daher sinnvoll. Eine Änderung der Verwendungssituation würde zu einem weiteren Bruch führen: dem im Verständnis, da keine Analogie zwischen Metaphorik und Zustand oder Vorgang hergestellt werden kann.

[...]


[1] Ritzer, Monika: Dramatische Dichtungen. In: Manfred Engel (Hg.): Rilke Handbuch: Leben-Werk-Wirkung. Stuttgart [u.a.]: Metzler, 2004. S.264.

[2] Stahl, August: Rilke Kommentar. Zu den Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, zur erzählerischen Prosa, zu den essayistischen Schriften und zum dramatischen Werk. München: Winkler, 1979. S.16.

[3] Hoefert, Sigfrid: Das Drama des Naturalismus. Stuttgart [u.a.]: Metzler, 41993. S.88.

[4] Mahal, Günther: Naturalismus. München: Fink, 21990.

[5] Mahal: Naturalismus. S.92.

[6] Mahal, S.93.

[7] Ebd. S.94.

[8] Ebd.

[9] Demetz, Peter: René Rilkes Prager Jahre. Düsseldorf: Eugen Diederichs, 1953. S.184.

[10] Vergleiche zur Sprache des Naturalismus das Kapitel 11.5.2 bei Günther Mahal.

[11] Demetz, Peter: René Rilkes Prager Jahre, S.179. Gegensätzlich ist jedoch die Argumentation Münchows zur Sprachverwendung im Frühfrost: „Die Sprache der handelnden Personen ist differenziert und mehr oder weniger süddeutschem bzw. österreichischem Jargon oder gehobener Umgangssprache angepasst. Die Alltagssprache wird syntaktisch genau nachgeahmt. Der Autor verwendet nur angefangene Sätze, Stammeln und Wiederholungen sind häufig zu finden.“ Münchow, Ursula: Das „tägliche Leben“. Die dramatischen Experimente des jungen Rilke. In: Bauer, Edda (Hg.): Rilke-Studien: Zu Werk und Wirkungsgeschichte. Berlin und Weimar: Aufbau Verlag, 1976. S.17.

[12] Mahal, S.96.

[13] Peter Demetz, S.184f. Diese Aussage Demetz‘ findet sich inhaltlich auch bei Ursula Münchow wieder: „Doch haben sich Lyrismen eingeschlichen, die […] aus dem Rahmen des naturalistischen Milieustücks hinausfallen. Das trifft besonders auf die Liebesszenen zwischen Eva und Bauer zu.“ Ursula Münchow, S.17.

[14] Pfister, Manfred: Das Drama: Theorie und Analyse. München: Fink, 71992. S.182.

[15] Ebd., S.183.

[16] Pfister, S.183.

[17] Rilke, Rainer Maria: Sämtliche Werke, hg. von Rilke-Archiv in Verbindung mit Ruth Sieber-Rilke, besorgt von Ernst Zinn. Wiesbaden/Frankfurt a.M.: Insel, 1975, S.760. Im Weiteren abgekürzt durch SW.

[18] Pfister, S.184.

[19] Ebd.

[20] Ebd., S.186.

[21] Auch diese Repliken Evas kann man als stark monologhaft bezeichnen. Pfister spricht zur Konvention des Monologs zudem die Eigenschaft an, „Informationen über die Vorgeschichte oder über Handlungsabsichten zu übermitteln […]“. (Pfister, S.186.) Den Repliken Evas wird genau diese Aufgabe zuteil, ihre Rede kann somit als konventioneller Monolog betrachtet werden.

[22] Pfister, S.186.

[23] Pfister, S.187. Umso interessanter erscheint dann die Aussage Mahals, dass die Dialoge im Naturalismus oft zu einer „Aneinanderreihung von Monologen tendieren […]“. Mahal, S.98.

[24] Vergleiche zur Definition des Titel den gleichnamigen Artikel in: Dieter Burdorf [u.a.]: Metzler Lexikon Literatur: Begriffe und Definitionen. Stuttgart [u.a.]: Metzler, 2007, S.771f.

[25] Martinez, Matias : Dialogizität, Intertextualität, Gedächtnis, in: Heinz L. Arnold/Heinrich Detering (Hg.): Grundzüge der Literaturwissenschaft. München: DTV, 62003, S.430.

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Schöne Brüche und der Bruch des Schönen
Untertitel
Eine Untersuchung zu Rainer Maria Rilkes Drama „Im Frühfrost – Ein Stück Dämmerung“
Hochschule
Universität Erfurt
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
47
Katalognummer
V167902
ISBN (eBook)
9783640848133
ISBN (Buch)
9783640843657
Dateigröße
818 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Drama, Rilke, Frühfrost
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Christiane Köppe (Autor), 2008, Schöne Brüche und der Bruch des Schönen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167902

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