Der qualitative Forschungsprozess als Herausforderung für Forschenden und Forschungssubjekt.

Die Position von Forschendem und Forschungssubjekt und deren Verhältnis in der qualitativen Sozialforschung.


Bachelorarbeit, 2009

68 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. EINLEITUNG

II. GRUNDLEGENDE ASPEKTE ZUR QUALITATIVEN SOZIALFORSCHUNG
II.1 Grundbegriffe
II.2 Geschichtliche Grundzüge
II.3 Das Forschungssubjekt im qualitativen Paradigma
II.4 Erkenntnisabsicht
II.5 Methodologie - Reflexivität von Gegenstand und Analyse
II.6 Das Verhältnis von Forschendem und Forschungssubjekt

III. GRUNDLEGENDE ASPEKTE IM KONTEXT VON FORSCHENDEM UND FORSCHUNGSSUBJEKT UND DEREN VERHÄLTNIS
III.1 Aspekte im Kontext des qualitativen Sozialforschers
III.1.1 Der schmale Grad des Forschenden
III.1.2 Unabhängigkeit des Forschenden vs. notwendige Offenlegung
III.1.3 Das Moderatorenverhalten als Untersuchungsvariable
III.2 Das Forschungssubjekt als unstetes Element im qualitativen Forschungsprozess
III.3 Methodologische Aspekte im Kontext von Forschungssubjekt und Forschendem
III.3.1 Standardisiertes/ strukturiertes vs. offenes/ flexibles Vorgehen des Moderators
III.3.2 Methodische vs. inhaltliche Kompetenz des Moderators
III.3.3 Das Engagement des Moderators während der Datengenese

IV. SCHLUSS

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Anhang

I. Einleitung

Diese Arbeit befasst sich mit dem Bereich der qualitativen Sozialforschung. Genauer soll es auf den folgenden Seiten darum gehen, wichtige Aspekte im Kontext der in den Forschungsprozess involvierten Parteien - Forschender und Forschungssubjekt - zu diskutieren. Ein besonderes Augenmerk gilt hier dem Prozess der Datengenese. Es ist das Anliegen dieser Erörterungen, jene Chancen und Herausforderungen für den Forschungsprozess darzulegen und zu diskutieren, die mit diesen Rollen unmittelbar einhergehen. Als konkretes Beispiel fungiert dabei eine durch den Autor geplante und durchgeführte Gruppendiskussion an einem Bielefelder Gymnasium. Aufbauend auf diesen Erfahrungen soll bei den folgenden Ausführungen von einer Personalunion zwischen Forschendem und Durchführendem ausgegangen werden.

Die Motivation für die Redaktion dieser Arbeit ist im ambivalenten Charakter des qualitativen Forschungsprozesses selbst zu suchen. So erfordert sowohl die qualitative Datenerhebungs- als auch Auswertungsphase ein Höchstmaß an Sensibilität und Reflexion seitens des Forschenden. Einerseits liegt dies in der Tatsache begründet, dass es sich bei Sozialforschung um Forschung am menschlichen Individuum handelt. Hinzu kommt, dass gerade im Rahmen des qualitativen Paradigmas „die Annäherung an die soziale Realität mit Hilfe offener Verfahren erfolgt“ (Hopf 1984, S.14). Folglich kann sich ein stark strukturiertes Vorgehen des Forschenden einengend auf den qualitativen Ergebnishorizont auswirken. Dennoch handelt es sich um wissenschaftliche Forschung, was eine gewisse Orientierung an vorgefassten Zielen und fest strukturierten Erkenntnisabsichten unabdingbar macht. Es ist die Forderung einer solchen Balance zwischen der einerseits offenen und subjektbezogenen, andererseits an vorgefassten Zielen orientierten Vorgehensweise des Forschenden, welche die Relevanz einer Diskussion dieser Rolle aufzeigt. Da es sich bei qualitativer Sozialforschung stets um einen wechselseitigen Prozess handelt, erscheint eine Thematisierung der Rolle des Forschungssubjekts nicht minder wichtig. Denn so ist in diesem Zusammenhang anzumerken, dass im „Verständnis qualitativer Forschung [ist] die soziale Wirklichkeit kommunikativ bedingt“ (Mayer 2006, S. 22) ist.

Um eine übersichtliche Erarbeitung der Thematik zu gewährleisten, empfiehlt sich eine Untergliederung in drei Kapitel. So soll es einleitend darum gehen, einige theoretische Grundlagen der qualitativen Sozialforschung zu erörtern. In diesem Zusammenhang erhält die Definition grundlegender Begriffe Priorität. Darauf folgt die Skizzierung elementarer geschichtlicher Grundzüge der qualitativen Sozialforschung - und hier besonders des Gruppendiskussionsverfahrens. Anschließend geht es darum, einige grundlegende Aspekte über das Forschungssubjekt im Rahmen des qualitativen Paradigmas anzuführen. Dies begründet sich insofern, als jene Rolle einer spezifischen Rezeption seitens des Forschenden bedarf, welche sich in ihren Wesenszügen begründet und - sozusagen als vorgegebenes Postulat1 - Auswirkungen auf den Forschenden und den Forschungsprozess hat. Dem schließt sich die Erörterung der theoretischen Erkenntnisabsicht an. Darauffolgend sollen einige Ausführungen zur Reflexivität von Gegenstand und Analyse als grundlegendes methodologisches Element des qualitativen Paradigmas folgen. Das Kapitel schließt mit der Diskussion elementarer Grundzüge des Forscher-Forschungssubjekt-Verhältnisses.

Aufbauend auf diesen grundlegenden Elementen dient das zweite Kapitel der Erörterung weiterführender Aspekte, welche die Rolle des Forschenden, jene des Forschungssubjekts, sowie deren Verhältnis betreffen. Hierbei empfiehlt sich eine Aufteilung in vier thematische Bereiche.

Das erste Unterkapitel befasst sich speziell mit solchen Aspekten, welche die Rolle des Forschenden thematisieren. Neben einigen Anführungen zum schmalen Grad, auf dem sich dieser während der Datenerhebungsphase bewegt, gilt es zu klären, inwieweit der Forschende bei den Investigationen unabhängig ist und über eigene Entscheidungsfreiheit verfügt, ohne dabei in Konflikt mit dem Prinzip der wissenschaftlichen Redlichkeit und der daraus resultierenden methodischen und thematischen Offenlegung zu kommen. Besonders im Hinblick auf den Einfluss dieser Rolle scheinen einige Erörterungen zum Forscherverhalten als Untersuchungsvariable letztlich unabdingbar.

Das folgende Unterkapitel befasst sich mit der Erörterung relevanter Aspekte hinsichtlich des Forschungssubjekts. Ein Kernelement dieser Erörterungen wird es sein, dessen unsteten Charakter innerhalb der Datenerhebungsphase qualitativer Sozialforschung herauszuarbeiten. Auch erscheint es in diesem Kontext als sinnvoll, den Faktor der Gruppenzusammensetzung als einflussreiches Moment hinsichtlich der qualitativen Datengenese zu betrachten, welches einer methodisch adäquaten Agitation des Forschenden bedarf.

Die anschließende Sektion dient der Thematisierung viel diskutierter methodologischer Aspekte im Kontext von Forschendem und Forschungssubjekt. Hier geht es um die Erörterung des bereits dargelegten Konflikts seitens der Rolle des Forschenden, innerhalb der Datengenese eine Balance zu finden zwischen standardisiertem und strukturiertem Vorgehen im Sinne der vorgefertigten Erkenntnisabsicht, sowie offener und flexibler Agitation zur Gewährleistung eines maximalen Erkenntnisgewinns. Ebenso gilt es hier zu klären, inwieweit ein Moderator methodologisch, inwieweit er inhaltlich versiert sein sollte. Thematisch läuft dies auf einen weiteren Aspekt hinaus, die Frage nach einem adäquaten Maß an Engagement des Moderators im Rahmen einer Gruppendiskussion.

Das dritte Kapitel befasst sich mit einigen zusammenfassenden Schlussbemerkungen. An dieser Stelle soll es gelingen, aufgrund der Erörterungen aus den vorhergehenden Kapiteln zur Beantwortung der Kernfrage zu gelangen. Diese möchte ich wie folgt formulieren:

Was sind die Aufgaben von Forschendem und Forschungssubjekt im Bereich der qualitativen Datengenese und wie äußern sich diese in ihrer jeweiligen Rolle, dem damit verbundenen Status und ihrem Verhältnis zueinander?

II. Grundlegende Aspekte zur qualitativen Sozialforschung

II.1 Grundbegriffe

Die Erörterung elementarer Begrifflichkeiten dient als Grundlage für weitere Ausführungen. In diesem Zusammenhang soll zunächst auf den Begriff der qualitativen Sozialforschung per se eingegangen werden. Dem folgt die Thematisierung wesentlicher Grundzüge (und somit Grundbegriffe) des qualitativen Forschungsprozesses. In diesem Rahmen soll auch Bezug auf das Gruppendiskussionsverfahren genommen werden, jene spezifische Methode der qualitativen Datengenese, welche im Rahmen dieser Arbeit oftmals der praktischen Veranschaulichung theoretischer Gedanken dient.

Bei qualitativer Sozialforschung handelt es sich um jenen Bereich der Sozialforschung, der sich mit der Analyse und Interpretation qualitativer Daten beschäftigt, also solcher, die „soziale Gegenstände der Forschung auf eine wissenschaftliche Weise so beschreiben, dass sie die dem Gegenstand eigenen Verhältnisse, besonders deren Bedeutung, Struktur und Veränderung erfassen“ (Heinze 2001, S. 12). Eine wichtige Eigenschaft des qualitativen Forschungsprozesses ist die induktive Vorgehensweise des Forschenden. Anders als im quantitativen Forschungsparadigma geht es hier also nicht darum, „die Wirklichkeit mit aus Theorien deduktiv abgeleiteten Hypothesen zu konfrontieren, sondern es gilt, Theorien aus empirischen Untersuchungen heraus zu entwickeln“ (Mayer 2006, S.23). Dieser Aspekt betont die Verlagerung des Forschereinflusses auf die Phase der Datengenese. In der Praxis macht sich dies durchaus bemerkbar. So kann der Moderator einer Gruppendiskussion während der Datengenese mit seiner Agitation definitiv mehr Einfluss auf die Forschungsergebnisse ausüben als ein quantitativer Forscher, der während der Datenerhebungsphase passiv auf die Bearbeitung seines standardisierten Fragebogens wartet.

Der qualitative Forschungsprozess besteht - oberflächlich betrachtet2 - aus drei Kernphasen: Datengenese - Datenaufbereitung - Datenauswertung. Im Kontext der Datengenese nennt Heinze diverse qualitative Methoden wie die Beobachtung, das Experiment, die Befragung oder die Textanalyse. Auch weist er darauf hin, dass diese Verfahrensweisen in ihren verschiedenen Ausprägungen sowohl auf Einzelfälle als auch auf mehrere Fälle angewendet werden können. Im ersten Fall spreche die Wissenschaft von einer Fallstudie (Case study), bei einer Auswahl mehrerer Fälle von einem Muster (Sample). (vgl. Heinze 2001, S.15)

Das Gruppendiskussionsverfahren ist eine weitere qualitative Datenerhebungsmethode. Hierbei handelt es sich um ein Verfahren, bei dem in einer Gruppe fremdinitiiert Prozesse der Kommunikation eingeleitet werden, die sich in ihrem Ablauf und der Struktur aber zumindest phasenweise von der Strukturierung durch die Forscher lösen (Bohnsack & Schäffer 2001, S. 325).

Diese Prozesse lassen sich konkreter als Diskurse beschreiben. In diesem Zusammenhang definiert sich das Verfahren als eine methodisch kontrollierte Verschränkung zweier Diskurse [...]: desjenigen der Erforschten untereinander mit demjenigen zwischen Erforschten und Forschern (Bohnsack & Schäffer 2001, S.331).

Innerhalb der folgenden Erörterungen soll der erste Diskurs vereinfachend mit D1, der zweite mit D2 bezeichnet werden.

Im Anschluss an die Phase der Datengenese mittels eines vom Forschenden gewählten Erhebungsverfahrens bedarf es einer Aufbereitung der gewonnenen qualitativen Daten. Mayring weist in diesem Kontext darauf hin, dass gerade die auf eine angemessene Beschreibung des sozialen Gegenstandes ausgerichtete qualitative Sozialforschung auf eine stärkere Betonung dieses methodologischen Schrittes zwischen Genese und Auswertung der Daten bedacht sein müsse (vgl. Mayring 2002, S.85). Folgend soll aus formalen Gründen lediglich auf eine dieser Aufbereitungstechniken - die sogenannte Transkription - eingegangen werden. Unter Transkription wird eine Technik verstanden, im Rahmen derer „gesprochene Sprache, beispielsweise aus Interviews oder Gruppendiskussionen, in eine schriftliche Fassung gebracht“ (Mayring 2002, S. 89) wird. Diese Technik ermöglicht es dem Forschenden im Rahmen einer Gruppendiskussion schließlich, die bei der Datengenese gewonnenen sprachlichen Erkenntnisse „gemäß den Erkenntnisregeln und den Interessen [des Forschers] auswerten zu können“ (Lamnek 2005a, S.173). Auch hinsichtlich der Datenauswertungsphase eröffnen sich dem qualitativen Sozialforscher mannigfache Möglichkeiten. Die Vielzahl möglicher Verfahren3 und die daraus resultierende Herausforderung, je nach gewählter Erhebungs- und Aufbereitungsmethode die adäquateste zu wählen, verdeutlicht, dass der qualitative Forschungsprozess auf methodologischer Ebene die größtmögliche Sensibilität des Forschenden erfordert. Gerade die weiterführenden methodologischen Ausführungen (vgl. II.3) werden dies bestätigen.

II.2 Geschichtliche Grundzüge

Die Geschichte der qualitativen Sozialforschung ist geprägt vom Begriff der qualitativen Wende. Mayring beschreibt die mit diesem Terminus evozierten Manifestierungen in sozialwissenschaftlichen Forschungsbereichen als Abwehrreaktion und Kritik an den ursprünglichen, oftmals quantitativ dominierten Ansätzen und Forschungsinstrumenten der Sozialwissenschaften wie Skalen, Tests und Fragebögen. Die Kritik an diesen Elementen, welche das Forschungssubjekt nicht analysierten, sondern lediglich auf einen bereits vorgegebenen Stimulus reagieren ließen, gehe mit der verstärkten Forderung eines interpretativen Paradigmas einher, welches selbst einzelne soziale Interaktionen als interpretative Prozesse auffasse. (vgl. Mayring 2002, S.9f.) Lamnek verweist darauf, dass sich diese Kritik bereits ganz konkret in der Mitte des 20. Jahrhunderts äußert4. Auf dieser aufbauend sei eine Weiterentwicklung durch den symbolischen Interaktionismus (vgl. I.3), durch bis dato neuartige Forschungstechniken und durch eine deutlich auf das Subjekt bezogene Feldforschung zu verorten. Auch sei in diesem Zusammenhang festzuhalten, dass sich die qualitative Methodologie - anders als in den Vereinigten Staaten - nach 1970 und dann nur graduell entwickelt habe. Folglich sei die qualitative Sozialforschung erst ab den 1980er Jahren als etabliert anzusehen. Graduell meint in diesem Zusammenhang eine Entwicklung, die zunächst durch eine Abgrenzung vom quantitativen Paradigma gekennzeichnet sei. (vgl. Lamnek 2005b, S. 27f.) Hopf weist der extensiveren Diskussion des qualitativen Paradigmas per se den Status eines davon zu unterscheidenden, quasi zweiten Entwicklungsschrittes zu (vgl. Hopf 1984, S. 11).

An dieser Stelle scheint es angebracht, neben den allgemeinen Entwicklungslinien qualitativer Sozialforschung den Blick auch auf die geschichtlichen Wurzeln des Gruppendiskussionsverfahrens zu richten. Die Ursprünge dieser Erhebungstechnik sind im angelsächsischen Bereich zu verorten. Bohnsack & Schäffer verweisen in diesem Kontext auf sogenannte focus group interviews, welche bereits in den vierziger Jahren als Instrument der Datengenese in den Vereinigten Staaten und England Anwendung finden. Hierbei handelt es sich um Verfahren, bei denen ganzen Gruppen von Versuchspersonen [wurden dabei] „Grundreize“ in Form von Produktverpackungen, Werbefilmen o.ä. vorgelegt und deren Reaktionen, zumeist in Form von Wortbeiträgen, aufgezeichnet (Bohnsack & Schäffer 2001, S. 325) werden. In Anbetracht der späten Etablierung qualitativer Sozialforschung in Deutschland generell, erscheinen die deutschen Ursprünge des Gruppendiskussionsverfahrens per se tiefliegend. So habe sich die Wissenschaft bereits während der 50er Jahre eines durchdachten Gruppenverfahrens zur „Ermittlung von Meinungen in statunascendi“ (Pollock 1955, S. 32) in Nachkriegsdeutschland bedient. In der Tradition der psychoanalytisch orientierten, empirischen Vorgehensweise der Frankfurter Schule habe dieses darauf abgezielt, hinter die Abwehrmechanismen der zu Erforschenden zu blicken. Ein Kulminationspunkt dieser Entwicklung sei letztlich in Mangolds Konzept zur Ausbildung informeller Gruppenmeinungen innerhalb sozialer Gro ß gruppen zu verorten, da die Erforschung kollektiver Attituden (vgl. I.4) hier als primäre Intention anzusehen sei. (vgl. Bohnsack & Schäffer 2001, S. 326f.)

II.3 Das Forschungssubjekt im qualitativen Paradigma

Der Begriff des Forschungssubjektes bedarf im Rahmen qualitativer Sozialforschung einer hinreichenden Klärung. So sind die „von der Forschung Betroffenen [sind] innerhalb von Handlungsforschung nicht Versuchspersonen, Objekte, sondern Partner, Subjekte“ (Mayring 2002, S. 36). Die Position, welche dem Forschungssubjekt damit eingeräumt wird, sowie das resultierende Machtverhältnis zwischen Forschendem und Forschungssubjekt sollen später Erörterung finden. An dieser Stelle geht es vielmehr um eine grundlegende Charakterisierung der Realgruppe (als Gruppe von Forschungssubjekten) im Rahmen des Gruppendiskussionsverfahrens.5 Das Konzept des Symbolischen Interaktionismus bietet in diesem Zusammenhang die Möglichkeit einer adäquaten Herangehensweise. Konkreter sind in diesem Kontext die Persönlichkeitsinstanzen von Relevanz, welche der Sozialpsychologe George Herbert Mead im Rahmen seines Ansatzes jedem Individuum zuschreibt. Nach Mead gliedere sich die Persönlichkeit eines Individuums einerseits in die Instanz des Me, andererseits in die des I. Erstere umfasse dabei die Haltungen, welche das in der Interaktion des Forschungsprozesses stehende Individuum von den Anderen adaptiere. Das I wiederum stelle jene Instanz dar, die auf diese Kollektivhaltung der Anderen reagiere. Bei der Bewältigung des Me setze sich das I dabei zu diesem in ein reflexives Verhältnis. (vgl. Mead 1973, S. 216ff.)

Dieses Wissen ist für den Forschenden im Rahmen einer Gruppendiskussion von unschätzbarem Wert. Konfrontiert mit einer Gruppe von Forschungssubjekten mit gemeinsamem Erfahrungskreis (Realgruppe) muss sich dieser der Existenz beider Pole bewusst sein. So muss der Diskussionsleiter berücksichtigen, dass die Interaktion innerhalb der Realgruppe zwangsläufig zur Etablierung des Me führt, dass dem Faktor einer „gegenseitige[n] Beeinflussung“ (Mead 1973, S. 207) der einzelnen Forschungssubjekte folglich höchste Priorität zugewiesen werden muss. Die gleichzeitige Existenz beider Pole, welche im Individuum die Not einer - wie Loos & Schäffer es treffend formulieren - „Überwindung der Dichotomie von Individuum und Kollektiv“ (Loos & Schäffer 2001, S. 30) evoziert, stellt einen Zustand dar, welcher beim Forschenden unbedingt Berücksichtigung finden muss. Dieser kann nur darum bemüht sein, jene Spaltung zu überwinden und die beiden Pole miteinander zu versöhnen. Gleichzeitig muss er in der Lage sein, den Aussagecharakter bestimmter Äußerungen hinsichtlich dieser Problematik zu überprüfen. Dieser subtile Charakter der Realgruppe erfordert eine entsprechende Agitation des Forschenden. Dass diese eine der größten Herausforderungen für den Moderator darstellt, wird sich an späterer Stelle zeigen.

II.4 Erkenntnisabsicht

Um die Erkenntnisabsicht qualitativer Sozialforschung verstehen zu können, erscheint ein vorhergehender Verweis auf die für dieses Paradigma übliche methodologische Vorgehensweise sinnvoll. Diese charakterisiert sich besonders in einer abgrenzenden Gegenüberstellung zum typisch quantitativen Forschungsvorgehen. Wie in I.1 bereits deutlich wird, geht es im qualitativen Paradigma eben nicht um eine Methodologie des Prüfens von aufgestellten Hypothesen (deduktives Vorgehen), sondern vielmehr um eine induktive Vorgehensweise, also die Entwicklung von Hypothesen durch die Forschung (vgl. auch Heinze 2001, S. 16). Es zeigt sich, dass diese Vorgehensweise durch ein möglichst großes Maß an Offenheit und Flexibilität geprägt ist. Anders als im quantitativen Paradigma charakterisiert sich Erkenntnisabsicht im qualitativen Forschungsprozess durch das subjektbezogene Vorgehen des Forschenden. Dieses Vorgehen richtet sich zunächst gegen die „informationsreduzierende Selektion“ (Lamnek 2005b, S. 21) quantitativer Forschung. Im Rahmen der Datengenese sind für den Forschenden folglich alle Informationen wichtig, die er vom Forschungsgegenstand bekommt. Dies beziehe sich auch auf verbale wie non-verbale Momente, die im Rahmen der reflexiven Prozesse während der Datengenese auftreten (vgl. Lamnek 2005b, S. 23). Dieses offene Vorgehen impliziert die Möglichkeit einer Modifikation hinsichtlich der Erkenntnisabsicht selbst innerhalb des Forschungsprozesses. Natürlich muss dieser Offenheit auch ein statisches Moment gegenüberstehen, muss sich die Erkenntnisabsicht in gewisser Weise auf einen bestimmten Bereich einschränken. Hier ist es die Aufgabe des Forschenden, einen thematischen Rahmen zu stecken. Lamnek empfiehlt dabei ein Vorgehen, in dem „der Blickwinkel zunächst weit ist und erst im Verlauf der Untersuchung fortschreitend zugespitzt wird“ (Lamnek 2005b, S. 25).

Am Beispiel des Gruppendiskussionsverfahrens, welches - wie bereits skizziert - der „Erforschung kollektiv verankerter Orientierungen“ (Bohnsack & Schäffer 2001, S. 327) dient, wird diese Vorgehensweise besonders deutlich. So ist es hier die Aufgabe des Moderators, durch ein passives Vorgehen ein möglichst hohes Maß an Selbstläufigkeit der Teilnehmerdiskussion zu gewährleisten, welches erst in der letzten Phase des Verfahrens durch exmanente Nachfragen unterbrochen werden kann (vgl. auch I.5, II.3.1). Durch diese Vorgehensweise soll die angesprochene Selektion vermieden, der thematisch abgesteckte Rahmen allerdings bearbeitet, und somit ein optimaler Zugang zum Untersuchungsgegenstand gewährleistet werden.6

II.5 Methodologie - Reflexivität von Gegenstand und Analyse

Da sich qualitative Sozialforschung gerade in ihrer Methodologie stark von ‚traditioneller‘7 Forschung abgrenzt, liefert dieser Aspekt mannigfachen Diskussionsbedarf. So beschäftigt sich auch der Hauptteil dieser Arbeit mit methodologischen Aspekten. An dieser Stelle soll zunächst lediglich die für das qualitative Paradigma charakteristische Reflexivität von Gegenstand und Analyse thematisiert werden, da es sich hierbei um denjenigen Aspekt handelt, der in direktem Zusammenhang zum Forscher-Erforschten-Verhältnis (vgl. I.6) steht, bzw. die Regeln für dieses Verhältnis postuliert. Da die Methodologie je nach methodischem Verfahren variiert, soll hier lediglich auf das Gruppendiskussionsverfahren verwiesen werden.

Ein Indiz liefert Lamneks Verweis auf sogenannte reflexive Prozesse, welche im Kontext dieses Verfahrens den Diskurs zwischen Moderator und Realgruppe konstituierten (vgl. Lamnek 2005b, S. 23). Die Sinnkonstruktion und das Sinnverstehen im Rahmen des Gruppendiskussionsverfahrens, also das Kernstück des Prozesses der Datengenese, beschreibt er dabei als zirkulär im Sinne des hermeneutischen Zirkels. Dies trifft insofern zu, als der Erkenntnisgewinn erst dadurch zustande komme, dass der Moderator durch (erst immanente, später exmanente) Nachfragen und Paraphrasierungen, sukzessiv an Erkenntnis gewinne. Lamnek postuliert in diesem Zusammenhang also, den Blickwinkel einerseits auf die Gruppe der Forschungssubjekte, die Realgruppe, zu richten. Andererseits müsse dieser Blickwinkel kontinuierlich durch die Deutung und Interpretation der Gruppenagitation ergänzt werden. Die Konzentration auf diese Gegenstandsanalyse - welche den Blickwinkel auf die Realgruppe zu modifizieren vermag - konstituiere dann den zweiten Pol des hermeneutischen Zirkels und gewährleiste somit letztlich den Erkenntnisgewinn. An dieser Stelle ergibt sich ein Bezug auf die für diese Arbeit besonders relevante personelle Ebene. Da der Forschungsprozess nicht im Voraus strukturiert werden müsse und nicht selten die Forschungsstrategie selbst während des Prozesses modifiziert werde, seien die Spielräume für den Forschenden in diesem Paradigma als besonders weitläufig zu erachten.(Lamnek 2005a, S. 46f.) Diese Aspekte sind es, welche den enormen Einfluss der Datenerhebungsphase im qualitativen Paradigma skizzieren. Auch wird hier deutlich, dass das Verhältnis von Forschendem und Forschungssubjekt als zentrales Moment dieser Phase fungiert. Dieses Verhältnis als das grundlegende Element qualitativer Sozialforschung soll im folgenden Abschnitt thematisiert werden.

II.6 Das Verhältnis von Forschendem und Forschungssubjekt

An dieser Stelle geht es darum, ein grundlegendes theoretisches Moment in Bezug auf das Verhältnis zwischen Forschendem und Forschungssubjekt zu erörtern, auf dem die weiteren Ausführungen aufbauen. Ganz konkret soll im Kontext des Forscher-Forschungssubjekt-Verhältnisses zunächst auf die Gruppe der Forschungssubjekte, folgend auf die zweite in den Prozess der Datengenese involvierte Partei, den Forschenden, eingegangen werden.

Grundlegende Erörterungen zeigen, dass die zu Erforschenden im qualitativen Paradigma als Subjekte anzusehen sind (vgl. I.3). Aus diesem Faktum resultiert 12 ein bestimmtes Machtverhältnis zwischen den in die Datengenese involvierten Parteien. Der Forschende ist sich der Komplexität der Forschungssubjekte bewusst. Er weiß, dass es sich - anders als in den Naturwissenschaften - hierbei nicht um statische Objekte handelt, sondern vielmehr um Menschen mit individuellen Charakterzügen. Wie bereits skizziert, geht dies so weit, dass Teilnehmer einer Gruppendiskussion die angesprochenen Aspekte nach eigener Priorität gewichten sollten (vgl. Nießen, S. 100), was allerdings nicht heiße, dass diese den Forschungsablauf gleichwertig mitbestimmten (vgl. Berger 1974, S. 80).

Dieser Komplexität steht in der Gruppendiskussion ein Moderator gegenüber, der - wie bereits angeführt - sein Forschungsinteresse in Teilen nach den Relevanzsystemen der Teilnehmer modifiziert, es diesen partiell unterordnet. Diese Unterordnung geht soweit, dass der „Forscher sozusagen Distanz zu sich selbst und Identifikation mit dem Forschungsobjekt entwickeln“ (Lamnek 2005b, S. 633) soll, ohne dabei dem Going-Native-Dilemma (vgl. II.1.1) zu unterliegen. Mit dieser Vorgehensweise kann er dann die sich auftuenden Spielräume nutzen. Diese jedoch hängen letztlich immer von dem Willen der Forschungssubjekte ab, sich in den Prozess der Datengenese einzubringen. Die Tatsache also, dass die „von der Forschungsfrage betroffenen Subjekte [müssen] Ausgangspunkt und Ziel der Untersuchungen sein“ (Mayring 2002, S. 20) müssen, zeigt ihre Dominanz gegenüber dem Forschenden im qualitativen Forschungsprozess und den hohen Grad an Komplexität im Forscher-Forschungssubjekt-Verhältnis.

III. Grundlegende Aspekte im Kontext von Forschendem und Forschungssubjekt und deren Verhältnis

Die vorhergehenden theoretischen Ausführungen verdeutlichen die Relevanz einer weitergehenden Auseinandersetzung mit den Akteuren im qualitativen Forschungsprozess. In diesem Kontext sollen einige ausgewählte Aspekte Erörterung finden. Natürlich kann eine solche Auswahl nicht den Anspruch auf thematische Vollständigkeit erheben, vielmehr versucht sie, diverse häufig diskutierte Bereiche abzudecken um so einen möglichst vielschichtigen Ausblick auf die Problematik zu geben. Um ein exemplarisches Vorgehen zu ermöglichen, soll das Gruppendiskussionsverfahren - und hier speziell eine zum Thema Schülermotivation durchgeführte Gruppendiskussion in einem 12er-Kurs eines Bielefelder Gymnasiums - als Beispiel für die Datenerhebungsphase qualitativer Sozialforschung fungieren. Da es hier lediglich um methodische Erörterungen im Kontext des Verfahrens geht, soll nicht weiter auf die thematischen Hintergründe dieser Gruppendiskussion eingegangen werden.

III.1 Aspekte im Kontext des qualitativen Sozialforschers

Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf die Rolle des Forschenden im Kontext der Datenerhebungsphase qualitativer Sozialforschung. Dabei soll zunächst die Problematik des ‚schmalen Grades‘ diskutiert werden, auf dem sich dieser in der Phase der Datengenese bewegt. Ferner geht es darum, zu erörtern, inwieweit der Durchführende einer Gruppendiskussion in seiner Agitation unabhängig sein sollte, inwieweit er jedoch - orientiert am Prinzip der wissenschaftlichen Redlichkeit - sein Vorgehen transparent gestalten muss. Letztlich soll das Moderatorenverhalten als Untersuchungsvariable im Prozess der Datengenese diskutiert werden.

III.1.1 Der schmale Grad des Forschenden

Die Position des Forschenden im Prozess der Datengenese qualitativer Sozialforschung ist ein vieldiskutierter Aspekt. Konkreter geht es hierbei um die Frage, inwieweit sich der Diskussionsleiter8 mit den Forschungssubjekten identifizieren kann und soll. Es ist die Frage, inwieweit er für ein Optimum an Erkenntnisgewinn sogar in ihre Alltagswelten eindringen muss, ohne dass es dabei zu einer Überidentifikation und damit zu einer Vernachlässigung der notwendigen wissenschaftlichen Distanz kommt. Solch eine Überidentifikation skizziert das Going-Native-Dilemma, bei dem sich für den Forschenden das Risiko ergibt, „Maßstäbe und Verhaltensmuster der Akteure auf Kosten der eigentlichen Beobachtungsaufgaben zu übernehmen“ (Lamnek 1995, S. 48). Im Hinblick auf diese Problematik scheint die Notwendigkeit einer kritischen Distanz des Moderators zur Realgruppe unabdingbar. Demgegenüber steht das Argument, dass gerade solch eine Distanz für das erwünschte Höchstmaß an Erkenntnisgewinn hinderlich sei und der Moderator sogar zum Gruppenmitglied werden müsse, um eine wirkliche Empfänglichkeit für die Anliegen der Forschungssubjekte entwickeln zu können (vgl. Girtler 1984, S.63f.).

Im Rahmen dieser Problematik liegt die Verantwortung größtmöglicher Sensibilität hinsichtlich der Realgruppe beim Diskussionsleiter. Nießen bezeichnet diese Notwendigkeit seitens des Forschenden, möglichst tief in den Forschungsprozess einzudringen, als Rollenübernahme. Diese grenzt er jedoch strikt von einer alltagsweltlichen Rollenübernahme ab, indem er an sie zusätzlich die Forderung extensiver Reflexion und Kontrolle knüpft. (vgl. Nießen 2002, S. 39) Dass es sich hierbei nicht um eine exakte Anleitung, sondern lediglich um eine allgemein postulierte Forderung handeln kann, begründet sich in der bereits skizzierten Komplexität qualitativer Forschungsprozesse. Denzin beschreibt diese Problematik bildlich: „the sociologist must operate between two worlds when he enganges in research“ (Denzin1970, S. 9). Zunächst mag dieser Lösungsweg einfach anmuten. Lamnek zeigt jedoch, dass es sich hierbei um einen nicht zu unterschätzenden Aspekt handelt, da die Momente Distanz und Identifikation gegenläufig seien, was zwangsläufig zu einem Dilemma führe. Je mehr Distanz und je weniger Identifikation der Forschende wähle, desto mehr drifte er in das quantitative Paradigma. Genau gegenläufig verhalte es sich mit dem qualitativen Paradigma. Der anzustrebende Mittelweg lasse sich als Gerade (Abb. 1) darstellen. (vgl. Lamnek 2005, S. 636ff.)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1 (Quelle: Lamnek 2005, S. 638)

Im Folgenden soll an Hand eines Beispiels verdeutlicht werden, wie sich die skizzierte Problematik in konkretem Moderatorenverhalten äußern kann. Gegeben sei die folgende Aussage eines Moderators:

Moderator: „Ihr könnt ganz frei über irgendwen lästern und so - kein Ding hier!“ (Transskript im Anhang, S. 37)

Die Wahl der sprachlichen Ebene, welcher sich der Moderator bedient, ist hier von besonderer Bedeutung. So versucht dieser, mit Hilfe eines bestimmten Jargons „ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, ein Wir-Gefühl“ (Segerstedt 1975, S. 156) mit der Realgruppe zu etablieren. Durch diesen Versuch, eine Art Gemeinschaft, einen regelrechten Geheimbund mit der Gruppe von Forschungssubjekten einzugehen, ist die postulierte Balance in Richtung Identifikation durchbrochen. Das Moderatorenverhalten unterliegt in diesem Fall eindeutig dem Going-Native-Dilemma, da durch den gemeinsamen Jargon jegliche Distanz zur Realgruppe aufgegeben wird. Da die wissenschaftliche „Theorie, Methode, Sprache und Erkenntnisabsicht des Forschers [unterscheiden] sich von dem Forschungsgegenstand“ (Lamnek 2005b, S. 633) aber prinzipiell unterscheiden, droht diese so aus dem Blickwinkel des Forschenden zu geraten. Generell ist zu sagen, dass dem Diskussionsleiter hinsichtlich der vorliegenden Problematik keine andere Alternative bleibt, als zu versuchen, die postulierte Balance zu konstituieren und letztlich zu erhalten.

III.1.2 Unabhängigkeit des Forschenden vs. notwendige Offenlegung

Die Verhaltensspielräume, welche mit der Rolle des Moderators einhergehen, müssen also durchaus als Herausforderung angesehen werden. Dies trifft auch in Bezug auf eine weitere Fragestellung zu. So zeigt der Konflikt darüber, wie viel Unabhängigkeit dem Forschenden im Datenerhebungsprozess gewährt werden sollte, in welchem Ausmaß er diesen dennoch transparent gestalten muss, dass es sich hierbei um einen durchaus brisanten Aspekt handelt.

Der Ursprung der Problematik lässt sich im Bereich der Gütekriterien qualitativer Sozialforschung verorten. Lamnek thematisiert in diesem Kontext, dass die weitreichenden Handlungs- und Verhaltensspielräume seitens des Forschenden mit der Forderung einhergingen, den Forschungsprozess offenzulegen, die Forscheragitation im Hinblick auf die Validität der Forschungsergebnisse also nachvollziehbar zu gestalten. Gleichwohl gesteht er ein, dass ein absolut sauberes Moderatorenverhalten hinsichtlich dieser Problematik besonders aufgrund menschlicher Vorurteile nicht durchzusetzen sei. (vgl. Lamnek 2005a, S. 48) Daraus ergibt sich, dass das „Prinzip der Explikation [ist] eher als Forderung, denn als real praktiziertes Vorgehen im Rahmen qualitativer Sozialforschung zu verstehen“ (Lamnek 1995, S.26) ist. Welche Schwierigkeit es für den Moderator darstellt, die skizzierte Forderung einzuhalten, zeigt die folgende Passage der Gruppendiskussion in Bethel:

Moderator: „JA!... Danke für’s Vorstellen, ne?! Also ich muss sagen, ich hatte auch Spanisch… inner Elf, Zwölf und Dreizehn. Hatte auch in ‘ner elf ‘nen Fehlkurs - also ‘nen Defizit quasi - also hatte ne fünf. Und es war auch total scheiße, die Lehrerin war auch total kacke auf Deutsch gesagt. Und dann in ‘ner Zwölf und Dreizehn ham wa halt ‘nen anderen Lehrer bekommen und dann hatte ich auf einmal ne eins. Also irgendwie ist es totaaal abhängig vom Lehrer - was meint ihr dazu?!“ Mehrere Teilnehmer: „Ja, find ich auch [schüchternes Lachen]“ (Transskript im Anhang, S. 37)

Zunächst wird deutlich, dass die Aussage des Moderators im Rahmen des bereits erörterten Geheimbundphänomens (vgl. II.1.1) zu verorten ist. Dessen Intention scheint insofern eindeutig, als er neben einer Anpassung des Jargons an die Realgruppe durch die Beschreibung eigener Schülererfahrung das von Segerstedt postulierte „Wir-Gefühl“ (Segerstedt 1975, S. 156) etablieren möchte. In diesem Zusammenhang erübrigt sich die Wahrheitsprüfung der Moderatorenaussage, da ihr instrumentalisierender Charakter allein durch die Suggestion in der abschließenden ‚Frage‘9 deutlich wird.

Dass der Moderator die Mitglieder der Realgruppe hier in ihren Relevanzsystemen unterdrückt, dass er zugunsten seiner vorgefassten Meinung verhindert, dass der jeweilige „Befragte seine Ansichten weiterentwickelt“ (Merton & Kendall 1984, S. 183), ist allerdings hinsichtlich der Offenlegungsthematik besonders relevant. An dieser Stelle soll die These aufgestellt werden, dass eine adäquate Vorgehensweise des Moderators, also hier die „zeitweilige[n] Aufgabe eigener Vorurteile und Präferenzen und [in der] Bereitschaft, vorbehaltlos den Standort eines Teilnehmers einzunehmen“ (Vopel 1977, S. 34), zu einer heterogeneren Antwort der Realgruppe geführt hätte.10 Deutlich wird dies vor allem an der non-verbalen Reaktion der Diskussionsteilnehmer. Der Mensch als Subjekt im Forschungsprozess (vgl. I.3) zeigt hier eine ganz typische Verhaltensweise, indem er dazu tendiert, „sich Erwartungen des Versuchsleiters anzupassen“ (Mayring 2002, S. 23). Die daraus resultierende Gefahr einer Verfälschung der Untersuchungsergebnisse verdeutlicht die Notwendigkeit der postulierten Offenlegung im Datenerhebungsprozess. Nur diese gewährleistet die Reliabilität der Untersuchungsergebnisse und damit den Wert der gesamten qualitativen Forschung.

Abschließend ist zu sagen, dass - aufgrund der thematisierten Unmöglichkeit für den Moderator, immer vorurteilsfrei zu agieren - die Auseinandersetzung des Forschenden hinsichtlich dieser Problematik schwerpunktmäßig nicht im Rahmen der Datengenese, sondern vielmehr innerhalb der Auswertungsphase anzusiedeln ist. Diese Phase ermöglicht es dem Forschenden, den Diskurs analytisch präzise zu betrachten. Das Moderatorenverhalten fungiert in diesem Zusammenhang als eigene Variable, ein Aspekt, welcher nun folgend näher erörtert werden soll.

III.1.3 Das Moderatorenverhalten als Untersuchungsvariable

Es ist das Hauptanliegen der Auswertungsphase, die im Aufbereitungsprozess erzeugten Daten zu analysieren und letztlich zu interpretieren. Diese sind insofern erzeugt, als bereits beim Aufbereitungsprozess - wenn auch unbeabsichtigt - eine Dateninterpretation seitens der Transkribierenden unvermeidlich ist (vgl. Loos & Schäffer 2001, S. 55). Die Sensibilität hinsichtlich der Interpretation beschränkt sich hierbei allerdings nicht auf eine möglichst genaue und angemessene Beschreibung des Teilnehmerdiskurses (D1). Vielmehr gilt es in Anbetracht der skizzierten Reflexivität kommunikativer Prozesse innerhalb des Verfahrens, auch den Moderator- Teilnehmer-Diskurs (D2), sowie - gerade im Hinblick auf die aufgezeigten Spielräume - das Moderatorenverhalten als eigene Variable aufzufassen und zu erörtern. Da der Moderator also „selbst sich in einem fortwährenden Interaktionsprozeß befindet […] muß eben dies in der Auswertung auch zum Gegenstand der Untersuchung gemacht werden“ (Nießen 1977, S. 100f.). Folgend sollen lediglich einige einflussreiche Aspekte angeführt werden, welche den Status des Moderatorenverhaltens als Untersuchungsvariable begründen.

Einerseits ist hier erneut darauf zu verweisen, dass ein suggestives Moderatorenverhalten die Relevanzsysteme der Forschungssubjekte zugunsten eigener Vorurteile unterdrücken kann, was den Output der Datengenese erheblich modifizieren würde (vgl. auch II.1.2). Des Weiteren beeinflusst auch das Verhältnis zwischen Moderator und Teilnehmer den Charakter der erhobenen qualitativen Daten. Wenn die angeführte Balance zwischen Identifikation und Distanz (vgl. Abb. 1) nicht eingehalten wird, drohen die Teilnehmeraussagen - gesteuert durch Intimität oder Entfremdung innerhalb von D2 - einer Beeinflussung eben dieser persönlichen Forscher-Teilnehmer- Beziehung auf Kosten der Artikulation wahrer Relevanzsysteme zu unterliegen. Da der Moderator „unabhängig davon, wie dieser gerade denkt und fühlt“ (Vopel 1977, S. 34) versuchen muss, sich neutral auf das Forschungssubjekt einzulassen, spielen sowohl die Reflexion seines emotionalen Zustandes, als auch mögliche Auswirkungen innerhalb der Auswertungsphase eine wichtige Rolle. Mayring verweist in diesem Zusammenhang auf mögliche Ängste und Probleme des Moderators, welche den Status seines Verhaltens als Untersuchungsvariable legitimierten (vgl. Mayring 1996, S. 20).

Als praktisches Beispiel dafür, wie sich emotionales Moderatorenverhalten in der Phase der Datengenese artikulieren kann, fungiert die folgende Passage:

Teilnehmer: „Also ich musste es [Spanisch (Anmerkung des Autors)] ja eigentlich nehmen, weil ich komme von ner Realschule, und deswegen hatte ich ja keine zweite Fremdsprache, und hier musste ich ja irgendne zweite Fremdsprache wählen, und ich hätte jetzt wahrscheinlich eher Latein genommen, also so im nachhinein, weil ich das eigentlich wahrscheinlich besser gebrauchen kann. Aber jetzt hab ich mich halt für Spanisch entschieden, na vielleicht bringt es mir ja trotzdem irgendwas später, aber…“

[...]


1 Im Gegensatz zu den Erörterungen im Abschnitt II.2 handelt es sich hierbei also um theoretisches Grundlagenwissen hinsichtlich des Forschungssubjekts.

2 Aus formalen Gründen beschränkt sich diese Arbeit darauf, den chronologischen Ablauf qualitativer Forschung lediglich oberflächlich zu beschreiben. Für eine sehr anschauliche Beschreibung des Forschungsprozesses en Detail sei auf Bohnsack & Schäffer (vgl. Bohnsack & Schäffer 2001, S. 331ff.) verwiesen.

3 Mayring gibt einen sehr guten Überblick über diverse Datenauswertungsverfahren im Rahmen qualitativer Sozialforschung (vgl. Mayring 2002, S.103-133).

4 Konkret verweist Lamnek auf Blumers Ansatz ‚What is Wrong with Social Theorie‘ aus der American Sociological Revue (Vol. 19, 1954, S. 3-10), in der dieser die Methodologie des quantitativen Paradigmas verurteilt.

5 Die theoretischen Ausführungen über das Wesen der Forschungssubjekte finden insofern bereits hier einen gesonderten Raum, als sie Grundlagencharakter für das Verständnis weiterer Ausführungen besitzen.

6 Die Auswirkungen, welche diese grundlegende Problematik auf methodologischer Ebene hat, werden im Rahmen weiterreichender methodologischer Erörterungen (II.3.1) Anklang finden.

7 Gerade die Diskussion qualitativer Methodologie verlangt das Bewusstsein - besser sogar einen dialektischen Rückblick - auf ihre Ursprünge, welche in einer bis dato eher quantitativ geprägten Vorgehensweise zu suchen sind (vgl. auch I.2).

8 An dieser Stelle soll erneut an die in diesem Fall zugrundeliegende Personalunion zwischen Forschendem und Durchführendem erinnert werden.

9 Nicht nur der linguistische Kontext, sondern auch die Aussageintonation (vgl. „!“) verdeutlichen, dass es sich hierbei eher um eine Aussage denn um eine Frage handelt.

10 Wie später deutlich wird, ist dieser Aspekt auch im Hinblick auf das Maß an inhaltlicher Kompetenz des Diskussionsleiters (vgl. II.3.2) relevant.

Ende der Leseprobe aus 68 Seiten

Details

Titel
Der qualitative Forschungsprozess als Herausforderung für Forschenden und Forschungssubjekt.
Untertitel
Die Position von Forschendem und Forschungssubjekt und deren Verhältnis in der qualitativen Sozialforschung.
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Erziehungswissenschaft)
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
68
Katalognummer
V167946
ISBN (eBook)
9783640848386
ISBN (Buch)
9783640844821
Dateigröße
943 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eine Analyse des qualitativen Forschungsprozesses.
Schlagworte
Qualitative Sozialforschung, Gruppendiskussion, Gruppendiskussionsverfahren, Moderator, Sozialforschung, qualitative Verfahren, Moderatorenverhalten
Arbeit zitieren
B.A. Mark Valentin (Autor), 2009, Der qualitative Forschungsprozess als Herausforderung für Forschenden und Forschungssubjekt., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167946

Kommentare

  • Gast am 1.4.2014

    Sozialforschung als solches beschäftigt sich zwar mit Gesellschaft (Individuen) - jedoch muss qualitative Sozialforschung das nicht tun (Dokumentenanalyse etc.). Von daher leider schon in der Einleitung nicht präzise.

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Titel: Der qualitative Forschungsprozess als Herausforderung für Forschenden und Forschungssubjekt.



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