Die literarische Verarbeitung von Hafterfahrungen deutscher Frauen zwischen 1938 und 1954 unter diktatorischen Regimes

Drei Textbeispiele aus Stalinismus und Nationalsozialismus im Vergleich


Magisterarbeit, 2010

99 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Möglichkeiten und Grenzen des Vergleichs

3. Die Autorinnen
3.1. Margarete Buber-Neumann
3.2. Barbara Reimann
3.3. Erika Riemann

4. Die biografischen bzw. autobiografischen Texte
4.1. Margarete Buber-Neumann: "Als Gefangene bei Stalin und Hitler"
4.2. Barbara Reimann: "Die Erinnerung darf nicht sterben"
4.3. Erika Riemann: "Die Schleife an Stalins Bart"

5. Umstände der Verhaftung
5.1. Margarete Buber-Neumann
5.2. Barbara Reimann
5.3. Erika Riemann

6. Die Haftanstalten
6.1. Der Gulag
6.2. Das Konzentrationslager/Arbeitslager
6.3. Das sowjetische Speziallager

7. Vergleich der Beschreibung der Haftbedingungen
7.1. Die Ankunft im Gefängnis, Isolationshaft und Folter
7.2. Die allgemeinen Haftbedingungen in den Lagern/Gefängnissen
7.3 Die Gemeinschaftsgefüge
7.4. Rolle der politischen Überzeugung während der Haft und ihre Auswirkungen auf den Text

8. Die Auswirkungen von Rehabilitation und Ignoranz (nach der Entlassung) auf die Schreibmotivation der Autorinnen

9. Fazit

10. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wenn man die Berichte von Menschen liest, die beide Typen von Lagern überlebt haben, dann springen eher die unterschiedlichen Erlebnisse der Opfer als die Unterschiede zwischen beiden Lagersystemen ins Auge. Jeder Bericht ist unwiederholbar, jedes Lager hielt Schrecken verschiedener Art für Menschen unterschiedlichen Charakters bereit. In Deutschland konnte man an der Grausamkeit, in Russland an der eigenen Verzweiflung sterben. In Auschwitz konnte man in der Gaskammer zu Tode kommen, an der Kolyma im Schnee erfrieren. Der Mensch konnte in einem deutschen Wald oder in der sibirischen Tundra, bei einem Unfall im Bergwerk oder in einem Viehwagen sein Leben lassen. Am Ende aber erzählt jedes Menschenleben seine eigene Geschichte.1

In dieser Arbeit sollen drei „eigene Geschichten“ betrachtet werden, die vom Überleben in verschiedenen Lagersystemen und dem Leben danach berichten. Wie auch Applebaum es beschreibt, ist jedes Schicksal ein einzigartiges, doch gibt es diverse Aspekte, die einen Vergleich möglich machen. Im Folgenden soll die literarische Verarbeitung dreier Texte verglichen werden, die sich mit der Haft in Gulag, Konzentrationslager und Speziallager befassen. Margarete Buber-Neumann und ihre Teilbiografie „Als Gefangene bei Stalin und Hitler“2 thematisiert das Lagersystem des Gulags unter Stalinistischer Herrschaft und das des Konzentrationslagers bis zur Befreiung 1945. Zum Vergleich dienen die biografischen Texte „Die Erinnerung darf nicht sterben...“3 von Barbara Reimann mit ihren Erfahrungen der Internierung im Konzentrationslager Ravensbrück, sowie die Biografie „Die Schleife an Stalins Bart“4 von Erika Riemann, die von der Haft in verschiedenen deutschen Gefängnissen und dem Überleben im Speziallager Sachsenhausen berichtet.

Der betrachtete Zeitraum von 1938 bis 1954 setzt sich aus den Verhaftungs- und Entlassungsdaten der Autorinnen zusammen. Dass es in dieser historisch gesehen, enorm kurzen Zeitspanne zur parallelen Existenz bzw. unmittelbaren Aufeinanderfolge dreier unterschiedlicher Diktaturen mit ihren eigenen Lagersystemen kam, ist ein Aspekt, der den Vergleich dieser geradezu forciert und durch die Erweiterung der stalinistischen Herrschaft auf deutschem Boden, auch in einem regionalen Raum kollidiert. Die Biografie Riemanns setzt diesen Zusammenhang der beiden Diktaturen fort, indem sie die sowjetischen Regierungseinflüsse in der SBZ und der daraus resultierenden SED Diktatur beschreibt.

Diese Arbeit fokussiert darauf, was die Grundlage der Verhaftung darstellt und in welcher Weise die drei Regimes mit ihren Gefangenen umgehen. Ein anderer Vergleichsaspekt ist die moralische und soziale Bewertung der Gefangenen und späteren Exgefangenen durch die Gesellschaft. Dabei gibt es durchaus bedeutende Differenzen zwischen den Opfern des Faschismus und des Stalinismus beziehungsweise des DDR-Regimes. Während die Opfer des Faschismus eine zumindest offizielle Rehabilitierung erfahren durften, ist dies den in der DDR lebenden Inhaftierten der Speziallager bis 1989 verwehrt geblieben.5 Die öffentliche Kritik an einem diktatorischen Regime ist im Allgemeinen nur aus dem Ausland oder nach Zerschlagung dieses Systems möglich, da die Verfolgung von Dissidenten eine der substantiellen Bestandteile einer Diktatur darstellt. Auch der Kenntnisstand innerhalb der Bevölkerung über die Lagersysteme war und ist ungleich, was sich unmittelbar auf die Opfer ausgewirkt hat, denn es gibt unterschiedlich starke Phasen der öffentlichen Präsenz des Themas „Lager“. Während die Opfer des Stalinismus besonders in den späten 40er und 50er Jahren die Opferdebatten dominierten, gab es erst in den 70er Jahren eine verstärkte Rückkehr zur Beschäftigung mit den Opfern des Nationalsozialismus und wie bereits erwähnt erst nach 1989 einen öffentlichen Diskurs zu politischen Häftlingen in SBZ und DDR.6

Die Verbindung der Herrschaftssysteme ist wie erläutert in einem regionalen sowie zeitlichen Zusammenhang zu sehen, zudem sind alle drei Autorinnen deutscher Nationalität und waren zwischen 1938 und 1954 mehrere Jahre in Deutschland und/oder Russland inhaftiert. Auf dieser Basis bewegt sich der Vergleich ihrer Inhaftierungszeit und der Möglichkeiten der biografischen bzw. autobiografischen Verarbeitung (eben dieser Zeit) unter dem jeweiligen Herrschaftssystem, welches die Autorinnen nach der Entlassung umgab. Dabei wird im Besonderen auf die Schreibmotivation der Autorinnen eingegangen, um zu klären, an welche imaginäre Leserschaft der Text gerichtet ist und welchen Zweck er somit verfolgt. Im Weiteren wird der Schreib- beziehungsweise Sprachstil der Verfasserinnen anhand der Vergleiche ausgewählter, beschriebener Haftsituationen und Begebenheiten analysiert. Bevor die Darstellung der Haftbedingungen in den Punkten Isolation, Folter, Gemeinschaftsgefüge und Lageralltag verglichen wird, wird die politische, gesellschaftliche und persönliche Sphäre der Autorinnen beleuchtet, um eine Basis für den Vergleich zu schaffen. Obwohl alle drei Verfasserinnen unschuldig verurteilt oder vollkommen ohne Prozess inhaftiert wurden, ist ihnen die Gefahr einer Verfolgung durch den Staat in unterschiedlichem Maße bewusst gewesen. Eine kurze Einleitung zu den Autorinnen selbst, wird daher am Anfang aller Betrachtungen stehen.

Durch den Vergleich der gewählten biografischen Texte soll verdeutlicht werden, in welchem Maße eine Opferkonkurrenz existiert, die nicht gesellschaftlich und von außen aufoktroyiert ist, sondern eine von den Verfasserinnen selbst empfundene. Dass sich die Autorinnen selbst in Konkurrenz zu anderen Opfern diktatorischen Machtmissbrauchs stellen, die Ausmaße der Menschenfeindlichkeit der Regime vergleichen oder sogar (wie Riemann) eine Gleichsetzung mit den Opfern des Holocaust fordern, zeigt letztlich Folgendes: Ob die Diktatur von Hitler, Stalin oder einer pseudodemokratischen SED ausgeübt wird, ist für den Inhaftierten in vielerlei Hinsicht nebensächlich. Die ganz persönlichen Erfahrungen von unschuldiger Verhaftung, Trennung von Angehörigen, Gefangenschaft, Hunger, Entwürdigung, Misshandlung und der allgegenwärtigen Angst vor dem Tod; dies sind die Punkte, die alle Autorinnen beschreiben und die unabhängig von der konkreten historischen Situation existentielle Ähnlichkeiten aufweisen. Die unterschiedlichen Systeme und Regimes haben eher Einfluss auf das Verhalten der Autorinnen nach der Entlassung, auf ihre Anerkennung als Opfer und ihre Möglichkeiten über das Erlebte zu sprechen oder zu schweigen. Wie Applebaum es formuliert, ist es für den Inhaftierten selbst kaum ein Unterschied, ob er „in einem deutschen Wald oder der sibirischen Tundra“ den Tod findet, dies ist eher bedeutend für eine faschistische, stalinistische oder poststalinistische Gesellschaft, die dies divergierend bewertet und somit auch unterschiedlich mit den Opfern umgeht.

2. Möglichkeiten und Grenzen des Vergleichs

Die Idee, die Diktaturen unter Hitler und Stalin zu vergleichen, ist nicht neu, was sich aus dem geschichtswissenschaftlichen und zum Teil auch literaturwissenschaftlichen Angebot von Lektüre zum Thema erschließen lässt.7 Zumeist gehen diese Forschungen und Vergleiche jedoch auf die historischen, politischen und sozialen Komponenten der Regime ein, und können somit nur als wissenschaftliche Grundlage zur literarischen Analyse dienen. In der Literaturforschung ist der Diktaturvergleich noch nicht umfassend dokumentiert, weshalb in dieser Arbeit oft auf geschichtswissenschaftliche Arbeiten zurückgegriffen werden muss.

Ein Vergleich biografischer Texte aus der Zeit des Nationalsozialismus und Stalinismus ist in vielerlei Hinsicht problematisch, weshalb die Möglichkeiten und Grenzen des Vergleichs klar abgesteckt werden.

Zum ersten gibt es rein formal die Bedenken, ob ein Vergleich überhaupt statthaft ist oder unweigerlich zu dem ethischen Problem einer Gleichsetzung der verschiedenen Opfergruppen führt. Das heißt, „[d]ass die NS-Zeit mit ihren einzigartigen Verbrechen weder durch stalinistische bzw. poststalinistische Verbrechen in der DDR relativiert, noch die Verbrechen in der DDR mit Hinweisen auf die NS-Verbrechen bagatellisiert werden“ sollten.8 Zum anderen ist jedoch die Verknüpfung der Systeme derart eng, dass ein Vergleich nahezu zwingend ist, obgleich eine wertende Haltung sofern nicht vom Autor selbst geäußert, ausbleiben sollte. Heydemann und Schmiechen-Ackermann formulieren die

Rechtfertigung eines Vergleichs verschiedener Regime wie folgt:

Die Tatsache, dass es nur in Deutschland zur Etablierung, Existenz und nahezu unmittelbaren Aufeinanderfolge einer rechts- und einer linkstotalitären Diktatur gekommen ist, stellt einen singulären historischen Tatbestand dar, der für die moderne Zeitgeschichtsforschung [und Literaturforschung; d.V.] eine besondere Herausforderung bedeutet.9

Trotz dieser divergierenden Systeme sind jedoch die Verhaftungspraxis und die Bedingungen der Haft durchaus vergleichend zu betrachten, da sich der Herrschaftsanspruch der verschiedenen Diktaturen nicht bis in die Häftlingszelle hinein in links- und rechtstotalitär unterscheiden lässt. Die Bedrohung des Lebens ist Kernbestandteil einer jeden willkürlichen Inhaftierung, wobei die Grenzen dieser Bedrohung für den Inhaftierten unklar sind. Dadurch machen die Gefangenen die gleichen existentiellen Erfahrungen, welche durchaus vergleichbar sind. Die Gegenüberstellung der Hafterfahrungen der Autorinnen wird zeigen, dass die unterschiedlichen Systeme unter denen sie inhaftiert waren, weniger Einfluss auf die Bedingungen während der Gefangenschaft haben, als auf die Möglichkeit diese Erfahrungen später literarisch zu verarbeiten.

Zum Zweiten strebt diese Arbeit nicht an, die NS-, SED-Diktatur und Stalinismus in Bezug auf ihren Herrschaftsalltag, ihre Medien- sowie Öffentlichkeitskontrolle oder Repressionen gegen die Bevölkerung im Allgemeinen zu bewerten, um zu dem Urteil zu gelangen, welches der Regime dem anderen generell ähnlicher ist. Der Fokus der Betrachtungen liegt auf deutschen Autorinnen, die unter den drei Systemen inhaftiert waren. Besonders die feminine Hälfte der Bevölkerung und ihre Rolle im Krieg sowie ihr Erleben des Umsturzes des Systems, sind bisher kaum über die Illustration der „Trümmerfrauen“ hinaus betrachtet worden.10 Gerade bei diesen Personen jedoch, die nicht an der Front kämpften und in Kriegsgefangenschaft geraten sind, wird eine andere Seite der Diktatur offenbart. Ob Widerständlerin oder aber unheroische Jugendliche, jeder konnte im Machtapparat von NSDAP, KPdSU oder SED für Jahre weggesperrt oder getötet werden. Im Schatten der Millionen von Opfern des Holocaust, existieren andere kleinere Opfergruppen von Diktatur und Machtmissbrauch während und nach dem Krieg, die den gleichen Anspruch auf Beachtung des ihnen widerfahrenen Terrors erheben.

Letztlich ist der Vergleich der Hafterfahrungen schon den Texten innewohnend, da die Autorinnen selbst ihre Situation, der anderer Opfergruppen gegenüberstellen.11 Bei diesen Betrachtungen ist Margarete Buber-Neumann das Bindeglied zwischen der Sowjetunion und dem deutschen Konzentrationslager, da sie beides erlebt und beschreibt. Barbara Reimann berichtet ohne diesen Vergleichsaspekt von demselben Konzentrationslager und Erika Riemann schließt diesen Kreis, da sie von russischer Hand verhaftet wird und später unter deutscher SED Verwaltung inhaftiert ist.

3. Die Autorinnen

Um die biografischen Texte kontextualisieren zu können, sollen die Autorinnen kurz vorgestellt werden. In den Folgenden knappen Zusammenfassungen wird ihr Leben vor der Inhaftierung erläutert, um eine Basis für weitere explizitere Ausführungen zu geben, da die für diese Arbeit bedeutsamen persönlichen Fakten in den jeweiligen Kapiteln betrachtet werden.

3.1. Margarete Buber-Neumann

Margarete Buber-Neumann wird 1901 in Potsdam geboren und wächst dort auf.12 Nach ihrem Schulabschluss macht Buber-Neumann eine Ausbildung zur Kindergärtnerin und heiratet Rafael Buber, einen Juden.

Aus dieser Ehe gehen zwei Kinder hervor, die jedoch bei den Schwiegereltern Buber-Neumanns aufwachsen und im Zuge der nationalsozialistischen Machtergreifung und der damit einhergehenden Gefahr der Verfolgung, mit ihnen emigrieren. Diese erste Ehe wird 1929 geschieden und Buber-Neumann macht Bekanntschaft mit Heinz Neumann, der ihr zweiter Ehemann wird. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten sind sie und ihr Mann, aufgrund ihrer kommunistischen Überzeugung, gezwungen zu emigrieren. Nach Aufenthalten in Spanien und der Schweiz flieht das Ehepaar 1935 in die Sowjetunion.

3.2. Barbara Reimann

Barbara Reimann wird am 29. Januar 1920 in Hamburg geboren.13 Sie hat zwei Brüder, die beide als KPD-Aktivisten in Auseinandersetzungen mit der SA geraten und deshalb schon 1933 in die Sowjetunion emigrieren.14 Auch der Vater Max Dollwetzel ist seit der Gründung der KPD im Jahr 1918 Mitglied der Partei, während sich seine Frau Clara bei der "Roten Hilfe" engagiert.15 Barbara Reimann wächst in einem kommunistisch geprägten Umfeld auf, besucht nach dem Schulabschluss eine Haushaltsschule und gerät selbst in kleinere Streitigkeiten mit BDM-Angehörigen. Nach der Emigration der Brüder, wird der Vater Barbara Reimanns 1933 verhaftet, um von ihm die Aufenthaltsorte seiner Söhne zu erpressen. Die Verhörmethoden der Gestapo erweisen sich als so brutal, dass bereits nach vier Tagen der Tod des Vaters durch die Polizei übermittelt wird. "Er hätte Selbstmord begangen."16 1943 erfolgt die Verhaftung von Barbara Reimann, ihrer Mutter und ihrem Stiefvater, nachdem sie von Bekannten verraten wurden und wegen ihren Tätigkeiten im Widerstand angeklagt werden. Ohne Prozess wird die Familie mit dem Vermerk „Rückkehr unerwünscht“ ins KZ Ravensbrück gebracht.17

3.3. Erika Riemann

Erika Riemann wird am 25.12.1930 geboren und wächst im thüringischen Mühlhausen als Kind einer Arbeiterfamilie auf.18 Ihre Biografie zur Vorkriegs- und Kriegszeit ist nicht Bestandteil ihrer und dieser Betrachtungen, da sie damals noch sehr jung war. Daher wird dies im Folgenden nicht näher beleuchtet werden können. Die wenigen Hinweise zu ihrem Leben vor der Verhaftung und somit vor 1945, vermitteln jedoch einen Eindruck ihrer politischen, bzw. von ihr als apolitisch empfundenen Einstellung. Riemann wächst unter dem nationalsozialistischen Regime auf, das sie zum damaligen Zeitpunkt als normal empfindet. Bereits im Alter von 14 Jahren gerät sie in sowjetische Gefangenschaft. Weder kann sie als aktives Mitglied der Nazis betrachtet, noch als Widerständlerin bezeichnet werden. Durch einen Kinderstreich und die naive Unterschätzung der sowjetischen Verhaftungsgefahr, gerät sie bis 1954 in Gefangenschaft.

4. Die biografischen bzw. autobiografischen Texte

In diesem Kapitel sollen die Texte der drei Autorinnen vor dem Hintergrund ihrer Schreibsituation und -motivation beleuchtet werden. Denn obwohl die Texte die Gemeinsamkeit teilen, von der Haft deutscher Frauen unter diktatorischen Regimes zu berichten, sind die jeweilige persönliche, politische und soziale Situation unweigerlich im Text und der Zeit seiner Niederschrift wiederzufinden. Im Folgenden soll deshalb den Fragen nachgegangen werden, welche imaginäre Leserschaft die Autorinnen ansprechen und mit welcher Absicht dies geschieht. Die Veröffentlichungsdaten der Texte bewegen sich zwischen den Jahren 1949 und 2002, obwohl die Haftzeit der Autorinnen nur den Zeitraum von 1938 bis 1954 einnimmt. Es lässt sich folglich vermuten, dass den Büchern verschiedene Motivationen des Schreibens zugrunde liegen, die die Autorinnen dazu bewegen einen biografischen Text zu veröffentlichen. Die Literaturwissenschaftlerin Susanne Düwell formuliert diese Überlegung wie folgt: „Mit zunehmendem Abstand zur Shoah tritt die Notwendigkeit, Zeugnis abzulegen, jedoch in den Hintergrund, auch wenn diese Intention weiterhin Motiv des Schreibens bleibt.“19 Gerade bei Riemann und Reimann handelt es sich um biografische Texte, bei denen dies zutrifft und deshalb soll erläutert werden, welche für die Autorinnen wichtigen Aspekte neben dem „Ablegen des Zeugnisses“ textimmanent zu finden sind.

4.1. Margarete Buber-Neumann:

„Als Gefangene bei Stalin und Hitler"

In Buber-Neumanns Teilbiografie „Als Gefangene bei Stalin und Hitler“ setzt sich die Autorin lediglich mit einem Zeitausschnitt ihres Lebens auseinander. Dieser beginnt mit dem Kapitel „Verhaftung Heinz Neumanns durch die NKWD am Vorabend der Maifeier 1937“ und endet mit „Freigelassen - Auf der Flucht vor den Russen“ im April 1945.20

Schon diese Eingrenzung des zeitlichen Raums lässt noch vor der Lektüre erahnen, welch einschneidendes Erlebnis, der in Gefangenschaft verbrachte Abschnitt ihres Lebens ist. Schon 1949 wird das Buch veröffentlicht und ist somit sehr zeitnah am Geschehenen. Dieser Fakt begründet, warum sich Buber-Neumann weder auf Kindheit, Jugend oder das Leben der Nachkriegszeit einlässt, sondern die Biografie als Verarbeitungsprozess begreift, der sich fast ausschließlich mit der Gefangenschaft befasst. Die Gefangenschaft wird also nicht als Part des Lebenslaufs begriffen, der unmittelbar mit anderen Bereichen verbunden ist, sondern als ein Abschnitt, der abgegrenzt wird vom restlichen Leben. Es entsteht eine Art Dreiteilung der persönlichen Geschichte, wie sie bei allen hier betrachteten Autorinnen erkennbar ist: Das Leben vor der Inhaftierung, der Abschnitt Gefangenschaft und das Leben danach, wobei sich Buber-Neumann nur zur Internierungszeit äußert.21

Interessanter Weise endet Buber-Neumanns Buch: „Von Potsdam nach Moskau“ mit der überfallartigen Verhaftung Heinz-Neumanns, während „Als Gefangene bei Stalin und Hitler“ an diesem Punkt beginnt.22 Die Erfahrungen von Gefangenschaft und Zwangsarbeit scheinen viel dominanter in Erinnerung zu sein und bedürfen der besonderen emotionalen Verarbeitung, wodurch erklärbar wird, dass schon 1949 Buber-Neumanns biografischer Text über die Haft erscheint, aber erst 1980 die Vorgeschichte dazu. Die zeitliche Entfernung zum Geschehenen scheint es möglich zu machen, die eigene Biografie vollständiger darzustellen, während die zeitliche Nähe zum ‚Erlebnis Gefangenschaft’, das vorherige Leben in den Hintergrund rücken lässt. Der Drang Zeugnis abzulegen überschattet somit die Erfahrungen vor der Internierung.

Buber-Neumann beschreibt, dass sie bereits während ihrer Gefangenschaft in Ravensbrück den Entschluss gefasst hatte, ein Buch „über die Konzentrationslager zweier Diktaturen zu schreiben“, um über die geschehen Verbrechen aufzuklären.23 Dass es keine Einleitung zum Buch gibt, oder Worte an den Leser, macht den berichtende Charakter des Textes noch augenscheinlicher. Buber-Neumann ist davon überzeugt, „daß das [ihre] Pflicht sei und [sie] lange genug, wenn auch in Unwissenheit, die Handlanger der GPU gewesen seien [...]“und deshalb unbedingt über das Geschehene berichten müssen.24 Ein besonderer Aspekt dabei ist, dass Buber-Neumann nicht nur über das System des Naziterrors berichten kann, von dem sie sich bereits zu Kriegzeiten sicher ist, dass es untergehen wird. Sie ist auch in der Lage über das stalinistische Regime zu schreiben und seine Grausamkeiten offenzulegen, noch bevor es sich in Deutschland etablieren konnte. Diesen Text 1949 zu veröffentlichen, verfolgt also nicht nur den Zweck über die Verbrechen am Menschen zu informieren, sondern auch für die Zukunft vor ihnen zu warnen. Viele der Mithäftlinge im deutschen Konzentrationslager, die Buber-Neumann beschreibt, sind zutiefst überzeugte Kommunisten, die durch die Enttäuschung unter der deutschen Diktatur leiden und gerade im Blick nach Osten eine Hoffnung sehen. Buber-Neumann beschreibt diese Verblendung der Mitgefangenen, die ihren Berichten über das reale stalinistische Russland mit Unglauben begegnen und sich der Hoffnung hingeben, Hitler könne durch eine kommunistische Revolution gestürzt werden.25

Die alten politischen Häftlinge lebten in ihren Illusionen aus den Jahren vor 1933. Sie waren unfähig aus den politischen Ereignissen der letzten Jahre irgendwelche Schlüsse zu ziehen.26

Gerade weil diese Menschen stellvertretend für viele andere gesehen werden müssen, ist das Gewicht Buber-Neumanns Text als Warnung vor dem Stalinismus noch schwerer. Da die Autorin eine Verfolgte beider Systeme ist, kann sie nicht, wie viele andere der Gefangenen auf eine Rettung durch die Russen hoffen. Buber-Neumann beschreibt diese Hoffnungshaltung der Häftlinge, beim Eintreffen russischer Zugänge.

So wie alle Kommunistinnen, war wohl auch die Paleckova [eine tschechische kommunistische Mitgefangene] den russischen Frauen mit hochgespannten Illusionen begegnet und hatte bei ihnen alle Tugenden der sozialistischen Erziehung erwartet, sie für aufrechte Kämpferinnen und Bewunderer der russischen bolschewistischen Partei gehalten. Und da kamen sie nun, primitiv, politische Analphabeten, und viele äußerten unverhohlen ihre Abneigung gegen das Stalinsche Regime.27

Aufgrund der eigenen Erfahrungen im Gulag hat sich Buber-Neumann von ihren Erwartungen an den russischen Kommunismus distanzieren müssen. Diese negativen Erfahrungswerte teilt sie jedoch nicht mit den in Deutschland Inhaftierten, die sich im fernen und idealisierten Russland einen Sieger über das Nationalsozialistische Regime ersehnen.

Buber-Neumann schreibt sehr früh ihren Erfahrungsbericht nieder, wobei vermutet werden kann, dass dies aufgrund seiner zeitlichen Nähe zum Erlebten, noch kein verarbeitetes Thema für die Autorin sein kann. Gerade durch die detaillierte Wiedergabe von Erlebnissen und der geringen Einbindung persönlicher Gefühle, gewinnt Buber-Neumanns autobiografischer Text ein hohes Maß an Authentizität. Subjektiver hingegen sind die Biografien Reimanns und Riemanns, wodurch sie ihre Glaubwürdigkeit behalten, doch durch die Betonung der persönlichen Überzeugungen (in streitbaren Aussagen) die Integrität des Autors schwächen.28 Natürlich ist es nicht die Aufgabe eines biografischen Textes ein objektives und allgemeingültiges Bild einer Thematik zu schaffen. Doch die Divergenz der Texte in Hinblick auf ihre Subjektivität wird gerade im Vergleich mit Buber-Neumanns äußerst sachlichem Bericht deutlich. Der Anspruch des Textes ist ein objektives Bild zu geben, wobei die Meinungsäußerungen der Autorin und damit die des Erzählers stark in den Hintergrund treten. An manchen Textpassagen scheint es als wäre die persönliche Ebene des Erzählens nachträglich oder während des Schreibens aus dem Text eliminiert worden. Berichte von besonders existenzbedrohenden Situationen werden abrupt beendet, um ohne Überleitung zu einer sachlichen Ebene zurückzukehren oder die Meinungskonflikte und Spekulationen der anderen werden wiedergegeben ohne den eigenen Standpunkt deutlich zu machen.29

Die Motivation Buber-Neumanns das Buch zu veröffentlichen kann nicht nur darin gesehen werden Zeugnis abzulegen, über die ihr widerfahrenen Erlebnisse in russischer und deutscher Haft, sondern viel mehr noch als Warnung vor dem Stalinistischem System, das bis dahin weit weniger befürchtet, als begrüßt wird.

4.2. Barbara Reimann: "Die Erinnerung darf nicht sterben…"

"Die Erinnerung darf nicht sterben… Barbara Reimann - Eine Biografie aus acht Jahrzehnten Deutschland", legt schon im Titel nahe, dass sich der Inhalt des Buches nicht nur mit der Haftzeit an sich beschäftigt, sondern auch mit der Vorgeschichte und dem Leben danach.30 Die Biografie beruht auf Interviews mit Reimann, die ab 1995 durch die Herausgeberinnen Franziska Bruder und Heike Kleffner geführt wurden. Zu weiten Teilen besteht der Text aus Zitaten der Autorin, die durch weiterführende Erläuterungen zu Personen oder Sachverhalten durchbrochen sind, wobei jedoch die Authentizität des Erzählten gewahrt bleibt. Ähnlich wie bei der Biografie Riemanns, besteht jedoch betreffend den Part der Haftzeit, eine erhebliche zeitliche Distanz zwischen Erleben und Erzählen, respektive Veröffentlichung im Jahr 2000. Bei Reimann stellt sich jedoch nicht die Frage, warum sie so lang geschwiegen hat, um dann mehr als 50 Jahre nach der Haft ihre Erfahrungen mitzuteilen.31 Zum ersten hat sich die Autorin über den gesamten Zeitraum mit ehemaligen Ravensbrücker Häftlingen getroffen und ihre Geschichte kommuniziert, weshalb also das Wort ‚schweigen’ unzutreffend wäre; zum anderen sind die Herausgeberinnen Bruder und Kleffner auf Reimann zugekommen und haben die Interviews dann im Rahmen einer Biografie niedergeschrieben.32

Das Buch gliedert sich in drei etwa gleich lange Teile, die Reimanns Leben vor, während und nach der Haft thematisieren. Dabei wird deutlich, dass die Haftzeit für Reimann keinen Umbruch ihrer politischen Überzeugungen zur Folge hatte, wie es bei Buber-Neumann erkennbar ist, die aus ersichtlichen Gründen vom real existierenden Kommunismus Abstand nimmt. Reimann hingegen ist in einer kommunistischen Familie aufgewachsen, in der der Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime eine ganz natürliche Reaktion war. Diese politische Überzeugung behält Reimann auch nach dem Krieg bei.

Ich kann mich nicht erinnern, daß es mal Zeiten gab, wo ich einfach nur eine ganz normale Familie haben wollte. Und ich habe die Nazis, die SS und die Gestapo gehaßt, weil sie mir meine Familie genommen haben. Natürlich hatte ich keine theoretischen Vorstellungen von der Politik der KPD. Der Bezug zur Partei bestand für mich in der Verbindung über die Familie.33

Diese natürliche Übernahme der politischen Überzeugung der Familie wandelt sich nach dem Krieg in eine persönliche. Im Gegensatz zu Buber- Neumann, die sich von der stalinistischen Auslegung des Kommunismus abwendet, manifestiert sich diese politische Überzeugung bei Reimann. Staatskritische Äußerungen zur DDR oder zum stalinistischen Russland fehlen bei Reimann gänzlich und stehen somit in starker Diskrepanz zu den Erfahrungen Reimanns Brüder (die als Politemigranten in sowjetische Gefangenschaft geraten sind) und Riemanns Inhaftierung in der SBZ.34

Reimann möchte mit ihrem Buch an die faschistischen Verbrechen erinnern und davor warnen, einen neofaschistischen Aufschwung zu unterschätzen. Dies ist ihrer Ansicht nach vor allem durch das Kommunizieren der Vergangenheit möglich.

Überall dort, wo wir Menschen ansprechen können, machen wir das. Wir versuchen, auf die gesellschaftlichen Probleme und vor allem auf die Nazi- Zeit und ihre Kontinuität hinzuweisen. Gerade in der heutigen Zeit, in der der Neofaschismus, die NPD und all die anderen Naziorganisationen wieder im Vormarsch sind, muß man dem entgegentreten. Die Erinnerung an das, was gewesen ist, darf nicht sterben. Das ist mein Anliegen: Daß die Zeit des Faschismus nie vergessen wird, denn so etwas darf sich nie wiederholen.35

Das Buch entsteht in einer Zeit, in der die Überlebenden der Lager und der Verfolgung eine immer kleiner werdende Gruppe bilden. Die Literatur über die Shoah und alle ihre Nebenerscheinungen erlebte in den 70er und 80er Jahren eine Renaissance, als in der nächsten Generation, die nicht in den Krieg involviert war, der Wunsch nach Wissen über die Erfahrungen der Elterngeneration mit dem Krieg stärker wurde. Eine weitere Generation später und somit im 21. Jahrhundert angelangt, ist es somit umso wichtiger die Erinnerungen an die faschistische Diktatur Hitlers wach zu halten. Dies kann nur durch die unmittelbaren Zeugen des Zweiten Weltkrieges erfolgen, indem sie ihre Erfahrungen mitteilen. Somit kommt auch der Haft- und Kriegsliteratur der heutigen Zeit eine wichtige Rolle zu. Zwar kann sie nicht mehr als Verarbeitungsprozess angesehen werden, jedoch als wichtiges Zeugnis das warnen soll, vor einer Wiederholung eines faschistischen Regimes und der Menschenverachtung.

4.3. Erika Riemann: "Die Schleife an Stalins Bart"

Erst im Jahr 2000 wird das Buch "Die Schleife an Stalins Bart: Ein Mädchenstreich, acht Jahre Haft und die Zeit danach" fertig gestellt und weitere zwei Jahre später veröffentlicht. Zwischen der erzählten Zeit und der Veröffentlichung liegen somit rund 50 Jahre, in denen die Autorin über das geschwiegen hat, was ihr widerfahren ist. Zum Teil ist dies dadurch bedingt, dass Riemann in der SBZ und späteren DDR inhaftiert war. Wie viele andere Betroffene der strittigen Entnazifizierungspolitik der Sowjetmacht beklagt auch Riemann, dass das öffentliche Interesse an dem Schicksal der Häftlinge von SBZ/DDR viel zu gering ist und sich erst nach 1989 langsam eine Art eigene Erinnerungskultur herausbildet.36 Friedhelm Boll spricht in seinem Buch: „Holocaust-Überlebende und politisch Verfolgte zweier Diktaturen“ gar von „Opfer-Konkurrenz“.37 Er beschreibt dies als “ eine kollektive Überzeugung nicht nur von stalinistisch verfolgten Sozialdemokraten, die die mangelhafte Aufarbeitung des sowjetkommunistischen Unterdrückungssystems beklagen. [Dies] verweist sowohl auf deren individuelle Schicksale, die nur wenig beachtet und daher dringend zu klären sind, wie auch die öffentliche Geringschätzung, die sie im Vergleich zu den NS-Opfern während der 70er und 80er Jahre erfuhren.“38 Genau diese „Opfer-Konkurrenz“ benennt auch Riemann als den Hauptantrieb zur Veröffentlichung ihres Schicksals:

Seltsamerweise sind es auch die sich häufenden Berichte in den Medien über den Holocaust, die mir das Vergessen unmöglich machen. Ich fühle mit den Juden, beinahe bis zur Unerträglichkeit berühren mich die Bilder, und es verschafft mir einen Moment lang Genugtuung, wenn das Unrecht beim Namen genannt wird. Jedes Mal denke ich, als Nächstes werden sie auch über uns berichten. Doch nichts geschieht. Zunehmend spüre ich beim Anblick von Baracken und Lagern, ausgemergelten Menschen Bitterkeit. Genau dort haben wir auch gesessen, wir waren ebensolche Klappergestelle, warum verliert darüber niemand ein Wort?

Es kommt mir immer unerträglicher vor zu schweigen. Ich ertrage die Ignoranz der Welt diesem Unrecht gegenüber nicht mehr.39

Der besondere Umstand, dass Konzentrationslager teilweise unter den sowjetischen Besatzern als Speziallager weitergeführt wurden, verstärkt das Bedürfnis der Internierten der SBZ öffentlich als Opfer einer Diktatur anerkannt zu werden. Auch Riemann war in Gefängnissen und ehemaligen Konzentrationslagern interniert und sieht sich somit eher auf einer Ebene mit den Internierten in Deutschland, als mit Gulag-Häftlingen und Verschleppten derselben Zeit.40

Der Entschluss, das Buch zu schreiben, liegt, anders als bei Reimann, bei Riemann selbst und wird nicht von außen an sie herangetragen. Die Autorin möchte mit ihrem biografischen Text nicht nur erinnern und warnen, sondern versucht die Traumatisierung der Haft zu verarbeiten. Denn, auch nach dieser langen Zeit des Schweigens und Weiterlebens, sind die emotionalen Spuren der Haft noch erkennbar.

Es ist nun vierzig Jahre her, seit ich entlassen worden bin, aber die Mauern umgeben mich immer noch. Sie sind nicht mehr außen, dort könnte man vielleicht entkommen. Meine Mauer ist in mir. Ich träume nachts von ihr, und ich erkenne sie tagsüber an der Spur der unvollendeten Dinge, gescheiterter Versuche, an meinem immer wieder neuen Versagen.41

Riemann macht sich viele Notizen, da sie merkt, dass ihr dies hilft. Doch diese zu ordnen und niederschreiben zu lassen, lässt sie einer Biografin zukommen. Die Unfähigkeit sich über diesen großen Zeitraum von vierzig Jahren nicht mit dem Trauma auseinandersetzen zu können beschreibt auch Ignatz Bubis.

Wenn ich ständig mit diesem Gedanken gelebt hätte, hätte ich vielleicht gar nicht weiterleben können - und schon gar nicht in Deutschland. Wie mir ging es vielen Überlebenden und deren Nachkommen. Das Verdrängen des Erlebten, das Schweigen, wurde für sie zum vermutlich überlebensnotwendigen Selbstschutz.42

Das Buch konzentriert sich ganz klar auf die Gefühle und das Erleben Riemanns, wobei andere Personen viel weniger deutlich dargestellt werden, als es bei Buber-Neumann und Reimann der Fall ist. Trotzdem gilt für alle drei Autorinnen, dass jede Geschichte zugleich individuell ist und doch für die Schicksale vieler anderer steht.

Bei „Die Schleife an Stalins Bart“ handelt es sich um eine Biografie, die auf Interviews mit und Notizen von Riemann beruht, die durch sie selbst beauftragt und begutachtet wurden. Diese beiden Fakten schlagen sich auch im Dargestellten nieder. So ist zumindest an einem Punkt der Biografie eine deutliche Diskrepanz zwischen realem Erleben und Beschriebenem zu erkennen. Dies lässt sich durch zwei Faktoren begründen. Da nicht abschließend beurteilt werden kann, in welchem von beiden die Ursache der Textunstimmigkeit zu finden ist, sollen anhand des folgenden Beispiels, beide möglichen Ursachen einzeln betrachtet werden. Riemann hat durch Misshandlungen während ihrer Haftzeit Geschmacks- und Geruchsinn dauerhaft verloren.43 Obwohl dieser Zwischenfall im Juni 1953 stattfindet, schreibt Riemann über ihre Heimkehr im folgenden Jahr:

Meine Mutter hat eigentlich alle Hände voll zu tun mit dem Haushalt. Auf dem Herd verbreitet ein riesiger Topf mit Kochwäsche einen Geruch nach Kernseife und Sauberkeit, Berge von Strümpfen liegen neben ihrem Platz und warten darauf, gestopft zu werden.44

Zum einen bietet die lange Zeitspanne zwischen Erleben und Niederschreiben viel Raum für nachträgliche Interpretationen durch die Autorin.45 Es entsteht eine verschwimmende Grenze zwischen Erinnerung und Erfahrung, die eine Art Pseudoerinnerung entstehen lässt. Das Sehen der Kochwäsche bewirkt anscheinend eine Synästhesie mit dem Geruch von "Sauberkeit". Dass sie diesen nicht wahrgenommen haben kann, bestätigt sich in den Berichten über die folgenden Jahre nach der Haft, in der das Fehlen des Geruchssinnes erneut thematisiert wird.46 Diese Beschreibung des Geruches kann eine Fehlleistung des Gedächtnisses und somit durch den enormen zeitlichen Abstand zum Geschehenen bedingt sein.

Zum anderen bietet das Genre der Biografie (im Gegensatz zur Autobiografie) mehr Raum für Interpretationen durch den Biografen und dadurch Fehler im Erzählten. Somit kann die Textdiskrepanz auch durch die schriftliche Illustration der Tonbandaufnahmen und Interviews durch die Biografin bedingt sein. Obwohl die verfassten Texte Riemann vorgelegt wurden, ist dieser Fehler offenbar nicht erkannt worden.

Die genannte Textdiskrepanz ist zwar in Hinblick auf das beschriebene Geschehen von geringfügiger Bedeutung, lenkt den Blick jedoch auf die Problematik der Authentizität in Biografien. Diese unterliegen immer einer meist ungewollten Verfremdung, durch die Wortwahl und den Fokus der Erzählten. Da der vollständige Text jedoch Riemann vorgelegen hat, gibt es keinen Grund der Biografie in Hinblick auf ihren Wahrheitsgehalt zu misstrauen.

5. Umstände der Verhaftung

Im Folgenden Kapitel sollen die Umstände der Verhaftung der Autorinnen erläutert werden. Da sie Opfer unterschiedlicher Regimes sind und sich der Gefahr einer Verhaftung in divergierendem Maß bewusst waren bzw. dieses Risiko mehr oder weniger bewusst eingegangen sind, sind auch die Umstände ihrer Verhaftung unterschiedliche. Zu allen drei Autorinnen sei gesagt, dass sie Opfer einer Diktatur wurden und somit in jedem rechtsstaatlichen System als unschuldig gelten würden. Die Vorwürfe die gegen die Autorinnen erhoben werden, sollen hier erläutert werden. Dabei wird offensichtlich, dass die Vorwürfe in jedem der diktatorischen Regimes aus der unbedingten Unterwerfung potentieller Staatsfeinde erwachsen.

5.1. Margarete Buber-Neumann

Margarete Buber-Neumann und ihr Mann sind seit zwei Jahren in Russland bevor Heinz Neumann durch die NKWD verhaftet wird und darauffolgend auch sie selbst. Buber-Neumann beschreibt die 1937 stattfindende Haftwelle zur Zeit des ‚Großen Terrors’ und ist sich darüber im Klaren, dass auch sie kaum verschont davon bleiben wird:

Und alle hat das Schicksal ereilt, alle unsere Freunde wurden vor mir verhaftet. Ich mußte die Schrecken des Zurückbleibens immer und immer wieder erleben, bis endlich nach einem Jahr die Reihe auch an mich kam.47

Für Buber-Neumann war also die Verhaftung nur eine Frage der Zeit. Ohnehin war sie in der sowjetischen Emigration isoliert und nach der Verhaftung ihres Mannes und ohne die Hilfe von Bekannten, kaum in der Lage sich selbst finanziell zu versorgen. Buber-Neumann beschreibt ihren zweijährigen Aufenthalt in Moskau bereits als Gefangenschaft „und so wie [sie] hatten alle dort lebenden Emigranten keine Möglichkeit, das Land zu verlassen, falls sie nicht in einem ‚Kominternauftrag’ hinausgeschickt wurden.“48

Zur Zeit des ‚Großen Terrors’ war Buber-Neumann gleich mehrfach in der Gefahr verhaftet oder sogar getötet zu werden. Zum einen hatte ihr Mann eine politische Position inne gehabt, die ihn im stalinistischen Russland quasi prädestinierte als Spion zu verdächtigt zu werden, zum anderen war ihre deutsche Nationalität eine Gefahrenquelle. Um zu verdeutlichen, wie unverkennbar die Verhaftung Buber-Neumanns in das Vorgehensschema der sowjetischen Säuberungsaktionen passt, sollen folgende Zitate dienen. Barberowski und Doering- Manteuffel beschreiben die Vorgehensweise der „nationalen Operation“ in ihrem Buch „Ordnung durch Terror“ als ungerichtet und planlos:49

[...] [Weil] es keine Orientierungsziffern für die NKVD-Organe gab, war es in das Belieben der lokalen Organe gestellt, über die Kategorisierung der Feinde selbst zu befinden. In manchen Regionen entledigten sich die Parteisekretäre ihrer Minoritäten, indem sie die Opfer als ‚sozial fremde Elemente’ klassifizieren und erschießen ließen.

Diese Vorgehensweise spiegelt sich auch in der Verhaftung Buber- Neumanns wider. Ihr Haftbefehl datiert auf Oktober 1937, trotzdem wird sie erst im Juli 1938 verhaftet, obwohl ihr Aufenthaltsort der NKWD durchaus bekannt war.50 Diese ‚Planlosigkeit’ der Verhaftungswellen zeigt sich auch in der Urteilsbegründung Buber-Neumanns nach ihrer Inhaftierung.

Er [NKWD-Offizier] überreichte mir mit den Worten: ‚Können Sie russisch lesen?’ einen Zettel, auf dem in Schreibmaschinenschrift stand: ‚Margarita G. Buber-Nejman als sozial gefährliches Element zu fünf Jahren Besserungs-Arbeitslager verurteilt...’51

Erfolglos hatten NKWD-Offiziere im Gefängnis Butirki versucht, die Autorin dazu zu drängen, Protokolle mit ungewissem Inhalt zu unterschreiben, bevor sie sozusagen als letzte Instanz auf „sozial gefährliches Element“ entschieden.

5.2. Barbara Reimann

Im Jahr 1942 macht die Familie Clasen-Dollwetzel Bekanntschaft mit Alfons Pannek.52 Er wird ihnen als ehemaliger Häftling vorgestellt, der im Zuge der Haftentlassungswelle 1940 auf freien Fuß gesetzt worden sei. Wie Reimann später erfahren wird, wurde Pannek jedoch unter anderen Umständen entlassen als angenommen. Er hat den Auftrag für die Gestapo zu spionieren und kann mit Hilfe seiner ehemaligen Zugehörigkeit zur KPD eine gewisse Vertrauensbasis vortäuschen. Reimann beschreibt ihr Verhältnis zu Pannek als "misstrauisch" und "distanziert".53 Trotzdem besucht Pannek die Familie oft und stiftet sie sogar indirekt zu Vergehen gegen das Nationalsozialistische System an. So veranlasst er den Stiefvater Reimanns ausländische Sender einzuschalten, "weil man hier doch nichts erfahren kann" und man müsse sich "informieren, was eigentlich los ist."54 Dies wird einer der Anklagepunkte gegen die Familie, da Pannek diese Informationen an die Gestapo weitergibt. Andere Vorwürfe sind Reimanns Aktivitäten im Widerstand, welche auch partiell durch Pannek gesteuert und forciert wurden. So engagiert sich Reimann in einer Widerstandsgruppe um Max Kristeller, die 1943 von Pannek verraten wird.

Zu mir [Reimann] hat Pannek gesagt, daß sie da mit mehreren jungen Leuten zusammenkommen und überlegen, was man tun kann. Wir sollten uns an die Frontsoldaten wenden und sie dazu überreden, daß sie überlaufen sollen und damit dazu beitragen, den Krieg früher zu beenden.55

Anhand dieser Ratschläge durch Pannek zeigt sich sein perfides Vorgehen, was schließlich darin resultiert, dass er mindestens zwei der drei Anklagepunkte, die gegen Reimann erhoben werden, selbst animiert hat.

[...]


1 Anne Applebaum (2005) S. 41

2 Margarete Buber-Neumann (1949)

3 Barbara Reimann (2000)

4 Erika Riemann (2002)

5 Vgl. Leo (2003) S.274, von Plato (1998) S.69 f, Boll (2001) S. 33ff

6 Vgl. Boll (2002) S. 410 ff. Diese Fakten schlagen sich auch in den Veröffentlichungsdaten der Autorinnen nieder und werden in Kapitel 3 und 4 näher betrachtet.

7 Einige dieser Texte zur historischen Vergleichsebene der Diktaturen werden in dieser Arbeit als Basis zu einem literarischen Vergleich genutzt, wie Boll (2001), von Plato (1998), Dahlmann/Hirschfeld (1999).

8 Faulenbach (1993) S. 175-190, hier S.190

9 Heydemann/Schmiechen-Ackermann (2003), S. 9-56, hier S. 13

Zwar beschränken sich die Autoren auf den Vergleich von SED- und NS-Diktatur, doch ist der Konnex zur sowjetischen Diktatur derart offenkundig, (da aus ihr die SED hervorgeht) dass dieses Regime gleichwertig mit in die Betrachtungen miteinbezogen und als ebenso nötig und möglich erachtet wird.

10 Vgl. Stark (1999) S. 318 f

11 Vgl. Buber-Neumann(1949) S. 119 f, S. 196, S. 228 und Riemann (2002) S. 177, S. 242 f

12 Vgl. hier und im Folgenden Margarete Buber-Neumann (1949). Da die Autobiografie BuberNeumanns nur die Jahre der Haft in Gulag und KZ beschreibt, wird auf die nachfolgenden Erfahrungen in Nachkriegsdeutschland nicht eingegangen werden können.

13 Vgl. Barbara Reimann (2000) S. 13

14 Vgl. Ebd. S. 26

15 Vgl. Ebd. S. 33 f

16 Vgl. Ebd. S. 36

17 Vgl. Ebd. S. 72

18 Vgl. www.erikariemann.de

19 Susanne Düwell (2004) S. 10

20 Vgl. Margarete Buber-Neumann (1949)

21 Bei Reimann tritt diese Unterteilung der Biografie nicht nur unbewusst ein, sondern ist in der Einteilung des Buches in drei Kapitel manifestiert. Vergleiche dazu auch Kapitel 4.2. Bei Riemann sind die Kapitel bis zum Zeitpunkt ihrer Freilassung durchnummeriert, danach mit Überschriften versehen. Damit ergeben sich bei ihr nur zwei Abschnitte des Lebens, was aber stark dadurch bedingt ist, dass sie zum Zeitpunkt ihrer Verhaftung noch sehr jung war und deshalb kaum eine Vorgeschichte präsentieren kann.

22 Vgl. Margarete Buber-Neumann (1990)

23 Margarete Buber-Neumann (1949) S. 274

24 Ebd. S. 145

25 Vgl. Buber-Neumann (1949) S. 223

26 Ebd. S. 224

27 Ebd. S. 219

28 Vgl. dazu Kapitel 7.4.

29 Vgl. Buber-Neumann (1949) S. 37, S. 55, S. 66, S. 97, S. 139, S. 213, S. 215

30 Vgl. hierzu Kapitel 4.1. Die Dreiteilung des Lebenslaufs ist in Bezug auf Reimann nicht nur theoretisch vorhanden, sondern in der Einteilung des Buches in drei Kapitel ersichtlich.

31 Eine Frage die hingegen bei Riemann durchaus berechtigt ist, da sie selbst das Schreiben ihrer Biografie in Auftrag gegeben hat. Dies wird im folgenden Kapitel nochmals erläutert.

32 Dies geschieht nicht ohne Vorsicht, wie sich an Reimanns Äußerung, „eigentlich mache ich das nicht mehr so gerne, weil wir alle schlechte Erfahrungen mit Journalisten gemacht haben“, erkennen lässt. Reimann (2000) S. 7 Vorwort

33 Reimann (2000) S.37

34 Dieser Gegensatz in der Beschreibung der Sowjetbesatzer und ihrer Entnazifizierungspolitik wird in Kapitel 8. genauer erläutert.

35 Riemann (2002) S. 201 f

36 Vgl. Riemann (2002) S. 242, S. 243

37 Vgl. Boll (2001) S. 17

38 Ebd. S. 18

39 Riemann (2002) S. 242

40 In chronologischer Reihenfolge waren die Haftstätten Gefängnis Brandenburg, Torgau, Bautzen, ehemaliges KZ Sachsenhausen und Gefängnis Hoheneck. Vgl. dazu Riemann (2002)

41 Riemann (2002) S. 244

42 Bubis (1996) S. 278

43 Vgl. Riemann (2992) S. 151 ff

44 Ebd. S. 183. Hervorhebung durch den Verfasser.

45 Mit Autorin ist Erika Riemann gemeint, die als solche auf dem Buchtitel erscheint.

46 Über ihre Arbeit in einem Krankenhaus schreibt sie: "Ich rieche ja ohnehin nichts, aber wenn ich es könnte, dann würde ich feststellen, dass es der Geruch von Desinfektionsmitteln ist und nicht der des Todes, den man hier wahrnimmt." Riemann (2002) S. 233

47 Buber-Neumann (1949) S. 14. Für weitere Informationen siehe auch Karl Schlögel (2008). Schlögel befasst sich in dem Kapitel „Eine Topographie des Verschwindens: Das Moskauer Adressbuch von 1936“ mit dem erschütternden Ausmaß der Verhaftungswelle. Darunter zählen im besonderen Politemigranten, Mitarbeiter der Komintern und ausländische Facharbeiter zur Kerngruppe der durch Verhaftung bedrohten.

48 Buber-Neumann(1949) S. 22

49 Hier und im Folgenden Barberowski/Döring-Mannteuffel (2006) S. 57

50 Vgl. Buber-Neumann (1949) S. 29

51 Ebd. S. 57

52 Reimann (2000) S. 38 Barbara Reimanns Mutter hat 1937 erneut geheiratet und den Namen Clasen angenommen.

53 Ebd. S. 57. Besonders da Pannek als ehemaliger politischer Häftling sofort eine Wohnung bekommt, zu einer Zeit in der für Hamburger Wohnungsnot herrscht, zieht er das Misstrauen Reimanns auf sich.

54 Ebd. S. 58

55 Ebd. S. 59

Ende der Leseprobe aus 99 Seiten

Details

Titel
Die literarische Verarbeitung von Hafterfahrungen deutscher Frauen zwischen 1938 und 1954 unter diktatorischen Regimes
Untertitel
Drei Textbeispiele aus Stalinismus und Nationalsozialismus im Vergleich
Hochschule
Universität Potsdam  (Germanistik)
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
99
Katalognummer
V167969
ISBN (eBook)
9783640848515
ISBN (Buch)
9783640845118
Dateigröße
655 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gulag, Konzentrationslager, Speziallager, Frauen, Biografien, Literaturvergleich, Internierung;, Nationalsozilasimus;, Haftbedingungen, SED, Buber-Neumann, Riemann, Reimann
Arbeit zitieren
Juliane Berndt (Autor), 2010, Die literarische Verarbeitung von Hafterfahrungen deutscher Frauen zwischen 1938 und 1954 unter diktatorischen Regimes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167969

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