Nikolai Gogols "Nos"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

20 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Definition der Fantastik nach Todorov und die Anwendung an „Nos“

2. Andreas Larsson: Gogol‘ und das Problem der menschlichen Identität
a) Der Erzähler
b) Der Major und der Barbier
c) Die Nase und ihr Verlust

3. H. Günther: „Die Nase“, eine phantastische Groteske

4. Jurij Mann. Snjatie nositelja fantastiki. Povest‘ „Nos“

5. V. Sečkarev: Zur Interpretation von „Nos“ und der Absicht des Autors

Schluss: Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Literaturverzeichnis

Einleitung

Вы посудите, в самом деле, как же мне быть без такой заметной части тела? (…) Я бываю по четвергам у статской советницы Чехтаревой; Подточина Палагея Григорьевна, штаб-офицерша, и у ней дочка очень хорошенькая, тоже очень хорошие знакомые, и вы посудите сами, как же мне теперь... Мне теперь к ним нельзя явиться.[1]

Dieses Zitat aus Gogols „Nos“ deutet die Problematik der vorliegenden Hausarbeit an. Es geht um den Verlust eines wichtigen Teils der Identität, den Verlust der Männlichkeit beziehungsweise der Geschlechtlichkeit wenn nicht gar der Existenz an sich mit daraus resultierenden Folgen eingebunden in eine fantastische Erzählung. Zur Analyse des Werks wird die Sekundärliteratur von A. Larsson, H. Günther, J. Mann und V. Sečkareff besprochen. Diese Autoren beschäftigen sich eingehend mit dem berühmten Werk Gogols und beleuchten es von verschiedenen Seiten. Vorher soll T. Todorovs Definition der Fantastik detailliert vorgestellt und an „Nos“ angewendet werden.

Nikolaj Vasiljevič Gogol‘ schrieb die Erzählung „Nos“ zwischen 1832-1833. Im Jahr 1835 weigerte sich die Zeitschrift „Moskovskij nabljudatel‘“ sie zu drücken mit der Begründung, sie sei „dreckig, pervers und trivial“. Doch Alexander Puškin überredete den Autor die Erzählung im „Sovremennik“ zu veröffentlichen, weil sie seiner Meinung nach „so viel unerwartetes, phantastisches, lustiges und originelles“ enthält.[2] Gogols Verbindung zu Puškin, die für die Entstehung von „Nos“ eine Rolle gespielt hat, soll unter anderem thematisiert werden.

1. Definition der Fantastik nach Todorov und die Anwendung an „Nos“

Der bulgarische Strukturalist Tzvetan Todorov beschäftigt sich mit der fantastischen Literatur und entwickelt in seiner Arbeit eine umfassende Definition der Fantastik. Das Fantastische muss drei Bedingungen erfüllen. Erstens, der Text muss den Leser dazu bringen, den Kosmos der handelnden Figuren wie einen Kosmos lebender Figuren zu sehen, und ihn unschlüssig werden lassen durch die Frage, ob die ausgelösten Ereignisse natürliche oder übernatürliche Ursachen haben. Zweitens, die Unschlüssigkeit kann ebenfalls von einer handelnden Figur empfunden werden. Die handelnde Figur übernimmt auf diese Weise die Rolle des Lesers und wird auch unschlüssig beziehungsweise der wirkliche Leser versetzt sich in die handelnde Person hinein. Drittens, der Leser übernimmt eine bestimmte Art des Lesens. Sie darf weder poetisch noch allegorisch sein. Diese drei Bedingungen haben nicht den gleichen Wert. Die erste und die letzte sind notwendig für die Fantastik. Die zweite kann ausgelassen werden. Doch die meisten Beispiele erfüllen alle drei Anforderungen.[3][4]

Das Fantastische hält so lange an wie die Unschlüssigkeit des Lesers. Erfährt er in einem Text von einem unerklärliches Ereignis, fragt er sich ob es wirklich passiert sein kann oder nicht. Er schwankt zwischen den Möglichkeiten einer Sinnestäuschung und eines tatsächlichen Ereignisses. Wenn er sich am Ende des Textes für das erste entscheidet und akzeptieren muss, dass die Geschichte neue Naturgesetze schafft, mit denen sich das Fantastische erklären lässt, kommt man in den Bereich des Wunderbaren. Wenn er sich für das zweite entscheidet und bemerkt, dass die Naturgesetze nicht verändert werden, sondern die Realität undurchschaubar wird, tritt man in den Bereich des Unheimlichen ein.[5] Beide Bereiche unterteilen sich wiederum: Das Wunderbare in „unvermischt Wunderbares“ und „fantastisch Wunderbares“, das Unheimliche in „unvermischt Unheimliches“ und „fantastisch Unheimliches“.[6] Beim „unvermischt Wunderbaren“ gibt es sowohl bei Charakteren als auch beim impliziten Leser keine Zweifel am Übernatürlichen. Ein Beispiel hierfür wären „Märchen aus 1001 Nacht“. Das „unvermischt Wunderbare“ muss man vom „Wunderbaren“, das auf eine bestimmte Weise gerechtfertigt wird, trennen. Das letztgenannte teilt sich in vier Arten auf. Erstens, das „hyperbolisch Wunderbare“, das die phantastischen Erscheinungen in einer ungewöhnlichen Größe zeigt. Zum Beispiel ist in den „Märchen aus 1001 Nacht“ die Rede von riesigen Fischen und Schlangen. Zweitens, das „exotisch Wunderbare“, bei dem der Autor annimmt, dass der Leser den Ort, wo die Geschichte spielt, nicht kennt und keinen Anlass hat ihn anzuzweifeln (zum Beispiel ist Sindbad in den „Märchen von 1001 Nacht“ während seiner zweiten Reise auf einer Insel, auf der Riesenvögel und Nashörner leben). Drittens, „instrumentales Wunderbares“, worunter man sich bestimmte Wunder der Technik vorstellen kann, die es in der beschriebenen Zeit nicht gab, die aber möglich waren. Als Beispiele kann man den fliegenden Teppich aus „1001 Nacht“ oder das U-Boot Nautilus aus „20.000 Meilen unter dem Meer“ nennen. Viertens, das „naturwissenschaftlich Wunderbare“ oder Science-Fiction, wo „das Übernatürliche auf rationale Weise erklärt wird“, aber durch Gesetze, die für die aktuelle Naturwissenschaft unbekannt sind.[7] Science-Fiction Literatur kennt man unter anderem von Gebrüdern Strugackij. Das „fantastisch Wunderbare“ erkennt man daran, dass beim Leser und bei handelnden Personen Zweifel am Übernatürlichen erzeugt werden. Das „fantastisch Unheimliche“ zeichnet sich dadurch aus, dass Ereignisse, die über die ganze Erzählung unheimlich erscheinen, am Ende eine rationale Erklärung finden. Entweder war das Übernatürliche inszeniert, das heißt ein Betrug, oder die Person hat geträumt, Drogen genommen, ist verrückt geworden. Puškins „Grobovščik“ ist ein Text, der in diese Kategorie fällt, da sich das Geschehen am Ende als ein Traum der handelnden Person herausstellt. Beim „unvermischt Unheimlichen“ ist die übernatürliche Lösung der Ereignisse unwahrscheinlich, sie lassen sich durch Vernunft ganz erklären. Ein Beispiel hierfür sind die Horrorgeschichten von Edgar Allan Poe wie „Die Maske des roten Todes“.[8]

Wenden wir uns nun der Erzählung „Nos“ zu. Wenn man die erste Bedingung der Fantastik betrachtet, stellt man fest, dass es in der Erzählung eine Welt der handelnden Personen gibt und dass der Leser wirklich unschlüssig wird. Man ist sich nicht sicher, ob ein Mensch seine Nase verlieren kann und dass diejenige dann in Menschengestalt durch die Stadt läuft. Diese Unschlüssigkeit bleibt bis zum Schluss. Die handelnden Personen übernehmen die Unschlüssigkeit des Lesers. Sowohl Ivan Jakovlevič als auch Kovalev haben Zweifel an der Wirklichkeit des Geschehens. Der Barbier fragt sich, ob er den Abend zuvor betrunken war und dem Kunden die Nase abgeschnitten hat. Kovalev glaubt zu träumen und muss sich vom Gegenteil überzeugen. Die Erzählung kann weder allegorisch noch poetisch interpretiert werden. „Nos“ lässt sich in den Bereich des Wunderbaren, aber nicht eindeutig ins „fantastisch Wunderbare“ oder „unvermischt Wunderbare“ einordnen. Die Erzählung erfüllt die obengenannten Bedingungen des „fantastisch Wunderbaren“. Selbst der Erzähler äußert am Ende Zweifel an der Wahrscheinlichkeit der Ereignisse. Doch andererseits äußern die handelnden Personen keine Zweifel beim direkten Zusammenstoß mit dem Übernatürlichen. Der Barbier findet die Nase im Brot und erkennt sie sofort: „Иван Яковлевич (…) стал протирать глаза и щупать: нос, точно нос! и еще казалось, как будто чей-то знакомый. (…) Он узнал, что этот нос был не чей другой, как коллежского асессора Ковалева, которого он брил каждую середу и воскресенье.“[9]. Als Kovalev ‚Herrn Nase‘ im Kazanskij Sobor trifft, ist er zwar darüber erstaunt, erkennt aber im selben Moment um was es sich dabei handelt:

„Вдруг он стал как вкопанный у дверей одного дома; в глазах его произошло явление неизъяснимое: перед подъездом остановилась карета; дверцы отворились; выпрыгнул, согнувшись, господин в мундире и побежал вверх по лестнице. Каков же был ужас и вместе изумление Ковалева, когда он узнал, что это был собственный его нос!

„Nos“ bewegt sich damit auf der Grenze zwischen dem „unvermischt Wunderbaren“ und dem „fantastisch Wunderbaren“.

2. Andreas Larsson: Gogol‘ und das Problem der menschlichen Identität

Im Folgenden soll A. Larssons Arbeit behandelt werden.[10] Die ausgewählten Themen seiner Arbeit sind ‚Der Erzähler‘, ‚Der Major und der Barbier‘ und ‚Die Nase und ihr Verlust‘. Die Aussagen des Autors werden hier und ebenso bei anderen Autoren mit Fußnoten gekennzeichnet. Hier und im weiteren Verlauf der Hausarbeit werden eigene Gedanken nicht gesondert markiert.

a) Der Erzähler

Aus der Sprache und den Wertungen im Text kann man schließen, dass der Erzähler nicht mit Gogol persönlich gleichzusetzen ist. Der Sprachgebrauch deutet auf ein niedriges Bildungsniveau des Erzählers hin.[11] Larsson meint, dessen Sprache sei „ein ungeschicktes Gemisch aus Umgangssprache und Kanzleistil“.[12] Gleich am Anfang auf der ersten Textseite finden sich gehäuft Formen von Partizipien: „живущий, утрачена, приподнявшись, любившая, усевшись, сделавши, разрезавши“[13]. Sie wechseln sich ab mit direkter Rede.

[...]


[1] Nikolaj Gogol‘: Mertvye duši. Moskva 2009. Povest’ “Nos”, S. 62.

[2] http://ru.wikipedia.org/wiki/Нос_(повесть) (06.09.2010).

[3] T. Todorov: Einführung in die fantastische Literatur. Frankfurt am Main 1992. S. 25-54.

[4] Todorov, 33.

[5] Ebd, 40.

[6] Ebd, 43.

[7] Ebd, 52-53.

[8] Todorov, 43-44/P. Gleißner: Tutorium „Fantastik“ für Russisten im Sommersemester 2010 (Fantastik nach Todorov).

[9] Gogol‘, 50.

[10] Andreas Larsson: Gogol’ und das Problem der menschlichen Identität. Die „Petersburger Erzählungen“ und der „Revisor“ als Beispiele für ein grundlegendes Thema in den Werken von N.V. Gogol‘. München 1992.

[11] Larsson, 55.

[12] Ebd.

[13] Gogol’, 49.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Nikolai Gogols "Nos"
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
20
Katalognummer
V167993
ISBN (eBook)
9783640890293
ISBN (Buch)
9783640890408
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
nikolai, gogols
Arbeit zitieren
Nikita Iagniatinski (Autor), 2010, Nikolai Gogols "Nos", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/167993

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