Im Rahmen des Studiums einer Geisteswissenschaft, wie beispielsweise der Bildungs- und Erziehungswissenschaft, kommt man nicht umher, sich mit metatheoretischen Problemstellungen und Herangehensweisen auseinanderzusetzten. Auch in dem Bereich der Geisteswissenschaften - wie in den unterschiedlichsten wissenschaftlichen
Disziplinen - macht ein ‚Zauberwort‘ von sich reden: „Konstruktivismus“.1 Der Begriff
des Konstruktivismus hat sich in den vergangenen Jahren als die allgemein übliche
Bezeichnung für eine Reihe von sozial- und humanwissenschaftlichen Theoriebildungen
durchgesetzt. Mit einem näheren Blick enthüllen sich diese Theoriebildungen als recht
verschiedenartig, sie erstrecken sich über ein weit gefächertes Spektrum
unterschiedlichster Standpunkte. Dieses Spektrum reicht von verhältnismäßig moderaten
bis hin zu äußerst radikalen und kontroversen Positionen.2 Jedoch stoßen der
Konstruktivismus und insbesondere der Radikale Konstruktivismus in
wissenschaftstheoretischen Abhandlungen auch auf (starke) Kritik, da sich bei näherer
Betrachtungsweise doch zum Teil beachtliche Probleme und Schwächen des
Konstruktivismuskonzeptes darstellen. Unger (2005) schreibt sogar: „Der
Konstruktivismus treibt seltsame Blüten.“9 Aus diesem Grund beschäftige ich mich in der vorliegenden
Hausarbeit mit den kritischen Aspekten des Konstruktivismus. Daher stellt sich für mich
die Frage, inwieweit der Konstruktivismus in seinen Argumenten Schwächen und
Probleme aufzeigt und wie stark diese an dem Grundkonzept des Konstruktivismus zerren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Einführung in den Konstruktivismus
2.1. Theoretische Wurzeln
2.2. Allgemeine Merkmale des Konstruktivismus
2.3. Die Bezeichnung des Radikalen Konstruktivismus
3. Die Kritik an den Konstruktivismus
3.1. Die erkenntnistheoretischen Kernaussagen und ihre realistische Voraussetzungen
3.2. Rechtfertigungsprobleme der radikal-konstruktivistischen Erkenntnistheorie
3.3. Probleme des Radikalen Konstruktivismus als empirische Theorie
3.4. Fazit zur Kritik am Konstruktivismus
4. Die Kritik an der radikal-konstruktivistischen Pädagogik
4.1. konstruktivistische Pädagogik
4.2. Kritik an der radikal-konstruktivistischen Pädagogik
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, eine kritische Auseinandersetzung mit dem Konstruktivismus – insbesondere dem Radikalen Konstruktivismus – zu führen. Dabei wird untersucht, inwieweit die Theorie in ihren Argumenten Schwächen aufweist und wie diese die Stabilität des Grundkonzepts beeinträchtigen.
- Analyse der theoretischen Wurzeln und Grundannahmen des Konstruktivismus
- Kritische Prüfung der erkenntnistheoretischen Kernaussagen und ihrer realistischen Voraussetzungen
- Diskussion der empirischen Probleme und Selbstwiderlegungsvorwürfe
- Untersuchung der Anwendbarkeit des Radikalen Konstruktivismus in der Pädagogik
Auszug aus dem Buch
3.2. Rechtfertigungsprobleme der radikal-konstruktivistischen Erkenntnistheorie
Ist der Radikale Konstruktivismus eine viable Erkenntnistheorie? Als Kriterium zur Beurteilung von Konstrukten existiert im Radikalen Konstruktivismus das Viabilitätskonzept, also das Kriterium, ob die Theorie hinsichtlich der Erreichung eines bestimmten Zieles nützlich ist. Der Radikale Konstruktivismus stellt die Frage, wie wir erkennen, diejenige nach dem was des Erkennens voran.50 Beispielsweise heißt der Untertitel des von Watzlawick (2008) herausgegebenen Bandes ‚Die erfundene Wirklichkeit‘ „Wie wissen wir, was wir zu wissen glauben“ und dieser schreibt:
„Wenn nämlich das Was des Wissens vom betreffenden Erkenntnisvorgang, dem Wie, bestimmt wird, dann hängt unser Bild der Wirklichkeit nicht mehr nur davon ab, was außerhalb von uns der Fall ist, sondern unvermeidlich auch davon, wie wir dieses Was erfassen.“51
Auch für von Glasersfeld (2008) ist die Frage nach dem Wie des Erkennens beziehungsweise der Konstruktion einer relativ stabilen und verlässlichen Welt „die Hauptfrage, die der Konstruktivismus zu beantworten versucht“52. Nun stellt sich jedoch nach Diesbergen (2000) die Frage, ob die Erkenntnisbildung tatsächlich so abläuft, wie es der Radikale Konstruktivismus beschreibt, nämlich als subjektives, selbstreferentielles Konstruieren. Die These von der subjektiven Konstruiertheit unserer Erkenntnis muss selbstverständlich auch auf sich selber angewendet werden. Wenn alle unsere Theorien nichts als konstruierte Modelle sind, trifft dies auch auf die Konstruktion des Radikalen Konstruktivismus zu. Dieses wird von einigen Anhängern der radikal-konstruktivistischen Denkweise konsequenterweise auch zugegeben. So wird, nach von Glasersfeld, derjenige, der die Aussagen im Kern der Theorie verstanden hat,
„[...] es als selbstverständlich betrachten, dass der radikale Konstruktivismus nicht als Abbild oder Beschreibung einer absoluten Wirklichkeit aufgefasst werden darf, sondern als ein mögliches Modell der Erkenntnis von kognitiven Lebewesen, die imstande sind, sich auf Grund ihres eigenen Erlebens eine mehr oder weniger verlässliche Welt zu bauen.“53
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die metatheoretische Bedeutung des Konstruktivismus als interdisziplinäre Debatte ein und begründet das Anliegen der kritischen Auseinandersetzung.
2. Einführung in den Konstruktivismus: Dieses Kapitel erläutert die Grundannahmen und theoretischen Wurzeln, die den Konstruktivismus als Konzept der „Erkenntnis als Machen“ definieren.
3. Die Kritik an den Konstruktivismus: Hier werden die erkenntnistheoretischen und empirischen Schwachstellen des Radikalen Konstruktivismus, wie etwa Rechtfertigungsprobleme und Selbstwiderlegungen, detailliert untersucht.
4. Die Kritik an der radikal-konstruktivistischen Pädagogik: Dieses Kapitel hinterfragt die Übertragbarkeit des Konstruktivismus auf erziehungswissenschaftliche Praxis und Didaktik.
5. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst zusammen, dass der Konstruktivismus zwar faszinierende Aspekte bietet, jedoch aufgrund zahlreicher Widersprüche in sich als Wissenschaftstheorie problematisch bleibt.
Schlüsselwörter
Konstruktivismus, Radikaler Konstruktivismus, Erkenntnistheorie, Viabilität, Selbstorganisation, Autopoiese, Wirklichkeit, Realismus, Erkenntnis, Pädagogik, Systemtheorie, Wissenschaftstheorie, Selbstwiderlegung, Kognition, Konstruktion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit einer kritischen Reflexion des Konstruktivismus, insbesondere der radikal-konstruktivistischen Position, und hinterfragt deren theoretische Konsistenz.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Felder sind die Erkenntnistheorie, die Rolle des Subjekts beim Erkennen, die Anwendung des Konstruktivismus in der Pädagogik sowie die wissenschaftstheoretische Begründbarkeit des Ansatzes.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Schwächen und Widersprüche im konstruktivistischen Denken aufzudecken, die zeigen, dass die Theorie als konsistente Grundlage in Frage steht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine literaturanalytische Methode, um die Fachliteratur kritisch zu sichten und die theoretischen Unklarheiten und internen Widersprüche herauszuarbeiten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil liegt der Fokus auf der erkenntnistheoretischen Kritik, den empirischen Problemen des Ansatzes und der spezifischen Anwendung sowie Kritik im Bereich der Erziehungswissenschaft.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Erkenntnistheorie, Viabilität, Konstruktivismus, Selbstwiderlegung und die kritische Distanz zur Annahme einer nur vom Individuum konstruierten Wirklichkeit.
Wie bewertet die Autorin die Rolle des Radikalen Konstruktivismus für die Pädagogik?
Sie kommt zu dem Schluss, dass dieser Ansatz für die Pädagogik kein wirkliches Innovationspotenzial bietet und in der Praxis aufgrund seiner Grundannahmen kaum sinnvoll konzipierbar ist.
Warum bezieht sich die Autorin am Ende auf Pippi Langstrumpf?
Die Figur dient als Metapher für den gelebten Konstruktivismus, die der Autorin half, Zugang zu der ihr anfangs fremden Thematik zu finden und ihre eigene Einstellung zu reflektieren.
- Arbeit zitieren
- Carolin Bengelsdorf (Autor:in), 2010, Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Konstruktivismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168005