Ein Grossteil junger Unternehmen stößt bereits in einer sehr frühen Phase der
Unternehmensentwicklung an einen Punkt, an dem sie auf die Bereitstellung von Kapital
durch Dritte angewiesen sind. Seit Ende der 80er Jahre ist auch in Deutschland das
Bewusstsein aufgekommen, dass ein leistungsfähiger Markt für Venture Capital eine wichtige
Vorraussetzung für das entstehen junger, innovativer Unternehmen ist.
Um die Beziehung zwischen den Unternehmen auf der einen Seite und den Kapitalgebern auf
der anderen Seite zu gestalten, werden entsprechende Finanzierungsverträge benötigt. Dabei
wird von den Kapitalgebern für die Zeit ihres Engagements auf die Verfügungsgewalt über
ihre liquiden Mittel verzichtet, während sie im Gegenzug ein Bündel aus Rechten und
Pflichten zugesichert bekommen.
Die neueren Finanzierungstheorien zeigen in teilweisen Widerspruch zu Modigliani/Miller1,
dass sich Finanzierungs- und Investitionsentscheidung nicht vollständig voneinander trennen
lassen, da sie über zahlreiche Wechselwirkungen und Anreizmechanismen miteinander
verbunden sind2.
Besonders die Annahme von asymmetrisch verteilter Information führt zu möglichen
Fehlanreizen bei der Investitionsentscheidung und damit zu Interessenskonflikten zwischen
den Vertragspartnern.
In dieser Arbeit wird zunächst der Venture Capital Markt in Deutschland kurz beschrieben.
Dann werden die besonderen Schwierigkeiten bei der Finanzierung von jungen Unternehmen
vorgestellt um im darauf folgenden Abschnitt auf einige theoretische Modelle zur Lösung
oder Minderung dieser Probleme einzugehen. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die
Verwendung von Wandelschuldverschreibungen gelegt.
1 Vgl. Modigliani/Miller (1958).
2 Vgl. Kürsten (1997).
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Charakterisierung des Venture Capital Marktes in Deutschland
3.Schwierigkeiten bei der Finanzierung junger Unternehmen
3.1. Moral Hazard
3.2. Identifikationsprobleme
3.3 Phasenspezifische Probleme der Unternehmensfinanzierung
4. Venture Capital- Finanzierung und Wandelschuldverschreibungen
4.1 Charakterisierung von Wandelschuldverschreibungen
4.2 Theoretische Ansätze
4.2.1 Wandelschuldverschreibungen zur Minderung von Identifikationsproblemen im Investmententscheidungsprozess
4.2.1.1 Allgemeine Annahmen und Grundstruktur des Modells
4.2.1.2 Betrachtung bei reiner Eigenkapitalfinanzierung
4.2.1.3 Betrachtung der Situation in Deutschland: Eigenkapital und Fremdkapital als Finanzierungsinstrumente
4.2.1.4 Wandelschuldverschreibungen als Finanzierungsalternative
4.2.2 Wandelschuldverschreibungen zur Minderung des Moral Hazard
5.Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung von Wandelschuldverschreibungen als Finanzierungsinstrument im deutschen Venture-Capital-Markt. Das zentrale Ziel ist es, theoretisch aufzuzeigen, wie durch den gezielten Einsatz dieses Instruments Informationsasymmetrien abgebaut, Agency-Probleme wie Moral Hazard gemindert und Anreize für eine effiziente Investitionsentscheidung geschaffen werden können.
- Charakterisierung des Venture-Capital-Marktes in Deutschland im Vergleich zu den USA.
- Analyse typischer Finanzierungsschwierigkeiten bei jungen Unternehmen (Moral Hazard, Identifikationsprobleme).
- Theoretische Modellierung der Signalwirkung von Wandelschuldverschreibungen zur Lösung von Auswahlproblemen.
- Untersuchung der Anreizstrukturen bei Eigenkapital-, Fremdkapital- und Wandelanleihefinanzierung.
- Bewertung des Potenzials von Wandelschuldverschreibungen zur Reduktion von Transaktions- und Agency-Kosten.
Auszug aus dem Buch
4.2.1.1 Allgemeine Annahmen und Grundstruktur des Modells
Im Grundmodell und allen Erweiterungsstufen wird von der für Venture Capital typischen asymmetrischen Informationsverteilung sowie der Möglichkeit zu opportunistischem Verhalten ausgegangen. Eine wichtige Rolle spielen auch die Financial Distress Costs (FDC). FDC können bei Finanzierungen mit Fremdkapital oder Wandelschuldverschreibungen auftreten. Sie bezeichnen die Kosten, die entstehen, wenn der Cash- Flow nicht mehr ausreicht, Zahlungen an die Gläubiger voll zu bedienen. FDC lassen sich in eine direkte und eine indirekte Kostenkomponente aufteilen. Direkte Kosten umfassen die in Zusammenhang mit Konkurs, Vergleich und Liquidation anfallenden Transaktionskosten (beispielsweise Anwaltskosten); indirekte Kosten bezeichnen die mit zunehmender Konkurswahrscheinlichkeit ansteigenden Transaktionskosten bei der Ausgestaltung von Verträgen mit Kreditgebern, Kunden, Arbeitnehmern und Lieferanten.
FDC bei Wandelanleihen entstehen unter anderem aus dem Risiko, dass eine spätere Wandlung ausbleibt, da das Unternehmen in diesem Fall kein frisches Eigenkapital erhält, sondern die gesamte Schuldenlast bis zum Ende der Laufzeit tragen muss. Da Eigenkapital aufgrund fehlender Zins- und Tilgungszahlungen das Konkursrisiko nicht erhöht, können hier keine FDC anfallen.
Einen weiteren wichtigen Aspekt stellt die Tatsache dar, dass Unternehmer meist einen beträchtlichen nicht verifizierbaren Nutzen (Private Value) aus der Kontrolle über das von ihnen gegründete Unternehmen ziehen. Durch die Venture- Capital spezifischen Finanzierungsprobleme sind die Unternehmer meist gezwungen, zahlreiche Kontrollrechte an die Kapitalgeber vertraglich abzutreten. Wandelpapiere bieten dem Unternehmer nun die Möglichkeit, die Option auf Kontrolle (Call on Control) vorzeitig auszuüben. Dadurch entstehen bei Wandelschuldverschreibungen im Vergleich zu Fremd- oder Eigenkapital spezifische Anreizwirkungen für den Unternehmer.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Notwendigkeit von Venture Capital für junge Unternehmen und führt in die Problematik asymmetrischer Informationen und deren Einfluss auf Finanzierungsverträge ein.
2. Charakterisierung des Venture Capital Marktes in Deutschland: Dieses Kapitel arbeitet die strukturellen Unterschiede zwischen dem deutschen und dem US-amerikanischen Markt sowie die Präferenz für bestimmte Finanzierungsformen in Deutschland heraus.
3.Schwierigkeiten bei der Finanzierung junger Unternehmen: Hier werden theoretische Herausforderungen wie Moral Hazard, Identifikationsprobleme und phasenabhängige Schwierigkeiten bei der Unternehmensfinanzierung detailliert beschrieben.
4. Venture Capital- Finanzierung und Wandelschuldverschreibungen: Dieses Hauptkapitel analysiert theoretische Modelle, in denen Wandelschuldverschreibungen zur Minderung von Identifikationsproblemen und Moral Hazard eingesetzt werden, und diskutiert die Auswirkungen auf den Markt.
5.Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Wandelschuldverschreibungen einen Beitrag zur Lösung von Agency-Problemen leisten können und diskutiert die Grenzen der zugrunde liegenden Modellannahmen.
Schlüsselwörter
Venture Capital, Wandelschuldverschreibungen, Wandelanleihen, Finanzierung, Moral Hazard, Identifikationsprobleme, Informationsasymmetrie, Agency-Kosten, Financial Distress Costs, Signalwirkung, Signaling, Eigenkapitalfinanzierung, Fremdkapitalfinanzierung, Unternehmertypen, Anreizmechanismen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie Wandelschuldverschreibungen als Finanzierungsinstrument in der Venture-Capital-Finanzierung eingesetzt werden können, um spezifische Probleme zwischen Kapitalgebern und jungen Unternehmen zu lösen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Im Mittelpunkt stehen die Charakterisierung des Venture-Capital-Marktes, die Analyse von Informationsasymmetrien (Moral Hazard und Identifikationsprobleme) sowie die theoretische Fundierung von Wandelschuldverschreibungen als Mittel zur Kostensenkung und Anreizoptimierung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass Wandelschuldverschreibungen einen "selbstfinanzierenden Identifikationsmechanismus" darstellen können, der es ermöglicht, die Qualität der finanzierten Unternehmen besser zu bestimmen und opportunistisches Verhalten zu reduzieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt die formaltheoretische Analyse von Finanzierungsmodellen, um die Anreize und Konsequenzen verschiedener Finanzierungsinstrumente (Eigenkapital, Fremdkapital, Wandelschuldverschreibungen) unter der Annahme von Informationsasymmetrien zu vergleichen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Bestandsaufnahme des deutschen Marktes, eine theoretische Herleitung der Finanzierungsprobleme und eine detaillierte mathematisch-ökonomische Untersuchung, wie Wandelanleihen in diesem Kontext als Signaling-Instrument dienen können.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Venture Capital, Wandelschuldverschreibungen, Informationsasymmetrie, Moral Hazard, Agency-Kosten und Signaling.
Wie unterscheiden sich die Anreize bei Eigenkapital- und Fremdkapitalfinanzierung laut Arbeit?
Die Arbeit verdeutlicht, dass bei Eigenkapitalfinanzierung oft Pooling-Probleme auftreten, während bei Fremdkapitalfinanzierung das Risiko von Financial Distress Costs und ein erhöhtes Risikoanreizproblem (Risikoanreizproblem) im Vordergrund stehen.
Warum wird im Modell die Wandlung bei niedrigen Erträgen unterstellt?
In dem Modell wird unterstellt, dass bei Unternehmen mit niedrigen erwarteten Erträgen keine Wandlung stattfindet, um zu zeigen, dass sich für solche Unternehmer die Wahl dieses Finanzierungsinstruments aufgrund der resultierenden Anreizstruktur und Kosten nicht lohnt, was zu einer Trennung der Unternehmertypen führt.
- Quote paper
- Marc Philipp (Author), 2002, Venture Capital Finanzierung durch Wandelschuldverschreibungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/16805