Prätentiösität ist ein in Vergessenheit geratener Begriff. Er bezeichnet Verhaltensweisen und Aussagen, die übertrieben, aufgeblasen oder marktschreierisch daherkommen. Es wird aufgezeigt, dass heutzutage kaum noch ein hermeneutisches Verfahren angewendet wird, das Geduld und Ausdauer erfordert, wenn Inhalte oder Aussagen in die Welt oder in die Social Media hinausposaunt werden. Aussagen von heute sind morgen schon Schnee von vorgestern und werden sofort übertüncht oder beiseite geschoben. Hierfür wird in dem Essay eine Reihe von Beispielen aufgezeigt. Der Essay stellt eine Bestandsaufnahme dar und zeigt kaum Lösungsansätze auf. Die Lösung der hier aufgezeigten Problematik liegt in der Ruhe der Betrachtungsweise. Es geht vielmehr um ein Innehalten, um einige Momente der Entspannung, bevor sofort wieder eine Information, eine Meldung oder eine Aussage nach außen katapultiert wird.
Inhaltsverzeichnis
- 1. Einleitung oder theoretische Einstiegsüberlegungen
- 1.1 Ziele
- 1.2 Inhalte
- 1.3 Methoden
- 1.4 Medien
- 2. Prätentiösität: Was ist das?
- 3. Beispiele
- 3.1. Programmankündigungen in Medien sind oft prätentiös.
- 3.2 Doping, das geleugnet wird, ist prätentiös
- 3.3 Geistige Behinderung, die nicht als solche gesehen wird, ist prätentiös.
- 3.4 Die Integration von geistig behinderten Kindern in die Regelschule ist prätentiös.
- 3.5 Werbung ist hoch-prätentiös.
- 4. Woran erkennt man Prätentiösität?
- 4.1 Gefühle
- 4.2 Grenzenlose Macht oder Schönheit
- 4.3 Man glaubt man ist einzigartig und ist nur an besonderen Personen interessiert
- 4.4 Prätentiösität zeichnet sich durch einen Mangel an Empathie aus.
- 5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit widmet sich dem Begriff der „Prätentiösität“, einem scheinbar in Vergessenheit geratenen Wort, dessen Autor Riccardo Bonfranchi jedoch eine enorme Bedeutung in der heutigen Zeit zuschreibt. Das primäre Ziel ist es, diesen Begriff neu zu beleben, ihn philosophisch und ethisch zu beleuchten und anhand konkreter Beispiele seine Relevanz und Erkennbarkeit in unserer Gesellschaft aufzuzeigen. Die Arbeit versucht zu beweisen, dass prätentiöses Verhalten, auch wenn oft nicht explizit benannt, weit verbreitet ist und kritisch hinterfragt werden sollte.
- Neudefinition und Aktualisierung des Begriffs „Prätentiösität“
- Ethische und philosophische Betrachtung von prätentiösem Verhalten
- Analyse von Fallbeispielen aus Medien, Sport und Gesellschaft
- Identifikation von Merkmalen und Kriterien zur Erkennung von Prätentiösität
- Die Interdependenz von Zielen, Inhalten, Methoden und Medien im Kontext von Prätentiösität
Auszug aus dem Buch
3.3 Geistige Behinderung, die nicht als solche gesehen wird, ist prätentiös
Seit einiger Zeit kann man feststellen, dass vermehrt Menschen mit einer geistigen Be- hinderung in öffentlichen Medien präsent sind. So schickte Finnland, wie das Magazin des Sonntag Blick (17.5.15) auf der Titelseite vermeldet,,vier geistig behinderte Punks' an den Eurovision Song Contest. Im Tages-Anzeiger vom 18.5.15 wird im Sportteil von den Sportspielen für geistig behinderte Menschen berichtet. Erstaunlich hierbei ist nicht, dass darüber berichtet wird, sondern dass dies – neu - im Sportteil geschieht. Über diese Spiele wurde auch früher schon berichtet, aber kaum im Sportteil, sondern eher unter, Vermischtesʻ. Das Schweizer Fernsehen berichtet in einer DOK-Sendung über das Zürcher Theater HORA (das Ensemble besteht ausschliesslich aus Schauspie- lerInnen mit einer geistigen Behinderung), das mit dem Stück,Disabled Theater' auf Welttournee war (2012 – 2017) und wurde begleitet während zweier Wochen mit zwei Personen von der SRG (Schweizer Fernsehen) in Korea. Eine HORA-Schauspielerin mit Trisomie 21 wurde für ihre Performance in Disabled Theater für den Bessie Award (New York City) nominiert . Nach dem Gewinn des Alfred Kerr-Preises für die beste Nach- wuchsdarstellerin am Berliner Theatertreffen, ist dies nun die zweite wichtige Nominie- rung für sie. The Bessie Award ist einer der international beachtesten Preise in Perfor- mance und Tanz. Im Schweizer Fernsehen war des Weiteren ein Spielfilm (Stöffitown) zu sehen, in dem ein nichtbehinderter Schauspieler einen jungen Mann mit geistiger Behin- derung spielte. Auch sind vermehrt Features im (deutschsprachigen) TV gesendet wor- den, die das Schicksal von Familien mit einem geistig bzw. schwer mehrfach behinder- ten Kind darstellen. Diese Liste liesse sich ohne weiteres fortsetzen.
Nun ergibt sich die Frage, was bedeutet dieser Sinneswandel und was hat er mit Präten- tiösität zu tun? Denn um einen solchen handelt es sich wohl, wenn man davon ausge- hen muss, dass noch vor einigen Jahren Leben und Schicksal von Menschen mit einer geistigen Behinderung kaum in den Medien präsent war. Dabei geht es hier ausschliess- lich um Menschen mit einer geistigen Behinderung oder modern: Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung. Zum einen kann man feststellen, dass eine derartige Prä- senz als positiv zu bewerten ist. Einer der o.e. finnischen Punks hat das Williams-Beu- ren-Syndrom. Es ist zu vermuten, dass kaum ein Leser je davon gehört hat. Das Down- Syndrom hat mittlerweile einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt. Dass es aber eine Vielzahl solcher Syndrome gibt, wird wohl weitgehend unbekannt sein. Man kann also festhalten, dass eine derartige Präsenz das Wissen um Behinderungsformen sowie Le- bensumstände fördert. Festzustellen ist aber auch, dass es bei den Berichten mehrheit- lich um künstlerische Darstellungsformen geht, wie man bei der finnischen Punkband oder dem Theater HORA, aber auch dem Spielfilm Stöffitown unschwer ersehen kann. Das bedeutet, dass Menschen mit einer geistigen Behinderung in gesellschaftlichen Räumen dargestellt bzw. entdeckt werden, die man als Aussenseiterpositionen be- zeichnen könnte. Versuchen wir diesem Phänomen mit einer Analyse des Theater HORA als exemplarischem Beispiel etwas näher auf die Spur zu kommen. Denn die für kurze Zeit Aktualisierung der geistigen Behinderung weckte bei einigen Menschen die Hoff- nung, dass ALLE Menschen mit einer geistigen Behinderung nun in die Gesellschaft der Nicht-Behinderten inkludiert werden würden. Natürlich war dem nicht so.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung oder theoretische Einstiegsüberlegungen: Dieses Kapitel führt den Begriff „Prätentiösität“ als relevantes Feld der Philosophie und Ethik ein und stellt die vier analytischen Kriterien Ziele, Inhalte, Methoden und Medien vor, um den Begriff zu untersuchen.
2. Prätentiösität: Was ist das?: Hier wird „Prätentiösität“ als übertriebenes, aufgesetztes oder unaufrichtiges Verhalten definiert, das oft dazu dient, sich als wichtiger oder besser darzustellen, und dessen gesellschaftliche Verbreitung diskutiert.
3. Beispiele: Anhand vielfältiger Beispiele aus Medien, Sport (Doping), dem Umgang mit geistiger Behinderung und der Werbung wird aufgezeigt, wie Prätentiösität in verschiedenen Lebensbereichen manifest wird.
4. Woran erkennt man Prätentiösität?: Dieses Kapitel beleuchtet, welche Anzeichen auf Prätentiösität hindeuten, darunter subjektive Gefühle, das Streben nach grenzenloser Macht oder Schönheit, der Glaube an die eigene Einzigartigkeit und ein Mangel an Empathie.
5. Fazit: Der Autor resümiert, dass „Prätentiösität“ als Begriff selten, die damit verbundenen Phänomene wie Unaufrichtigkeit und Allmachtsphantasien in der heutigen schnelllebigen Gesellschaft jedoch allgegenwärtig und ungenügend reflektiert sind.
Schlüsselwörter
Prätentiösität, Ethik, Philosophie, Gesellschaft, Selbstüberschätzung, Unaufrichtigkeit, Übertreibung, Medien, Doping, geistige Behinderung, Inklusion, Werbung, Empathie, Normalität, Reflexion
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Begriff der „Prätentiösität“, einem scheinbar vergessenen, aber in der heutigen Zeit hochrelevanten Konzept, das der Autor aus ethisch-philosophischer Sicht untersucht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder sind die Definition von Prätentiösität, ihre Erscheinungsformen in verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten wie Medien, Sport und Inklusion, die Kriterien zu ihrer Erkennung sowie die Implikationen ihres zunehmenden, aber unreflektierten Vorkommens.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, die Bedeutung von „Prätentiösität“ für die heutige Zeit wiederherzustellen und zu beweisen, dass sie eine weit verbreitete, jedoch oft unerkannte menschliche Eigenschaft und gesellschaftliches Phänomen darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nähert sich dem Thema von der Praxis aus und unterwirft verschiedene Situationen und Aussagen einem wertfreien Schema, basierend auf vier Kriterien (Ziele, Inhalte, Methoden, Medien) zur Darstellung und Bewertung von Prätentiösität.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit konkreten Beispielen von Prätentiösität in Medienankündigungen, im Kontext von Doping im Sport, der Integration von Menschen mit geistiger Behinderung in die Regelschule und der Werbung. Zudem werden Merkmale zur Erkennung von Prätentiösität erläutert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind Prätentiösität, Ethik, Philosophie, Selbstüberschätzung, Unaufrichtigkeit, Übertreibung, Medien, Doping, geistige Behinderung, Inklusion, Werbung, Empathie, Normalität und Reflexion.
Wie definiert der Autor „Prätentiösität“ im Kern?
Der Autor definiert Prätentiösität als ein übertriebenes, aufgesetztes, nicht-so-ganz-wahres, unaufrichtiges oder eingebildet wirkendes Verhalten, dessen Ziel es ist, sich als besser, stärker oder wichtiger darzustellen.
Warum sieht der Autor die Integration geistig behinderter Kinder in Regelschulen als prätentiös an?
Der Autor hält die Integration für prätentiös, weil die Praxis zeigt, dass sie oft scheitert und die Behinderung der Kinder bagatellisiert wird, indem vorgegeben wird, dass die Regelschule ihre spezifischen Förderbedürfnisse erfüllen kann, obwohl dies nicht der Realität entspricht.
Welche Rolle spielt mangelnde Empathie bei der Erkennung von Prätentiösität?
Ein Mangel an Empathie und Rollendistanz wird als zentrales Merkmal von Prätentiösität hervorgehoben, da Personen oder Gruppen ihre eigenen Verhaltensweisen über die anderer stellen und sich selbstverliebt oder narzisstisch verhalten.
Warum ist der Begriff „Prätentiösität“ laut Autor heute kaum noch in Gebrauch?
Der Autor argumentiert, dass der Begriff selbst zwar selten ist, aber die Phänomene, die er beschreibt – wie Unaufrichtigkeit und Allmachtsphantasien – in der heutigen schnelllebigen Gesellschaft, wo Aussagen rasch überdeckt und unreflektiert bleiben, weit verbreitet sind.
- Quote paper
- Riccardo Bonfranchi (Author), 2025, Prätentiösität, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1680832