Die Besprechung einiger Gedichte Hölderlins und seines Romans „Hyperion“ (...) machte mich auf Hölderlins besonderes Verhältnis zu seinem Vaterland aufmerksam. Nachdem ich in der Sekundärliteratur auf Anmerkungen gestoßen bin, dass die Nationalsozialisten einige Gedichte und Oden für ihre Ideologie missbraucht hatten, (...) stellte sich mir zuerst einmal die grundlegende Frage, wie die Nationalsozialisten Hölderlin und seine Gedichte zum Bestandteil ihrer Propaganda gemacht hatten. Ich konnte mir dies nur durch eine Veränderung des Hölderlinschen Vaterland-Begriffs erklären, da mir der Dichter zwar als ein zeitweise radikaler Revolutionär erschien, (...) durch seine spätere Distanzierung von der Schreckensherrschaft der Jakobiner relativierte sich für mich aber seine kämpferische Haltung. An dieser Stelle erkannte ich den Antagonismus im Verhalten des Dichters, da scheinbar auf der einen Seite die gesellschaftlichen und staatlichen Veränderungen durch ein Prozess erreicht werden sollten – folglich auf keinen Fall „von oben“ erzwungen oder auferlegt – auf der anderen Seite gehen aus seinem literarischen Werk eindeutig kämpferische Parolen hervor. Daraus ergab sich für mich die Frage, ob sich Hölderlins Verständnis über die Jahre gewandelt hatte, eventuell motiviert durch politische Ereignisse seiner Zeit. Aus der ersten Recherche ergaben sich für mich zwei Forschungsaspekte: die Analyse seines Verständnisses vom Vaterland sowie die Umwertung dieses Begriffes im Nationalsozialismus.
Inhaltsverzeichnis:
(...) Kapitel 2 befasst sich mit der Herausarbeitung der Hölderlinschen Auffassung vom Patriotismus. In Kapitel 2.1 wird der Einfluss der politischen Ereignisse um 1800 auf Hölderlins patriotisches Denken untersucht, die, ohne Zweifel, eine starke Wirkung auf seine Person, sein Verständnis vom Vaterland und demnach auch auf seine Dichtungen gehabt haben. Die Betrachtung ausgewählter Dichtungen unter dem Aspekt des Patriotismus-Gedankens wird anschließend in Kapitel 2.2 vorgenommen. (...)
Das 3. Kapitel beschäftigt sich schließlich mit der Hölderlin-Rezeption im Nationalsozialismus. (...) Kapitel 3.1 thematisiert die Bezugnahme auf den Dichter durch Vertreter der besagten Zeit. (...) In Kapitel 3.2 wird schließlich explizit auf die Aufnahme von Hölderlins Dichtungen in den Kontext nationalsozialistischer Propaganda eingegangen (...).
Abschließend untersucht das 4. Kapitel die Rezeption der „deutschen Klassiker“ im Nationalsozialismus. (...)
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Gedanke des Patriotismus bei Friedrich Hölderlin
2.1 Hölderlins Verständnis vom Patriotismus zwischen 1789 und 1800
2.2 Betrachtung ausgewählter Lyrik Hölderlins unter dem Aspekt des Patriotismus-Gedankens
3. Hölderlin-Rezeption im Nationalsozialismus
3.1 Hölderlin-Verehrung in der Neuromantik
3.2 Hölderlin im Kontext nationalsozialistischer Literatur und Propaganda
4. Klassikerrezeption im Nationalsozialismus
5. Fazit
6. Literaturverzeichnis
6.1 Aufsätze
6.2 Lexika
6.3 Monografien
6.4 Publikationen aus dem Internet
7. Anhang
7.1 Gedichte
Zielsetzung & Themen
Diese Hausarbeit untersucht, wie das Verständnis Friedrich Hölderlins vom Patriotismus im Nationalsozialismus ideologisch umgedeutet und für Propagandazwecke instrumentalisiert wurde. Dabei wird analysiert, wie durch selektive Interpretation und Verfälschung seiner Werke ein Hölderlin-Bild konstruiert wurde, das den nationalsozialistischen Vorstellungen eines „Schicksalsdichters“ entsprach.
- Hölderlins Patriotismus-Verständnis im historischen Kontext zwischen 1789 und 1800
- Analyse ausgewählter Dichtungen hinsichtlich des Vaterland-Gedankens
- Die Rolle der Neuromantik und des George-Kreises bei der Vorbereitung der Hölderlin-Rezeption
- Die gezielte Umdeutung und Instrumentalisierung Hölderlins durch nationalsozialistische Propaganda
Auszug aus dem Buch
2.1 Hölderlins Verständnis vom Patriotismus zwischen 1789 und 1800
Hölderlin vereint zwei gegensätzliche Positionen in seinem patriotischen Denken, die zeitweise sogar nebeneinander bestanden und von einer inneren Zerrissenheit zeugen. Zum einen ist es die Übereinstimmung mit den Ereignissen und dem Fortgang der Französischen Revolution, die in eine Kampfeslust gipfelte, auch wenn es zu inneren Widersprüchen aufgrund des gewalttätigen Charakters bedingt durch die Jakobiner kam. Zum anderen ist es die Abwendung von der Französischen Revolution, begründet durch Irritationen über den Verlauf eben dieser Schreckensherrschaft, die Sehnsucht nach Frieden sowie die Hinwendung zu einer geistigen Evolution, die „Propagierung der menschlich-moralischen Emanzipation als Voraussetzung der bürgerlich-politischen Befreiung“.
Hölderlins, durch Gegensätze motiviertes Verständnis vom Patriotismus, das unabänderlich mit den Ereignissen und dem Verlauf der Französischen Revolution verknüpft ist, soll im Folgenden skizziert werden.
Im Jahr 1789, der ersten Phase der Französischen Revolution, die bis 1791 reichte, machte sich eine deutliche Ausprägung im patriotischen Denken des jungen Dichters bemerkbar: „Hölderlins Vaterlandsbegriff nimmt die Färbung der Revolutionsjahre an.“ Im Anfangsstadium der Französischen Revolution glaubten viele deutsche Dichter, darunter auch Hölderlin, dass ein politischer Fortschritt durch ein „Minimum an Gewalt“ erreicht werden könnte. Diese Vorstellung einer überwiegend unblutigen aber erfolgversprechenden Revolution passte perfekt in das Denken der Aufklärung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die Fragestellung vor, wie die Nationalsozialisten Hölderlin für ihre Propaganda vereinnahmten, und skizziert das methodische Vorgehen der Untersuchung.
2. Der Gedanke des Patriotismus bei Friedrich Hölderlin: Dieses Kapitel arbeitet das patriotische Denken Hölderlins heraus, welches sich zwischen der Begeisterung für die Französische Revolution und der späteren Hinwendung zur geistigen Evolution in Deutschland bewegt.
2.1 Hölderlins Verständnis vom Patriotismus zwischen 1789 und 1800: Hier werden Hölderlins patriotische Positionen im Kontext der Französischen Revolution und deren Wandlungsprozess detailliert analysiert.
2.2 Betrachtung ausgewählter Lyrik Hölderlins unter dem Aspekt des Patriotismus-Gedankens: Dieses Kapitel untersucht anhand konkreter Gedichte wie „Der Tod fürs Vaterland“ und „Germanien“ Hölderlins Vaterland-Begriff und seine Wandlung.
3. Hölderlin-Rezeption im Nationalsozialismus: Das Kapitel beleuchtet, wie die Hölderlin-Forschung zur Zeit des Nationalsozialismus instrumentalisiert wurde, um den Dichter in die NS-Ideologie einzubetten.
3.1 Hölderlin-Verehrung in der Neuromantik: Hier wird der Beitrag des Stefan-George-Kreises zur Heroisierung Hölderlins und die daraus resultierende „Vorarbeit“ für die nationalsozialistische Rezeption untersucht.
3.2 Hölderlin im Kontext nationalsozialistischer Literatur und Propaganda: Dieses Kapitel zeigt die bewussten Verfälschungen und die propagandistische Verwendung von Hölderlins Werken während des Nationalsozialismus auf.
4. Klassikerrezeption im Nationalsozialismus: Die Untersuchung wird hier auf die allgemeine Vereinnahmung deutscher Klassiker durch den Nationalsozialismus ausgeweitet, um das politische Kalkül hinter dieser Strategie aufzudecken.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse der Untersuchung zusammen und verdeutlicht den Kontrast zwischen Hölderlins eigentlichem Anliegen und der nationalsozialistischen Umdeutung.
6. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Aufsätze, Lexika, Monografien und Internetquellen.
7. Anhang: Enthält die Primärtexte der analysierten Gedichte.
7.1 Gedichte: Vollständige Wiedergabe der im Text behandelten Lyrik.
Schlüsselwörter
Friedrich Hölderlin, Patriotismus, Nationalsozialismus, Propaganda, Vaterland, Französische Revolution, Instrumentalisierung, Dichtung, Stefan George, Klassikerrezeption, Ideologie, Literaturgeschichte, Germanistik, Rezeptionsgeschichte, Patriotismus-Gedanke.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die ideologische Umdeutung und propagandistische Instrumentalisierung des patriotischen Verständnisses von Friedrich Hölderlin durch das NS-Regime.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind Hölderlins eigener Vaterland-Begriff zur Zeit der Französischen Revolution sowie die spätere Verfälschung dieses Denkens durch die Nationalsozialisten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, wie es den Nationalsozialisten gelang, den in seinem Kern friedlichen Patriotismus Hölderlins so zu manipulieren, dass er als Vordenker ihrer Ideologie und Kriegspropaganda fungieren konnte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse von Hölderlins Gedichten sowie eine rezeptionsgeschichtliche Untersuchung der Hölderlin-Forschung und NS-Propaganda in den 1930er und 40er Jahren durchgeführt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert erstens Hölderlins patriotisches Denken (Kapitel 2) und zweitens die historische Einbettung und Verfälschung dieses Werks im Kontext des Nationalsozialismus (Kapitel 3 und 4).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Hölderlin, Patriotismus, Nationalsozialismus, Propaganda, Instrumentalisierung, Vaterland.
Warum spielt der George-Kreis eine wichtige Rolle in der Arbeit?
Der George-Kreis bereitete durch die Sakralisierung und Mythisierung Hölderlins ein „Hölderlin-Bild“ vor, das von den Nationalsozialisten, teilweise entgegen der Absichten der Mitglieder, für ihre Ideologie instrumentalisiert wurde.
Welche Gedichte stehen besonders im Fokus der Analyse?
Besonders die Ode „Der Tod fürs Vaterland“, der „Gesang des Deutschen“ und die Hymne „Germanien“ werden als zentrale Texte für die Untersuchung des Patriotismus-Gedankens und dessen Umdeutung herangezogen.
Wie unterscheidet sich Hölderlins Patriotismus laut der Arbeit vom NS-Bild?
Hölderlins Patriotismus war auf eine friedliche, geistig-kulturelle Erneuerung gerichtet und frei von Hass gegenüber anderen Völkern, während die Nazis ihn als Kämpfer und Vorkämpfer ihrer gewaltsamen Expansionspolitik umdeuteten.
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- Lisa Sofie Mros (Autor), 2009, Umdeutung des Hölderlinschen Verständnisses vom Patriotismus im Nationalsozialismus, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168148